Pattie Wigand, „Ein Montagmorgen im Bus“ oder ein etwas fragwürdiges Wunder (Mat2049)

  • Wir versuchen ja immer, den Deutschunterricht durch eigene Überlegungen zu bereichern.
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  • So zeigen wir wir hier nicht nur die übliche Deutung dieser „Wundergeschichte“,
  • sondern auch, warum man sie durchaus kritisch sehen kann
  • und was man in Unterricht und Klausur daraus machen kann.

Alles auf einen Blick

  • Spannend: Was passiert, wenn der Busfahrer mitten im Berufsverkehr „Achtung! Achtung!“ durchsagt – und allen befiehlt, ihre Zeitungen wegzulegen?
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  • Die Idee der Kurzgeschichte: Ein Busfahrer zwingt seine müden, schweigenden Fahrgäste per Durchsage, sich gegenseitig zu begrüßen – und aus dem Befehl wird tatsächlich gute Stimmung.
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  • Ausgangslage: Ein trüber Wintermorgen, jeder versteckt sich hinter seiner Zeitung – niemand beachtet den anderen.
  • Wendepunkt: Im Befehlston fordert der Fahrer: Zeitungen weg, Nachbarn ansehen, begrüßen.
  • Reaktion: Erst gehorchen alle unsicher, fast „wie Schulkinder im Chor“ – dann wird gelacht und angeregt geredet.
  • Ende: Die Ich-Erzählerin steigt aus, sieht in anderen Bussen nur stumme Fahrgäste und spricht von einem Wunder.
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  • „Es waren drei kleine Worte, die ein Wunder bewirkten.“ – So beginnt die Geschichte: Die Bewertung steht fest, bevor man überhaupt weiß, was passiert.
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  • Was zeigt die Geschichte: Die übliche Deutung sieht ein kleines Wunder der Höflichkeit – man kann aber auch fragen, ob ein Befehl der richtige Weg dorthin ist.
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  • Diskussionsfrage: Darf man Menschen zu mehr Freundlichkeit zwingen – oder hätte es auch einen Weg gegeben, der ihnen die Wahl lässt?

Nun zu den Details:

Worum es hier geht

Hier geht es um einen Text, der die Chance und das Problem einer Kurzgeschichte deutlich macht, die Gutes zeigen oder auch bewirken will.

Zunächst die Freude darüber, wenn Autoren für den Deutschunterricht auch Geschichten zur Verfügung stellen, die zeigen, wie die Welt ein bisschen besser sein oder werden kann.

Das Problem ist nur die Frage, wie das erreicht wird. In diesem Falle geschieht es ähnlich wie im berühmten Film „Der Club der toten Dichter“ auf eine ziemlich autoritäre Weise. Dies wirft vielerlei Fragen auf.

Im Folgenden präsentieren wir zunächst eine Inhaltsangabe, die deutlich macht, worum es in der Geschichte geht. Danach zeigen wir, wie die Geschichte gemacht ist und wie sie üblicherweise gedeutet wird – und schließlich, warum man sie auch ganz anders sehen kann.

Eine Klausuraufgabe zu dieser Geschichte gibt es auf dieser Seite:
https://schnell-durchblicken.de/klausur-pattie-wigand-ein-montagmorgen-im-bus

Zu finden ist die Geschichte u.a. hier.

Analysevideo – direkt hier abspielbar

Wer nachvollziehen möchte, wie sich die problematischen Aspekte dieser Kurzgeschichte kommunikativ erklären lassen, findet hier eine anschauliche Analyse mit der Spaltenmethode (Schulz von Thun + Watzlawick).

