Was versteht Schelsky unter der „skeptischen Generation“?

Im folgenden geht es um die Analyse und Auswertung eines Auszugs aus: Helmut Schelsky, Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend, 1957.
In der Deutschen Nationalbibliothek zu finden unter dem Datensatz: http://d-nb.info/454327811

1. Ausgangsthese: Die Besonderheit der 50er-Jahre-Jugendgeneration

  1. [Schelsky beginnt mit einer These, in der er eine Besonderheit der Jugend der 50er Jahre meint feststellen zu können:]
    „Die in Kriegs- und Nachkriegszeit erfahrene Not und Gefährdung der eigenen Familie durch Flucht, Ausbombung, Deklassierung, Besitzverlust, Wohnungsschwierigkeiten, Schul- und Ausbildungsschwierigkeiten oder gar durch den Verlust der Eltern oder eines Elternteils haben einen sehr großen Teil der gegenwärtigen Jugendgeneration frühzeitig in die Lage versetzt, für den Aufbau und die Stabilisierung ihres privaten Daseinsverantwortung oder Mitverantwortung übernehmen zu müssen.“

    1. Analyse und Auswertung:
      Schelsky sieht also ein höheres Maß an „Daseinsverantwortung“ in der Generation zum Zeitpunkt der Entstehung des Buches
    2. Und führt sie auf die Erfahrungen der „Not und Gefährdung der eigenen Familie“ zurück.
    3. Damit wird schon ein zentraler Punkt seiner Argumentation deutlich, nämlich die Konzentration auf sich selbst und das unmittelbare Umfeld.

2. Vergleich mit der Jugendbewegung

[These: Abwendung von der Besonderheit der Jugendbewegung um den Ersten Weltkrieg herum]
„Damit hat sich das typisch jugendliche Suche nach Verhaltenssicherheit in dieser Generation genau auf die sozialen Bereiche zurückgewendet, deren Anliegen einst von der Generation der Jugendbewegung im gleichen Streben nach Verhaltenssicherheit als unjugendlich abgelehnt und verlassen worden waren:

    1. die eigene Familie,
    2. die Berufsausbildung und das berufliche Fortkommen,
    3. die Meisterung des Alltags.“
    4. Recherche-Anmerkung
      „Als Jugendbewegung wird eine besonders im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einflussreiche Strömung bezeichnet, die dem von der Industrialisierung geprägten städtischen Leben eine vor allem in Kreisen der bürgerlichen Jugend sich ausbreitende Hinwendung zum Naturerleben entgegensetzte. Ein weiteres Merkmal war der romantische Rückgriff auf hergebrachte Kulturelemente, wobei die Wiederaneignung von Volksliedern und unmittelbare Formen der Geselligkeit eine herausragende Rolle spielten.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendbewegung
    5. Auswertung dieses Absatzes:
      • Schelsky geht hier von einem typischen Phänomen einer jeden Jugendgeneration aus, nämlich der „Suche nach Verhaltenssicherheit“
      • Er hält das für eine „Zurückwendung“ zu Verhaltensweisen vor der sogenannten Jugendbewegung aus dem ersten Drittel des 20. Jhdts.
      • Die hatten nämlich vor dem Hintergrund des ungeheuren Aufschwungs in der Zeit des Kaiserreichs sich gewissermaßen den Luxus geleistet, die unmittelbare Lebensbewältigung hinanzustellen und sich tieferen oder auch höheren Sehnsüchten zu widmen.
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3. Contra und Pro der Jugendgeneration der 50er Jahre

Im Folgenden geht Schelsky genauer auf diese Abgrenzung der 50er-Jahre-Jugendgeneration von der Jugendbewegung ein und schätzt das als „distanzierenden Skeptizismus“ ein.
Dabei werden drei Elemente genannt, von denen man sich abgrenzt.
„Der Skeptizismus als geistige Einstellung dieser Jugend ist zunächst eine Absage

