Allgemeines zum Gedicht „Der Wegweiser“

Das Gedicht stammt aus der Zeit der Romantik und steht für die Suche nach Einsamkeit, aber wohl auch für eine Konzentration auf das Wesentliche bis hin zum Bewusstsein der Begrenztheit des menschlichen Lebens.
Für den Schulunterricht ist das Gedicht insofern erst mal problematisch, aber auch interessant, weil es am Ende nicht eindeutig auf den Tod hinweist. Das dürfte heutige Schüler herausfordern, die nicht mehr so in diesem Bewusstsein leben wie in früheren Zeiten. Andererseits bedeutet das aber auch, dass man zum einen nach Auswegen aus dieser einseitigen Aussage sucht, vielleicht auch Lust bekommt, ein Gegengedicht zu schreiben.

1. Strophe

Wilhelm Müller

Der Wegweiser

Was vermeid‘ ich denn die Wege,
Wo die ander’n Wand’rer gehn,
Suche mir versteckte Stege
Durch verschneite Felsenhöh’n?

  • Das Gedicht beginnt mit der kritischen Selbstreflexion des Lyrischen Ichs (ab jetzt: LI), das sich fragt, warum es sich von den Wegen fernhält, auf denen die anderen Wanderer zu finden sind.
  • Deutlich wird am Ende auch die Luste auf eine wilde Natur.

2. Strophe

Habe ja doch nichts begangen,
Dass ich Menschen sollte scheu’n, –
Welch ein törichtes Verlangen

Treibt mich in die Wüstenei’n?
  • In der 2. Strophe wird die Selbstbefragung fortgesetzt. Dabei wird zunächst ausgeschlossen, dass man auf der Flucht ist – etwa als Verbrecher.
  • Dann aber wird die Ausgangsfrage erneut aufgenommen – und zwar in verschärfter Form, indem die Frage angesprochen wird, ob es sich nicht um ein „törichtes Verlangen“ handelt, was das LI antreibt.

3. Strophe

Weiser stehen auf den Wegen,
Weisen auf die Städte zu,
Und ich wand’re sonder Maßen

Ohne Ruh‘ und suche Ruh‘.
  • Die dritte Strophe nimmt den Titel auf und stellt fest, dass es viele „Weiser“ gibt, die am Wegesrand stehen und alle auf die Städte verweisen, also auf die Orte, die normalerweise angestrebt werden – weil dort das normale, sichere Leben zu finden ist.
  • Das Lyrische Ich hält sich davon fern, wird von einer Kombination aus Ruhelosigkeit und Ruhesuchen angetrieben.

4. Strophe

Einen Weiser seh‘ ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick;
Eine Straße muss ich gehen,

Die noch keiner ging zurück.
  • In der letzten Strophe wird es schwierig, weil es um einen besonderen „Weiser“ geht, der aber nicht näher beschrieben ist.
  • Da dieser „unverrückt“ vor dem Iyrischen Ich steht, handelt es sich wohl eher um ein inneres Zeichen auf ein Ziel hin.
  • Am Ende wird lapidar und ohne direkten Zusammenhang zu diesem Weiser davon gesprochen, dass noch „eine Straße“ vor dem LI liegt, „die noch keiner ging zurück“ – es geht also um eine Reise ohne Wiederkehr.

Überlegungen zur Aussage (Intentionalität) des Gedichtes

  • Für die Menschen der Romantik war ziemlich klar, dass es um die Lebensreise geht, die eben im Tod endet.
  • Die Frage bleibt aber, ob das die einzig mögliche Interpretation des Schlusses ist. Genauso könnte sich das LI etwas vorgenommen haben, das dann allerdings nicht näher ausgeführt wird.
  • Umso interessanter dürfte es sein, eine Strophe anzufügen.
  • Zum Beispiel könnte es sich um ein großes Risiko handeln, das keine Rückkehr mehr erlaubt.
  • Dies aber nur als Hypothese für ein eigenes weiterführendes Verständnis des Gedichtes. Der Text selbst erlaubt wohl kein anderes Verständnis als das Denken an den Tod – weil es keine Signale für andere Ziele gibt. Und das „noch keiner“ spricht schon sehr stark für etwas Endgültiges, das alle betrifft – und das ist genau die normale Definition des Todes als Grundbedingung des Lebens. Hierzu kann einem der logische Schluss einfallen: Alle Menschen sind sterblich – ich bin ein Mensch – also bin ich auch sterblich. Das gilt solange, wie die Ausgangsthese stimmt – und im normalen Leben ist bisher keine Ausnahme bekannt.

Anregungen zum Umgang mit dem Gedicht

  • Bleibt die Frage, wie man mit dem Hinweis des Gedichtes umgeht: Zumindest könnte man ein Gegengedicht oder eine Fortsetzung schreiben, in der es darum geht, mit dem Sterben und dem Tod nicht schon unnötig früh zu beginnen. Bei diesem LI scheint ja das ganze Leben ein Vor-Leben auf den Tod hin zu sein. Das erinnert an ein Frauenkloster in Italien, in dem die Nonnen jeden Tag in ein Kellergewölbe geführt wurden, wo man die inzwischen gestorbenen Mitschwestern einfach an der Wand aufgerichtet verwesen ließ. So sollten sie jeden Tag an diese Grundbedingung des Lebens erinnert werden.
    Informationen dazu gibt es auf der folgenden Seite:
    http://www.pica-journalistenbuero.de/media/pdf/perino/perino_KB_31_04_Ischia.pdf
  • Das könnte gut mit Schülern diskutiert werden – Ist das Leben wirklich von vornherein für Einsamkeit, Wildnis, Absonderung bestimmt? Oder kann man es nicht doch mit den antiken Philosophen halten, die sagten: Solange ich lebe, bin ich nicht tot – und wenn ich tot bin, lebe ich nicht mehr.

Vergleich mit dem Gedicht „The Road Not Taken“ von Robert Frost

Auf der Seite:
wird ein Gedicht von Robert Frost zitiert, das die Entscheidung zwischen zwei Wegen und für den weniger begangenen thematisiert.

Das kann man gut zum Vergleich heranziehen.

Besonders spannend wird es, wenn man die Übersetzungsbemühungen verfolgt, die auf der Seite zu finden sind.
Einen größeren Zusammenhang bekommt man auf der folgenden Seite geboten: