Analysieren und interpretieren – was ist der Unterschied? (Mat1825)

Worum es hier geht

Viele Schülerinnen und Schüler haben Schwierigkeiten mit der Unterscheidung von Analyse und Interpretation. Leider gibt es da auch keine eindeutige Abgrenzung – aber wir zeigen, wie man für sich selbst am besten unterscheiden kann.

Zunächst ein Schaubild

Das Schaubild zeigt, dass ein ganz normaler Fetenbesuch die gleiche Abfolge von Analyse und Interpretation enthält, wie das auch bei einem Gedicht funktioniert.

Wer sich dieses Schaubild in einem Video erklären lassen will, der findet das unter der folgenden Adresse auf YouTube.
https://youtu.be/VsP5T-3KJrI

Keine eindeutige Definition

Grundsätzlich sind die beiden Begriffe „analysieren und interpretierennicht eindeutig definiert und werden dementsprechend auch häufig für die gleiche Sache verwendet.

Eine Unterscheidung kann aber hilfreich sein – deshalb schauen wir uns beide Begriffe genauer an.

Die Analyse

Am besten geht man vom allgemeinen Sprachgebrauch aus. Hier hilft die Chemie: Wenn man dort eine Substanz analysiert, zerlegt man sie in ihre Bestandteile und bestimmt diese.

So ähnlich geht man auch bei der Analyse eines Textes vor:

Schritt 1 – Eigenart und Kontext bestimmen

Man bestimmt die Eigenart des Textes und seinen Kontext.

Beispiel: „Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Kurzgeschichte von Ben Mustermann mit dem Titel ‚So schön können Geschichten sein‘ aus dem Jahr 2014.“

Schritt 2 – Details zu Inhalt und Gestaltung

Dann geht man auf die Details ein: Inhalt und Gestaltung werden genau beschrieben.

Beispiel: Die Geschichte beginnt mit einem Gespräch am Abendbrottisch, in dem der 15-jährige Nick über den Deutschunterricht schimpft, weil er nicht weiß, was „das ganze ausgedachte Zeugs“ eigentlich soll. Sein Vater tut anschließend so, als würde er gar nicht darauf eingehen, und erzählt stattdessen, was er angeblich in der Firma erlebt hat – so anschaulich, dass Nick richtig mitgerissen wird und am Ende feststellt: „Du erlebst wenigstens was – was wäre ich froh, wenn ich die Schule hinter mir hätte.“

Der Höhepunkt ist dann der Satz des Vaters: „Weißt du, ich hatte heute eigentlich auch einen langweiligen Tag – erst als ich mir diese Geschichte ausgedacht …“ Besonders wirkungsvoll ist die lange Pause, die er an dieser Stelle macht, bis es bei Nick endlich Klick macht. Erst will er wütend werden, dann aber versteht er, warum sein Vater das gemacht hat.

Schritt 3 – Aussage und Intention

Schließlich fragt man nach der Aussage bzw. der Intention des Textes.

Beispiel: Die Geschichte zeigt zum einen, wie selten es in der Schule gelingt, Schülerinnen und Schülern ein wirkliches Verständnis von dem zu vermitteln, was sie tun sollen. Zum anderen zeigt sie, welche Bedeutung die Fantasie hat und wie sehr sie das Leben bereichern kann.

Schritt 4 – Sprachliche Mittel zusammenfassend prüfen

Meistens wird abschließend noch einmal zusammenfassend geprüft, mit welchen sprachlichen Mitteln die Aussage im Text unterstützt wird – etwa durch die eben angesprochene Pause oder vorher durch den scheinbaren Übergang zu einer realen Erlebnisgeschichte.

Damit ist die Analyse abgeschlossen. Das Besondere: Hier sollten im Prinzip alle zum gleichen Ergebnis kommen – alles bezieht sich auf den Text selbst. Über unterschiedliche Ergebnisse kann und soll diskutiert werden.

Natürlich kann man auch analysieren, inwieweit die Kindheit des Autors oder seine politische Meinung in einem Gedicht oder Roman „durchscheinen“.

Die Interpretation

Auch hier sollte man vom allgemeinen Sprachgebrauch ausgehen.

Interpretieren heißt „auslegen“ – das ist ein altes Wort für das, was früher die Pfarrer mit der Bibel machten: Sie wendeten Textstellen auf die aktuelle Situation der Gläubigen an.

Das kann man auch mit einem literarischen Text machen. Wenn man ihn interpretiert, nutzt man die Ergebnisse der Analyse, um sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Ein Beispiel

Bei unserer kleinen ausgedachten Beispiel-Kurzgeschichte wäre ein solcher Zusammenhang zum Beispiel die Frage, inwieweit die Geschichte hilft, Probleme des Deutschunterrichts zu verstehen – vielleicht sogar Lösungen für Verbesserungen zu finden. Oder man nutzt die Geschichte, um ein tieferes Verständnis von Literatur zu erreichen, und fragt nach weiteren „Vorteilen“ von Literatur überhaupt.

Die große Interpretation: philosophische Fragen

Häufig kann man von der Literatur aus auch übergehen zu grundsätzlichen philosophischen Fragen. Das lässt sich schön am Beispiel von Kafka zeigen: Dessen kurze Geschichten sind so fremdartig und seltsam, dass man sie einfach als Bild für die Existenz des Menschen nehmen kann. Andere interpretieren sie in einem religiösen Zusammenhang – die einen beziehen sie auf das Christentum, andere auf das Judentum, und sicher lassen sich Texte von Kafka auch in einen islamischen Kontext stellen.

Die kleine Interpretation: schwierige Textstellen

Neben dieser „großen“ Interpretation gibt es noch die „kleine“. Sie taucht auf, wenn man an schwierige Stellen kommt, die man nur mit dem Text selbst nicht erklären kann. Dann muss man auf die eigene Erfahrung zurückgreifen – und die ist bei Menschen verschieden. Dementsprechend unterschiedlich fällt auch das Verständnis einer solchen Textstelle aus.

Langer Rede kurzer Sinn

  1. Es gibt keine verbindliche Definition.
  2. Es lohnt sich aber, beide Begriffe zu unterscheiden.
  3. Die Analyse ist der erste Schritt im Umgang mit einem Text: Man schaut ihn sich genau an, zerlegt ihn und bestimmt die Einzelheiten von Inhalt und Form.
  4. Die Interpretation geht über die Analyse hinaus und stellt ihre Ergebnisse in einen größeren Bedeutungszusammenhang.
  5. Wichtig: Bei der Analyse sollte am Ende bei allen das gleiche Ergebnis stehen – gegebenenfalls nach längerer Auseinandersetzung. 😉
  6. Bei der Interpretation hat man mehr Spielräume – bis hin zur Anwendung eines Textes auf das eigene Leben oder das Leben der eigenen Gruppe.

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