Anna Louisa Karsch, „Den 22. Juni 1761, morgens 7 Uhr“

  1. Freund, zeichne diesen Tag mit einem größern Strich!
  2. Er war doch ganz für dich und mich,
  3. Wir wandelten im Hain und hörten Vögel singen
  4. In dichten Fichten, wo der Mann das Weibchen hascht.

Zeilen 1–4: Der besondere Tag in der Natur Die Sprecherin fordert einen „Freund“ dazu auf, einen ganz bestimmten Tag besonders zu markieren, da er exklusiv ihrer gemeinsamen Zeit gewidmet war. Sie beschreibt einen Spaziergang im Hain, das Singen der Vögel und das Balzverhalten in der Natur.

  • Verständnishorizont: Der Leser nimmt zunächst eine private, idyllische Szene wahr. Es scheint sich um eine harmonische Zweisamkeit in einer belebten Naturkulisse zu handeln. Die Beziehung zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ wird als eng und exklusiv etabliert.

5 Gut war’s, daß über uns nicht Edens Äpfel hingen,
6 Indem wir Hand in Hand durch das Gebüsche gingen,
7 Da hätten du und ich genascht
8 Und im Entzücken nicht die Folgen von den Bissen
9 Nur einen Augenblick bedacht:
10 So hat es Eva einst gemacht,
11 So machen’s heute noch Verliebte, die sich küssen –

Zeilen 5–11: Die erotische Anspielung und der Sündenfall Die Sprecherin zieht einen Vergleich zum Garten Eden. Sie stellt fest, dass es gut war, dass dort keine verbotenen Äpfel hingen, während sie Hand in Hand gingen, da sie sonst der Versuchung erlegen wären, ohne an die Konsequenzen zu denken. Sie verknüpft ihr Verhalten mit dem Evas und dem heutiger Verliebter.

  • Verständnishorizont (Erweiterung): Der Horizont weitet sich von der reinen Naturbeschreibung hin zu einer erotisch aufgeladenen Reflexion. Der Leser erkennt, dass die Begegnung von starkem Verlangen geprägt war. Die biblische Referenz präzisiert die Situation: Es geht um die Unwiderstehlichkeit des Augenblicks und das bewusste Ausblenden von gesellschaftlichen oder moralischen Folgen („nicht die Folgen […] bedacht“, Z. 8–9).

12.         Bald werd ich nichts zu schwatzen wissen,
13.         Als ewig von dem Kuß. Und meiner Mutter Mann,
14.         Durch den ich ward, ist Schuld daran,
15.         Daß ich so gern von Küssen sing und sage,
16.         Denn er verküßte sich des Lebens schwere Plage.

Zeilen 12–16: Die Herkunft der Leidenschaft Die Sprecherin gesteht, dass sie nur noch vom Küssen reden und singen möchte. Sie führt diese Neigung auf ihren Vater („meiner Mutter Mann“) zurück, der bereits die Mühsal des Lebens durch das Küssen bewältigte.

  • Verständnishorizont (Präzisierung): Das Gedicht wechselt hier von der situativen Beschreibung zur biografischen Deutung. Die Lust am Küssen und das Reden darüber werden als erbliches Temperament und als Überlebensstrategie gegen die „schwere Plage“ des Lebens dargestellt. Die Leidenschaft wird somit als ein existentieller Trost charakterisiert.

17.         Allein ich wende mich nun wieder zu dem Tage,
18.         Von dem ich reden will, schreib‘ ihn mit goldnem Strich!
19.         Er war doch ganz für dich und mich.

Zeilen 17–19: Die feierliche Rahmung Das Gedicht kehrt zum Ausgangspunkt zurück: Die Aufforderung, den Tag zu markieren, wird wiederholt, wobei der Strich nun als „goldener Strich“ bezeichnet wird. Die Exklusivität des Tages für das Paar wird nochmals bekräftigt.

