Kurzgeschichte oder Parabel? Bob Blume, „Der Baum“ (Mat7172)

Inhaltsverzeichnis

  1. Kurzgeschichte oder Parabel? Eine Annäherung
  2. Bob Blume und seine Kurzgeschichten-Sammlung
  3. Der Ausgangstext: „Der Baum“
  4. Variante 1: Eine klassische Kurzgeschichte – „Das Geflecht“
  5. Variante 2: Eine Parabel nach Brecht – „Die Bäume – einfach mal weitergedacht“

Kurzgeschichte oder Parabel? Eine Annäherung

Am meisten versteht man etwas vom Wesen einer Sache, wenn man sie von anderen Dingen abgrenzt. Das gilt auch für die Kurzgeschichte: Erst im Vergleich mit einer verwandten, aber doch andersartigen Gattung – der Parabel – wird deutlich, was eine Kurzgeschichte eigentlich ausmacht.

Auf dieser Seite zeigen wir das an einem konkreten Beispiel: einem Text, der sich nicht eindeutig der einen oder anderen Gattung zuordnen lässt – und der uns deshalb dazu angeregt hat, ihn einmal in beide Richtungen weiterzudenken.

Bob Blume und seine Kurzgeschichten-Sammlung

Hier sind wir Bob Blume dankbar, dass er eine Fülle eigener Kurzgeschichten im Internet frei zur Verfügung stellt. Seine Sammlung findet sich hier:

https://bobblume.de/2019/04/29/unterricht-kurzgeschichten-sammlung/

Der Ausgangstext: „Der Baum“

Mit einer dieser Geschichten haben wir uns besonders lange beschäftigt: „Der Baum“ (2015). Sie entsprach nicht so ganz dem klassischen Verständnis einer Kurzgeschichte. Die wichtigsten Gründe dafür:

  • Es gibt kaum Handlung im eigentlichen Sinn – der Text besteht fast ausschließlich aus der Reflexion eines namenlosen Mannes, der über Jahrzehnte hinweg denselben Baum besucht.
  • Es fehlt die für die Kurzgeschichte typische „biografische Verästelung“ – also die Einbettung in einen konkreten, individuellen Einzelfall mit Namen, Ort und nachvollziehbarer Alltagslogik.
  • Stattdessen bleiben Mann, Baum und Ort bewusst unbestimmt – ein Hinweis darauf, dass der Text eher auf eine allgemeine Lehre zielt (Mensch vs. Natur, Freiheit vs. Beständigkeit) als auf eine erzählte Einzelsituation.

Das rückt den Text eher in die Nähe einer Parabel als einer klassischen Kurzgeschichte. Genau diese Beobachtung war der Ausgangspunkt für zwei eigene Weiterdenk-Versuche.

Variante 1: Eine klassische Kurzgeschichte – „Das Geflecht“

Zunächst haben wir versucht, die Grundidee in eine stärker typische Kurzgeschichte zu verwandeln – mit einem konkreten Einzelfall, einer Nebenfigur und einem nachvollziehbaren Anlass für den inneren Wandel der Hauptfigur. So entstand die Geschichte eines einsamen alten Mannes, der sich zu einem Biologen auf eine Parkbank setzt.

Das Geflecht

Ein Zufallsgespräch am Waldrand bringt einen zurückgezogenen alten Mann dazu, sein vereinsamtes Leben zu überdenken.

Der alte Mann saß seit einer knappen Stunde auf der Bank am Waldrand, als sich jemand neben ihn setzte. Ein Mann etwa in seinem Alter, mit einer Thermoskanne und einem Fernglas um den Hals.

„Schöner Baum, nicht wahr“, sagte der Alte, nur um etwas zu sagen. „Ich frage mich manchmal, was er wohl von mir hält. Ob er überhaupt merkt, dass ich hier sitze.“

Der andere lächelte. „Ich bin Biologe, pensioniert. Kann Ihnen die Frage nicht hundertprozentig beantworten. Aber ich war letztens bei einem Vortrag – Bäume kommunizieren miteinander, wissen Sie das? Über die Wurzeln, über Pilzgeflechte im Boden. Sie warnen sich gegenseitig vor Schädlingen, teilen sogar Nährstoffe mit kränkelnden Nachbarn. Ein ganzes soziales Netzwerk, unter der Erde, das wir gar nicht sehen.“

Der alte Mann schwieg. Der Biologe stand nach einer Weile auf, nickte ihm freundlich zu und ging.

