Dragica Raijcic, „Emigranten“ (Mat2052-sv)

Dragica Rajčić, „Emigranten“ (1991) – ein leises Gedicht über Menschen zwischen „dort“ und „hier“

Ein Abend unter Menschen, die aus ihrer Heimat weggehen mussten. Man redet, erinnert sich, streitet, singt – und ganz am Ende passiert etwas sehr Kleines unter dem Tisch. Das Gedicht ist kurz, aber sprachlich nicht ganz einfach: Manche Wendungen wirken auf den ersten Blick „falsch“, und ein langer Satz scheint kein Ende zu finden. Genau dort steckt der Schlüssel.

Drei Fragen, mit denen man ins Gedicht einsteigen kann:

  1. Warum heißt das Gedicht „Emigranten“, also Auswanderer, wenn die Menschen darin singen, man habe sie „verstossen“?
  2. Warum gibt das Ich seine Hand ausgerechnet „unter dem tisch“ und nicht offen?
  3. „Und sang mit dir, um mit dir zu singen“: Ist das ein sprachlicher Fehler, ein Zirkelschluss oder genau der Kern des Gedichts?

Das Gedicht ist urheberrechtlich geschützt. Wir gehen deshalb davon aus, dass es dir vorliegt, und zitieren nur kurze Stellen mit Versangabe. Du kannst diese Seite auf zwei Wegen nutzen: schnell direkt zum Ergebnis oder Schritt für Schritt, so wie man das Gedicht beim ersten Lesen erlebt.

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Schritt für Schritt: Titel und Abschnitte – Leserlenkung und Deutungsfortschritt

Bei jedem Schritt fragen wir zweimal: Leserlenkung – was macht der Text an dieser Stelle mit uns als Lesern? Und Deutungsfortschritt – was wissen wir jetzt mehr als vorher? So wächst die Deutung beim Lesen und muss nicht am Ende aus dem Hut gezaubert werden.

1. Der Titel „Emigranten“: ein Wort mit Geschichte

Leserlenkung – was der Text mit uns macht:

  • Der Titel sagt sofort, um wen es geht: um Menschen, die ihr Land verlassen haben.
  • „Emigrant“ heißt wörtlich „Auswanderer“. Das klingt nach einer eigenen Entscheidung, fast neutral, wie ein Begriff aus der Statistik.
  • Mit Entstehungsjahr (1991) und Herkunft der Verfasserin im Kopf (geboren bei Split, damals Jugoslawien) denkt man sofort an den Krieg nach dem Zerfall Jugoslawiens.
  • Der Plural macht neugierig: Geht es um eine Gruppe oder um ein Einzelschicksal?

➜ Deutungsfortschritt: Wir erwarten ein Gedicht über Menschen, die wegen des Krieges ihre Heimat verlassen haben. Ob das Wort „Emigranten“ wirklich passt, ist noch offen. Wir behalten es im Hinterkopf. Stand der Deutung: Es geht um eine Gruppe von Menschen im Exil.

2. Verse 1–4: „von … war die rede“ – vier Runden Erinnerung, vom Allgemeinen zum Körper

„von der zeit war die rede und immer wieder vom krieg und entgegenhalten“ (V. 1)
„von fleisch war die rede und von dem dass wir immer wieder dort und hier nie sind“ (V. 4)

Leserlenkung – was der Text mit uns macht:

  • Viermal beginnt ein Vers mit „von … war die rede“. Das wirkt wie eine Litanei. Wir hören einem Gespräch zu, ohne dass jemand namentlich auftritt: „Die rede“ spricht, nicht eine Person.
  • Jeder dieser Verse ist zweigeteilt: vorn ein allgemeines Stichwort, hinter dem „und“ das, was wirklich wehtut.
    —
    zeit → krieg und „entgegenhalten“
    —
    menschen → „kindern welche nicht mehr da sind“
    —
    meer → „gerüchen des windes“
    —
    fleisch → „dass wir immer wieder dort und hier nie sind“
  • Die Stichwörter am Versanfang werden immer konkreter und körperlicher: von der abstrakten „zeit“ über „menschen“ und „meer“ bis zum „fleisch“.
  • „entgegenhalten“ in V. 1 ist ein Verb, das als Hauptwort gebraucht wird, aber klein geschrieben ist: Das „Entgegenhalten“ kann Widerstand gegen den Krieg meinen, aber auch Gegenargumente im Gespräch. Wem man etwas entgegenhält, bleibt offen.
  • Die „kindern welche nicht mehr da sind“ (V. 2): Das Wort „tot“ fällt nicht. Gerade das Verschweigen macht die Stelle schwer.
  • „gerüchen des windes“ (V. 3): Heimat ist in der Erinnerung keine Landkarte, sondern ein Geruch. Wer je Heimweh hatte, kennt das.
  • „fleisch“ (V. 4) ist das härteste Wort der Reihe: Es kann an verwundete und getötete Körper denken lassen, aber auch an „eigenes Fleisch und Blut“, also an die Familie.
  • Der Schluss von V. 4 bringt uns ins Stolpern: „dass wir immer wieder dort und hier nie sind“ (siehe unten bei der Form).
    —
    Gemeint ist: In Gedanken sind wir immer wieder dort (in der Heimat), hier (im neuen Land) sind wir nie wirklich angekommen.

➜ Deutungsfortschritt: Die Gruppe spricht über Krieg, Tote und Heimat, und das Gespräch wird mit jedem Vers körperlicher und schmerzhafter. Am Ende steht die doppelte Abwesenheit: Das Verlorene ist nicht mehr erreichbar, das Neue nicht wirklich bewohnbar. Stand der Deutung: Exil heißt hier, an keinem Ort ganz da zu sein.

