Was die Interpretation von Gedichten manchmal schwierig macht

  • Gedichte sind sehr kunstvolle Texte, das macht sie aber auch zum Teil schwierig.
  • Die Autoren schreiben meistens sehr komprimiert und zum Teil auch lückenhaft bzw. auf der Ebene reiner Andeutungen.
  • Manchmal hat man den Eindruck, an einem Tatort zu sein, wo der Täter ja auch zwar Spuren hinterlässt, aber auch viel verbirgt.
  • Hier hilft die sogenannte „induktive“ Methode, bei der man nacheinander die Signale des Textes aufnimmt, sie dabei möglichst bündelt, so dass sich eine oder auch mehrere Aussagerichtungen ergeben.
  • Am gefährlichsten ist es, sich sehr früh schon auf einen Täter festzulegen, um im Bild des Tatortes zu bleiben.
  • Beim Interpretieren bedeutet das, dass man nicht zu früh sich schon auf eine Verständnisthese festlegt und nur noch versucht, alles Weitere in diese Richtung zu biegen.

Hinweis: Video mit Dokumentation

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Mat1845 Fallen vermeiden Gedichtinterpretation Eichendorff Sehnsucht

Beispiel: Eichendorff, „Mondnacht“

  • Nehmen wir als Beispiel Eichendorffs Gedicht, „Mondnacht“: Da liest man am Anfang

    Es war, als hätt’ der Himmel
    Die Erde still geküsst,
    Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt‘.

    Und dann kommt man auf den Gedanken, dass das Lyrische Ich hier den Frühling beschreibt. Schließlich gibt es ja auch so etwas wie das „Wachküssen“ – und in dieser Jahreszeit erwacht ja auch die Natur.

  • Dass sie im Blütenschimmer
    Von ihm nun träumen müßt‘.

    Und dann liest man auch noch etwas von Blüten, denkt an Blütenzauber und sieht sich betätigt in der Frühlingshypothese.
    Dass hier aber von „Blütenschimmer“ die Rede ist, was nicht recht zu einem strahlenden Frühlingssonnentag passt, hat man übersehen.
    Also ein wichtiger Hinweis: Neben dem Verzicht auf zu schnelle Thesen ist das genaue Lesen auch wichtig.
  • Dann freut man sich, dass es in der zweiten Strophe heißt:

    Die Luft ging durch die Felder,
    Die Ähren wogten sacht,

    Das sieht doch schon nach Sommer und fast schon Herbst aus. Ist doch klar: Nach dem Erwachen der Natur kommt ihre Reife. Schon hat man das Bild wogender Weizenfelder vor Augen, die jetzt abgeernet werden können.
  • Aus den Zeilen

    Es rauschten leis’ die Wälder,
    So sternklar war die Nacht.

    liest man dann den Herbst und den beginnenden Winter heraus. Denn mit dem verbindet man „sternklare“ Nächte.
  • Und auch der Schluss

    Und meine Seele spannte
    Weit ihre Flügel aus,
    Flog durch die stillen Lande,
    Als flöge sie nach Haus.

    scheint zum Ende des Jahres, zur Winterzeit zu passen. Jetzt muss draußen nicht mehr gearbeitet werden, es gibt die „stillen Lande“. Da kann die Seele „ihre Flügel“ ausspannen und sich auf ein warmes Zuhause freuen.

Auswertung: Was ist schief gelaufen? Was wäre besser gewesen?