Zurück blieb eine Leere, die der alte Mann nicht sofort einordnen konnte. Dann fiel ihm sein Nachbar ein, der immer mal auf ein kurzes Dorfgespräch vorbeikam und dem er in letzter Zeit meist auswich – seit dem Tod seiner Frau hatte er sich zurückgezogen, hatte keine Lust mehr auf Worte, die nichts bedeuteten. Und sein Sohn in Australien, der ihn seit Jahren bat, doch endlich einmal zu kommen. Die Enkel, die – wie seine Tochter ihm neulich am Telefon erzählt hatte – immer wieder nach dem Opa fragten, wenn sie alte Fotos durchblätterten.

Er dachte an das Geflecht unter der Erde, von dem der Biologe gesprochen hatte. An Wurzeln, die sich berühren, ohne dass man es von oben sehen kann.

Er saß noch einen Moment reglos da, den Blick auf den Waldrand gerichtet. Dann richtete er sich auf, straffte die Schultern, und mit einem Schritt, der entschlossener war als der, mit dem er gekommen war, machte er sich auf den Weg zurück ins Dorf.

Variante 2: Eine Parabel nach Brecht – „Die Bäume – einfach mal weitergedacht“

Am Ende haben wir uns dann gefragt, wie man die Grundidee auch zu einer echten Parabel umformen könnte. Da fiel uns gleich Bertolt Brecht mit seinen Geschichten vom Herrn Keuner ein. Brecht hätte es vermutlich gefreut, wenn wir seine Grundidee – Lehre im dialogischen Hin und Her entstehen zu lassen, statt sie zu behaupten – für eine solche Geschichte in die heutige Zeit übertragen.

Die Bäume – einfach mal weitergedacht

Eine Lehrerfigur (Herr F., in Anlehnung an Brechts Herrn Keuner) führt seine Schüler am Waldrand zu einer Erkenntnis über Bäume – und lässt die Übertragung auf gesellschaftliche Fragen bewusst offen.

Als Herr F. am Waldrand stehen blieb, wussten seine Schüler schon: Jetzt wird es ernst – also zückten sie alles, was geeignet war, um eine neue Einsicht festzuhalten. Auf die Frage: Was zeigen uns diese Bäume hier, herrschte erst mal Stille. Denn was hatten die mit ihrem aktuellen Thema zu tun, den gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart. Schließlich meinte einer: „Die stehen einfach nur rum und tun nichts.“ Ein anderer fügte hinzu: „Vielleicht sind sie aber auch so glücklich!“

Das war der Moment, wo Herr F. ihnen erklärte, warum sie das sind und warum man das gar nicht sieht. Denn wie neuere Forschungen ergeben haben, stehen die Bäume nicht einfach nur rum und warten, bis sie umfallen, sondern sie tauschen sich auf geheimnisvolle Art und Weise intensiv untereinander aus, warnen sich gegenseitig vor Schädlingen. Kaum war das Wort gefallen, hellten sich die Gesichter auf. Denn das konnte man natürlich schon auf die Gesellschaft übertragen, auch wenn das Wort natürlich nicht passte, wohl aber das Bild.

Dunkler wurden die Gesichter wieder, als Herr F. fragte: „Was zeigen die Bäume uns also und was zeigen sie uns nicht?“ Schließlich beschloss man, erst mal weiterzugehen, denn bei uns Menschen löst sich ein Gedanke anders als bei den Bäumen eher in Bewegung. Und tatsächlich, es dauerte keine fünf Minuten, bis jemand sagte: „Ich glaube, ich hab’s. Wenn wir die Schadensfälle in der Gesellschaft verringern wollen, brauchen wir Gemeinsamkeit und Kommunikation im Hinblick auf die Gefahren. Dann bleibt nur noch die Frage: Was tun die Bäume, wenn sie wissen, was sie bedroht?“

Beim Rest des Satzes hatte der Sprecher ein bisschen gezögert, denn er wollte nicht wieder das Wort verwenden, das im Wald berechtigt ist, aber nicht, wenn es um Menschen geht. Herr F. nahm wieder seine Zuflucht zu einem der bei ihm so beliebten Bilder: „Das ist wie im Straßenverkehr. Vor uns eine Baustelle, und wir müssen schauen, wie wir mit ihr umgehen.“

Dann kam, was bei Herrn F. zu erwarten war – ein Brecht-Zitat, das seine Gültigkeit nicht verloren hatte: „Also dann – forscht, bis ihr wisst…“ Kurze Pause, dann der Rest des Satzes: „…wie die Bäume sich gemeinsam wehren können.“ Vielleicht kommt jemand ja auch schon auf eine Idee, was man davon auch für die Lösung gesellschaftlicher Probleme verwenden kann.

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