Anmerkungen zum Gedicht „Reiseeindruck“ von Dieter Mucke

Auswertung des Titels

  • Der Titel ist etwas irritierend, weil er nicht im Plural erscheint, was man leichter verstehen könnte. Der Singular kann sich ja nur auf eine einzelne Reise beziehen und muss sich auch auf einen Aspekt konzentrieren. Da ist man als Leser gespannt, wie das eingelöst wird im Gedicht.
  • Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie sinnvoll es ist, tatsächlich ausgehend vom Titel ein Vorverständnis zu ermitteln und nicht erst einfach vom Ende her den Titel einzubeziehen.
  • Den Texte sind nun einmal linear  aufgebaut und erzeugen bei einem aufmerksamen Leser einen fortlaufenden Aufbau des Verständnisses.

Die erste Strophe (Quartett als Teil eines Sonetts)

  • Die erste Zeile erweckt den Eindruck, dass hier jemand dem lyrischen Ich den Vorwurf gemacht hat, er schwebe über den Wolken. Damit ist in der Regel gemeint, dass jemand nicht mehr die Realität im Auge hat.
  • Die zweite Zeile nimmt das denn durchaus positiv auf, macht also ein Zugeständnis und zwar im Sinne des Aufenthalts in dieser Über-den-Wolkenzone.
  • Die Zeilen 3 und 4 betonen allerdings, dass diese Zeit über den Wolken für das lyrische Ich von besonderer Bedeutung ist, weil es eben nicht „am Boden kleben“ möchte.
  • Die Formulierung besagt, dass die Nähe zum Boden immer auch den Blick einengt und man erst aus einer größeren Höhe einen besseren Überblick hat.
  • Das Problem dabei ist natürlich, dass man über den Wolken auch nicht unbedingt einen besseren Überblick hat, von daher muss das hier wohl im übertragenen Sinne verstanden werden, im Sinne von Abstand zu etwas haben, um es es dann besser zu verstehen oder zu überblicken.
  • Die letzte Zeile betont wohl den Unterschied zwischen Mensch und Tier und spielt möglicherweise an auf die Stammesgeschichte des Menschen und den niedrigeren Entwicklungsstand eines Reptilsim Vergleich zu einem intelligenten Liebeswesen.
  • Im Hinblick auf diese Stelle könnte es sinnvoll sein, das mal genauer zu recherchieren. Man liest ja hin und wieder, dass manche menschlichen Reaktionen aus dem sogenannten Reptiliengehirn kommen. Das muss eine sehr alte Stufe der geistigen Entwicklung darstellen.
  • https://www.gehirnlernen.de/gehirn/der-hirnstamm-oder-das-reptiliengehirn/
  • Letzlich geht es dem lyrischen Ich ganz offensichtlich darum, das geistige Potenzial des Menschen möglichst voll auszuschöpfen.

Die zweite Strophe (Quartett als Teil eines Sonetts)

  • Der Beginn der zweiten Strophe ist dann insofern etwas irritierend, weil jetzt das Fliegen über den Wolken mit der Komprimierung der Zeit verbunden wird.
  • Konkret genannt wird ein Verhältnis von 1 zu 365, d.h. das, was normalerweise 365 Tage dauert, wird dort in einem Tag geschafft.
  • Irritierend ist es insofern, als wir heute eher das schnelle Verschwinden von Zeit als etwas Negatives empfinden und uns dem Ziel verpflichtet fühlen, den einzelnen Tag voll auszuleben.
  • In dieser Strophe ist dann allerdings von grauen Wochen die Rede, offensichtlich befreit das Fliegen über den Wolken von einer zeitlichen Entwicklung, die als unangenehm empfunden wird. Vielleicht ist damit gemeint, dass die Höhepunkte eines Jahres, die normalerweise unterbrochen sind (eben von vielen grauen Wolken), im Flugzeug dichter beieinander liegen.
  • Die letzte Zeile setzt dann aber den deutlichen Akzent, dass man über den Wolken überrascht ist und als Leser vermutet man hier eher etwas Positives.

Die dritte Strophe (Terzett als Teil eines Sonetts)

  •  Diese Strophe macht dann auch deutlich, dass das Fliegen zu schönen Erfahrungen führt.
  • Allerdings bleibt etwas fragwürdig, wie das lyrische ich im Flugzeug erkennen will, ob Ein Fluss stinkt oder nicht und man aus ihm als Mensch und Tier „das klarste Wasser trinken kann“.

Die vierte Strophe (Terzett als Teil eines Sonetts)

  • Die letzte Strophe betont dann noch mal diese positive Vermutung, dass die Flüsse, die man aus dem Flugzeug sieht, in einem noch besonders sauberen und natürlichen Zustand sind.
  • Allerdings macht die letzte Zeile den Leser etwas skeptisch, weil da von „gaffen“ die Rede ist und vorher der Konjunktiv II auftaucht, der ja auch als Irrealis bezeichnet wird.
  • Das würde dann bedeuten, dass man vom Flugzeug aus sich diese Welt schöner sieht, als sie möglicherweise ist.

Aussage und Bedeutung

Insgesamt hat man am Ende den Eindruck, dass das Gedicht keine einfache klare Aussage hat, sondern mit verschiedenen Ansichten spielt.

  1. Am Anfang ist da der Vorwurf, dass man beim Fliegen eher in einer Art Wolkenkuckucksheim lebt.
  2. Dem setzt das lyrische Ich etwas Positives entgegen und betont eben gerade die höhere Position des Betrachtens und damit wohl auch den besseren Blick.
  3. Dann aber häufen sich doch eher negative Aspekte des Fliegens, zum Beispiel das schnelle Verrauschen der Zeit.
  4. Am Ende zeigt sich dann sogar, dass der Blick aus dem Flugzeug heraus auch trügerisch sein kann, weil etwas aus der Distanz schöner ist, als es bei näherer Betrachtung aussieht.
  5. Vor diesem Hintergrund könnte dann auch die Distanzierung von der Reptilienexistenz gar nicht so positiv sein, wie man zunächst geglaubt hat. Das würde dann eine Kritik an der geistigen und kulturellen Entwicklung der Menschen bedeuten, die ihren Verstand eben auch dafür einsetzen, Flüsse zu vergiften, die man dann nur noch aus größerer Höhe als urtümlich, schön und natürlich wahrnimmt.
  6. Insgesamt also ein sehr vielschichtiges Gedicht, das sich einem erst nach genauerem Lesen und Nachdenken erschließt.
  7. In der Praxis einer Interpretation für die Schule wird es wohl so sein, dass man schnell erkennt, dass der Blick aus dem Flugzeug nicht die wirkliche Realität beim Umgang mit der Natur zeigt.
  8. Dann muss man nur noch eine Erklärung dafür finden, dass ja die Abstandsgewinnung am Anfang des Gedichtes positiv verstanden wird.
  9. Aber so ein Abstand findet sich ja auch, wenn in einer Konzernzentrale mal eben schnell ein Projekt zur Umwandlung der Natur beschlossen wird, das die Menschen vor Ort und vor allem die Naturschützer verzweifeln lässt.
  10. Am Ende kann man dann auch noch mal auf den Titel des Gedichtes zurückschließen. Der könnte jetzt so verstanden werden, dass der Blick aus dem Flugzeug eben nur ein kurzzeitiger Reiseeindruck ist, der sich nach der Landung und der näheren Begegnung mit der Landschaft schnell und ins Negative verflüchtigt.

Mat1745  © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag
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