Erzählschritte und Verständnisentwicklung
Im Folgenden präsentieren wir zur Kurzgeschichte „Gut vorbereitet“ von Andrea Kohn die erzählerischen Abschnitte und zeigen auf, wie sich das Leseverständnis entwickelt.
Zum Schluss fassen wir die Aussagen der Geschichte zusammen und zeigen, mit welchen sprachlichen und sonstigen Mitteln sie unterstützt werden.
Zu finden ist die Geschichte hier:
Andrea Kohn: Gut vorbereitet, in Otto Mayr: Moderne Kurzgeschichten, Donauwörth 2014, S. 41-42.
Abschnitt 1: Die trügerische Sicherheit
Anfang: „Suchend schaut sich Robert auf dem Flur der Volkshochschule um.“ (Zeile 1) Ende: „…so gut vorbereitet wie er ist.“ (Zeile 13)
Inhalt: Der Biologiestudent Robert bereitet sich mental auf einen Vortrag über Gehölzpflege vor. Trotz seiner Nervosität fühlt er sich durch seine „stundenlange Fleißarbeit“ abgesichert. In seiner Aufregung übersieht er jedoch die Hinweisschilder an den Türen und betritt blindlings einen Raum.
Entwicklung des Verständnishorizonts: Der Leser wird in die Situation eingeführt und lernt Roberts Charakter kennen: pflichtbewusst, aber unsicher. Es entsteht eine erste ironische Spannung, da der Leser durch die Erwähnung des übersehenen Schildes „Senioren und Gesundheit“ bereits ahnt, dass Roberts „gute Vorbereitung“ an der falschen Stelle ansetzen wird. Der Leser weiß mehr als der Protagonist (dramatische Ironie).
Abschnitt 2: Erste Irritationen und Fehlinterpretationen
Anfang: „Mit erhobenem Haupt, gestra_tem Rücken…“ (Zeile 13) Ende: „…lässt selbst das Magenkribbeln nach.“ (Zeile 26)
Inhalt: Robert betritt den Raum und bemerkt den optischen Kontrast zwischen sich und dem Publikum. Die Anwesenden sind älter und „adrett gekleidet“. Robert deutet diese Diskrepanz jedoch positiv um, indem er sich einredet, Senioren seien angenehmere Zuhörer, was ihn paradoxerweise beruhigt.
Entwicklung des Verständnishorizonts: Der Kontrast zwischen Roberts Selbstbild und der Umgebung wird für den Leser deutlicher. Die „gehobene Altersstruktur“ bestätigt den Verdacht des Lesers, dass Robert sich im falschen Kurs befindet. Die Komik steigert sich, da Robert die Warnzeichen aktiv ignoriert oder zu seinen Gunsten uminterpretiert.
Abschnitt 3: Der komische Dialog der Missverständnisse
Anfang: „Aber Nachdem er sich vorgestellt hat…“ (Zeile 26) Ende: „…das zweite Mal Parallele. im Kindergarten geholt.“ (Zeile 40)
Inhalt: Robert beginnt seinen Fachvortrag über alte Pflanzen. Seine Begriffe werden vom Publikum sofort auf die menschliche Gesundheit bezogen. Als er von „Check-ups“ und „Ungezieferbekämpfung“ spricht, antworten die Teilnehmer mit Berichten über Arztbesuche und Kopfläuse bei Enkelkindern.
Entwicklung des Verständnishorizonts: In diesem Abschnitt entfaltet sich die sprachliche Komik durch die Ambiguität (Doppeldeutigkeit). Der Leser erkennt, wie Robert und das Publikum vollkommen aneinander vorbeireden. Das Verständnis des Lesers festigt sich dahingehend, dass die Katastrophe unvermeidlich ist, während die Figuren in ihren jeweiligen Bezugssystemen gefangen bleiben.
Abschnitt 4: Eskalation und makabre Zuspitzung
Anfang: „„Aha““, erwidert Robert, irritiert…“ (Zeile 41) Ende: „„Daher sollten sie beseitigt werden.““ (Zeile 55)
Inhalt: Robert lässt sich nicht beirren und spricht über das Entfernen „morscher Substanz“ mit einer „scharfen Säge“. Ein Teilnehmer bezieht dies auf seine eigene Beinamputation und zeigt seine Prothese. Als Robert schließlich fordert, „Veteranen“, von denen kein Ertrag mehr zu erwarten sei, zu beseitigen, schlägt ihm offene Feindseligkeit entgegen.
Entwicklung des Verständnishorizonts: Die Situation kippt von der Komik ins Groteske und Bedrohliche. Die Fachsprache der Gärtnerei wirkt im Kontext von Senioren nun grausam und diskriminierend. Der Leser erkennt die Tragweite des Missverständnisses: Was für Robert Gartenpflege ist, klingt für die Senioren wie Euthanasie oder soziale Ausgrenzung. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt.
Abschnitt 5: Die schmerzhafte Auflösung
Anfang: „Bevor Robert zu den Details kommen kann…“ (Zeile 55) Ende: „…augenblicklich im Boden versinken zu müssen.“ (Zeile 79)
Inhalt: Die Stimmung im Raum droht zu eskalieren, als die eigentliche Referentin erscheint. Das Missverständnis wird aufgeklärt: Robert sollte im Nachbarraum sein. Während das Publikum lacht, versinkt Robert in tiefer Beschämung.
Entwicklung des Verständnishorizonts: Der Leser findet seine Vermutung bestätigt. Die Spannung löst sich in einem befreienden, aber für die Hauptfigur schmerzhaften Lachen auf. Der „Verständnishorizont“ schließt sich: Die „gute Vorbereitung“ wird als hinfällig entlarvt, da sie den wichtigsten Kontext – den Ort und das Publikum – nicht berücksichtigte.
Zusammenfassende Analyse
Die Geschichte zeigt auf unterschiedliche Art und Weise fort, dass rein fachliche Vorbereitung ohne soziale Aufmerksamkeit und Kontextbewusstsein zum Scheitern verurteilt ist.
Unterstützt wird diese Absicht durch folgende Mittel:
- Dramatische Ironie: Der Leser weiß durch das Schild „Senioren und Gesundheit“ von Anfang an um den Irrtum, was die gesamte folgende Handlung komisch wirken lässt.
- Fachsprachliche Doppeldeutigkeit: Begriffe wie „Check-up“, „Ungezieferbefall“ oder „morsche Substanz“ fungieren als Brückenelemente zwischen Gartenbau und Geriatrie und erzeugen die komischen Missverständnisse.
- Sprachliche Bilder (Metaphern/Vergleiche): Zur Verdeutlichung von Roberts Scham und der Aggressivität im Raum werden starke Bilder genutzt. Die Blicke fliegen „wie Pfeile durch den Raum“, und Roberts Scham wird durch das Blut in den Ohren beschrieben, das rauscht „wie ein Gebirgsbach während der Schneeschmelze“.
- Kontrast: Die „verwaschenen Jeans“ des Studenten stehen im Gegensatz zu den „adrett gekleideten Anwesenden“, was Roberts Deplatziertheit bereits visuell unterstreicht.
- Personifikation: Pflanzen werden als „in die Jahre gekommene Exemplare“ oder „Veteranen“ bezeichnet, was die fatale Verwechslung mit den Senioren sprachlich erst ermöglicht.