  • Das Problem bei dieser Interpretation ist, dass sie sich ganz früh auf ein Verständnis festgelegt hat. Anschließend wurde nur noch gesucht, was dazu passte. Ggf. wurde es auch irgendwie passend gemacht.
  • Und jetzt kommt der Hammer. Ein einziges Wort zerstört die ganze Konstruktion, nämlich der Titel. Es geht hier nicht um einen Frühlingssonnentag, auch nicht um zur Ernte bereite Felder im Spätsommer, sondern es geht um eine einzige „Mondnacht“.
  • Und in dieser Nacht mit dem Mond am Himmel nimmt das Lyrische Ich einiges wahr, was es am Anfang in ein wunderbares Bild packt, nämlich in eine Personifizierung von Himmel und Erde mit einem Kuss als Zeichen der Liebe, die in der Vorstellung des Lyrischen Ichs dazu führt, dass die Erde jetzt vom Himmel träumt.
  • Was das konkret bedeutet, bleibt völlig offen. Wichtig ist nur, dass das Lyrische Ich in der Mondnacht vor sich eine vom Himmel träumende Erde sieht, nachdem sie vom Himmel geküsst worden ist.
  • Das alles aber nur als ein Bild im Konjunktiv des Vergleichs. Dem lyrischen Ich kommt es so vor.
  • Die zweite Strophe ist dann sehr viel sachlicher.
  • Die dritte ist dann der Höhepunkt und zugleich Zielpunkt des Gedichtes: Jetzt geht es nicht mehr um das Träumen der Erde, sondern das Lyrische Ich selbst hebt gewissermaßen ab in der Fantasie, öffnet sich gegenüber der Landschaft und hat das Gefühl, über die „stillen Lande“ hinwegzufliegen.
  • Entscheidend ist dann die letzte Zeile. Dort macht das Lyrische Ich deutlich dass mit diesem Gefühl des Fliegens das Gefühl des Nachhausekommens verbunden ist. Es gibt also ein positives Ziel, das wohl mit maximalem Wohlgefühl verbunden ist.
  • Wer Eichendorff etwas näher kennengelernt hat in seinen Gedichten, kann hier durchaus annehmen, dass hier auch ein himmlisches Zuhause angedacht ist.
  • So heißt es etwa im Gedicht „Die zwei Gesellen“
    „Und seh ich so kecke Gesellen,
    Die Tränen im Auge mir schwellen –
    Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!“
    https://www.schnell-durchblicken2.de/unt-eichendorff-zwei-gesellen

Halten wir fest: Was schützt vor Interpretationsfallen?

    • Sich nicht zu früh auf irgendein Verständnis festlegen!
    • Also auch nicht gleich nach Epochenmerkmalen suchen, die man gelernt hat. Damit wird das Verständnis zu sehr in einer Richtung festgelegt.
    • Induktiv vorgehen, d.h. die Signale des Textes nacheinander aufnehmen und möglichst unbefangen verarbeiten.
    • Dann hermeneutisch vorgehen: Das heißt: Je mehr man gelesen und verstanden hat, desto mehr schält sich ein Verständnis heraus, das im Gedicht liegt, nicht von außen kommt.
    • Das muss aber immer wieder am Text überprüft werden. Man nennt das den „hermeneutischen Zirkel“, bei der Text etwas präsentiert, das man im Kopf zu einem Verständnis verarbeitet, das dann am Text wieder überprüft und ggf. korrigiert werden muss.
    • Am Ende hat man so eine Art Bündel von Signalen, die man zu Aussagen zusammenfassen kann.

Worauf läuft dieses Gedicht wirklich hinaus? (Aussagen/Intentionalität)

  • In diesem Falle könnte das so aussehen (ganz ohne Jahreszeiten!!!)
    Das Gedicht zeigt:

    • den Eindruck der Harmonie von Himmel und Erde, aus der eine träumerische Situation entsteht,
    • eine dazu passende Ruhe („sacht“, „leis‘“, „sternklar“)
    • und schließlich eine besondere Wirkung dieser Situation auf das Lyrische Ich, das sich anregen lässt, in der Fantasie von diesem schönen Ort der Harmonie in die „stillen Lande“ aufzubrechen, also eine ähnlich sich präsentierende Weite.
    • dass am Ende ein Gesamtgefühl entsteht, „nach Hause“ zu kommen. Das wird nicht näher erläutert, ist aber wohl positiver Höhe- und Zielpunkt dieser „Mondnacht“.