Zu dem Drama „Kunst“ von Yasmina Reza

Im Folgenden geht es um den Anfang des Dramas „Kunst“ von Yasmina Reza.
Die hier besprochenen Teile findet man in einer Leseprobe des Hanser-Verlags: hier
 
Das Schaubild gibt einen Überblick über die Stationen der dramatischen und kommunikativen Entwicklung in dem kurzen Auszug.

Ein Schaubild zur dramatischen und kommunikativen Entwicklung

  1. Seltsamer Erzähl-Einstieg in das Drama – eine Art Info-Monolog.
  2. Betrachtun g und Gefühle, Priorität auf dem Marktwert
  3. Vermischung von richtiger Betrachtung und Namen-Wert (Name des Künstlers)
  4. Marc: Irritation -> beleidigender Bewertung: „Scheiße“
  5. Serge: Irritation und Ingineurs-Erklärung (keine Ahnung von moderner Kunst)
  6.  Nachfrage von Serge führt bei Marc zu ironischer Pseudo-Wendung (nicht ernst gemeintes Lob)
  7. Serge-Kommentar: Kritik des Fachmanns am Normalbetrachter von Kunst
  8. Verstärkung der Konfrontation: Vorwurf der Ahnungslosigkeit
  9. Abschluss-Monolog Serges: „Ich hasse dieses Lachen.“
  10. Insgesamt: Konfrontation von Kunst-Fachlichkeit und Markt- bzw. Geldinteresse
  11. und „gesundem Menschenverstand“ und Taktlosigkeit

Detail-Analyse der einzelnen Entwickungsschritte

  1. Der ungewöhnliche Beginn des Dramenausschnitts:
    Als erstes muss festgestellt werden, dass diese Szene sehr ungewöhnlich beginnt, nämlich mit einem völlig unmotivierten Dialog. Das hätte ausgespielt werden können und eigentlich auch müssen. Daraus könnte man eine interessante Aufgabe machen, die Überflüssigkeit dieses Erzähler-Monologs nachzuweisen.
  2. Bei der zweiten Szene gibt es auch dann schon wieder eine etwas seltsame Regiebemerkung, in der von Gefühlen gesprochen wird, die aber nicht wirklich angewiesen werden. Das könnte man allerdings dann aus dem folgenden Text entwickeln.
  3. Das Problem von Kunstwerk und Kunstbetrieb
    Deutlich ist anschließend natürlich die Kritik am Kunstbetrieb, die offensichtlich auf hinausläuft, dass es wirklich nur um Markt geht, also um Zuschreibungen und nicht um wirkliche künstlerische Wertzuschreibungen.
  4. Grundsätzlich in eine richtige Richtung geht dann die Passage, in der Marc aufgefordert wird, das Bild aus einer bestimmten Perspektive zu betrachten. Das wird aber nicht weiter ausgeführt, könnte dem Bild aber durch aus einen gewissen künstlerischen Wert geben, der sich eben auch an Kriterien festmachen ließe.
  5. Bewertung von Kunst zwischen „gesundem Menschenverstand“ und „Expertentum“
    Anschließend kommt es zu einer Art kommunikativen Explosion, wenn Marc angesichts des Preises, der ihm genannt wird, von einem Stück „Scheiße“ spricht. Interessant ist allerdings, dass Serge vorher etwas Wichtiges auf der Beziehungsebene gesagt, nämlich dass er Marc eigentlich für zu dumm hält, um dieses Bild zu begreifen.
  6. In dem darauf folgenden Monolog präsentiert Serge diesen Gedanken der zu wenig fachlichen Einstellung etwas genauer. Außerdem wird hier ein Gegensatz aufgemacht zwischen den angeblich eher kunstunverständigen Ingenieuren und den Kunstliebhabern.
  7. Der Begriff der Arroganz trifft nicht so ganz, wie sich bald herausstellt, weil nämlich offensichtlich hier eher gesunder Menschenverstand und ein mögliches „Fachidiotentum“ aufeinanderstoßen. Unter diesem etwas hart klingenden Begriff ist nichts anderes zu verstehen als so viel Beschäftigung mit dem eigenen Fach, dass man den Bezug zum normalen Leben und seinen Spielregeln und Gesetzmäßigkeiten verliert.
  8. Von der unterschiedlichen Sacheinschätzung zum Beziehungsstress
    Interessant ist die Szene danach, in der die Betroffenheit von Serge auf den wohl gutgemeinten Versuch eines Rückzugs bzw. eine Beschwichtigung von seiten Marcs trifft. Dabei übertreibt Marc aber in Richtung Ironie, was Serge dann regelrecht „versteinert“ sein lässt, eine Bezeichnung für äußerste Irritation.
  9. Nicht ganz konsequent ist, dass Serge anschließend seine Irritation nicht auf die Ironie und den damit verbundenen nur scheinbaren Meinungswechsel bezieht, sondern auf den ursprünglichen Verstoß gegen die guten Sitten, indem im Hinblick auf das von ihm teuer gekaufte Kunstwerk von „Scheiße“ geredet wurde.
  10. Jetzt ist es erstaunlicherweise Marc, der das Gefühl hat, dass man sich über ihn lustig macht. Der Hintergrund ist wohl, dass er in einer völligen Selbstverständlichkeit lebt, nämlich der des gesunden Menschenverstandes.
  11. Serge spielt anschließend die Ebene des Fachwissens weiter aus, indem er nach dem Wertmaßstab fragt, der die Grundlage dieses Urteils war.
  12. An dieser Stelle hört das Verständnis bei Marc völlig auf, so dass er nur die Frage stellen kann, mit wem Serge eigentlich spreche. Offensichtlich ist er nun wiederum empört, dass sein scharfes Urteil nicht nachvollzogen werden kann. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass Serge gar nicht behauptet hat, dass es sich um ein gutes Bild handet, sondern nur vom Marktwert gesprochen hat. Da ist ein großer Widerspruch in der Argumentation von Serge. Denn ohne klare Abgrenzung vermischt er eine Marktfrage mit einer Qualitätsfrage, was zeitgenössische Malerei angeht.
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  13. Abschließende Beurteilung des Auszugs aus dem Theaterstück
    Insgesamt wird deutlich, dass Serge nur seine Maßstäbe gelten lässt und die des gesunden Menschenverstandes in keiner Weise gelten lässt.
  14. Marc antwortet darauf mit einer Wiederholung seines maximal beleidigenden Urteils.
  15. Am Ende haben wir einen Monolog von Serge, in dem er zunehmend massiver werdende negative Bewertungen  des Charakters und des Verhaltens von Marc raus lässt, was am Ende in Hass und Verachtung mündet.
  16. Insgesamt ein Theater-Ansatz, der den Unterschied zwischen normalem Alltagsdenken und einem künstlich aufgeladenen Denken deutlich werden lässt.
  17. Interessant ist dabei allerdings, dass die Seite der angeblichen Kunstliebhaber sich mehr auf Marktfragen als auf Qualitätsfragen konzentriert.
  18. Das unterminiert natürlich den an sich richtigen Ansatz, dass es verschiedene Bewertungsebenen gibt und bei Kunstliebhabern eben andere Gesetze herrschen als bei Leuten, die nur auf den gesunden Menschenverstand setzen.

