Manchmal kann man ganz nebenbei jemanden retten
Und man setzt das um, was Goethe in dem Gedicht „Das Göttliche“ als Kern von Menschlichkeit formuliert hat.
Außerdem erinnert es an den großen Psychologen Le Bon, der erklärt hat, wie man mit etwas Glück eine Massenhysterie beenden kann.-
Hier geht es zwar nicht um eine Masse – aber das Muster ist das gleiche.
Da ist eine Gruppe in einer besonderen Stimmung – alle fühlen sich mehr oder weniger gut unterhalten – nur einer leidet.
Aber dann kommt eben das Glück vorbei – und es klappt sogar – ohne dass weiterer Schaden angerichtet wird.
Anders Freistein
Manchmal muss man halt Glück haben
Das leise Klirren der Gabel auf dem Porzellan war das einzige Geräusch im Raum. Er saß am Küchentisch, den Blick starr auf den Dampf gerichtet, der von den Kartoffeln aufstieg. Er hatte die Jacke noch an, nur den obersten Knopf geöffnet.
„Du isst ja gar nicht“, sagte seine Frau leise. Sie beobachtete ihn schon seit zehn Minuten. „War etwas in der Schule? Wieder die üblichen Konflikte?“
Er sammelte sich langsam. Sein Blick fokussierte sich, erst auf die Tischkante, dann auf sie. Er legte die Gabel beiseite, ohne einen Bissen gemacht zu haben. „Ich habe heute etwas begriffen“, sagte er, und seine Stimme klang, als käme sie von weit her. „Erst auf dem Nachhauseweg, als ich an der Ampel stand, ist es wie ein Muster vor mir aufgetaucht. Alles, was wir in der Oberstufe über Le Bon und die Psychologie der Massen lesen – heute war es kein Text mehr. Es war Fleisch und Blut.“
Er erzählte ihr von der großen Pause. Von der Gruppe Jugendlicher, die sich auf dem hinteren Schulhof zusammengezogen hatte wie ein dunkles Gewebe. In ihrer Mitte ein Junge, fast noch ein Kind, den sie mit Gummibändern traktierten. Kein großes Blutvergießen, keine offene Folter, aber diese zähe, monotone Boshaftigkeit, die keine Argumente mehr zulässt.
„Ich stand da“, fuhr er fort, „und ich wusste, wenn ich jetzt als Lehrer komme, wenn ich rufe ‚Hört auf damit‘ oder ‚Geht auseinander‘, dann werde ich Teil ihres Spiels. Dann bin ich nur der nächste Gegner, der das Gewebe noch fester zieht.“
„Und was hast du getan?“, fragte sie.
Er lächelte dünn. „Ich habe mich für den fremden Impuls entschieden. Ich bin einfach in diesen Kreis hineinspaziert, aber nicht als Aufseher. Ich war eine… seltsame Erscheinung. Ich habe sie etwas gefragt, etwas völlig Abwegiges über ein neues Spiel, einen Trend aus dem Fernsehen, von dem ich angeblich gehört hatte. Ich habe den Experten gemimt, der Hilfe braucht, um den Namen dieses Trends zu finden.“
Er beschrieb, wie die Spannung in der Gruppe für einen Sekundenbruchteil riss. Die mechanische Fokussierung auf das Opfer löste sich auf. Die Jungen ließen die Gummibänder sinken, sie schauten ihn an – irritiert, kurzzeitig aus ihrer Rolle geworfen. In dieser winzigen Lücke im Realitäts-Gewebe, in diesem Moment der kollektiven Verwirrung, war der Junge einfach verschwunden. Er war weggerannt, während sie noch versuchten, seine absurde Frage einzuordnen.
„Später, am Schultor, kam er zu mir“, sagte er leise. „Er hat mich einfach umarmt. Ohne ein Wort.“
Seine Frau legte ihre Hand auf seine. Ihre Stirn lag in Falten. „Du hättest auch das Ziel werden können“, sagte sie ernst. „Wenn die Irritation in Aggression umgeschlagen wäre… das hätte auch ganz anders enden können. Es war riskant.“
Er nahm nun doch die Gabel auf, schob sich ein Stück Kartoffel in den Mund und kaute langsam. Er blickte zum Fenster hinaus, wo die Nachmittagssonne auf die Straße fiel.
„Tja“, sagte er lakonisch, bevor er sich wieder dem Essen zuwandte, „im Leben muss man eben in manchen Situationen einfach Glück haben.“
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