  • Verständnishorizont (Veränderung/Abschluss): Durch das Adjektiv „goldnem“ (Z. 17) wird die Bedeutung des Tages aufgewertet. War es anfangs nur ein „größerer Strich“ (Z. 1), ist es nun eine kostbare, fast heilige Erinnerung. Der Leser versteht nun, dass dieser Tag eine dauerhafte, wertvolle Markierung in der Biografie der Sprecherin darstellt.

Aussagen und Mittel des Gedichtes

Das Gedicht lässt sich in folgenden zentralen Aussagen zusammenfassen.
Um deutlich zu machen, dass Mittel natürlich immer nur etwas zu einem Zweck sind, ordnen wir sie hier den Aussagen direkt zu.

  • Das Gedicht zeigt die Kostbarkeit exklusiver, gemeinsam erlebter Zeit.
    • Unterstützung: Dies wird durch die direkte Ansprache („Freund“, Z. 1) und die wörtliche Wiederholung der Exklusivitätsbehauptung am Anfang und Ende des Textes deutlich: „Er war doch ganz für dich und mich“ (Z. 2 und Z. 19),.
  • Das Gedicht zeigt die Übermacht des erotischen Augenblicks über die Vernunft.
    • Unterstützung: Die Sprecherin nutzt das Bild des „Naschens“ (Z. 7) und den Verweis auf „Entzücken“ (Z. 8), um den Zustand der Gedankenlosigkeit gegenüber Konsequenzen zu beschreiben: „nicht die Folgen von den Bissen / Nur einen Augenblick bedacht“ (Z. 8–9).
  • Das Gedicht zeigt Sinnlichkeit als ein Mittel zur Bewältigung von Lebensleid.
    • Unterstützung: Sprachlich wird dies durch die Alliteration und Metaphorik in Zeile 16 hervorgehoben: Der Vater „verküßte sich des Lebens schwere Plage“. Hier wird das Küssen fast als eine Handlung dargestellt, der Lasten mildert.
  • Das Gedicht zeigt die Reflexion über das eigene dichterische Schaffen.
    • Unterstützung: Die Sprecherin thematisiert ihre eigene Unfähigkeit, über etwas anderes als den Kuss zu „schwatzen“, zu „singen“ und zu „sagen“ (Z. 12–15), was den Kuss zum zentralen poetischen Motiv erhebt.

Überlegungen für den Unterricht

Das Gedicht eignet sich aus mehreren Gründen hervorragend für den Deutschunterricht:

Die Untersuchung von Begriffen wie „schwatzen“ vs. „singen“ und „sagen“ (Z. 12–15) ermöglicht eine Diskussion über verschiedene Stilebenen und die Ernsthaftigkeit von Liebeslyrik.

Das Gedicht bietet einen Zugang zur Lyrik des 18. Jahrhunderts (Empfindsamkeit/Aufklärung). Interessant ist hier die Rolle der Frau als Autorin (Anna Louisa Karsch als „Naturgenie“), die sehr selbstbewusst über weibliches Begehren schreibt.

Ein Vergleich mit dem Sündenfall-Motiv in der Literatur bietet sich an.
Wie wird im Gedicht die Tat Evas verstanden?
Hier wird Eva nicht als Sünderin im negativen Sinne, sondern als Urbild der Liebenden gezeichnet.

Die Zeilen über den Vater (Z. 13–16) laden dazu ein, über die Verbindung von Lebenserfahrung und literarischer Produktion zu diskutieren.

Natürlich kann man sich selbst auch mal eine Situation aussuchen, die man dann in einem eigenen Text ausmalt. Dabei kommt es nicht auf Reime an, sondern auf die Wahl der richtigen Wörter und ihrer Verbindung.

Schüler können die Ringkomposition (der „Strich“ am Anfang und Ende) untersuchen und analysieren, wie sich die Bedeutung des Symbols durch den Mittelteil des Gedichts wandelt.