Inhaltsangabe mit Hinweisen zur Gliederung

Einleitung mit Angaben zum Text und Nennung des ThemasIn der Kurzgeschichte „Ein Montagmorgen im Bus“ von Pattie Wigand geht es um die Frage, wie man Menschen aus der Alltagsdistanz befreien kann.
Einstieg: Die AusgangssituationDie Geschichte beginnt damit, dass die Ich-Erzählerin berichtet, wie sie wie immer morgens in den Bus steigt und sich dort auf das normale Verhalten im Berufsverkehr einstellt – ohne Beachtung des jeweils anderen.
Veränderung durch die Aktion des BusfahrersDas ändert sich, als der Busfahrer plötzlich in autoritärem Ton Kommandos gibt: Alle sollen die Zeitungen weglegen, ihren Nachbarn ansehen und ihn begrüßen.
Reaktion der FahrgästeAm Anfang sind alle noch irritiert und sehr zurückhaltend, die Befehle werden aber befolgt. Dann aber ändert sich das und die Fahrgäste unterhalten sich angeregt und sind offensichtlich glücklich mit der neuen Situation.
Situation an der nächsten HaltestelleAn der nächsten Haltestelle verlässt die Ich-Erzählerin den Bus, nachdem sie sich von ihrer Nachbarin verabschiedet hat. In vier weiteren Bussen sieht sie das gleiche distanzierte, unpersönliche Verhalten, das auch in ihrem Bus anfangs geherrscht hat. In ihrem eigenen Bus dagegen hält die gute Stimmung offensichtlich an.
SchlussAm Ende freut sich die Ich-Erzählerin über einen Tag, der mal positiv anders angefangen hat als sonst, sie spricht sogar von einem Wunder, das die Aktion des Busfahrers bewirkt habe.

Details, die sich für die eigene Inhaltsangabe lohnen: Die Geschichte spielt an einem trüben, matschigen Wintermorgen in einem Karlsruher Linienbus. Die „drei kleinen Worte“, von denen gleich im ersten Satz die Rede ist, sind die Begrüßung „Guten Morgen, Nachbar!“, die der Fahrer den Fahrgästen vorgibt und die sie nachsprechen sollen.

Wie die Geschichte gemacht ist: Aufbau, Erzählweise, Sprache

Bevor wir auf die Deutung und die Probleme der Geschichte eingehen, lohnt sich ein Blick darauf, wie sie gebaut ist. Denn schon hier zeigt sich, wie stark die Ich-Erzählerin die Leser in eine bestimmte Richtung lenkt.

Typische Merkmale einer Kurzgeschichte

  • Unmittelbarer Einstieg: Die Geschichte beginnt ohne Vorgeschichte mit dem Satz „Es waren drei kleine Worte, die ein Wunder bewirkten.“ Genau genommen ist das weniger ein Sprung ins Geschehen als eine Vorab-Bewertung: Bevor wir erfahren, was passiert, wissen wir schon, dass wir es als Wunder sehen sollen.
  • Alltägliches Setting, namenlose Figuren: Ein Linienbus im Berufsverkehr, durchschnittliche Pendler, ein Busfahrer – niemand hat einen Namen.
  • Wendepunkt: Die unerwartete Durchsage des Fahrers markiert den Umschlag von Isolation zu Gemeinschaft.
  • Kurzer Zeitausschnitt: Die Handlung umfasst nur wenige Minuten einer Busfahrt.

Aufbau in vier Schritten

  1. Ausgangslage: Der schmutzige Winter mit kahlen Bäumen und Schneematsch spiegelt die Kälte und Sprachlosigkeit im Bus.
  2. Wendepunkt: Das laute „Achtung! Achtung!“ schreckt die Fahrgäste auf; die Anweisungen erzeugen zunächst Verunsicherung und passiven Gehorsam.
  3. Lösung: Das Aussprechen der „drei kleinen Worte“ bricht die Starre – aus erzwungenem Nachsprechen werden Erleichterung und Freude.
  4. Kontrastierendes Ende: Die Erzählerin steigt aus und vergleicht die fröhlichen Fahrgäste ihres Busses mit den stummen in anderen Bussen.

Erzählperspektive: vom anonymen zum neuen „Wir“

Erzählt wird von einer mitfahrenden Ich-Erzählerin – wir sehen also alles durch ihre Brille und erfahren nur, was sie wahrnimmt und wie sie es bewertet. Auffällig ist der Wandel des „Wir“: Zu Beginn spricht sie von einem anonymen „Wir, die Fahrgäste“, dann richtet sich der Blick kurz auf eine Einzelperson (eine ältere Frau mit rotem Schal), und am Ende steht ein neues „Wir“, das sich als echte Gemeinschaft versteht. Wie die anderen Fahrgäste die Aktion wirklich erlebt haben, erfahren wir dagegen nicht.

