Wenn man sich über eine Textstelle streitet oder unsicher ist …

Typisch für literarische Texte ist, dass es dort Stellen gibt, die nicht eindeutig sind, bei denen man  aber doch Klarheit haben möchte.

Hier hilft die sogenannte „dialektische“ Erörterung einer Textstelle.

Wir zeigen das mal am Beispiel einer Stelle aus der Kurzgeschichte „Scherben“ von Marlene Röder.

Hierzu gibt es auch ein Video

Videolink
Die Dokumentation ist hier zu finden:
Mat1885-fertig-Röder Scherben dialektisches Verständnis
Das vorangehende Video, das diese Diskussion ausgelöst hat, ist hier zu finden:

 

Zunächst ein Überblick über den Inhalt

Am besten ist es natürlich, man liest sich die Geschichte selbst einmal durch.

Ansonsten hilft sicher diese Übersicht über die Erzählschritte.

  1. Es geht um einen Ich-Erzähler (IE).
  2. Der stellt am Anfang fest, dass er „unvorsichtig“ geworden sei.
  3. Er ist als knapp 14jähriger Junge bei einer Pfarrersfamilie untergekommen und hat dort ein Zimmer mit Modellflugzeugen bekommen, das ihm wie ein „Babyzimmer“ vorkommt.
  4. Von der Tochter des Pfarrers erfährt er, dass es das Zimmer ihres Bruders ist,
  5. der an Muskelschwund gestorben ist.
  6. Der IE stellt sich das plastisch, ja drastisch  vor, wie ein Mensch sich gewissermaßen auflöst.
  7. Er hätte gerne dazu so etwas wie Anteilnahme ausgedrückt, aber es fällt ihm nichts Passendes ein, worüber er sich ärgert.
  8. Er bastelt an einem Modellflugzeug herum, das dem toten Jungen gehörte und jetzt gewissermaßen heilig gehalten wird. Als Grund gibt er an, dass er die Pfarrersfamilie ärgern wollte.
  9. Als der Pfarrer herein kommt, schimpft er wider Erwarten nicht, sondern lächelt sogar.
  10. Der IE merkt, dass ihn das beeindruckt, er gewissermaßen in seiner Abwehrhaltung “lasch” wird.
  11. Im Badezimmer wird der IE dann von der Tochter überrascht, weil er vergessen hat, die Tür abzuschließen.
  12. Sie sieht seinen Rücken mit den Striemen – er ist vom Vater verprügelt worden, die Mutter hat nur hilflos zugeschaut
  13. IE fühlt sich “scheißnackt”
  14. ist aber zugleich vom Mädchen beeindruckt: “makellos”
  15. Er reagiert dann aber aggressiv, weil er glaubt, dass das Mädchen ihn bemitleidet, was er nicht will.
  16. Er wirft mit verschiedenen Gegenständen, trifft das Mädchen und verletzt es leicht.
  17. Erst als der Wandspiegel zerbricht, läuft sie weg.
  18. Der IE will seine Haut, “das zerknüllte Ding in den Korb für die schmutzige Wäsche werfen”.
  19. denkt, dass sein Aufenthalt im Pfarrhaus jetzt beendet ist.
  20. denkt an das halbfertige Modellflugzeug, an dem er gebastelt hat.
  21. Pfarrer kommt, IE erwartet Wutausbruch, der Pfarrer will ihn aber nur raustragen wegen der Scherben: “wie einen kleinen Jungen”
  22. Das tut dem IE mehr weh, als wenn er geschlagen worden wäre.
  23. Der IE lehnt das ab, weil er nicht Ersatz für den sein will.
  24. Im Gesicht des Pfarrers “sinkt etwas”, d.h. er ist betroffen.
  25. IE läuft über die Scherben zur Tür – er verletzt sich dabei, “aber ich laufe weiter”.

Dokumentation, Seite 1

Dokumentation, Seite 2

Dokumentation, Seite 3

 

 

 

Noch ein Nachtrag über das Video hinaus

Der folgende Kommentar hat uns dann doch auch noch überzeugt:

Was eine weiterhin positive Sichtweise [gemeint ist: im Hinblick auf die Einstellung und das Verhalten des Jungen] meiner Meinung nach jedoch schwierig macht, ist an der Stelle die spezifische Auswahl des Wortes ‚makellos‘. Wie Sie richtig anmerken, denkt der Junge sogar länger darüber nach, mit welchem Wort er das Mädchen nun beschreiben soll – und er wählt eben nicht ‚wunderschön‘ oder ‚bezaubernd‘. Das Wort ‚makellos‘ beinhaltet in sich schon den ‚Makel‘, den er selbst im Gegensatz zu dem Mädchen aufweist.“

Dagegen kann man dialektisch nichts mehr sagen. Man ist gewissermaßen gemeinsam auf dem Gipfel des Austausches angelangt 🙂

Weiterführende Hinweise