Die Vielfalt der Aufklärung – Lyrik zwischen Vernunft und Gefühl mit Lebenslust (Mat1958-aus)

Epochen sind nicht nur dies oder das

  • Es ist ein häufiger Fehler zu glauben, eine Epoche bestünde nur aus einem starren Satz an Regeln. Tatsächlich sind Epochen vielgestaltig und oft Schauplatz gegensätzlicher Strömungen, die zeitlich parallel verlaufen können.
  • Die Aufklärung (ca. 1720–1800) ist hierfür das perfekte Beispiel: Sie fungiert als eine Art „Dach“, unter dem sich sehr verschiedene literarische Richtungen entwickelten. Während sie alle das Ziel eint, den Menschen aus der Unmündigkeit zu befreien und die Vernunft zu fördern, unterscheiden sie sich stark in Tonfall und Fokus

Hier sind die wichtigsten lyrischen Strömungen der Aufklärung im Überblick:

Strömung Nr. 1: Die Naturlyrik (Physikotheologie)

  • In der Frühaufklärung versuchte man, Gott nicht mehr über die Kirche, sondern über die wissenschaftliche Naturerfahrung zu beweisen. Die Welt wurde als eine perfekte, von Gott geschaffene „Maschine“ betrachtet.
    • Vertreter: Barthold Heinrich Brockes.
    • Gedichtbeispiel: „Die kleine Fliege“.
  • • Das Besondere: Das Gedicht beschreibt mikroskopisch genau die Farben und den Bau einer Fliege („klein Köpfgen grün“, „Cörperchen vergüldet“), um daraus die Vollkommenheit des Schöpfers rational abzuleiten.

Strömung Nr. 2: Die Anakreontik (Rokoko)

  • Diese Strömung (ca. 1720–1785) ist der „leichte“ Flügel der Aufklärung. Sie setzt sich bewusst vom düsteren Barock ab und feiert das irdische Vergnügen.
    • Vertreter: Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Friedrich von Hagedorn, Johann Peter Uz.
    • Gedichtbeispiel: Gleims „Amor ein Vogel“.
  • Das Besondere: Es herrscht ein spielerischer, scherzhafter Ton. Statt religiöser Schwere nutzt das Gedicht antike Mythen (Amor), um Themen wie Liebe, Wein und Geselligkeit in kurzen, tänzelnden Versen darzustellen.
  • Einordnung als Frühaufklärung:
    In der Fachliteratur wird die Strömung explizit als „Anakreontik der deutschen Frühaufklärung“ bezeichnet. Sie entwickelte sich unmittelbar aus dem Barock heraus und übernahm dessen Pathos, lehnte aber die düstere Weltverneinung (Memento Mori) ab.
  • Abgrenzung zu späteren Strömungen:
    Andere wichtige Teilströmungen begannen deutlich später. Die Empfindsamkeit entwickelte sich erst ab etwa 1740 bzw. 1749. Der Sturm und Drang, der die Vernunftherrschaft der Aufklärung radikal infrage stellte, setzte sogar erst um 1770 ein.
  • Zusammenfassend lässt sich sagen:
    Die Anakreontik begleitete die Aufklärung von ihren ersten Anfängen an und prägte besonders die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts mit ihrem Ideal des „frohen Lebens“.

Strömung Nr. 3:  Die Lehrdichtung und Fabel

  • Hier steht die didaktische Absicht im Vordergrund: Literatur soll nützlich sein und den Leser moralisch bilden.
    • Vertreter: Christian Fürchtegott Gellert, Gotthold Ephraim Lessing.
    • Gedichtbeispiel: Lessings „Der Rabe und der Fuchs“.
  • Das Besondere: Durch die Personifikation von Tieren wird menschliches Fehlverhalten (wie Eitelkeit) entlarvt. Das Gedicht zielt auf eine Pointe oder eine Moral ab, die den Leser zum eigenständigen Nachdenken anregen soll.

Strömung Nr. 4: Die Empfindsamkeit

  • Diese Strömung (ca. 1740–1780) bildet keinen Gegensatz zur Vernunft, sondern ergänzt sie um die „Authentizität der Gefühle“. Das mündige Individuum zeigt sich hier in seiner Fähigkeit zu tiefer Freundschaft und seelischer Erschütterung.
    • Vertreter: Friedrich Gottlieb Klopstock.
    • Gedichtbeispiel: Klopstocks „Oden“ (z. B. „Die Frühlingsfeier“).
  • Das Besondere: Die Sprache ist hymnisch und voller Pathos. Natur wird hier nicht mehr forschend analysiert, sondern als Erlebnisraum der eigenen Seele und Spiegel der Gefühle begriffen.

Zusammenfassung

  • Zusammenfassend lässt sich sagen:
  • Die Aufklärung ist ein bunter Strauß an Ausdrucksformen
    • vom kühlen Forschergeist der Naturlyrik
    • über den scherzhaften Genuss der Anakreontik
    • bis hin zur moralischen Strenge der Fabel und der emotionalen Tiefe der Empfindsamkeit.