Der Philosoph Platon: Kritische Bestandsaufnahme aus heutiger Sicht (Mat1528-bpl)

Einschätzung des Philosophen Platons aus heutiger Sicht

Bestandsaufnahme und Klärung der noch aktuellen Bedeutung (V2)

Jede Epoche besitzt das fundamentale Recht – und vielleicht sogar die Pflicht –, die großen Geistesheroen der Vergangenheit von ihrem Sockel zu holen und sie auf den Prüfstand der Gegenwart zu stellen. Gedankengebäude aus früheren Zeiten dürfen kein sakrosanktes Dogma sein. Wenn Philosophie einen praktischen Nutzwert für das Leben haben soll, muss sie sich den Realitäten der jeweiligen Gegenwart stellen.

Wenn sich nun jemand fragt, ob wir damit gewissermaßen alle Denkmäler großer Geister bedingungslos stürzen und überprüfen wollen, dann übersieht er einen fundamentalen, kategorialen Unterschied in der Geistesgeschichte. Nehmen wir den großen Philosophen Immanuel Kant im Vergleich zu Johann Wolfgang von Goethe: Kant muss sich einer kritischen Bestandsaufnahme heute ganz anders aussetzen als Goethe. Warum ist das so?

Das ist unser Ansatz:

Wir nähern uns großen Geistern der Vergangenheit in angemessener Haltung.

Aber wir vermessen sie auch im Hinblick auf ihre Bedeutung für unsere Gegenwart.

Auch das ist Aufklärung im Sinne Kants.

Das Gesetz des Verfallsdatums: Poesie versus Sachtext

  • Die Kunst der Poesie (Goethe, Kleist, Shakespeare): Ein Gedicht, ein Drama oder eine ausgedachte Geschichte will keine funktionierende Gebrauchsanweisung für die politische Praxis sein. Die Poesie ist ein ästhetischer Ausdruck der conditio humana – des Menschseins mit all seinen Widersprüchen. Weil sich die menschliche Natur in den letzten Jahrtausenden nicht grundlegend verändert hat, altert echte Poesie nicht. Sie hat kein Verfallsdatum.

Diese Kunst der Poesie ist ein unschätzbares Geschenk an die Menschheit und ganz besonders an junge Menschen. Im geschützten Raum der fiktionalen Literatur können und dürfen sie sich in der Fantasie völlig austoben, Welten durchspielen und Grenzen austesten. Das ist der entscheidende Unterschied zur harten Realität: Ein jugendliches, reales Manifest wird einem oft schon am Familienfrühstückstisch um die Ohren gehauen – in der Poesie dagegen bleibt der Raum frei.

Hier liegt auch das Kernproblem des oft katastrophalen germanistischen Ansatzes im modernen Deutschunterricht: Er beschäftigt sich viel zu intensiv mit Literaturgeschichte, Biografismus und trockener Literaturwissenschaft, anstatt die Literatur schlicht als das zu behandeln, was sie ist: als Kunst. Eine Kunst, die eben nicht im Lehrbuch, sondern erst im Auge und im Geist des Betrachters vollendet wird.

  • Die Philosophie (Platon, Kant, Hegel): Philosophen produzieren – auch wenn sie in der Realität gerne einen Anspruch auf überzeitliche Ewigkeit erheben – im Grunde zeitbedingte Sachtexte mit Systemanspruch. Sie versuchen, die konkreten Probleme ihrer jeweiligen Epoche in ein theoretisches, rationales Raster zu pressen.

Und genau hier greift das Wort „noch“: Ein Sachtext besitzt keine automatische Zeitlosigkeit. Er muss sich im Laufe der Jahrhunderte daran messen lassen, was von seinen Behauptungen nach all dem wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und psychologischen Fortschritt der Evolution heute noch übrig ist.

Die folgende Untersuchung versteht sich daher als eine ordnungsgemäße, sachliche Rechnungsprüfung an einem solchen Sachtextsystem. Wir listen die zentralen Positionen auf, für die Platon traditionell steht, und unterziehen sie drei klar definierten Prüfmechanismen, um den aktuellen Ertrag unbestechlich zu ermitteln.

