13. Abschnitt: Der Apfelwurf als Höhepunkt der Aggression

Wir nehmen hier den Textausschnitt als Basis, der in der Form auf der folgenden Seite zu finden ist:
https://www.projekt-gutenberg.org/kafka/verwandl/verwa013.html

  • [Die Veränderung beim Vater, ausgehend von neuer beruflicher Tätigkeit]
    „Nun aber war er recht gut aufgerichtet; […] der Blick der schwarzen Augen frisch und aufmerksam […]  das sonst zerzauste weiße Haar war zu einer peinlich genauen, leuchtenden Scheitelfrisur niedergekämmt. Er warf seine Mütze, auf der ein Goldmonogramm, wahrscheinlich das einer Bank, angebracht war, über das ganze Zimmer im Bogen auf das Kanapee hin und ging, die Enden seines langen Uniformrockes zurückgeschlagen, die Hände in den Hosentaschen, mit verbissenem Gesicht auf Gregor zu.“

    • In diesem Abschnitt werden zwei Dinge deutlich: zum einen auf der Beschreibungsebene die Veränderungen, die sich beim Vater ergeben haben und die ganz offensichtlich verbunden sind mit  einer Zunahme von Aggressivität und erkennbarem Machtbewusstsein.
    • Zum anderen gibt es die Interpretationsebene, bei der man sich zum Beispiel die Frage gestellt haben kann, inwieweit diese äußerlich positiven Veränderungen beim Vater auch mit den Rollenattributen im Zusammenhang zu sehen sind, die hier ja hervorgehoben werden.