      1. an romantische Freiheits- und Naturschwärmerreien,
      2. an einen vagen Idealismus, denen die Konkretisierungsmöglichkeiten fehlen,
      3. aber auch an intellektuelle Planungs- und Ordnungsschemata, die das Ganze in einem Griff zu erfassen und zu erklären glauben. [Anmerkung: Hiermit sind große Glücksentwürfe gemeint, wie sie zum Beispiel den Sozialismus kennzeichnen!]
      4. Aber sicher ist dieser distanzierende Skeptizismus nur eine Facette in der ganzen
        • auf das praktische, handfeste, nahe liegende,
        • auf die Interessen der Selbstbehauptung und Durchsetzung
      5. gerichteten Denk- und Verhaltensweise dieser Jugendgeneration.
      6. Sie ist bestimmt durch einen geschärften Wirklichkeitsinn und ein unerbittliches Realitätsverlangen.
      7. Analyse und Auswertung:
        • Schelsky sieht Distanz und Skepsis,
          1. Die sich richten auf Freiheits- und Naturschwärmerei,
          2. Einen Idealismus, der zu wenig konkret ist
          3. Und große Zukunftsentwürfe, in denen das Wohl der Menschen von oben nach unten geregelt wird und nicht von unten hochwächst.

4. Die Negativ-Seite des Verhaltens der 50er-Jahre-Jugendgeneration

Nun kommt Schelsky zu einer Einschätzung bzw. auch Bewertung dieser skeptischen Haltung
„Dieser Konkretismus der gegenwärtigen Jugend hat sicher seine zwei Seiten:

    1. man kann ihn ihm einen krassen Egoismus und Vulgärmaterialismus erkennen,
      • der unfähig macht, mit den Gedanken über die gegenwärtige Situation hinauszugehen, einen Blick auf das Ganze zu tun
      • oder geistige Verpflichtungen zu erleben,
      • ja der zur bloßen Geschäftemacherei und Genusssucht als Lebenszielen,
      • wenn nicht gar kurz schlüssig zur Kriminalität führt.
    2. Analyse und Auswertung:
      • Schelsky sieht zwei Seiten und beginnt mit einer eher negativen
      • So sieht er er zu wenig Orientierung hin auf die Zukunft und das Ganze, also bis hin zur allgemeinen Entwicklung der Welt.
      • Was ihm da fehlt, gibt es aber zusätzlich als „Geschäftemacherei und Genusssucht“.
      • Das kann für ihn bis hin zur Kriminalität gehen.

5. Positive Seite des Verhaltens der 50er-Jahre-Jugendgeneration

Nachdem er negative Aspekte abgehandelt hat, geht Schelsky über zur positiven Seite:
„Man muss sehen,

      1. dass sich auch die Verantwortungsbereitschaft, die Initiative und Hingabe, ja der Idealismus dieser Jugend „konkretistisch“ äußert:
      2. gerade in den kleinen Zirkeln Jugendlicher kann man heute immer wieder irgendwelche Vorhaben konkreter Hilfsaktionen entstehen sehen, die gerade in ihrer praktischen Begrenztheit ihren eindeutigen Wert offenbaren;
      3. Einsatz und Opferbereitschaft sind vorhanden, wenn man sie für Handlungen und Maßnahmen anspricht, die der jugendlichen Erfahrung überschaubar und ihrem Wirklichkeitssinn praktikabel erscheinen.
      4. Analyse und Auswertung:
        • Schelsky sieht durchaus auch bei dieser Generation „Verantwortungsbereitschaft“
        • Allerdings bezeichnet er sie als „konkretistisch“, konkret auf das eigene und unmittelbare Umfeld bezogen.
        • Hier verweist er allgemein auf entsprechende Aktionen, die für ihn einen „eindeutigen Wert“ haben, gerade weil sie konkret und damit auch überprüfbar sind.

6. Der Hintergrund des Positiven: Betonung des Verbindlichen und Absage an Phrasen

„Hinter der kaltschnäuzig wirkenden skeptischen Weltklugheit steckt ein durchaus lebendiges Bedürfnis, das substantielle und im normativen Sinne Verbindliche an den Dingen und den Menschen zu erkennen und ihm zu folgen, aber zugleich die tiefe Scheu, sich durch Phrasen, ja durch Worte überhaupt, täuschen zu lassen.“

        1. Analyse und Auswertung
          • Schelsky sieht äußerlich durchaus so etwas wie Kaltschnäuzigkeit, weil man sich großen Zielen eben auch verweigert
          • Er hält das allerdings für „Weltklugheit“
          • Dahinter sieht er aber durchaus ein Bedürfnis, das „Verbindliche“ zu erkennen. Eine sehr schöne Formulierung, weil in ihr gerade auch das „Verbindende“ steht, aber eben auch das Verpflichtende, Ernstnehmende, auf Wirkung ausgerichtete Verhalten.
          • Diese positive Einstellung hat ihr Gegenstück, nämlich in der Nicht-Bereitschaft, noch einmal hohlen Phrasen zu folgen, wie sie in der NS-Zeit propagiert wurden.