Position: Wofür Platon im Kern steht

Platon (ca. 428–348 v. Chr.) steht in der Geistesgeschichte vor allem für drei monumentale Säulen, die als theoretisches Angebot auf dem Tisch liegen:

  • Die Ideenlehre (Zwei-Welten-Modell): Die Annahme, dass unsere sinnlich wahrnehmbare Welt nur ein unvollkommener Abglanz (Schatten) einer höheren, unveränderlichen Welt der reinen Ideen ist.
  • Das Höhlengleichnis: Die metaphysische Erzählung, dass der normale Mensch in einer Höhle der Illusionen gefangen ist und nur der Philosoph durch den Aufstieg ans Licht die wahre Realität schauen kann.
  • Die Philosophenherrschaft (Der Idealstaat): Der politische Entwurf einer hierarchischen Gesellschaft, die von einer intellektuellen, besitzlosen Elite aus Philosophenkönigen von oben nach unten (Top-Down) regiert wird.

Das Prüfverfahren: Die drei Mechanismen

Um diese Positionen fair, aber unnachgiebig zu bewerten, nutzen wir drei standardisierte Prüfschritte:

Prüfschritt Bezeichnung Fokus
Prüfung 1 Der Realitätstest Hält das theoretische Gedankengebäude der konkreten Praxis der Lebenswelt stand?
Prüfung 2 Der biografische Test Welche innere Not oder persönliche Situation versuchte der Autor mit seiner Theorie zu bewältigen?
Prüfung 3 Der Evolutionstest Inwieweit wurden die Ideen durch die historische und philosophische Weiterentwicklung überholt?

Position 1: Der Realitätstest

Dieser Schritt prüft, ob die Theorie in der Praxis der Lebenswelt funktioniert oder ob sie an der unperfekten Realität des menschlichen Lebens scheitert (der klassische Test der Konkretisierung).

  • Befund zur Ideenlehre: Platons Trennung zwischen einer fehlerhaften Alltagswelt und einer perfekten Ideenwelt erweist sich in der Praxis als untauglich. Sie führt zu einer chronischen Realitätsflucht. Wer die wahre Wirklichkeit nur im Abstrakten sucht, verlernt, die konkreten, chaotischen Probleme des Hier und Jetzt pragmatisch zu lösen.
  • Befund zur Philosophenherrschaft: Der Entwurf, Herrscher in einer Art „Kloster“ ohne Familie und Eigentum zu isolieren, ignoriert die anthropologischen Grundkonstanten des Menschen (Biologie, Eigentumsbedürfnis, Emotionen). In der historischen Realität führt der Versuch, Menschen zu reinen Verstandeswesen zu erziehen, nicht zu weisen Führern, sondern zu ideologischen Technokraten. Das System besitzt keine Feedback-Schleifen von unten nach oben (Bottom-Up).

Mängelprotokoll: Platon verwechselt theoretisches Absolutheitswissen (Episteme) mit praktischer Lebensklugheit und situativem Urteilsvermögen (Phronesis). Test nicht bestanden.

Position 2: Der biografische Test (Die Vermessung des Autors)

Jede Theorie ist auch ein Spiegel ihres Schöpfers. Dieser Test dient der Relativierung des universellen Anspruchs durch den Blick auf die historische Person und ihre Motivation.

  • Die psychologische und situative Not: Platons gesamtes Denken ist tief geprägt vom traumatischen Schlüsselerlebnis seiner Jugend: dem Justizmord an seinem Lehrer Sokrates durch die athenische Demokratie. Aus dieser tiefen Erschütterung und der panischen Angst vor der Unberechenbarkeit der Masse heraus entstand sein patriarchaler Kontrollzwang.
  • Die Funktion der Theorie: Die Ideenlehre (eine unveränderliche Welt) und der totalitäre Idealstaat sind Platons psychologische Schutzburgen gegen das politische Chaos seiner Zeit. Er konstruierte ein starres System des intellektuellen Stillstands, um die schmerzhafte Dynamik des realen Lebens auszuschalten.

Mängelprotokoll: Was Platon als objektive, ewige Wahrheit verkaufte, war der subjektive Bewältigungsversuch eines persönlichen Traumas. Die universelle Gültigkeit ist damit stark relativiert.

Position 3: Der Evolutionstest (Historische Überholung)

Hier wird geprüft, was von den Positionen übrigbleibt, nachdem sich das menschliche Bewusstsein und die Philosophie über Jahrhunderte weiterentwickelt haben.

