Die Spaltung des Islam
Im Folgenden fassen wir die sehr interessante Darstellung zusammen, die in dem Buch „Die unbekannte Mitte der Welt. Globalgeschichte aus islamischer Sicht“ von Tamim Ansary zu finden ist.
Herausgeber : Campus Verlag; 1. Edition (8. Februar 2010)
Wir nutzen die E-Book-Kindle-Ausgabe:
ISBN-13 : 978-3593408163
Was für dieses Kapitel an Vorwissen wichtig ist
- Die Schaffung eines völlig neuen Amtes Nach dem Tod Mohammeds standen die Muslime vor der existenziellen Frage, wie die Gemeinschaft ohne einen Propheten weitergeführt werden kann. Es wurde das Amt des Kalifen (Stellvertreter) geschaffen. Wichtig für Kapitel 4: Ali ibn Abi Talib galt schon damals als enger Vertrauter des Propheten und potenzieller Nachfolger, trat aber zunächst zugunsten von Abu Bakr zurück.
— - Der Wandel vom Glauben zur politischen Ideologie Unter dem zweiten Kalifen Omar verwandelte sich die muslimische Gemeinschaft von einer religiösen Gruppe in eine politische Ideologie und ein Weltreich, das sogar Rom und Persien überflügelte. Dieser schnelle Aufstieg schuf eine riesige imperiale Struktur, die Ali später kaum noch kontrollieren konnte.
— - Die Entstehung einer neuen Elite Durch die gewaltigen Eroberungen (u. a. Jerusalem, Persien, Teile von Byzanz) strömte enormer Reichtum in das Reich. In Kapitel 3 wird dies noch als „Idealismus“ und „verlorene Utopie“ beschrieben, doch dieser Reichtum legte den Grundstein für die Klasse der Neureichen und Emporkömmlinge, gegen die Ali in Kapitel 4 kämpfen muss, da sie ihre Privilegien unter seiner strengen Führung bedroht sahen.
— - Die theologische Bedeutung der Führung In der Zeit der ersten Kalifen wurde der Kalif zum „Befehlshaber der Gläubigen“ und zur Verkörperung des idealen Herrschers. Es entwickelte sich die Vorstellung, dass der Kampf für die Ausweitung des Dar-al-Islam (Haus des Friedens) ein Akt göttlicher Gerechtigkeit sei. Ali übernimmt in Kapitel 4 dieses Erbe mit dem Anspruch, die „spirituelle Flamme“ und die ursprüngliche Reinheit dieses Projekts gegen die zunehmende Korruption zu verteidigen.
— - Soziale Spannungen und moralische Strenge Schon unter Omar wurden strenge Praktiken eingeführt (z. B. bezüglich Alkohol und der Trennung der Geschlechter), um die Moral der Umma zu wahren. Ali knüpft in Kapitel 4 an diese Tradition der Härte und Strenge an, was jedoch in einer inzwischen viel komplexeren und wohlhabenderen Gesellschaft auf massiven Widerstand stieß.
Zusammenfassend:
Um Kapitel 4 zu verstehen, muss man begreifen, dass Ali ein Reich übernahm, das durch die Erfolge seiner Vorgänger zu groß, zu reich und zu politisch geworden war, als dass er es mit den rein religiösen Idealen der Anfangszeit einfach wieder hätte einen können.
Kurzfassung von Kapitel 4: Wie es zur Spaltung des Islam kam
Die erzwungene Übernahme
- Ali übernahm das Kalifat im Jahr 656 n. u. Z. unter extremem Druck nach der Ermordung Othmans.
- In seiner ersten Rede machte er deutlich, dass er das Amt nur unter Zwang annahm und die zerfallende Umma mit Strenge und einer harten Hand wieder zur Ordnung führen wollte.
Mu’awiyas Polittheater
- Alis größter Rivale, Mu’awiya, startete von Damaskus aus eine geniale Propagandakampagne.
- Er präsentierte den Massen das blutige Hemd des ermordeten Othman und forderte Ali auf, die Mörder zu bestrafen oder zurückzutreten, was Ali in eine unmögliche politische Lage brachte.
