Anders Freistein, Zivilcourage mit Hilfe von vier Dichtern (Mat1833-zc4)

Intertextualität: Kafka, Brecht, Kleist und Schnurre in einem Text

Von Anders Freistein

Frei nach Schnurre: Intertextualität ist, wenn ein Skandal von vier Schriftstellern im virtuellen Verbund gelöst wird.

Gegen 9:00 Uhr setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch. Eine Geschichte fehlte noch. Dann konnte der neue Kurzgeschichten-Band an den Start gehen. Aber ihm fiel nichts ein. Also ein bisschen rumgesurft – und dann hatte er das, was er brauchte.

Auf irgendeinem Großflughafen, dessen Name ihn nicht weiter interessierte, hatte ein Großraumflugzeug mit hunderten von Passagieren nicht mehr abheben können. Die üblichen Unklarheiten, die üblichen Vertröstungen, nur keine Starterlaubnis. Irgendwann war klar: An diesem Abend würde das nichts mehr werden. Die Flugzeugbesatzung beschloss, Busse anzufordern für den Rücktransport der Passagiere zum Terminal. Am Telefon jedoch nur noch eine Notbesetzung und der Hinweis, da man sich bereits im Bereich des Nachtflugverbots befinde, gebe es keine Busse mehr.

Auch sonst war niemand mehr zu erreichen, der sich zuständig fühlte. Die Passagiere wurden langsam unruhiger. Das Ganze endete damit, dass die Angelegenheit erst am nächsten Morgen gelöst werden konnte. Hunderte von Leuten verbrachten also eine Nacht im Flugzeug. Es war zumindest warm und trocken, und anfangs gab es auch noch was zu essen und zu trinken.

Und jetzt die Frage: Was macht man daraus? Die Aufgabe des Schriftstellers ist ja nicht so sehr, Kritik an Dingen zu üben, die er nicht genügend überschaut. Das ist Sache der Gerichte. Bei dem Wort fiel ihm ein Stein vom Herzen. Er hatte die Lösung. An der Situation hätte Kafka seine helle Freude gehabt. Er soll ja manchmal beim Lesen eigener Geschichten laut aufgelacht haben angesichts ihrer Absurdität.

Und dann fielen ihm Kleist und sein Zerbrochener Krug ein. Mit dem hatte seine Tochter sich beschäftigen müssen, und sie hatten wohl im Unterricht behandelt, dass der Dichter sich nach einigen Misserfolgen mal entlasten wollte und darum eine Komödie schrieb. Also: Statt Kritik und Verzweiflung ein schönes Happy End. Es liegt nur die Frage: für wen?

Und da fiel ihm Bertolt Brecht ein: Der hatte doch mal einen Richter ein salomonisches Urteil fällen lassen. Damit war die Geschichte komplett. Nach einiger Zeit merkt einer der Passagiere, dass einem Nachbarn zunehmend Schweißperlen auf die Stirn treten. Als er das der Besatzung meldet, sieht die noch keinen Notfall. Da platzt ihm der Kragen. Er reißt einen Feuerlöscher aus der Halterung, richtet ihn auf eine Stewardess und sagt mit fester Stimme und voller Entschlossenheit: „Ist das jetzt ein Notfall?“ Es war einer.

Die Polizei kam, führte den mutigen Mann in Handschellen ab, und die Feuerwehr sorgte für den Abtransport der Passagiere. Wochen später: Unser Held steht vor Gericht und wundert sich, dass der Pressesprecher des Flughafens sich lautstark ärgert, dass er als Zeuge vorgeladen worden ist. Aber es kam noch besser. Am Ende sein fassungsloses Gesicht, als das Urteil auf Freispruch für den Angeklagten lautete, verbunden mit der Verurteilung des Flughafens, diesem Mann in der Eingangshalle ein Denkmal zu setzen – mit der Beschreibung des Falles und dem Hinweis auf die Bedeutung von Zivilcourage.

Der Richter schloss die Akten mit dem Hinweis, dass der Fall erst erledigt sei, wenn er sich mit einem Sachverständigen für solche Fälle das Denkmal angesehen hätte und zufriedengestellt sei. Es kam noch besser: Der Richter rief den Zeugen noch einmal zu sich. Ihm war ein Satz eingefallen im Stil von Bertolt Brecht: „Wohl dem Land, das solche Helden nicht braucht.“

Blieb noch die Frage des Stils: Da es eben, wie gesagt, nicht um Kritik ging, sondern um eine Art Selbstbefreiung durch Poesie, beschloss er frei nach Schnurre, aus dieser Story die beste Geschichte seines Tages zu machen. Und wir freuen uns, sie hier präsentieren zu dürfen.