Sybille Berg, „Alles wie immer“ (Mat1814)

  • Ganz neu:
  • Wir stellen andere Kurzgeschichten zusammen, die vom Thema her zu dieser hier passen.
  • Hilfreich, wenn man ein Thema genauer erkunden will und Vergleiche anstellen will. Hier der Link zur Liste unten.

Das Kernthema der Kurzgeschichte: Veränderung

In der Kurzgeschichte „Alles wie immer“ geht es um die Kernfrage des Lebens überhaupt, nämlich die Veränderung. Erst wenn nicht mehr alles so eintritt, wie man es erwartet und wie es vorausberechnet wurde, lohnt es sich, an diesem Leben teilzunehmen.

Die Geschichte ist u.a. auf Zeit online zu finden:
https://www.zeit.de/online/2007/48/sibylle-berg-aufwachen

Eine Vorstellung der Geschichte in einfacher Sprache gibt es hier:
https://textaussage.de/sibylle-berg-alles-wie-immer-vorgestellt-in-einfacher-sprache

Schaubild mit Audio-Erklärung

Wir haben ein Schaubild zur Geschichte erstellt und in einer mp3-Datei erklärt. Beides findet man auf der folgenden Seite:
https://textaussage.de/mat1814-mp3

Vorstellung der Kurzgeschichte

  1. Die Kurzgeschichte beginnt mit einer Situation, die die meisten Menschen kennen: Man wacht auf und mag noch nicht aufstehen. Der Grund ist aber nicht Müdigkeit, sondern das Gefühl, dass alles so ist wie immer.
  2. Im zweiten Abschnitt wird genannt, worunter die Hauptfigur leidet: Langeweile. Alles, was an einem normalen Tag folgt, hat sie morgens schon hinter „dem geschlossenen Auge“.
  3. Anschließend wird der weitere Ablauf vorweggenommen: „Die Frau folgt dem Weg wie auf dem Gefängnishof …“
  4. Dann ein besonders einprägsamer Einfall: Am liebsten wäre sie in einem Café und würde anderen Leuten zuschauen, „die an ihrer Stelle in ihr Leben gehen.“
  5. Die Realität ist ein ganz normaler Berufsalltag, dessen Tätigkeiten nicht als sinnvoll empfunden werden – allerdings aus einer sehr egoistischen Perspektive. Dass der Chef sie von seinem Reichtum mitbezahlt, spielt keine Rolle.

    Hier verliert die Geschichte etwas an Niveau: echtes Problembewusstsein zeigt sie nicht, stattdessen reines Ressentiment.
  6. Die Mittagspause bringt Abwechslung – zumindest ein bisschen Fantasie bringt Erholung.
  7. Dann die Rückkehr nach Hause und zurück in die Aufwach-Realität. Nur die Angst treibt die Frau schließlich aus dem Haus – interessanterweise nicht die Angst vor dem Rauswurf, sondern die Angst vor dem Sterben aus Langeweile.
  8. Dann wird es spannend: Auf dem Weg stellt die Frau plötzlich fest, dass sie keine Schuhe an den Füßen hat. Diese werden damit zum Symbol der Unnatürlichkeit des modernen Arbeitslebens. Jetzt kann sie endlich wieder Mensch sein – sogar eine Königin, indem sie den roten Stuhl besteigt: „der ist wie ein Thron“. Dazu kommt: „sie dreht das Gesicht der Sonne zu“ – der Instanz, die allem Leben Energie gibt.
  9. Dementsprechend endet die Geschichte mit einem Gefühl der Wärme und einem Lächeln.
  10. Dazu kommt der entscheidende Schlusspunkt: „und wenn ich weiß, wie es wird, wie jede Minute meines Lebens aussieht, denkt sie, dann muss ich doch nicht dabei sein.“

Zusammenfassung und Bewertung

  1. Eine schöne Geschichte mit einer Wendung ins Romantische – der Vorstellung von einer heilen Welt ohne moderne Arbeitszwänge. Allerdings auch ohne jeden Realitätsbezug: Wenn die Frau im Lokal bleibt, weil sie sonst immer das Gleiche erlebt, wird sie bald kein Geld mehr für den Kaffee haben.
  2. Das ist aber auch gar nicht die eigentliche Aussage der Geschichte. Sie soll zeigen, wohin es führt, wenn man zu sehr die auf den ersten Blick empfundene Wirklichkeit an sich heranlässt, statt sie zu gestalten. Vielleicht sollte diese Frau ihren Job aufgeben und in die Krankenpflege gehen – dann würde sie sehen, dass sie neben dem Ausleben ihrer Langeweile noch andere Menschen glücklich machen kann.
  3. Insgesamt ist es eine sehr ungewöhnliche Kurzgeschichte, die nicht von ungefähr von Zeit online im Bereich „Paar-Psychologie“ wie ein Sachtext präsentiert wird: „Sibylle Berg denkt über das Aufstehen am Morgen nach.“
  4. Dennoch hat der Text alles, was zu einer Kurzgeschichte gehört: einen direkten Einstieg, einen Ausschnitt aus dem ganz normalen Leben, der zumindest im Bewusstsein eine Wende bringt. Was daraus wird, wird nicht mehr erzählt. Nachdenklich macht die Geschichte auf jeden Fall – und das ist schon ein sehr guter Grund, sich mit Literatur zu beschäftigen.