Das Dilemma der Gerechtigkeit
- Ali stand vor einer herzzerreißenden Wahl: Die Mörder waren Teil eines riesigen Mobs, der Medina noch immer beherrschte.
- Hätte er Mu’awiyas Forderung erfüllt, hätte er eine ganze Masse an Menschen bestrafen müssen, die ursprünglich gegen Ungerechtigkeit protestiert hatten, sich aber durch den Mord selbst ins Unrecht setzten.
Kampf gegen die Korruption
- Um seine Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, wollte Ali die Korruption beenden und die von Othman ernannten Statthalter entlassen.
- Doch er stieß auf den Widerstand einer neuen Klasse von Neureichen, die in seinen Reformen eine Bedrohung für ihren Wohlstand sahen und sich Mu’awiya als Beschützer zuwandten.
Die Opposition von Aischa
- Auch Aischa, die Witwe des Propheten, wandte sich gegen Ali.
- Mit feurigen Reden in Mekka und unterstützt durch den gestohlenen Staatsschatz aus dem Jemen, hob sie eine Armee aus, um Rache für Othman zu fordern, was die muslimische Gemeinschaft weiter spaltete.
Die tragische Kamelschlacht
- Obwohl Ali und Aischa kurz vor einem Friedensschluss standen, provozierten Saboteure aus den eigenen Reihen die Schlacht.
- Die sogenannte Kamelschlacht endete mit 10.000 toten Muslimen; ein bitterer Sieg für Ali, der letztlich zur Versöhnung der beiden Anführer, aber auch zu großem Leid führte.
Die List bei Siffin
- In der Schlacht von Siffin gegen Mu’awiya stand Ali kurz vor dem Sieg.
- Doch Mu’awiya rettete sich durch einen Trick:
- Er befahl seinen Soldaten, Koranverse an ihre Speere zu heften, um Verhandlungen im Namen des Friedens zu erzwingen, denen Ali schließlich zustimmte.
Das fatale Schiedsgericht
- Die folgenden Verhandlungen waren ein Desaster für Ali:
- Er wurde politisch auf eine Stufe mit dem Rebellen Mu’awiya gestellt.
- Das Reich wurde faktisch geteilt – Mu’awiya beherrschte Syrien und Ägypten, während Alis Anspruch auf das gesamte Kalifat massiv geschwächt wurde.
Spaltung: Schiiten und Charidschiten
- Alis Kompromiss enttäuschte seine Anhänger.
- Während die Schiiten weiterhin an seinen mystischen Führungsanspruch glaubten, spalteten sich die radikalen Charidschiten ab.
- Sie sahen in dem Kompromiss einen Verrat an den göttlichen Idealen und erklärten Ali zum Abtrünnigen.
Das Ende der rechtgeleiteten Ära
- Im Jahr 40 AH wurde Ali von einem Charidschiten ermordet.
- Mit seinem Tod und dem späteren Verzicht seines Sohnes Hassan endete die Ära der „Rechtgeleiteten Kalifen“ – eine Zeit des theologischen Ringens, die einer rein weltlichen Machtpolitik der Umayyaden-Dynastie Platz machte
Detaillierte Analyse des Kalifats von Ali
1. Die schwierige Übernahme des Kalifats
- Ali übernahm das Kalifat nach der Ermordung von Othman unter schwierigen Umständen. Er akzeptierte das Amt nur unter Zwang und erklärte in seiner ersten Ansprache, dass er die durch Korruption und Unruhen zerfallene Umma nur mit Härte und Strenge wieder auf den rechten Weg bringen könne.
- Ausgangslage: Eine Generation nach dem Tod des Propheten war die Gemeinschaft (Umma) tief gespalten.
- Alis Ankündigung: Er warnte das Volk, von ihm nur Strenge zu erwarten, da eine harte Hand zur Wiederherstellung der Ordnung notwendig sei.
