Anders Tivag, Wie könnte Kafkas „Verwandlung“ weitergehen? (Mat2905-kvf)

Impulsbild: Grete spielt Geige, Leonardo liegt ihr zu Füßen, an der Wand der Schatten eines riesigen Käfers
  • Ein Impulsbild zu unserer Fortsetzung: Grete mit der Geige, Leonardo ihr zu Füßen – und an der Wand Gregor.
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  • Gregor erscheint nur als Schatten. Das hätte Kafka gefallen: Als 1915 die Erstausgabe vorbereitet wurde, bat er seinen Verleger, das Insekt selbst auf keinen Fall zu zeichnen.
  • Zum Nachdenken: Passt Gretes nachdenklicher Blick zu dem, was sie in der Geschichte tut – oder sieht das Bild etwas, das der Text verschweigt?
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  • Und Leonardo: noch ein Verehrer – oder schon ein Opfer?
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  • Eine Antwort gibt vielleicht die folgende Fortsetzung der Erzählung. Natürlich erheben wir dabei nicht den Anspruch, uns mit Kafka auch eine Stufe zu stellen – aber Literatur lebt nun einmal von der An-Verwandlung durch den Leser – und dann treffen eben zwei Welten aufeinander 😉

Warum diese Fortsetzung einer berühmten Schul-Lektüre?

Schüler tun sich meistens schwer, wenn es um die Veränderung oder Erweiterung des Schlusses einer Schul-Lektüre geht.

Glücklicherweise gibt es auch Lehrer, die das selbst mal probieren und das dann ihren Schülern zumindest unter einem Pseudonym zur Verfügung stellen. Wir freuen uns, das hier veröffentlichen zu dürfen.

Ziel ist es natürlich nicht zu zeigen, dass eigentlich jeder so schreiben kann wie Franz Kafka – es geht um etwas ganz anderes, nämlich das Sich-Einlassen auf einen literarischen Text nicht mit dem Ziel der Analyse. Vielmehr geht es darum, einen wesentlichen Kern zu erfassen, nämlich hier die Verwandlung von Gregors Schwester Grete, und dann wie ein Trendscout die Signale im Text zu suchen, die über das reale Ende der Erzählung hinausweisen können.

Wer beim Lesen denkt, das könnte doch noch anders weitergeführt werden, bei dem haben wir unser Hauptziel erreicht, nämlich die Lust auf das eigene Schreiben zu wecken.

Das Besondere an dieser Seite: Wir präsentieren die Fortsetzung nicht einfach nur, sondern zeigen Abschnitt für Abschnitt, welche Signale aus Kafkas Erzählung aufgegriffen werden und was in der Dramaturgie der Fortsetzung jeweils geschieht. Die Zeilenangaben beziehen sich auf die Druckvorlage, die man weiter unten herunterladen kann.

Video mit Dokumentation

Wenn das eingebettete Video nicht angezeigt wird, kann man es sich hier auch auf YouTube anschauen:
https://youtu.be/R-AXEFKsUz0

Dokumentation zum Video (PDF)
https://textaussage.de/wp-content/uploads/2021/11/Mat2905-vf-Wie-kann-man-Kafkas-Verwandlung-weiterschreiben.pdf

Die Fortsetzung als Druckvorlage (mit Zeilen)

Druckvorlage: Anders Tivag, Was Kafka am Ende der Verwandlung noch hätte schreiben können – Text mit Zeilennummern

Anders Tivag
Was Kafka am Ende der „Verwandlung“ noch hätte schreiben können …

Abschnitt 1 (Z. 1–5): Ein Gedenktag ohne Grab

Drei Jahre waren nach dem traurigen Ende Gregors vergangen. Das hatte Gretes Mutter zum Anlass genommen, ihrer Tochter wieder mal zu schreiben und sie um einen Besuch zu bitten. Es wäre doch an der Zeit, des so früh Dahingeschiedenen angemessen zu gedenken. Zwar gäbe es ja kein Grab auf dem Friedhof, aber man könnte ja noch mal diesen wunderbaren Ausflug am Tag der Befreiung von allem Leid wiederholen.