Arbeitsanregungen:

  • Überlege, wie man den seltsamen Anfangsmonolog von Marc in eine normale Theater-Eröffnungs-Szene umwandeln könnte.
    • Marc besucht Serge.
    • Sieht das Bild zum ersten Mal.
    • Fragt nach.
    • Dann kommen die Infos und das Gespräch kann so weiterlaufen.
    • Bleibt die Frage, warum die Autorin des Stückes am Anfang so „untheatralisch“ im herkömmlichen Sinne vorgeht.
  • Führe näher aus, was gemeint ist, wenn Serge nach  Marcs Ironie-Versuch „versteinert“ erscheint.
  • „SERGE: Du interessierst dich nicht für die zeitgenössische Malerei, du hast dich nie dafür interessiert Du hast nicht die geringste Kenntnis auf diesem Gebiet, wie kannst du also behaupten, ein bestimmter Gegenstand, der Gesetzen gehorcht, von denen du nichts weißt, sei eine Scheiße?“
    Wie könnte Marc hier reagieren, so dass durchaus eine freundschaftliche Verständigung möglich wäre?
    Etwa indem er erklärt, dass er eben vom „common sense“, dem gesunden Menschenverstand ausgeht. Daraus könnte eine interessante Diskussion der Frage entstehen, ob ein scheinbarer normaler Gegenstand wie dieses weiße Gemälde, das man vielleicht auch aus einer Wand hätte herausbrechen können, dadurch zu Kunst wird, dass es ein anerkannter Künstler hergestellt hat.
  • Man könnte Schüler auch bitten, ihre Kunstlehrer zu der Problematik zu befragen.

