„Die Reichsgeschichte der Tiere“ – eine Fabel über die selbstverschuldige Unterdrückung

Vorbemerkung:

Weil der Text der Fabel in einer älteren Sprachstufe des Deutschen verfasst worden ist, die heute nicht mehr jeder sofort versteht, haben wir ihn in zwei mp3-Dateien erklärend vorgestellt.

Teil 1:

Teil 2:

Gottlieb Konrad Pfeffel
Die Reichsgeschichte der Tiere

Die Tiere lebten viele Jahre
In friedlicher Demokratie;
Doch endlich kamen sie einander in die Haare,
Und ihre Republik versank in Anarchie.

  • Ausgangssituation: Frieden und Demokratie – dann Streite, woraus Anarchie, allgemeine Rechtlosigkeit ohne staatlichen Schutz wird.

Der Löwe machte sich den innern Streit zu Nutze
Und bot sich ohne Sold dem kleinern Vieh,
Als dem gedrückten Teil, zum Schutze,
Zum Retter seiner Freiheit an.

  • Eingreifen des Löwen, der Schutz bietet und angeblich die Freiheit retten will.

Er wollte bloß des Volkes Diener heißen,
Und brauchte weislich seinen Zahn
Im Anfang nur die Räuber zu zerreißen.

  • Geschickt senkt er seine Ansprüche, will nur Diener, nicht Herrscher sein.
  • Dazu passen auch seine Anfangs-Aktivitäten, die sich nur gegen Räuber richten.

Als dies die frohen Bürger sahn,
Ernannten sie zum wohlverdienten Lohne
Den Diener feierlich zum Chan,
Versicherten die Würde seinem Sohne,
Und gaben ihm die Macht die Ämter zu verleihn,
Um kräftiger beschützt zu sein.

  • Die Bürger fallen darauf rein, machen ihn zum Herrscher
  • und versprechen, dass das Amt auch auf seinen Sohn übergehen soll.
  • Außerdem geben sie ihm das Recht, andere an seiner Macht teilhaben zu lassen.

Nun sprach der neue Fürst aus einem andern Tone:
Er gürtete sein Haupt mit einer Eichenkrone,
Enthob Tribut, und wer ihm widerstand,
Fiel als Rebell in seine Pranke.

  • Kaum hat der Löwe die Macht,
  • spricht er anders,
  • setzt sich eine Krone auf,
  • führt Steuern ein
  • und unterdrückt alle, die Widerstand leisten.

Der Tiger und der Fuchs, der Wolf, der Elefant
Ergaben sich aus List, und jeder ward zum Danke
Zum königlichen Rat ernannt.
Jetzt halfen sie dem Chan die schwächern Tiere hetzen,
Bekamen ihren Teil an den erpressten Schätzen,
Und raubten endlich trotz dem Chan.

  • Hier geht es um andere starke Tiere, die klug genug sind, bei diesem Spiel mitzumachen.
  • Erst helfen sie dem Löwen-Herrscher
  • und werden entsprechend belohnt.
  • Später beteiligen sie sich eigenmächtig an Raubzügen gegenüber den anderen Tieren.

Ha, rief das arme Volk mit tiefgesenkten Ohren
Und mit geschundner Haut, was haben wir getan! –

  • Zu spät kommt die Erkenntnis im Volk an, dass sie einen Fehler gemacht haben.

Allein der Freiheit Kranz war nun einmal verloren,
Der Löwe war und blieb Tyrann;
Er ließ von jedem Tier sich stolz die Pfote lecken,
Und wer nicht kroch, der musste sich verstecken.

  • Am Ende stellt eine Art Erzähler fest, dass es jetzt zu spät ist.
  • Am Ende wird beschrieben, wie die Unterwerfung unter den Löwen-Herrscher praktisch aussieht, ein Ritual der Demütigung.
  • Die letzte Zeile gehört denen, die da nicht mitmachen wollen, die müssen sich verstecken, weil sie sonst bestraft oder gar ausgeschaltet werden, wie es sich weiter oben schon angedeutet hat.

Aussagen der Fabel

Die Fabel zeigt,

  1. dass es grundsätzlich die Möglichkeit gibt, sich in einer Republik selbst zu regieren,
  2. dass aber innerer Streit zu Anarchie (allgemeiner Gesetz- und Schutzlosigkeit) führen kann,
  3. dass das von einem Starken genutzt werden kann,
  4. der zunächst bescheiden bleibt und nur Schutz verspricht,
  5. der dann aber nach Übertragung der Macht umschaltet auf Eigennutz und Unterdrückung,
  6. dass andere sich an ihn hängen und ihm bei der Unterdrückung helfen,
  7. sich dann aber noch zusätzlich bereichern,
  8. dass am Ende beim Volk die Einsicht kommt, dass da was schief gelaufen ist,
  9. dass es dann aber zu spät ist
  10. und am Ende nur die Optionen Unterwerfung oder Vernichtung drohen.