  • „Gregor staunte über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen. Doch hielt er sich dabei nicht auf, er wusste ja noch vom ersten Tage seines neuen Lebens her, dass der Vater ihm gegenüber nur die größte Strenge für angebracht ansah. […]Und so lief er vor dem Vater her, stockte, wenn der Vater stehen blieb, und eilte schon wieder vorwärts, wenn sich der Vater nur rührte.  […] Allerdings mußte sich Gregor sagen, daß er sogar dieses Laufen nicht lange aushalten würde, denn während der Vater einen Schritt machte, musste er eine Unzahl von Bewegungen ausführen. Atemnot begann sich schon bemerkbar zu machen, wie er ja auch in seiner früheren Zeit keine ganz vertrauenswürdige Lunge besessen hatte. Als er nun so dahintorkelte, um alle Kräfte für den Lauf zu sammeln, […] da flog knapp neben ihm, leicht geschleudert, irgend etwas nieder und rollte vor ihm her. Es war ein Apfel; gleich flog ihm ein zweiter nach; Gregor blieb vor Schrecken stehen; ein Weiterlaufen war nutzlos, denn der Vater hatte sich entschlossen, ihn zu bombardieren.“
    • Auffallend ist hier die mit der Erscheinung des Vaters korrespondierende Wahrnehmung. Die Stiefel sind hier Ausdruck der Macht des Vaters und der von ihm ausgehenden potentiellen Gewalttätigkeit. Erinnert sei hier an die Lackstiefel des Prokuristen, wo es schon einmal eine ähnliche Situation gegeben hat.
    • Bemerkenswert ist auch, dass Gregor hier ganz eindeutig von seinem neuen Leben spricht. Das macht die Tiefe der Verwandlung sehr gut deutlich.
    • In einer Nebenbemerkung wird auch hier wieder deutlich, dass bei Gregor bei weitem auch im Vorfeld schon nicht alles so problemlos gelaufen ist, wie er sich das selbst ein redet beziehungsweise dem Leser vorgegeben worden ist (Atemnot/Lunge). Wer sich bei Kafka auskennt, kennt diese falsche Selbsteinschätzung der Figuren, wie sie sich zum Beispiel in der Parabel „Der Nachbar“ gleich am Anfang zeigt.
    • Der Absatz endet dann mit der körperlichen Aggression des Vaters, vermittelt durch einen Apfelwurf. Man könnte überlegen, warum hier gerade ein Apfel gewählt worden ist und ob das etwas mit dem Anfang der Bibel zu tun hat (Sündenfall),
  • „Aus der Obstschale auf der Kredenz hatte er sich die Taschen gefüllt und warf nun, ohne vorläufig scharf zu zielen, Apfel für Apfel. Diese kleinen roten Äpfel rollten wie elektrisiert auf dem Boden herum und stießen aneinander. Ein schwach geworfener Apfel streifte Gregors Rücken, glitt aber unschädlich ab. Ein ihm sofort nachfliegender drang dagegen förmlich in Gregors Rücken ein; Gregor wollte sich weiterschleppen, als könne der überraschende unglaubliche Schmerz mit dem Ortswechsel vergehen; doch fühlte er sich wie festgenagelt und streckte sich in vollständiger Verwirrung aller Sinne.“
  • „Nur mit dem letzten Blick sah er noch, wie die Tür seines Zimmers aufgerissen wurde, und vor der schreienden Schwester die Mutter hervoreilte, im Hemd, denn die Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der Ohnmacht Atemfreiheit zu verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater zulief und ihr auf dem Weg die aufgebundenen Röcke einer nach dem anderen zu Boden glitten, und wie sie stolpernd über die Röcke auf den Vater eindrang und ihn umarmend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm – nun versagte aber Gregors Sehkraft schon – die Hände an des Vaters Hinterkopf um Schonung von Gregors Leben bat.“
    • Dieser Abschnitt beschreibt die am Anfang fast spielerisch anmutende Gewalttätigkeit des Vaters. Man wird erinnert an das Spiel einer Katze mit der Maus, was bei Kafkas „Kleine Fabel“  ja durchaus auch ein Thema ist).
      Vergleiche: https://de.wikipedia.org/wiki/Kleine_Fabel
    • Am Ende steht aber dann doch der brutale Höhepunkt, nämlich eine regelrechte  Verwundung des verwandelten Sohnes.
    • Es folgt der Blick auf die Verzweiflung der Mutter, die sie letztlich in die Arme des Vaters treibt. Das kann schon gedeutet werden als ein Vorgriff auf den scheinbar harmonischen Schluss, wo es ja zu einer regelrechten Vereinigung (man achte auf den Begriff) der Restfamilie kommt.
    • Immerhin ist die Verzweiflung der Mutter gekoppelt mit der Bitte um Schonung, was Gregors Leben angeht. Unabhängig davon ist es schlimm genug, dass diese Bitte überhaupt nötig ist.
  • „Die schwere Verwundung Gregors, an der er über einen Monat litt – der Apfel blieb, da ihn niemand zu entfernen wagte, als sichtbares Andenken im Fleische sitzen – , schien selbst den Vater daran erinnert zu haben, daß Gregor trotz seiner gegenwärtigen traurigen und ekelhaften Gestalt ein Familienmitglied war, das man nicht wie einen Feind behandeln durfte, sondern dem gegenüber es das Gebot der Familienpflicht war, den Widerwillen hinunterzuschlucken und zu dulden, nichts als zu dulden.“
  • Und wenn nun auch Gregor durch seine Wunde an Beweglichkeit wahrscheinlich für immer verloren hatte und vorläufig zur Durchquerung seines Zimmers wie ein alter Invalide lange, lange Minuten brauchte – an das Kriechen in der Höhe war nicht zu denken – , so bekam er für diese Verschlimmerung seines Zustandes einen seiner Meinung nach vollständig genügenden Ersatz dadurch, daß immer gegen Abend die Wohnzimmertür, die er schon ein bis zwei Stunden vorher scharf zu beobachten pflegte, geöffnet wurde, so dass er, im Dunkel seines Zimmers liegend, vom Wohnzimmer aus unsichtbar, die ganze Familie beim beleuchteten Tische sehen und ihre Reden, gewissermaßen mit allgemeiner Erlaubnis, also ganz anders als früher, anhören durfte.“
    • Hier wird zunächst die Schwere der Verwundung deutlich gemacht, dann aber auch ihr symbolischer Charakter.
    • Ansonsten ergibt sich eine leichte Verbesserung der Situation Gregors, weil der Vater seine Aggressivität zurücknimmt. Bezeichnenderweise tut er das aber nicht aus Menschlichkeit, sondern aus Familienpflicht.
    • Auf jeden Fall haben sich die Verhältnisse durch diese Gewalttat ganz offenbar umgedreht, der Vater wirkt jetzt stark, Gregor entsprechend schwach und alt.
    • Bezeichnend für die Hinnahme seines neuen eingeschränkten Lebens durch Gregor ist, dass er bereits die Teilnahme am Familienleben von Ferne als eine Art wohltuenden Ausgleich betrachtet.
  • „Freilich waren es nicht mehr die lebhaften Unterhaltungen der früheren Zeiten, an die Gregor in den kleinen Hotelzimmern stets mit einigem Verlangen gedacht hatte, wenn er sich müde in das feuchte Bettzeug hatte werfen müssen. Es ging jetzt meist nur sehr still zu. Der Vater schlief bald nach dem Nachtessen in seinem Sessel ein; die Mutter und Schwester ermahnten einander zur Stille; die Mutter nähte, weit unter das Licht vorgebeugt, feine Wäsche für ein Modengeschäft; die Schwester, die eine Stellung als Verkäuferin angenommen hatte, lernte am Abend Stenographie und Französisch, um vielleicht später einmal einen besseren Posten zu erreichen. Manchmal wachte der Vater auf, und als wisse er gar nicht, daß er geschlafen habe, sagte er zur Mutter: »Wie lange du heute schon wieder nähst!« und schlief sofort wieder ein, während Mutter und Schwester einander müde zulächelten.“
    • Dieser Absatz macht deutlich, dass die Veränderungen auch recht große Auswirkungen auf den Rest der Familie haben. Da ist zum einen der Wegfall von Gesprächen, an die Gregor sich gerne erinnert. Offensichtlich wird auch hier der Preis gezahlt für den großen Umbruch, der sich bisher ergeben hat.
    • Zu diesem Umbruch gehört aber auch, dass sich jetzt herausstellt, dass Gregors Hyperaktivität bis zum Beginn der Erzählung offensichtlich schädliche Auswirkungen auf die anderen gehabt hat oder zumindest nicht nötig war. Denn sie sind anscheinend im Gegensatz zu früheren Überlegungen Gregors durchaus in der Lage, für ihren Lebensunterhalt durch Arbeit selbst zu sorgen.
    • Dass das zu einer gewissen Müdigkeit am Abend führt, ist halt eine neue Erfahrung, die man als Leser den Beteiligten durchaus gönnt.
    • Der Schluss dieses Abschnitts macht deutlich, wie ungesund das Verhalten des Vaters ist. Auf der einen Seite hat er seine Uniform benutzt als Mittel der Selbststilisierung und Stabilisierung. Anderes merkt man hier eben auch, welchem Ausmaß er das braucht und welche Nebeneffekte das hat. Es lohnt sich sicherlich, darüber nachzudenken, ob die Fleckigkeit der Uniform nicht auch gleichzeitig ein moralisches Urteil ist über sie oder zumindest doch Ausdruck eines Missverhältnisses, auf jeden Fall einer ungesunden Situation.

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