  • Die Überholung der Methode: Während Platon den Geist in ein Korsett sperren wollte, haben spätere Denker die Gitterstäbe dieses Bewusstseinskäfigs sichtbar gemacht. Die Phänomenologie (Husserl) holte uns zurück zu den konkreten Sachen der Lebenswelt. Denker wie Michel Foucault zeigten auf, dass Platons vermeintlich „reine Wahrheit“ in der Realität oft nur als Instrument zur Machtausübung und Disziplinierung genutzt wird.
  • Die Befreiung durch den Pragmatismus: Moderne Ansätze wie der von Paul Feyerabend (Anything Goes) oder der ganzheitliche Blick von Goethe zeigen, dass die Welt zu vielfältig, lebendig und morphologisch ist, um sie in ein einziges rationales System zu pressen. Das Leben lässt sich nicht von platonischen Planern von oben herab verordnen.

Mängelprotokoll: Das starre, dogmatische System Platons wurde durch die evolutionäre Weiterentwicklung des Denkens als anachronistisch und freiheitsfeindlich entlarvt.

Aber: Platons bleibendes Verdienst liegt vielleicht gerade in seinen Fehlern. Wer das Höhlengleichnis liest, wer den Idealstaat durchdenkt und dann bemerkt, warum er nicht funktionieren kann, hat mehr gelernt als durch viele korrektere, aber blassere Texte. Platon ist kein Lehrmeister der Antworten – er ist ein unübertroffener Generator von Fragen, die noch heute schmerzen.

Das ist kein geringer Restwert. Das ist ein anderer.

Schlussrechnung und Endergebnis

Wird Platon aus heutiger Sicht ordnungsgemäß abgerechnet, ergibt sich ein klares Bild: Platons historische Leistung als Systembaumeister und „Wissenschaftskünstler“ seiner Epoche ist unbestritten – das „Produkt“, das er geliefert hat, weist jedoch im Praxiseinsatz Probleme auf, die zum Neu- und Weiterdenken anregen.

Platons Kloster und der moderne Golfplatz

Platon wollte seine Philosophenkönige in eine Art Kloster sperren: asketisch, besitzlos, von allem Privaten gereinigt – damit die Herrscher frei von persönlichen Interessen nur dem Gemeinwohl dienen. Ein strenges, durchaus konsequentes Modell.

Nun stelle man sich vor, Platon würde heute einen Blick auf einen gut besuchten Golfplatz werfen. Er würde dort ebenfalls eine kleine, abgeschirmte Elite vorfinden, die unter sich bleibt und zwischen zwei Schlägen Dinge bespricht, die für die Masse der Bevölkerung erhebliche Konsequenzen haben können. Das Muster wäre ihm vertraut: Homogenität der Gruppe, Abschirmung von der Öffentlichkeit, Entscheidungen ohne demokratische Rückkopplung.

Der entscheidende Unterschied: Der Golfplatz hat keinen Klausurstatus. Die Herrscher von heute sind nicht besitzlos – sie sind oft genau deshalb dort, weil sie Besitz haben und mehren wollen. Platons Idee hat sich gewissermaßen selbst pervertiert: Die Elitenherrschaft ist geblieben, die Askese ist verschwunden. Was übrig blieb, ist das Kloster ohne Gelübde – und damit das Schlimmste beider Welten.

Vielleicht hätte Platon bei diesem Anblick sogar mit dem Kopf geschüttelt. Er wollte eine Herrschaft der Weisen – nicht der Wohlhabenden.

Lessing über den Adler – und den Menschen

Gotthold Ephraim Lessing hat in seinem Gedicht An den Herrn Magister Marpurg beschrieben, was einen wahrhaft großen Geist auszeichnet – und was selbst seine Fehler noch über das Mittelmäßige erhebt. Die letzten Verse treffen auch auf Platon zu:

Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloss,
Ist, was er ist, durch sich; wird ohne Regeln groß.
Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher.
Er schöpfet aus sich selbst. Er ist sich Schul und Bücher.
Was ihn bewegt, bewegt; was ihm gefällt, gefällt.
Sein glücklicher Geschmack ist der Geschmack der Welt.
Wer fasset seinen Wert? Er selbst nur kann ihn fassen.
Sein Ruhm und Tadel bleibt ihm selber überlassen.
Fehlt einst der Mensch in ihm, sind doch die Fehler schön;
Nur seine Stärke macht, dass wir die Schwäche sehn.

— Gotthold Ephraim Lessing, An den Herrn Magister Marpurg

„Nur seine Stärke macht, dass wir die Schwäche sehn.“ – Genau das ist der Maßstab dieser Bestandsaufnahme. Wir sehen Platons Schwächen so klar, weil er so hoch geflogen ist.

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