Sprachliche Mittel – und was sie bewirken

  • Zeitungen als Schutzmauer: Die Fahrgäste halten „mit dünnen Bogen Papier Abstand“ – das zeigt, wie zerbrechlich diese künstliche Abschottung eigentlich ist.
  • Kälte- und Eis-Symbolik: Das Winterwetter und die Redewendung „das Eis war gebrochen“ stehen für unterkühlte Beziehungen, die auftauen.
  • Vergleiche „wie eine Herde“ und „wie Schulkinder im Chor“: Sie zeigen die Unselbstständigkeit der Erwachsenen, die erst einen Befehl brauchen, um aufeinander zuzugehen. Man kann sie aber auch gegen den Busfahrer lesen: Wer Erwachsene wie eine Herde oder eine Schulklasse behandelt, bekommt eben auch Herdenverhalten (mehr dazu unten bei „Wo ist das Problem?“).
  • Vergleich „stumm da wie Ölgötzen“: Beschreibt im Kontrast die erstarrten Fahrgäste in den anderen Bussen – und zeigt zugleich, wie abschätzig die Erzählerin über Menschen urteilt, die sich anders verhalten.
  • Widerspruch im Ton: Der Fahrer spricht „im Ton eines militärischen Ausbilders“ – ausgerechnet ein autoritärer Befehl soll Freundlichkeit und Höflichkeit freisetzen. Ob das bewusste Ironie der Autorin ist oder ein ungewollter Widerspruch, ist eine der spannendsten Fragen zu dieser Geschichte.
  • Wandel der Geräusche: Aus der „stickigen“, „eintönigen“ Atmosphäre werden „warme sprudelnde Laute“ und Gelächter.

Die übliche Deutung: ein „Montagmorgenwunder“

Liest man die Geschichte so, wie die Ich-Erzählerin sie präsentiert, ergibt sich etwa folgende Deutung:

  • Die Geschichte kritisiert die Anonymität im städtischen Alltag und im Berufsverkehr: Menschen sitzen dicht nebeneinander und schotten sich trotzdem voneinander ab.
  • Zugleich vermittelt sie eine hoffnungsvolle Botschaft: Die Bereitschaft zu Höflichkeit und Kontakt ist nicht verloren, sondern nur „lange unterdrückt“.
  • Das „Wunder“ besteht darin, dass es keine komplizierte Methode braucht – ein kleiner Anstoß und drei einfache Worte reichen aus.

Interessant ist: Selbst diese wohlwollende Deutung kommt am Befehlston des Busfahrers nicht vorbei. Sie erklärt ihn als bewusste Ironie – es braucht paradoxerweise einen autoritären Befehl, um Menschlichkeit freizusetzen. Ob das überzeugt, darum geht es im nächsten Abschnitt.

Tipp für Klausuren: Diese Deutung sollte man kennen und darstellen können – sie entspricht dem, was man im Unterricht in der Regel erwartet. Wer dann noch begründet zeigen kann, warum man die Geschichte auch kritisch sehen kann, hebt sich deutlich ab.

Wo ist das Problem?

Inzwischen haben wir hierzu ein Video gemacht. Dort zeigen wir, wie wir ein Programm der Künstlichen Intelligenz für diese andere Sicht auf die Kurzgeschichte „sensibilisiert“ haben.
https://schnell-durchblicken.de/die-anders-denk-grenze-der-kuenstlichen-intelligenz-am-beispiel-der-interpretation-einer-kurzgeschichte

In dem Zusammenhang ist auch die Idee einer anderen Variante der Kurzgeschichte entwickelt worden, die uns realistischer erscheint.