- Unmittelbare Opposition: Ein entscheidender Teil der Gemeinschaft, insbesondere der Klan der Umayyaden unter der Führung von Mu’awiya in Damaskus, verweigerte ihm die Gefolgschaft.
2. Der Konflikt mit Mu’awiya und das Dilemma der Gerechtigkeit
- Mu’awiya, Statthalter von Syrien und Verwandter Othmans, nutzte dessen Ermordung, um Ali politisch anzugreifen und seine eigene Machtbasis zu festigen.
- Propagandakampagne: Mu’awiya reiste mit einem professionellen Geschichtenerzähler durch die Provinzen, der die Ermordung Othmans dramatisch schilderte. Auf dem Höhepunkt der Darbietung präsentierte Mu’awiya das angebliche blutige Hemd des Ermordeten und forderte Ali auf, die Mörder zu bestrafen oder zurückzutreten.
- Alis Dilemma:
Unidentifizierbare Täter: Die Mörder waren Teil eines großen Mobs; es war unmöglich, die genauen Täter zu identifizieren. Eine Bestrafung hätte die Verhaftung aller Protestierer erfordert. - Machtlosigkeit in Medina: Der Mob beherrschte weiterhin die Straßen Medinas, was eine Strafverfolgung für Ali unmöglich machte. Mu’awiya war sich dessen bewusst.
- Moralische Zwickmühle: Die Aufrührer waren ursprünglich Opfer von Ungerechtigkeit und Unterdrückung gewesen, hatten sich aber durch den Mord selbst ins Unrecht gesetzt. Ali stand vor der Wahl, sich entweder auf die Seite der „Unterdrücker“ oder der „Mörder“ zu stellen.
3. Reformversuche und der Widerstand der Eliten
4. Die Opposition von Aischa und die Kamelschlacht
Exkurs: Der gescheiterte Friedensschluss und die Tragödie der Schlacht
Ali versuchte, einen innermuslimischen Krieg zu vermeiden, indem er Verhandlungen suchte.
Verwirrung der Muslime
Ali und Aischa riefen beide zum Dschihad auf – Muslime gegen Muslime. Dies stiftete große Verwirrung, da es dem ursprünglichen Verständnis des Dschihad widersprach.
Paradoxe Allianzen
In Aischas Armee kämpften mit Talha und Zubayd zwei Gefährten des Propheten, die möglicherweise selbst Teil des Mobs waren, der Othmans Palast gestürmt hatte.
Erfolgreiche Verhandlungen
Alis Gesandter konnte Aischa überzeugen. Sie räumte ein, dass Ali nicht schuldig am Mord sei, dass die Täter Teil eines Mobs waren und ihr eigener Feldzug das Chaos nur vergrößere. Sie willigte ein, die Waffen niederzulegen.
Sabotage durch Extremisten
In beiden Armeen befanden sich Mitglieder des Mobs, die bei einem Friedensschluss ihre Bestrafung fürchteten. In der Morgendämmerung überfielen Männer aus Alis Lager Aischas Truppen und lösten so die Schlacht aus.
Die Kamelschlacht
Die Schlacht, benannt nach dem Kamel, von dem aus Aischa ihre Truppen befehligte, endete mit einem Sieg Alis. Aischa wurde gefangen genommen. Das Schlachtfeld war mit 10.000 toten Muslimen bedeckt.
Versöhnung und Rückzug
Nach der Schlacht versöhnten sich Ali und Aischa. Sie zog sich nach Medina zurück und widmete sich bis zu ihrem Lebensende der Gelehrsamkeit und wurde zu einer der angesehensten frühen Gelehrten des Islam. Ali verlegte seine Hauptstadt nach Kufa.
5. Die Schlacht von Siffin und die politische Spaltung
- Der Konflikt mit Mu’awiya, der sich inzwischen selbst zum Kalifen ausgerufen hatte, spitzte sich in der Schlacht von Siffin (36 AH / 657 n. Chr.) zu.