Anwendung der Kommunikationsmodelle auf den Auszug aus dem Theaterstück

Schritt 1:
Schulz von Thun:
  1. Sachebene
    • Der ganze Anfangsmonolog von Marc, gerichtet an den Zuschauer bzw. Leser, gehört zur Sachseite, weil einfach berichtet wird.
    • Der Ingineurs-Monolog
      „SERGE: Mein Freund Marc, ein intelligenter Junge, den ich seit Langem schätze …“
      Hier erfahren wir einiges über Marc, aber auch über die geistigen Auseinandersetzungen zwischen „der guten alten Zeit“ und der „Moderne“.
    • „SERGE: Keineswegs. Diese Scheiße“, verglichen womit? Wenn man sagt, dies oder jenes ist eine Scheiße, muss man doch einen Wertmaßstab haben, um darüber urteilen zu können.“
      Auch hier wird wieder deutlich, wie geduldig sich Serge um Aufklärung bemüht, indem er auf einen nachvollziehbaren Prüfpunkt hinweist.
    • „SERGE: Du interessierst dich nicht für die zeitgenössische Malerei, du hast dich nie dafür interessiert Du hast nicht die geringste Kenntnis auf diesem Gebiet, wie kannst du also behaupten, ein bestimmter Gegenstand, der Gesetzen gehorcht, von denen du nichts weißt, sei eine Scheiße?“
      Auch hier wird deutlich, wie sehr Serge sich um Sachlichkeit bemüht, indem er alles aufzählt, was Marc bedenken und wozu er Position beziehen könnte.
  2. Appellseite
    • „SERGE: Du stehst dort nicht richtig. Betrachte es von hier aus. Siehst du die Linien?“
      Wenn Serge Marc auffordert, das Bild aus der richtigen Perspektive zu betrachten.
    • „SERGE: Na?“
      Hierin steckt nicht nur die Aufforderung, was zu sagen, sondern auch, sich zu positionieren.
  3. Beziehungsseite
    • Wenn Marc kritisch nachfragt, was den Kauf des Bildes für soviel Geld angeht. Letztlich hätte er auch sagen können: „Bist du so bescheuert, dass du …“
    • SERGE: Ich war sicher, dass du das nicht begreifen würdest.
      Hier werden seine Vor-Urteile deutlich.
    • „MARC: Hast du für diese Scheiße wirklich zweihunderttausend Francs bezahlt?!“
      Hier zeigt sich ein gewisses Entsetzen über eine Seite des Freundes, die er noch nicht kannte.
      Auch zeigt sich Unverständnis.
    • „SERGE: (nach einiger Zeit) Wie kannst du sagen diese Scheiße“?“
      Hier wird deutlich, dass Serge an der Klärung dieser offensichtlichen Beziehungsstörung interessiert ist.
    • MARC: Serge, ein wenig Humor! Lach! … Lach schon, alter Junge, ich finde es einfach großartig, dass du dieses Bild gekauft hast! Marc lacht. Serge steht da wie versteinert.
      Hier wird ein Maximum an gegenseitigem Nichtverstehen sichtbar, was bei Serge zu einer extremen Reaktion führt, nämlich Versteinerung. Es lohnt sich, diesen Begriff genauer zu beleuchten: Er ist handlungsunfähig, für einen Moment setzt das normale Leben aus.
    • „SERGE: Dass du diesen Kauf großartig findest, wunderbar, dass du darüber lachen musst, schön, aber ich möchte wissen, was du mit diese Scheiße“ meinst
      MARC: Du machst dich wohl über mich lustig!“
      Serge möchte eine echte Erklärung, bemüht sich also noch um Ausgleich. Dann zeigt sich, dass Marc so wenig Verständnis für die Gegenseite hat, dass er auf die schlechtestmögliche Weise reagiert, indem er Serge fragt, ob er seine ernste Nachfrage überhaupt ernst meint.
    • „MARC: … Es ist eine Scheiße. Entschuldige bitte.“
      Hier wird ein wohl nicht ausreichendes Minimum an Bemühen um Entspannung deutlich.
  4. Selbstkundgabe
    • „MARC: Wer ist das?“
      Dies ist eine sehr deutliche Selbstkundgabe – aber wahrscheinlich ist Marc gar nicht bewusst, dass er damit anfängt, eine Grundlage für die spätere Verachtung seiner Person und seines Urteils durch den Freund zu legen.
    • „SERGE: Weil die Kunsthändler daran interessiert sind, an Privatleute zu verkaufen. Der Markt muss in Bewegung bleiben.“
      Ebenfalls liegt eine – allerdings stärker versteckte Selbstkundgabe vor, wenn Serge erklärt, warum die Kunsthändler vor allem an Privatleute verkaufen wollen oder sogar müssen, damit der Markt in Bewegung bleibt.