7. Zusammenstellung zukunftsfähiger Kennzeichen der Jugendgeneration der 50er Jahre

[Zusammenstellung zukunftsfähiger Kennzeichen der Jugendgeneration der 50er Jahre]
Am Ende fasst Schelsky noch einmal alles Positive und Zukunftweisende zusammen:
„Aus dem gleichen Ursprünge heraus zeigt die Jugend heute

        1. auch das Bestreben, diejenigen sozialen Beziehungen zur Grundlage ihres Daseins positiv zu bewerten und zu pflegen, die ihr einen Halt im persönlichen und privaten Dasein vermitteln.
        2. Die starke Berufszugewandtheit (die ja nicht nur ein Kennzeichen der auf Prüfungen hin studierenden Jugend ist),
        3. die durchaus solidarische Einstellung zur eigenen elterlichen Familie,
        4. die Neigung zu einer frühen festen partnerschaftlichen Bindung, der zur Frühehe,
        5. die Häufigkeit Jugendlicher Cliquenbildung bei Ablehnung ihrer organisatorischen Verfestigung,
        6. ja ein verhältnismäßig zahlreich vorhandenes Einzelgängertum in dieser Generation
        7. zeigen schon in der Jugend eine Bejahung und Betonung der sozialen Bindungen des privaten Bereichs, die dann als Lebens und Berufsgrundlage Des Erwachsenen dienen.“
        8. Analyse und Auswertung:
          • Schelsky sieht eine Konzentration auf das, was im unmittelbaren Umfeld einen Halt vermittelt.
          • Dazu kommt eine starke Berufsorientierung. Schelsky verbindet das mit einem kleinen Seitenhieb gegenüber der studentischen Jugend, die sich für ihn wohl manchmal in diesem Bereich zu sehr anderen Berufsgruppen (etwa Handwerker) überlegen fühlt. Man denke etwa an den Doktortitel, der als einzige Möglichkeit zu einem Namensbestandteil wird, während das für den Meistertitel nicht gilt.
          • Positiv ist für Schelsky auch die Bereitschaft zur konkreten Übernahme von Verantwortung. Für uns heute eher seltsam mutet an, dass er dazu auch die Frühehe zählt. Das wird aber verständlich, wenn man bedenkt, dass früher eine Heirat nur in Frage kam, wenn die berufliche und soziale Sicherheit als Voraussetzung für die Gründung einer Familie bereits gegeben war.
          • Im Schlussteil gibt es dann einen kleinen Abfall, wenn Schelsky auf Cliquenbildung und Einzelgängertum eingeht. Aber bei den Cliquen betont er auch den Verzicht auf größere Zusammenschlüsse. Und das Einzelgängertum bedeutet für ihn wohl, dass es Menschen gibt, die sich vor allem auf sich selbst beziehen. Auf das Spannungsverhältnis eines solchen Verhaltens im Hinblick auf soziale Verantwortung geht er nicht ein.

Zusammenfassung und Anregung

Insgesamt eine Position, die die Jugend der 50er Jahre vor allem mit Skepsis gegenüber großen Entwürfen und Hervorhebung von Verantwortung im engeren Umkreis verbindet.

Dies „schreit“ geradezu danach zu fragen, wie es mit späteren Generationen aussieht. Wer etwa die Kurzgeschichte bzw. Novelle „Sommerhaus später“ von Judith Hermann gelesen hat, kann da einiges feststellen.
https://www.schnell-durchblicken2.de/hermann-sommerhaus

Wer mehr wissen will …

Ein interessantes Dokument kann im Internet unter der folgenden Adresse heruntergeladen werden:

https://www.lwl.org/lja-download/pdf/Kersting_Helmut_Schelskys_Skeptische_Generation_von_1957.pdf

Da geht es auch um die Wirkung, die diese bis heute berühmte Schrift von Schelsky entwickelt hat.

Weiterführende Hinweise

  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.