Kreativer Umgang mit der Geschichte

  • Mia fragt: „Was machen wir eigentlich mit dieser Geschichte, außer sie zu analysieren?“
  • Heißt „interpretieren“ nicht auch, so eine Geschichte auf unsere Situation zu beziehen.
  • Wer macht mit, den Kern der Geschichte mal auf unser Schulleben zu übertragen?
  • Ich habe schon mal die KI gefragt – Anregungen schaden nie.

Tipps von Claude.ai, die wir noch kommentieren werden

Wir machen das ganz gerne, dass wir an so einer Stelle eine Variante der künstlichen Intelligenz fragen, wie hier kreative Impulse wirken könnten

Uns kommt es dabei auf Transparenz an. Wir interessieren uns nämlich nicht nur für die Antworten der KI, sondern auch für die Frage, wie viel sie schon leisten kann und wie wir am Ende davon als Menschen auch noch profitieren können.

Variante A – Kurzer Impuls mit offener Frage (wie jetzt, nur schärfer)

Mia fragt: „Was macht ihr eigentlich, wenn morgens der Film des Tages schon hinter dem geschlossenen Auge läuft – und ihr noch nicht mal aufgestanden seid?“

  • Die Frau in der Geschichte lässt das Wunder zu – aber erst, als sie die Schuhe vergessen hat. Was wäre euer vergessener Schuh?
  • Schreibt einen kurzen Text: Welcher Moment hat euch heute schon überrascht – oder hätte es können?

Was uns dazu eingefallen ist:
Wie wäre es, wenn man unterwegs mal auf etwas achtet, was einen vielleicht nachdenklich macht?
Vielleicht kann man auch noch überlegen, wie man mir in einer bestimmten Stunde doch noch eine Nachfrage stellen kann.


Variante B – Vergleich mit eigener Situation (strukturierter)

Mia fragt: „Gilt das auch für unser Schulleben?“

Übertragung in 3 Schritten:

1. Wo erlebt ihr „Alles wie immer“?

  • Der gleiche Weg zur Schule
  • Die gleiche Sitzordnung im Klassenzimmer
  • Die gleiche Reihenfolge: Aufstehen – Bus – Klingel – Pause – Klingel – nach Hause

2. Was wäre euer „roter Stuhl“?

  • Ein Moment, der euch aus dem automatischen Ablauf herausholt
  • Etwas, das ihr einfach so tut – ohne Angst, ohne Schuhe

3. Was ist euer Vorteil gegenüber der Frau in der Geschichte?

  • Ihr habt noch keine 30 Jahre Berufsalltag hinter euch
  • Ihr könnt noch wählen, welchen Weg ihr einschlagt
  • Ihr habt Freunde um euch, die den gleichen Monotonie-Moment kennen

Aufgabe: Schreibt eine kurze Parallelgeschichte: „Mein Morgen – alles wie immer. Und dann …“


Variante C – Aktivitätsblock mit mehreren Möglichkeiten (für den Unterricht)

Mia fragt: „Was könnten wir mit dieser Geschichte anfangen, außer sie zu analysieren?“

Idee 1 – Weiterschreiben: Was passiert, nachdem die Frau auf dem roten Stuhl sitzt? Schreibt die Geschichte weiter – realistisch oder utopisch.

Idee 2 – Perspektivwechsel: Erzählt denselben Morgen aus der Sicht des Kollegen, der sie im Büro erwartet. Was sieht er?

Idee 3 – Umschreiben: Die Frau ist 17, geht zur Schule. Was ändert sich – was bleibt gleich?

Idee 4 – Selbstreflexion als Brief: Schreibt einen Brief an die Frau. Ihr habt noch Zeit, die sie nicht mehr hat. Was würdet ihr ihr raten?

Idee 5 – Diskussion: „Langeweile ist gefährlicher als Stress.“ Stimmt das? Und was schützt davor?


Variante D – Philosophische Zuspitzung (für stärkere Lerngruppen)

Mia fragt: „Was meint die Frau eigentlich mit dem letzten Satz?“

„…wenn ich weiß, wie es wird, wie jede Minute meines Lebens aussieht, dann muss ich doch nicht dabei sein.“

  • Ist das eine Form von Freiheit – oder eine Kapitulation?
  • Was ist der Unterschied zwischen Routine und Lebendigkeit?
  • Und: Kann man Überraschungen trainieren?