    • „MARC: Hast du für diese Scheiße wirklich zweihunderttausend Francs bezahlt?!“
      Hier zeigt sich die Bereitschaft zu radikalen Äußerungen, Verzicht auf jedes Bemühen, den anderen bzw. die Problematik zu verstehen.
    • „SERGE: Mein Freund Marc, ein intelligenter Junge, den ich seit Langem schätze, gute Position, Ingenieur in der Aeronautik, gehört zu diesen neuen Intellektuellen, die sich nicht allein damit begnügen können. Feinde der Moderne zu sein, sondern die sich unbegreiflicherweise auch noch etwas darauf einbilden. „
      Hier verrät Serge einiges über seine Ansichten, aber auch eine gewisse Schwarz-Weiß-Malerei – und dass er die Gegenseite genauso wenig versteht wie Marc ihn und seine Position.
    • „SERGE: (nach einiger Zeit) Wie kannst du sagen diese Scheiße“?“
      Hier wird deutlich, dass Serge nicht schon an dieser Stelle das Gespräch abbricht und den Freund aus dem Haus wirft, sondern doch zumindest etwas Interesse an Erklärung hat. Das hängt auch wohl mit seiner inneren Situation zusammen.
    • „MARC: Serge, ein wenig Humor! Lach! … Lach schon, alter Junge, ich finde es einfach großartig, dass du dieses Bild gekauft hast! Marc lacht. Serge steht da wie versteinert.“
      Hier wird deutlich, dass Marc überhaupt nicht begriffen hat, was er mit seinem brutalen Urteil angerichtet hat. Er glaubt, jetzt mit einem Witz bzw. mit Ironie davonzukommen.
    • „MARC: Mit wem sprichst du? Mit wem sprichst du im Augenblick? Huhu!…“
      Geradezu entlarvend ist hier, wie wenig Marc überhaupt begreift, dass es andere Vorstellungen geben kann als die, die er hat.
    • „MARC: … Es ist eine Scheiße. Entschuldige bitte.“
      Hier wird deutlich, wie wenig Marc begreift – sowohl auf der Sachebene als auch auf der Beziehungsebene.
    • „SERGE: Er mag dieses Bild nicht Schön… Keine Zärtlichkeit in seinem Verhalten. Kein Bemühen. Keine Zärtlichkeit in seiner Art zu verurteilen. Ein selbstgefälliges, perfides Lachen. Ein Lachen, das alles besser weiß als alle anderen. Ich hasse dieses Lachen.“
      Hier wird noch einmal deutlich, wieviel positiver Serges Verhalten ist als das von Marc. Er differenziert, verurteilt eben nicht alles, was von Marc kommt.
      Er macht dann aber auch deutlich, was ihn an seinem wohl Ex-Freund stört
      und steigert sich dann in das negativste Gefühl gegenüber Marc hinein, das es überhaupt gibt: Hass, was in diesem Falle ein Ergebnis eines Gefühls des Verletztseins ist.
Watzlawick:
1. Man kann nicht nicht kommunizieren!“
  • Das zeigt sich besonders in der Regieanweisung des zweiten Szenenelements:
    „Serge betrachtet Marc, der das Bild betrachtet. Eine lange Zeit, in der alle Gefühle wortlos zum Ausdruck kommen.“
  • Aber auch an vielen anderen Stellen wird nicht über das gesprochen, was die beiden Figuren wirklich bewegt.
    Serge hätte zum Beispiel deutlich machen können, dass  Marcs Urteil ihn verletzt hat.
    Der hätte sich dann dafür entschuldigen können.
    usw.

2. Inhalts- und Beziehungsaspekt:

  • Wird hier im gesamten Gespräch deutlich, wenn auch unterschiedlich stark an den einzelnen Stellen. Erstaunlich, wie sehr Serge den Beziehungsaspekt versucht, ins Positive zu wenden, indem er mit der Beleidigung sehr sachlich umgeht.

3. Ursache und Wirkung

  • Man merkt hier deutlich, dass beide von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen: Serge ist zumindest etwas Fachmann, Marc reagiert einfach als Mensch, der weder Ahnung noch Durchblick hat.
4. analoge und digitale Modalitäten
  • Serge versucht in seiner differenzierenden Sachlichkeit eine entsprechende „digitale“ Brücke zu bauen.
  • Bei Marc geht es stark ins Analoge, indem er seine Gefühle einfach ungehemmt raushaut.

5. Symmetrisch und komplementär

  • Wenn Marc auf Serge eingegangen wäre, hätte das symmetrisch laufen können,
  • vor allem, wenn Serge dann auch Gelegenheit bekommen hätte, seine Vorurteile gegenüber den angeblichen Feinden der Moderne etwas zu relativieren.