Das Kernthema der Kurzgeschichte: Veränderung

In der Kurzgeschichte „Alles wie immer“ geht es um die Kernfrage des Lebens überhaupt, nämlich die Veränderung. Erst wenn nicht mehr alles so eintritt, wie man es erwartet und wie es vorausberechnet wurde, lohnt es sich, an diesem Leben teilzunehmen.

Zu finden ist die Geschichte u.a. auf einer Seite von Zeit online:
https://www.zeit.de/online/2007/48/sibylle-berg-aufwachen
  1. Die Kurzgeschichte beginnt mit einer Situation, die die meisten Menschen kennen, nämlich, dass sie aufwachen und noch nicht aufstehen mögen. Der Grund dafür ist aber nicht Müdigkeit, sondern das Gefühl, dass alles so ist wie immer.
  2. Im zweiten Abschnitt wird dann auch genannt, worunter die Hauptfigur leidet, nämlich unter Langeweile. Alles, was an einem normalen Tag folgt, hat sie morgens schon hinter „dem geschlossenen Auge“.
  3. Anschließend wird der weitere Ablauf schon mal vorausgeschaut: „Die Frau folgt dem Weg wie auf dem Gefängnishof…“
  4. Dann ein besonders hübscher Einfall: Am liebsten wäre sie in einem Café und würde anderen Leuten zuschauen, „die an ihrer Stelle in ihr Leben gehen.“
  5. Die Realität ist dann ein ganz normaler Berufsalltag, dessen Tätigkeiten nicht als sinnvoll empfunden werden – allerdings aus einer sehr egoistischen Perspektive. Diese Frau denkt nur daran, „dass der Chef reich wird“ – dass er sie von seinem Reichtum zumindest auch mitbezahlt, spielt keine Rolle. Hier verliert die Geschichte etwas an Niveau – echtes Problembewusstsein zeigt sie nicht, stattdessen reines Ressentiment.
  6. Die Mittagspause bringt dann Abwechslung – zumindest ein bisschen Fantasie bringt Erholung.
  7. Dann die Rückkehr nach Hause und die Rückkehr in die Aufwach-Realität. Nur die Angst treibt die Frau dann wirklich aus dem Haus – interessanterweise nicht vor dem Rauswurf aus der Firma, sondern die Angst vor dem Sterben – aus Langeweile.
  8. Dann wird es spannend: Auf dem wirklichen Weg stellt die Frau plötzlich im Bereich des Cafés fest, dass sie keine Schuhe an den Füßen hat. Die werden damit zum Symbol der Unnatürlichkeit eines solchen modernen Arbeitslebens. Jetzt kann diese Frau endlich wieder Mensch sein – sogar eine Königin, indem sie den roten Stuhl besteigt: „der ist wie ein Thron“. Dazu kommt: „sie dreht das Gesicht der Sonne zu“, der Instanz, die allem Leben auf der Erde Energie gibt und damit die Möglichkeit der Veränderung.
  9. Dementsprechend endet die Geschichte mit einem Gefühl der Wärme und einem Lächeln.
  10. Dazu kommt der entscheidende Schlusspunkt: „und wenn ich weiß, wie es wird, wie jede Minute meines Lebens aussieht, denkt sie, dann muss ich doch nicht dabei sein.“

Zusammenfassung

  1.  Eine schöne Geschichte mit einer Wendung ins Romantische, d.h. die Vorstellung von der heilen Welt ohne moderne Arbeitszwänge – allerdings auch ohne jeden Realitätsbezug, denn wenn diese Frau im Lokal bleibt, nur weil sie sonst immer das Gleiche erlebt, wird sie bald kein Geld für den Kaffee mehr haben, ihre Wohnung verlassen und irgendwo verhungern.
  2. Das ist aber auch gar nicht die Aussage der Geschichte: Sie soll eigentlich zeigen, wohin es führt, wenn man zu sehr die auf den ersten Blick empfundene Wirklichkeit an sich heranlässt, statt sie zu gestalten oder zumindest an ihrer Gestaltung mitzuwirken. Vielleicht sollte diese Frau ihren Job aufgeben und in die Krankenpflege gehen, dann würde sie zumindest sehen, dass sie neben dem Ausleben ihrer Langeweile noch andere Menschen glücklich macht. Oder sie würde versuchen, selbst Chefin zu werden – und damit zumindest in einem größeren Maße Herrin ihres Schicksals – allerdings auch Empfängerin möglicher Schicksalsschläge, wenn plötzlich die Konkurrenz übermächtig wird oder man krank wird – ohne dass der Betrieb einfach von selbst weiterläuft.
  3. Insgesamt ist es eine sehr ungewöhnliche Kurzgeschichte, die nicht von ungefähr von Zeit online im Bereich der „Paar-Psychologie“ wie ein Sachtext präsentiert wird: „Sibylle Berg denkt über das Aufstehen am Morgen nach.“
  4. Dennoch hat der Text alles, was zu einer Kurzgeschichte gehört, einen direkten Einstieg, dann ein Ausriss aus dem ganz normalen Leben, der zumindest im Bewusstsein eine Wende bringt. Was daraus wird, wird nicht mehr erzählt. Nachdenklich macht die Geschichte auf jeden Fall – und das ist schon mal ein sehr guter Grund, um sich mit Literatur zu beschäftigen.