Was hier geschieht:

  • Die Fortsetzung springt drei Jahre nach vorn und beginnt mit einem Brief der Mutter. Damit ist klar: Grete lebt nicht mehr bei den Eltern (Z. 1–2).
  • Die feierlichen Worte „des so früh Dahingeschiedenen angemessen zu gedenken“ (Z. 3) passen nicht zu dem, was folgt: Es gibt kein Grab – bei Kafka hat die Bedienerin Gregors Leiche einfach „weggeschafft“.
  • Gedenken heißt für die Mutter: den Ausflug wiederholen, mit dem Kafkas Erzählung endet. Gregors Todestag wird zum „Tag der Befreiung von allem Leid“ (Z. 4–5) – eine bittere Ironie, denn befreit hat sich hier vor allem die Familie.

Abschnitt 2 (Z. 6–13): Grete erinnert sich anders

Grete hatte diesen Ausflug allerdings etwas anders in Erinnerung. Zwar war es ganz schön gewesen, endlich mal wieder rauszukommen, ohne abends immer mit diesem Rausfall aus aller gesellschaftlichen Normalität konfrontiert zu werden. Am meisten hatten sie allerdings die Blicke – vor allem des Vaters – gestört. Der konnte sich anscheinend nicht sattsehen an ihr. Schließlich hatten die Eltern es nicht mehr ausgehalten und sie direkt gefragt, ob es nicht an der Zeit wäre, einen Mann für sie zu suchen. Sie wäre doch jetzt in dem Alter, wo die Gründung einer eigenen Familie ihrem gemeinsamen Glück den letzten Schubs geben könnte. Der Vater hatte tatsächlich von „Schubs“ gesprochen – aber mit der Sprache hatte er es halt nicht so.

Was hier geschieht:

  • Ab hier beginnt eine Rückblende: Grete erinnert sich an den Ausflug aus Kafkas Schluss – aber aus ihrer eigenen Sicht, die bei Kafka fehlt.
  • Gregors Leben wird nur noch als „Rausfall aus aller gesellschaftlichen Normalität“ (Z. 7–8) erinnert – kein Wort von Trauer.
  • Die Blicke der Eltern (Z. 8–9) und die Frage nach einem Mann greifen genau Kafkas letzte Sätze auf: Dort bemerken die Eltern, dass Grete aufgeblüht ist, und denken an einen „braven Mann“ für sie. Neu ist: Grete empfindet das als unangenehm – sie ist jetzt die Hoffnungsträgerin, so wie früher Gregor.
  • Der „Schubs“ (Z. 12–13) wirkt wie ein harmloser Ausrutscher des Vaters. Wer Kafka kennt, denkt aber an den starken Stoß, mit dem der Vater Gregor am Ende des ersten Teils in sein Zimmer befördert.

Abschnitt 3 (Z. 14–20): Ein Zimmerherr kehrt zurück

Was die Sache des Heiratens selbst anging, hatte sie es nicht eilig gehabt. Damals war erst mal Erholung angesagt und die wollte sie in vollen Zügen genießen. Vielleicht war ja sogar eine Reise in den sonnigen Süden möglich. Die gestaltete sich dann aber ganz anders, als sie gedacht hatte. Denn wenige Tage später war einer der Zimmerherren erschienen, hatte sich ausgiebig für das Verhalten der beiden anderen entschuldigt und ein lebhaftes Interesse an ihrem Musizieren geäußert. Daraus wurde dann mehr – und nach einem halben Jahr hatte es die Hochzeitsreise nach Italien gegeben.