Weitere Kurzgeschichten zum Thema „Ausbruch“

  • Ganz neu:
  • Wir stellen andere Kurzgeschichten zusammen, die vom Thema her zu dieser hier passen.
  • Hilfreich, wenn man ein Thema genauer erkunden will und Vergleiche anstellen will.

In der Kurzgeschichte „alles wie immer“ von Sibylle Berg wird die lähmende Routine des Alltags als eine Art Gefängnishof beschrieben, aus dem die Protagonistin schließlich durch ein bewusstes „Nicht-Dabeisein“ und das Vergessen gesellschaftlicher Zwänge (Schuhe, Tasche, Angst) ausbricht.

Hier sind geeignete Vergleichstexte aus der Sammlung, die sich ebenfalls mit der Flucht aus einer beengenden Normalität beschäftigen:

1. Flucht in die Fantasie und Rollenspiele

Ähnlich wie in „alles wie immer“, wo der „Film des Tages“ innerlich abläuft, nutzen diese Charaktere ihre Vorstellungskraft, um der Unerträglichkeit ihres Lebens zu entkommen:

  • Sibylle Berg, „In Arizona geht die Sonne auf“: Der Protagonist fühlt sich in seinem bürgerlichen Leben (Anzug, Theater, Kunstbücher) wie ein „fremder Hund“ am Tisch. Seine Flucht findet im Auto statt: Sobald er am Steuer sitzt, verwandelt er sich innerlich in einen Cowboy in der Prärie. Das Auto wird zu seinem „Himmel allein“.
    https://textaussage.de/berg-arizona-sonne
  • Sibylle Berg, „Vera geht ins Büro“: Vera empfindet ihr Leben als „beschissen“ und den Weg ins Büro als sinnlos. Ihre Flucht ist eine Tagtraum-Idee über einen brasilianischen Multimillionär, der sie aus ihrem grauen Alltag rettet und auf seine Hacienda mitnimmt.

2. Der physische Ausbruch aus dem gewohnten Raum

Diese Geschichten zeigen den Moment, in dem jemand die Tür hinter sich schließt oder den vorgezeichneten Weg verlässt:

  • Walter Helmut Fritz, „Augenblicke“: Elsa fühlt sich durch die aufdringliche Fürsorge ihrer Mutter „behext, entsetzt, gepeinigt“. Ihr Ausbruch ist eine wortlose Flucht aus der Wohnung in die Stadt, wo sie stundenlang umherirrt und beschließt, sich eine eigene Wohnung zu suchen, um der Einengung zu entkommen.
    https://textaussage.de/5-min-tipp-walter-helmut-fritz-augenblicke
  • Sibylle Berg, „Bettina guckt so“: In einer erkalteten Beziehung sucht die Protagonistin Distanz. Ihr Fluchtmoment gleicht dem in „alles wie immer“ (barfuß im Café): Sie verlässt nachts die Wohnung und läuft im Bademantel und mit nackten Füßen die kalte Straße entlang, um sich wieder wie ein „urbaner Single“ zu fühlen.
  • Sibylle Berg, „Nacht“: Ein Mädchen und ein Junge entscheiden sich unabhängig voneinander, nach der Arbeit nicht nach Hause zu gehen, sondern auf einen Aussichtsturm zu steigen. Sie fliehen vor dem „Funktionieren“ der Stadtmenschen und wünschen sich am Ende, die Welt würde verschwinden, damit nur ihr gemeinsamer Moment bleibt.
    https://schnell-durchblicken.de/sibylle-berg-nacht

3. Radikale Veränderung der Wahrnehmung oder Identität

Manchmal ist die Normalität so erdrückend, dass nur ein radikaler Bruch mit der Realität hilft:

4. Die Verweigerung als Flucht

Annette Rauert, „Der Schritt zurück“: Ein Junge steht unter dem enormen Druck einer Masse, die von ihm verlangt, vom Zehn-Meter-Brett zu springen. Seine „Flucht“ aus dieser unangenehmen Situation ist die bewusste Entscheidung, nicht zu springen. Indem er den Schritt zurückgeht, befreit er sich vom Erwartungsdruck und gewinnt Achtung vor sich selbst.
https://textaussage.de/annette-rauert-schritt

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen: Während die Frau in „alles wie immer“ eine eher passive, meditative Form der Flucht durch das Café und die Sonne wählt, zeigen Texte wie „Arizona“ die Flucht in ein maskulines Heldenklischee und „Augenblicke“ die reale räumliche Trennung als notwendigen Befreiungsschlag. Gemeinsam ist allen Texten das Gefühl einer existentiellen Langeweile oder Einengung, die das Individuum beinahe erstickt.

Weitere Infos, Tipps und Materialien