Zunächst ein Schaubild zum Unterschied

Keine eindeutige Definition

  1. Grundsätzlich sind die beiden Begriffe nicht eindeutig definiert und werden dementsprechend auch häufig für die gleiche Sache verwendet.
  2. Die Unterscheidung kann aber hilfreich sein. Beginnen wir mit der Analyse.
    1. am besten geht man vom allgemeinen Sprachgebrauch aus.
    2. Hier hilft die Chemie: Wenn man dort eine Substanz analysiert, zerlegt man sie in die Bestandteile und bestimmt diese.
    3. So ähnlich geht man auch bei der Analyse eines Textes vor:
      • Man bestimmt seine Eigenart und seinen Kontext,
        Beispiel: „Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Kurzgeschichte von Ben Mustermann mit dem Titel „So schön können Geschichten sein“ aus dem Jahr 2014.
      • geht dann auf die Details ein im Hinblick auf Inhalt und Gestaltung.
        Beispiel: Die Geschichte beginnt mit einem Gespräch am Abendbrottisch, in dem der 15jährige Nick über den Deutschunterricht schimpft, weil er nicht weiß, was „das ganze ausgedachte Zeugs“ eigentlich soll.
        Sein Vater tut anschließend so, als würde er gar nicht darauf eingehen, indem er erzählt, was er angeblich am in der Firma erlebt hat. Das geschieht auf eine so anschauliche Weise, dass Nick richtig mitgerissen wird und am Ende feststellt: „Du erlebst wenigstens was – was wäre ich froh, wenn ich die Schule hinter mir hätte.“
        Der Höhepunkt der Geschichte ist dann der Satz des Vaters: „Du ich hatte heute eigentlich auch einen langweiligen Tag – erst als ich mir diese Geschichte ausgedacht …“ Besonders wirkungsvoll ist die lange Pause, die er an dieser Stelle macht, bis es bei Nick endlich Klick macht.
        Erst will er wütend werden, dann aber versteht er, warum sein Vater das gemacht hat.
      • Schließlich fragt man nach der Aussage bzw. der Intention des Textes.
        In diesem Falle zeigt die Geschichte zum einen, wie selten es in der Schule gelingt, Schülern ein wirkliches Verständnis von dem, was sie tun sollen, zu vermitteln.
        Zum anderen zeigt sie, welche Bedeutung die Fantasie hat und wie sehr sie das Leben bereichern kann.
      • Meistens wird jetzt noch einmal zusammenfassend geprüft, mit welchen sprachlichen Mitteln diese Aussage im Text unterstützt wird – etwa durch die eben angesprochene Pause oder vorher durch den scheinbaren Übergang zu einer realen Erlebnisgeschichte.
      • Damit ist die Analyse abgeschlossen. Jetzt beginnt der Bereich der Interpretation, auf den wir weiter unten eingehen.
    4. Das Besondere ist, dass hier eigentlich alle zum gleichen Ergebnis kommen müssten. Auf jeden Fall kann über unterschiedliche Ergebnisse diskutiert werden. Alles bezieht sich auf den Text selbst.
    5. Natürlich kann man auch analysieren, inwieweit die Kindheit des Autors oder seine politische Meinung in einem Gedicht oder einem Roman „durchscheinen“.

Nun zur Interpretation.

    1. Auch hier sollte man vom allgemeinen Sprachgebrauch ausgehen.
    2. Interpretieren heißt „auslegen“ – das ist ein altes Wort für das, was früher die Pfarrer mit der Bibel machten. Sie wendeten Textstellen aus ihr auf die aktuelle Situation der Gläubigen an.
    3. Das kann man auch mit einem Text machen. Wenn man ihn interpretiert, dann nutzt man die Ergebnisse der Analyse, um sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
    4. Bei unserer kleinen ausgedachten Beispiel-Kurzgeschichte wäre ein solcher Zusammenhang zum Beispiel die Frage, inwieweit die Geschichte hilft, Probleme des Deutschunterrichts in der Schule zu verstehen, vielleicht auch Lösungen für Verbesserungen zu finden. Oder aber man nutzt die Geschichte, um ein tieferes Verständnis von Literatur zu erreichen und fragt von daher dann auch nach anderen „Vorteilen“ von Literatur.
    5. Häufig kann man von der Literatur aus auch übergehen zu grundsätzlichen philosophischen Fragen: Das kann man schön am Beispiel von Kafka zeigen. Dessen kurze Geschichten sind so fremdartig, seltsam, dass man sie zum Beispiel einfach als Bild für die Existenz des Menschen nehmen kann. Andere interpretieren sie in einem, religiösen Zusammenhang – die einen beziehen sie auf das Christentum, andere auf das Judentum – und sicher kann man Texte von Kafka auch in einen islamischen Zusammenhang stellen.
    6. Noch eine Ergänzung:  Neben dieser „großen“ Interpretation gibt es noch die „kleine“. Die tauchtd auf, wenn man an schwierige Stellen kommt, die man nur mit dem Text nicht erklären kann. Dann muss man auf seine Erfahrung zurückgreifen – und die ist bei Menschen unterschiedlich. Dementsprechend unterschiedlich ist auch das Verständnis einer solchen Textstelle.

 

Also: Langer Rede kurzer Sinn:

    1. Es gibt keine verbindliche Definition.
    2. Es lohnt sich aber beide Begriffe zu unterscheiden.
    3. Die Analyse ist der erste Schritt des Umgangs mit einer Sache, im Deutschunterricht: mit einem Text. Man schaut ihn sich genau an, zerlegt ihn und bestimmt die Einzelheiten von Inhalt und Form.
    4. Die Interpretation geht dann über die Analyse hinaus und stellt ihre Ergebnisse in einen größeren Bedeutungszusammenhang.
    5. Wichtig ist: Bei der Analyse sollte eigentlich am Ende bei allen das gleiche Ergebnis stehen – ggf. nach längerer Auseinandersetzung 😉
    6. Bei der Interpretation hat man mehr Spielräume – bis hin zur Anwendung eines Textes auf das eigene Leben oder zum Beispiel das Leben der eigenen Gruppe (Schüler z.B.)