Was hier geschieht:

  • Grete will nach der „Befreiung“ zunächst nur genießen (Z. 14–16) – ein erster Hinweis darauf, dass sie Verpflichtungen künftig meiden wird.
  • Überraschende Wendung: Einer der drei Zimmerherren, die der Vater bei Kafka aus der Wohnung geworfen hat, taucht wieder auf (Z. 17–19).
  • Ironie: Bei Kafka waren die Zimmerherren von Gretes Geigenspiel enttäuscht. Jetzt zeigt ausgerechnet einer von ihnen „lebhaftes Interesse an ihrem Musizieren“ – und so erfüllt sich Gretes Traum vom Süden auf unerwartete Weise: als Hochzeitsreise nach Italien (Z. 19–20).

Abschnitt 4 (Z. 21–29): Leonardo – ein neuer Gregor?

Was ihr an Leonardo so gefallen hatte, war seine außergewöhnliche Biegsamkeit gewesen. Er schien außer seinem Beruf als Verkäufer in einer Musikalienhandlung und dem Interesse an ihr kaum etwas zu haben, was klar stand und fest. So musste sie sich keine großen Sorgen machen, was die Verbindung mit ihm anging. Der Wunsch der Eltern war erfüllt und zugleich war sie sie los. Gemeinsam hatten sie beide eine kleine Wohnung bezogen und Leonardo war seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen, nämlich ihr zu Füßen zu liegen. Jeden Wunsch las er ihr von den Lippen ab. Schließlich wurde es ihr doch zu viel – also wurde ihr Ton ihm gegenüber etwas rauer. Im Übrigen konnte sie sich ganz auf ihr Violinenspiel konzentrieren, das hin und wieder in der Musikalienhandlung des Gatten auch präsentiert wurde.

Was hier geschieht:

  • Leonardo wird mit auffälligen Bildern beschrieben: „außergewöhnliche Biegsamkeit“ (Z. 21), nichts, was „klar stand und fest“ (Z. 23), er liegt ihr „zu Füßen“ (Z. 26). Das erinnert an ein Wesen, das am Boden kriecht – ein leiser Anklang an Gregor.
  • Auch beruflich gibt es eine Parallele: Gregor war Handlungsreisender, Leonardo ist Verkäufer. Und wie Gregor lebt er ganz für andere.
  • Grete wiederholt ihre Rolle aus Kafkas Erzählung: Erst Zuwendung, dann wird es ihr „zu viel“ und ihr Ton „rauer“ (Z. 27–28) – genau so hat sich auch ihr Verhalten gegenüber Gregor verändert.
  • „Zugleich war sie sie los“ (Z. 24): Mit der Heirat hat Grete sich auch von den Eltern befreit. Und das Geigenspiel? Gregor wollte sie aufs Konservatorium schicken – jetzt spielt sie gelegentlich in der Musikalienhandlung ihres Mannes (Z. 28–29). Ein bescheidener Rest des großen Traums.

Abschnitt 5 (Z. 30–40): Der Vater als neuer Pflegefall

Mit einer Antwort an die Mutter ließ sie sich Zeit, da war ein zweiter Brief gekommen. Diesmal aus traurigem Anlass: Der Vater sei gestürzt und bettlägerig, ob sie nicht kommen könne, um bei der Versorgung und der Hausarbeit zu helfen. Als sie in Leonardos treue Hundeaugen schaute, nachdem sie ihm den Brief vorgelesen hatte, wusste sie, was zu antworten war. Sie hatte sich nicht so mutig für ein Ende dieser „alten Sachen“ eingesetzt, um jetzt in neue Verpflichtungen zu geraten. Also schnell ein Antwortschreiben aufgesetzt, etwas von Krankheit und anderen Verpflichtungen machte wohl ausreichend deutlich, dass an ein Nach-Hause-Kommen überhaupt nicht zu denken sei. Vater habe sicher irgendwo noch ein bisher unentdecktes Kapital – diese kleine Spitze konnte sie sich nicht verkneifen – davon könne man sicher eine Betreuerin bezahlen – vielleicht stehe ja die Bedienerin noch zur Verfügung, die so umsichtig gerade in der Schlussphase der traurigen Geschichte für alles gesorgt habe.

