Gryphius, „Abend“ – ein typisches Barockgedicht mit Jenseitsperspektive

Wie immer schauen wir uns die Strophen Zeile für Zeile an und  achten darauf, wie sich dabei eine oder mehrere Aussagen aufbauen.

Titel und Strophe 1

Andreas Gryphius

Abend

Der schnelle Tag ist hin/ die Nacht schwingt ihre Fahn/
Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld vnd Werk/ Wo Tier vnd Vögel waren
Traurt jetzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

  • Die erste Strophe beschreibt das, was der Titel andeutet, nämlich die Situation am Abend nach getaner Arbeit.
  • Hervorgehoben wird die damit verbundene Einsamkeit, bezogen wohl vor allem auf die Natur bzw. Tierwelt.
  • Seltsam ist der Schlusssatz, der alldem, was geschehen ist, keinen Wert zuerkennt.

Strophe 2

Der Port naht mehr vnd mehr sich/ zu der Glieder Kahn.
Gleich wie dies Licht verfiel/ so wird in wenig Jahren
Ich/ du/ und was man hat / und was man sieht/ hinfahren.
Dies Leben kommt mir vor als eine Rennebahn.

  • Die zweite Strophe sieht dann den Abend im Zusammenhang eines schnell verlaufenden Lebens
  • und konzentriert sich dabei auf das herannahende Lebensende.
  • Es ergibt sich der Eindruck, dass dem Leben insgesamt genauso wenig Wert zuerkannt wird wie dem einzelnen Tag des Lebens in der ersten Strophe.

Strophe 3

Lass höchster Gott mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten/
Lass mich nicht Ach/ nicht Pracht/ nicht Lust/ nicht Angst verleiten.
Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

  • Die dritte Strophe wendet sich dann an Gott
  • und bittet ihn, ein Ausgleiten (Ausrutschen) auf dem Laufplatz (des Lebens) zu verhindern.
  • Offensichtlich sieht das lyrische Ich das Leben als eine vorgeschriebene Bahn an, die auch Gefahren beinhaltet, bei denen man das Ziel verpasst könnte.
  • Es werden dann vier Elemente genannt, die ein solches Ausgleiten hervorrufen könnten:
    • Ach, hat hier die Bedeutung von Schmerz, vgl. „mit Ach und Krach“.
    • Pracht, also das Interesse an der Zurschaustellung zum Beispiel von Reichtum
    • Lust, also die Zuwendung zu dem, was den Menschen als körperliches Wesen ausmacht. Man hat den Eindruck, dass hier ein Konzept der Askese dahinter steht, wie man es von den Menschen im Mittelalter kennt.
    • Angst, erstaunlicherweise ein Gefühl, das durch dieses Gedicht eher hervorgerufen wird.
  • Die letzte Zeile macht dann deutlich, was all dem positiv entgegengesetzt wird, nämlich das göttliche Licht, das einen ständig begleiten soll.

Strophe 4

Lass, wenn der müde Leib entschläft/ die Seele wachen
Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen/
So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu Dir.

  • Die letzte Strophe setzt einen Schlusspunkt sowohl für den Tag als auch für das Leben insgesamt.
  • Jetzt geht es darum, dass die Seele stets wachsam bleiben soll.
  • Was dann den letzten Tag des Lebens angeht, also die Vorbereitung der Todesstunde, wird der Wunsch geäußert, dass man dann gewissermaßen von Gott aus der Finsternis herausgerissen und zu ihm geführt wird.

Aussage / Bedeutung

Das Gedicht zeigt,

  1. wie wenig in der Zeit des Barock, also im 17. Jahrhundert, dem alltäglichen Leben an Wert zugemessen wurde.
  2. Die Zeit galt regelrecht als „vertan“, auch wenn man auf dem „Feld“ oder sonstwo sein „Werk“, also seine normale Arbeit gut erledigt hatte.
  3. Für unsere Zeit ungewöhnlich ist der ständige Blick auf das Lebensende,
  4. so dass die Zeit bis dahin gesehen wird wie eine Rennbahn.
  5. Die größte Angst gilt der Gefahr des „Ausgleitens“, also des Abkommens von der vorgegebenen göttlichen Bahn des Menschen.
  6. Am Ende bleibt dann nur der Wunsch, stets von Gottes Licht begleitet und in der Todesstunde regelrecht „aus dem Tal der Finsternis“ in den Himmel hinaufgerissen zu werden.

Mat1763  © Helmut Tornsdorf – www.schnell-durchblicken.de – Tipps und Tricks für das Überleben im Schulalltag
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