Gehört dieser Dichter noch zur Romantik?

Das folgende Gedicht eines österreichischen Schriftstellers, der von 1876 bis 1934 lebte, haben wir der Romantik zugeordnet. Die Zeit stimmt zwar nicht, aber man kann es gut vergleichen mit Eichendorffs Gedicht „Wünschelrute“.

Der Text des Gedichtes

Theodor Däubler
Frieden

Das blaue Meer verliebt sich in das Leben,
Und tausend Augen sind uns wohlgesinnt:
Ja, schon beginnt der Hauche Tausch, der Kräuselwind!
Und lauter Herzen fangen an zu beben.

Bald wird das Meer sich wohl zum Ufer heben.
Die kleinste Welle, die als Schaum zerrinnt,
Die Spitzenschleier um die Erde spinnt,
Mag sich dann irgendwo und ganz ergeben.

Ein blauer Schmetterling hat sich verloren.
Im Blauen draußen find ich ihn nicht mehr:

Hat ihn der Strand als sein Geschenk erkoren?

Mein Herz, Dir werde nicht auf einmal schwer!
Bestimmt hast Du bereits ein Lied geboren,
Nun sing Dich aus, am traumhaft blauen Meer.

Anmerkungen zum Gedicht:

  • Es handelt sich um ein Sonett mit zwei Quartetten und zwei Terzetten
  • Rhythmus: fünfhebige Jamben
  • zwei umarmende Reime, dann efe, fef
  • Titel: unklarer Bezug, wohl primär für sich selbst, evtl. auch die Natur
  • Strophe 1: Positive Grundstimmung, Harmonie von Meer und Leben; der Wind am Strand setzt Lebewesen in Bewegung
  • Strophe 2: Erwartung des Auftreffens des Meeres auf den Strand; die „kleinste Welle“ wird dann zum Bestandteil der großen Natur
  • Stroße 3: Konzentration auf ein kleines, unscheinbares Lebewesen, das aus den Augen gerät, weil es möglicherweise in die große Natur eingegangen ist (Tod?)#
  • Strophe 4: Appell an das eigene Herz, das nicht zu ernst zu nehmen, Hinweis darauf, dass man sich als Künstler in sein „Lied“ retten kann. Andeutung, dass der völlige persönliche Frieden erreicht wird, wenn man das, was in einem ist, in dieser besonderen Umgebung aus sich heraussingen kann.
  • Das Gedicht zeigt am Beispiel des Meeres die Harmonie der Natur, die den Menschen mitnehmen kann, wenn er das für passende Lied hervorbringen kann.
  • Künstlerische Mittel: Personifizierung des Meeres, Hervorhebung der Farbe Blau, Appell an das eigene Herz.

Vergleich mit Eichendorffs „Wünschelrute“

Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

  • Bei Däubler ist das Meer aktiv und muss nicht erst angestoßen werden.
  • Letztlich ist also die Wirkrichtung umgekehrt, für die Betrachter der Natur gilt: „Herzen fangen an zu beben“.
  • Am Ende entsteht ein Lied, dem Zauberwort vergleichbar, aber es ist wohl eher angeregt durch die Natur.