Was hier geschieht:

  • Zurück in der Gegenwart: Ein zweiter Brief bringt die Wende. Der Vater ist „bettlägerig“ (Z. 31) – jetzt ist er es, der Pflege braucht, so wie Gregor damals.
  • Gretes Entscheidung fällt beim Blick in Leonardos „treue Hundeaugen“ (Z. 32): wieder ein Tierbild. Sie hat ja jetzt schon jemanden, der ihr ergeben ist – warum also zurück?
  • Die „alten Sachen“ (Z. 34) sind ein Zitat vom Ende der Erzählung: Dort fordert der Vater die Frauen auf, „die alten Sachen“ endlich ruhen zu lassen. Grete dreht seine eigenen Worte nun gegen ihn.
  • Das „unentdeckte Kapital“ (Z. 37) spielt darauf an, dass der Vater bei Kafka heimlich Geld zurückgelegt hatte, während Gregor die Familie allein ernährte. Und die Bedienerin (Z. 39) ist genau die Frau, die am Ende Gregors Leiche beseitigt hat – für Grete offenbar eine passende Lösung auch für den Vater.

Abschnitt 6 (Z. 41–44): Zeit, sich etwas zu gönnen

Leonardo hatte zu allem Ja und Amen gesagt und war auch gleich zur Post gestürzt, damit die Mutter nicht lange auf die Antwort würde warten müssen. Auf dem Rückweg – hatte sie ihm mitgegeben – solle er schauen, ob es noch Karten für die Oper gäbe. Es war mal wieder Zeit, sich etwas zu gönnen.

Was hier geschieht:

  • Leonardo gehorcht ohne Widerspruch (Z. 41) – er ist in dieser Ehe die Figur, die funktioniert, wie Gregor in seiner Familie.
  • Kleines Wortspiel: Der Vater ist „gestürzt“ (Z. 31), Leonardo ist zur Post „gestürzt“ (Z. 41). Das eine ist ein Unglück, das andere dient dazu, das Unglück möglichst schnell vom Tisch zu haben.
  • Der Schluss spiegelt Kafkas Ende: Dort macht die Familie nach Gregors Tod einen Ausflug, hier gönnt sich Grete nach der Absage einen Opernbesuch. Der Kreis schließt sich – aus der Schwester, die Gregor einst versorgt hat, ist endgültig jemand geworden, der sich jeder Verpflichtung entzieht.

Was zeigt die Fortsetzung? Die Dramaturgie im Überblick

  • Aufbau: Zwei Briefe der Mutter bilden den Rahmen. Dazwischen erzählt eine Rückblende, wie Grete von der Familie weggekommen ist. Der zweite Brief führt dann zur eigentlichen Entscheidung.
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  • Die Verwandlung geht weiter: Nicht Gregor, sondern Grete steht im Mittelpunkt. Ihre Entwicklung aus Kafkas Erzählung – von der fürsorglichen Schwester zu der, die sagt „Weg muss es“ – wird konsequent zu Ende gedacht.
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  • Rollen wiederholen sich: Leonardo übernimmt Gregors Rolle als der Ergebene, der Vater wird zum Pflegefall. Grete aber hat die Seite gewechselt: Sie ist jetzt diejenige, die entscheidet, wer versorgt wird – und wer nicht.
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  • Die Technik dahinter: Fast jeder Abschnitt greift ein konkretes Signal aus Kafkas Text auf – den Ausflug, die Zimmerherren, das Geigenspiel, das versteckte Geld, die Bedienerin, das Wort von den „alten Sachen“. Genau das macht eine gute Fortsetzung aus: Sie erfindet nicht einfach etwas Neues, sondern führt weiter, was im Original schon angelegt ist.
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  • Zum Weiterdenken: Welche Signale aus Kafkas Erzählung könnte man noch aufgreifen? Wie würde die Geschichte aus der Sicht der Mutter aussehen – oder aus der Sicht Leonardos?

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