  1. Das Problem besteht zunächst darin, dass der Busfahrer sich auf eine unglaublich autoritäre Weise zum Lehrmeister der Fahrgäste macht. Bezeichnenderweise wird an einer Stelle davon gesprochen, dass sie sich „wie Schulkinder“ verhalten.
  2. Auffallend ist auch, mit welcher Selbstverständlichkeit die Ich-Erzählerin hinnimmt, dass in dem Ton, in dem der Busfahrer mit den Fahrgästen spricht, „etwas Gehorsam Forderndes“ liegt.
  3. Sie kommt wohl keinen Moment auf den Gedanken, dass die Reaktion der Fahrgäste „schwach und ängstlich“ ist – ein typisches Verhalten in Situationen, die zunächst mal von Angst geprägt sind oder zumindest sein können. Warum soll niemand an eine Entführung denken, wenn es plötzlich heißt: „Achtung! Achtung! […] Legen Sie alle die Zeitungen weg.“
  4. Das möglicherweise ein bisschen beruhigende Kommando „Nun drehen Sie alle den Kopf zur Seite und sehen Sie Ihrem Sitznachbarn ins Gesicht“ wird abgeschlossen mit „Na los, auf geht’s!“ So spricht man nicht mal in einem Sportkurs mit den Teilnehmern.
  5. Wenn dann die Ich-Erzählerin beglückt feststellt, dass „eine lange unterdrückte allgemeine Höflichkeit“ sich Bahn bricht, scheint sie noch nichts von Leuten gehört zu haben, die froh sind, wenn sie nicht überall mehr leisten müssen als nur ein Minimum an Höflichkeit. Sie scheint auch keine Ahnung davon zu haben, dass sich im Verhalten von Gemeinschaften Ablaufmuster ergeben, die sehr funktional sind und damit auch entlastend.
  6. Die letztlich arrogant einseitige Grundhaltung der Ich-Erzählerin gegenüber anderen Menschen erreicht dann ihren Höhepunkt, als sie die Menschen in anderen Bussen, die sich anders verhalten, als sie es für richtig hält, als „Ölgötzen“ beschimpft.
  7. Insgesamt also eine Geschichte, bei der zumindest die Ich-Erzählerin letztlich Gutes erreichen will – und wir können wohl davon ausgehen, dass die Autorin auch dahintersteht –, aber eine Aktion anscheinend gut findet, die in vielerlei Hinsicht fragwürdig ist.
  8. Dementsprechend dürfte die Frage interessant sein, wie man die Atmosphäre im Linienbus freundlicher gestalten kann – denn das Ziel ist ja nicht nur ehrenwert, sondern möglicherweise im wahrsten Sinne des Wortes heilsam. Es muss ja nicht gleich zu einem Gespräch kommen, bei dem am Ende der Sitznachbar erzählt, dass er sich eigentlich von der Brücke stürzen wollte, jetzt aber doch wieder Hoffnung auf ein besseres Miteinander hat.

Kreative Anregungen

  • Diese doch sehr einseitige Geschichte schreit geradezu nach Veränderungsideen.
  • Dies könnte aus einer anderen Perspektive geschehen – zum Beispiel aus der eines Mädchens, das mit rasenden Kopfschmerzen zum Arzt fährt. Oder da ist ein junger Schauspieler, der die Busfahrt dazu nutzen wollte, sich den Text einzuprägen, den er gleich parat haben muss.
  • Möglich wären auch Reaktionen beim Aussteigen gegenüber dem Busfahrer: „Gute Idee, aber vielleicht demnächst ein bisschen freundlicher. Ich dachte erst, der Bus wird entführt.“
  • Auf der Seite
    https://schnell-durchblicken.de/ein-anderer-montagmorgen-im-bus
    haben wir ein Programm der Künstlichen Intelligenz mal unsere Ideen zu einer Alternativ-Geschichte ausschreiben lassen.

Vergleich mit einer Szene aus dem „Club der toten Dichter“

In dem berühmten Film „Der Club der toten Dichter“ geht es um einen Lehrer, der in seinem etwas altmodisch verstaubten Internat die Schüler für Literatur erwärmen will. Das führt nicht nur zu der im wahrsten Sinne radikalen Maßnahme, dass aus einem gängigen Lehrbuch zu Gedichten erst mal die Einleitung herausgerissen wird. Viel problematischer ist eine Szene, in der ein Schüler im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt wird. Er muss sich aufs Pult stellen und ein Gedicht vortragen. Man kann sich vorstellen, was das für einen jungen Menschen bedeutet. Im Unterschied zu der Kurzgeschichte von Pattie Wigand ist der Film wenigstens so ehrlich, dass reale Folgeprobleme einer zwar sehr autoritären, aber doch auch erfolgreichen Erziehung zur Selbstbestimmung deutlich werden.

Vergleich mit der Kurzgeschichte „Die Botschaft“

In der Kurzgeschichte „Die Botschaft“ von Jutta von der Lühe-Tower geht es auch um eine Verhaltensänderung. Diesmal versucht ein Junge, seinen Eltern deutlich zu machen, wie sehr ihn ihre Streitigkeiten belasten und wie sehr er sich freuen würde, wenn man wieder zu alter Gemeinsamkeit zurückfinden könnte. Dies geschieht aber auf eine wunderbar zurückhaltende und zugleich eindringliche Weise – nämlich dadurch, dass der Junge eine alte Holzeisenbahn, die für früheres gemeinsames Spielen steht, herausholt und auf den Küchentisch stellt – sicher in der Hoffnung, gerade auf diesem indirekten Weg eine Wirkung zu erzielen.

Näheres zu dieser Geschichte gibt es auf der Seite:
https://schnell-durchblicken.de/luehe-tower-jutta-von-der-die-botschaft

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