— - Konfrontation: Nach einer monatelangen Pattsituation kam es zu einer viertägigen Schlacht, die schätzungsweise 65.000 Menschen das Leben kostete.‘
— - Mu’awiyas List: Als Alis Truppen die Oberhand gewannen, befahl Mu’awiya seinen Soldaten, Koranverse an ihre Speere zu heften und Ali zu Verhandlungen im Namen des Friedens aufzufordern.
— - Das Schiedsgericht: Die Verhandlungen führten zu einem für Ali katastrophalen Ergebnis. Die Schiedsrichter einigten sich darauf, dass beide Kontrahenten auf gleicher Augenhöhe standen und ihre jeweiligen Territorien (Mu’awiya: Syrien und Ägypten; Ali: der Rest) beherrschen sollten. Dies war eine de-facto-Anerkennung Mu’awiyas und eine massive Schwächung von Alis Anspruch auf das alleinige Kalifat. Mu’awiya hatte ihn ausgetrickst.
6. Die Entstehung von Schiiten und Charidschiten
- Das Ergebnis von Siffin führte zur endgültigen Spaltung der muslimischen Gemeinschaft.
— - Die Partei Alis (Schiiten): Alis Anhänger, die als Schiiten bekannt wurden, waren zutiefst enttäuscht. Ihr Glaube basierte auf der Annahme, dass Ali aufgrund seiner Blutsverwandtschaft zum Propheten und seiner spirituellen Tiefe einen mystischen, von Gott gegebenen Führungsanspruch besaß. Sein Kompromiss mit dem „materialistischen“ Mu’awiya widersprach diesem Bild fundamental.
— - Die Abtrünnigen (Charidschiten): Die radikalsten Anhänger Alis sagten sich von ihm los. Sie wurden als Charidschiten („diejenigen, die gingen“) bekannt. Sie formulierten eine neue, revolutionäre Doktrin:
- Führung durch Charakter: Nicht Blut oder Wahl, sondern allein der Charakter und das authentische Leben nach muslimischen Werten qualifiziere jemanden zur Führung.
- Absetzbarkeit des Kalifen: Wenn ein Kalif vom moralischen Ideal abweiche, verliere er sein Amt und müsse ersetzt werden.
- Ali als Verräter: Sie betrachteten Alis Kompromiss als Verrat an den Idealen und erklärten, er habe sein Recht auf das Kalifat verspielt.
7. Ermordung Alis und das Ende der Ära
- Die Charidschiten setzten ihre radikale Theologie in die Tat um. Im Jahr 40 AH wurde Ali von einem jungen Charidschiten ermordet.
— - Hassans Verzicht: Alis Sohn Hassan wurde von seinen Anhängern zum Nachfolger ernannt. Er war jedoch kriegsmüde und gebrochen. Mu’awiya bot ihm eine große Geldsumme, woraufhin Hassan auf seinen Anspruch verzichtete.
— - Beginn der Umayyaden-Dynastie: Mit Hassans Verzicht war der Weg für Mu’awiya frei. Er begründete die Dynastie der Umayyaden, die das Kalifat in eine Erbmonarchie verwandelte.
8. Historische Einordnung: Die „Rechtgeleiteten Kalifen“
- Mit Alis Tod endete die Ära der ersten vier Kalifen, die von späteren muslimischen Historikern als „Rechtgeleitete Kalifen“ bezeichnet wurden.
— - Ein religiöses Drama: Diese Periode wird nicht als eine perfekte, paradiesische Zeit betrachtet, sondern als eine Phase, in der die Auseinandersetzungen eine tiefgreifende theologische Bedeutung hatten.
— - Das Ringen um die Vision: Die vier Kalifen und die Gefährten des Propheten versuchten ernsthaft, die göttlichen Offenbarungen umzusetzen. Ihre Konflikte entstanden nicht aus kleinkarierten Macht- oder Geldinteressen, sondern aus unterschiedlichen Interpretationen der Vision Mohammeds.
— - Verlust an Theologie: Nach Alis Tod wurde das Kalifat zu einem Reich wie jedes andere, in dem weltliche Machtpolitik die religiösen Ideale in den Hintergrund drängte.
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