Zum Inhalt des Gedichtes „Unterwegs nach El Paso“ von Günter Kunert

  •  Die Überschrift des Gedichtes von Günter Kunert beschreibt eine Situation, wie man sie sich auch aus einem Western vorstellen könnte. Zumindest klingt der Titel danach.
  • Was dann folgt, ist etwas, was dazu noch passt, nämlich „Weite und Leere“. Etwas orgineller ist dann schon die Vorstellung von einem Himmel, der „sehr hoch“ ist. Auf jeden Fall verstärkt das den Eindruck eines Raums, in dem der Mensch sich nur verloren vorkommen kann.
  • Interessant, dass es dann aber gar nicht um ihn geht, sondern um „dürre Gewächse“, gewissermaßen auch Opfer dieser Landschaft, die einfach nur wegwollen und es doch nicht schaffen. Hiermit ist dem Dichter sicher ein sehr originelles Bild gelungen.
  • Wie lebensfeindlich diese Welt ist, zeigt sich am „Blut toter Gürteltiere“, die aber wohl eher Opfer des Verkehrs geworden ist, der zur Lebenszeit Kunerts und besonders zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Gedichtes (1978) natürlich längst eine Ergänzung dieses Raums ist. Interessant, dass er nur indirekt angesprochen wird.
  • Kunert nutzt dann diese toten Tiere, um ihre Hinterlassenschaft zu einer Art „Zeichen“ für die Reisenden zu machen, die aber nicht „entziffert“, d.h. in ihrer Bedeutung erkannt wird.
  • Die dann folgende Begründung für das Nicht-Interesse der Reisenden ist dann der Höhe- und Zielpunkt dieses Reisegedichtes: Die Menschen empfinden nämlich am „lebendigsten die Gefahr“, dass sie sich selber verlorengehen in dieser Landschaft.
  • Überdeutlich ist dieser verstärkende Gegensatz zwischen der schon ziemlich toten Landschaft, über die sich als intensivstes Element des Lebens eine tödliche Gefahr schiebt.

Insgesamt zeigt das Gedicht

  1. die Trostlosigkeit einer Landschaft, die höchstens in Western noch zum Leben erweckt worden ist.
  2. eine psychische Folge dieser Landschaft, die den Reisenden selbst die Angst entwickeln lässt, gewissermaßen ein Teil dieser lebensfeindlichen Landschaft zu werden und dann möglicherweise zu enden wie die Gürteltiere.

Was die künstlerische Eigenart …

… dieses Gedichtes angeht, so beginnt es mit knappen substantivischen Feststellungen, die noch durch die recht fantasievolle Vorstellung ergänzt und verstärkt werden, dass alles, was hier noch wächst, nichts als weg will, aber selbst das nicht mal mehr schafft.

Zu dieser Verstärkung gehört auch der kontrastive Hinweis auf die Felsengebirge: Nur ihre monumentale Größe erspart ihnen den Überlebenskampf.

Sehr wirkungsvoll ist auch die Verbindung der toten Gürteltiere mit der Frage der Zeichenhaftigkeit, die das Leben zumindest noch im Tode erreicht. Aber auch das wird von der allgemeinen Sinnlosigkeit aufgesogen, indem diese Landschaft die Menschen das Gleiche tun lässt wie die vorher angesprochenen dürren „Gewächse“: Auch sie wollen nur weg und haben Angst, dass sie auch ein Opfer dieser lebensfeindlichen Landschaft werden könnten.

Literaturgeschichtliche Einordnung

Während bis zum Expressionismus es noch einigermaßen durchgängige literarische Epochen im deutschen Sprachraum gibt, sieht das für die Zeit danach sehr viel schwieriger aus.

Wir versuchen mal eine Zuordnung bei Nutzung eines Schaubildes der folgenden Seite:

https://www.schnell-durchblicken2.de/dt-lg-ab-expressionismus

Geht man von 1978 bzw. den Jahren davor als Zeitraum der Entstehung dieses Gedichtes aus, spricht einigtes für eine „Dichtung der verlorenen … Wirklichkeit“.

Auch kann dem Gedicht eine gewisse „Faszination durch Abbild, Zerrbild, Vexierbild“ entnommen werden.

Auch ist eine gewisser „Regeneration der Literatur“ zu erkennen, denn dieses Gedicht arbeitet stark mit Bildern und recht fantasievollen Vorstellungen.

Geht man über dieses Schaubild hinaus, kann man auch Elemente der sogenannten „Neuen Innerlichkeit“ in diesem Gedicht erkennen, denn hier geht es vor allem um subjektive Empfindungen, die aber durchaus einen politisch-kulturellen Hintergrund haben können. Denn diese Reisenden interessieren sich – anders als die indigene indianische Bevölkerung – wenig für das auch dort vorhandene Leben. Der einzige Kontakt, der sich zwischen Mensch und Tier ergibt, ist das Überfahren der Gürteltiere.