Adalbert von Chamisso

Frühling und Herbst.

  • Der Titel des Gedichtes ist schon mal interessant, weil er sich nicht auf das Besondere einer Jahreszeit konzentriert, sondern zwei Übergangszeiten in einen Zusammenhang bringt. Man ist als Leser gespannt, worauf das hinaus laufen wird.

Fürwahr, der Frühling ist erwacht;
Den holden Liebling zu empfah’n,
Hat sich mit frischer Blumenpracht
Die junge Erde angetan.

  • Das Gedicht beginnt mit der Feststellung, dass mit der Jahreszeit auch das Leben in der Natur wieder erwacht.
  • Das wird dann aber in einen größeren, menschenähnlichen Zusammenhang gestellt.
  • Dabei stehen sich die Erde und die Jahreszeit mit ihren besonderen Kennzeichen wie Liebende gegenüber.

Die muntern Vögel, lieberwärmt,
Begeh’n im grünen Hain ihr Fest.
Ein jeder singt, ein jeder schwärmt,
Und bauet emsig sich sein Nest.

  • Die zweite Strophe konzentriert sich dann auf das Leben und Treiben der Vögel.
  • Die scheinen besonders empfänglich zu sein für das, was der Frühling bietet, nämlich vor allem zunehmende Wärme.
  • Und auch hier taucht wieder der Aspekt der Liebe auf und zwar in dem Neologismus „lieberwärmt“. Das soll wohl deutlich machen, dass ein Grundzug des Frühlings neben der Wärme eben auch die Liebe ist.
  • Da das nicht näher ausgeführt wird, hat man fast den Eindruck, dass Leben und Liebe in diesem Gedicht gleichgesetzt werden.

Und Alles lebt und liebt und singt
Und preist den Frühling wunderbar,
Den Frühling, der die Freude bringt;
Ich aber bleibe stumm und starr.

  • Die dritte Strophe bringt dann zunächst noch einmal eine Zusammenfassung all des Positiven, was mit dem Frühling verbunden ist.
  • Die vierte Zeile präsentiert dann plötzlich den maximalen Absturz im Hinblick auf das lyrische Ich.
  • Das ist weder in der Lage, sich zu all dem Schönen zu äußern, gewissermaßen einzustimmen in das große Lied des Jahresanfangs.
  • Interessant ist hier allerdings, dass das lyrische Ich ja den größten Teil des Gedichtes genutzt hat, um genau das Schöne am Frühling zu besingen. Das steht natürlich völlig im Widerspruch zu der Vorstellung, stumm zu sein.
  • Auch die Vorstellung vom Starrsein passt nicht ganz, denn es ist ja gerade an dieser Stelle viel Bewegung im Gedicht, wenn auch ins Negative hinein.

Dir, Erde, gönn‘ ich deine Zier,
Euch, Sänger, gönn ich eure Lust,
So gönnet meine Trauer mir,
Den tiefen Schmerz in meiner Brust.

  • Die nächste Strophe präsentiert dann eine Art Monolog des lyrischen Ichs.
  • Der ist zunächst mal dadurch gekennzeichnet, dass der anderen, der schönen Seite des Frühlings all die Lebendigkeit gegönnt wird.
  • Die zweite Hälfte präsentiert dann eine Art Bitte um Gleichberechtigung, allerdings in der anderen Hälfte der Gefühlsskala.

Für mich ist Herbst; der Nebelwind
Durchwühlet kalt mein falbes Laub;
Die Äste mir zerschlagen sind,
Und meine Krone liegt im Staub.

  • Die letzte Strophe versucht dann, die negativen Gefühle des lyrischen Ichs in Bilder zu fassen.
  • Deutlich wird in der Schlusszeile, dass das lyrische Ich nicht nur von einer allgemeinen Depression befallen zu sein scheint, sondern tatsächlich so etwas wie einen Absturz erlebt hat.

Das Gedicht zeigt

  1. zunächst einmal in ausdrucksstarken Bildern die Schönheit des Frühlings.
  2. Ganz überraschend wird dem dann eine sehr negative Eigensicht entgegengesetzt, die überhaupt nicht zur Atmosphäre der ersten Hälfte des Gedichts zu passen scheint.
  3. Von daher hat man den Eindruck, dass dieses Gedicht geprägt ist nicht nur von einem Stimmungswechsel, sondern auch – wie der Titel es ja auch schon ausdrückt – einer anderen Vorstellung von der zeitlichen Entwicklung. Das Schöne scheint hinter dem lyrischen Ich zu liegen, es konzentriert sich jetzt auf das, was zum Herbst gehört, nämlich Niedergang und Verfall.
  4. Interessant ist dabei, dass der Wechsel der Jahreszeiten in diesem Gedicht nicht weitergedacht wird. Immerhin gibt es ja bei den Jahreszeiten wieder einen Frühling. Man kann aber annehmen, dass das Schlussgefühl nicht von Dauer sein muss, sondern sich auch wieder ins Positive wenden kann.
  5. Kreativer Impuls: Auf jeden Fall reizt das Gedicht fast dazu, eine entsprechende Anschlussstrophe zu schreiben.

Künstlerische Eigenart:

  • Das Gedicht ist zunächst mal vor allem gekennzeichnet durch den krassen Gegensatz zwischen der enthusiastischen Beschreibung der Schönheit des Frühlings und seiner Auswirkungen auf das Leben und dem bereits herbstlichen Selbstgefühl des lyrischen Ichs.
  • Am beeindruckendsten ist der Parallelismus in der dritten Zeile der zweiten Strophe, denn er betont die gewaltige Ausbreitung des wieder beginnenden Lebens.
  • Wichtig ist auch die Steigerung zu Beginn der dritten Strophe, Von „leben“, über „lieben“ hin zum „singen“. Auch das passt zum poetischen Akzept dieses Gedichts.
  • Umso stärker wird dann die krasse Antithese am Ende der dritten Strophe.
  • Am Ende beschreibt das lyrische Ich, das man zunächst mal einem Menschen gleichsetzt, seine Situation im Bild eines Baumes, dessen Laub die Farbe verloren hat, dessen Äste wahrscheinlich durch Wind herab gebrochen sind Und dessen Krone (hier spielt das Bild in eine andere Dimension, nämlich die von Macht und Herrlichkeit hinein) im Staub liegt, ein maximales Bild für die Vergänglichkeit.

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