3. Verse 5–11: Die Rede „stoss“ auf Widerrede – und der Satz verliert den Atem

„und als die rede auf
widerrede stoss“ (V. 5–6)
„köpfe rot / hälse trocken / lungen voll von schmerz / sich in ein Lied gossen“ (V. 8–11)

Leserlenkung – was der Text mit uns macht:

  • Die Litanei bricht ab. Mit „und als“ beginnt etwas Neues, und die Verse werden plötzlich kurz: drei, zwei, drei Wörter. Das Lesen wird atemlos – passend zu den „hälse trocken“.
  • Der Zeilenbruch nach „auf“ lässt uns kurz in der Luft hängen. Dann der Aufprall: „widerrede stoss“. Aus „rede“ wird „widerrede“ – die Einigkeit der Erinnerung ist vorbei.
  • Historischer Hintergrund, der den Streit verständlich macht: 1991 kämpften Menschen, die eben noch Bürger desselben Landes waren, gegeneinander. Am Tisch im Exil können also Leute sitzen, deren Völker gerade Krieg führen. Gestritten wird wahrscheinlich nicht mehr über die Vergangenheit, sondern über die Gegenwart: Wer ist schuld?
  • „nach mitternacht“ markiert einen Einschnitt. Die Nacht ist die Zeit, in der die Selbstbeherrschung nachlässt.
  • Dann wird der Schmerz körperlich: rote Köpfe, trockene Hälse, volle Lungen. Achte auf die Auswahl: Hals und Lunge sind die Organe, mit denen man singt. Der Text bereitet das Lied also schon im Körper vor.
  • Grammatisch genau gelesen, sind es die Köpfe, Hälse und Lungen, die „sich in ein Lied gossen“. Nicht Menschen stimmen ein Lied an, sondern die Körper ergießen sich hinein. „Gießen“ erinnert an flüssiges Metall in einer Form: Der Schmerz bekommt endlich eine feste Gestalt.
  • „Lied“ ist das einzige großgeschriebene Nomen im ganzen Gedicht. Mitten im kleingeschriebenen Strom steht es fest da.
  • Und noch etwas fehlt: Die Verse 5–11 bestehen nur aus Nebensätzen („als …, als …“). Der Hauptsatz, der sagen würde, was dann geschah, kommt nicht. Wir warten weiter.

➜ Deutungsfortschritt: Wo die Worte zum Streit führen, retten sich die Körper ins Lied. Das Lied löst den Konflikt nicht, aber es ist ein Gefäß für den Schmerz. Stand der Deutung: Die Gemeinschaft der Vertriebenen ist zerbrechlich; zusammenhalten kann sie nur noch im Gesang – und der Satz wartet auf seine Auflösung.

4. Vers 12: Die Klammer – „verstossen hat man uns“ korrigiert den Titel

„(verstossen hat man uns sangen die stimmen)“ (V. 12)

Leserlenkung – was der Text mit uns macht:

  • Jetzt hören wir, was gesungen wird: den Inhalt des Liedes, den Kern des ganzen Abends.
  • Und der Titel fällt in sich zusammen: Nicht „ausgewandert“ sind sie, sondern „verstossen“. Das Gedicht korrigiert sein eigenes Überschrift-Wort.
  • Hörst du das Echo? In V. 6 „stoss“ die Rede auf Widerrede, in V. 12 hat man sie „verstossen“. Dasselbe Wort steckt in beidem: Der Streit am Tisch wiederholt im Kleinen, was ihnen im Großen angetan wurde.
  • „verstossen“ steht ganz vorn (Umstellung der normalen Wortfolge) und bekommt so das größte Gewicht.
  • „man“: Die Täter bleiben namenlos. Das passt zum Streit vorher, denn darüber, wer „man“ ist, ist man sich am Tisch gerade nicht einig.
  • „sangen die stimmen“: Es singen keine Menschen, sondern Stimmen. Der Einzelne verschwindet im Chor.
  • Die Klammer wirkt wie ein Einschub mitten im langen Satz: ein Refrain im Hintergrund, den alle kennen und den man nicht mehr laut erklären muss.

➜ Deutungsfortschritt: Das Gefühl, das alle verbindet, ist nicht Heimweh allein, sondern Verstoßensein. Über die Schuldigen streitet man, über das Ergebnis nicht. Stand der Deutung: Die Menschen sind Vertriebene, die nur in der gemeinsamen Klage einig sind.

5. Verse 13–14: Endlich der Hauptsatz – die Hand unter dem Tisch

„Ich gab dir meine hand unter dem tisch.
Und sang mit dir, um mit dir zu singen.“ (V. 13–14)

Leserlenkung – was der Text mit uns macht:

  • Hier kommt der Hauptsatz, auf den wir seit Vers 5 warten: „als die rede auf widerrede stoss, als … sich in ein Lied gossen, … Ich gab dir meine hand“. Das ist die Antwort des Gedichts auf alles, was vorher geschah.
  • Zum ersten Mal taucht ein „Ich“ auf, und gleich danach ein „Du“. Aus der namenlosen Runde wird eine Beziehung zwischen zwei Menschen.
  • Auch das Schriftbild ändert sich: Großbuchstaben am Versanfang, Komma, Punkt. Wo vorher alles fließt und sich vermischt, entsteht plötzlich Ordnung.
  • „unter dem tisch“ teilt den Raum in zwei Ebenen:
    —
    Oben auf dem Tisch: Rede, Widerrede, Schuldfragen.
    —
    Unten: eine stumme Geste, die keine Partei ergreift. Heimlich ist sie wohl nicht, weil sie verboten wäre, sondern weil sie außerhalb des Streits bleiben will.
  • Wer ist „du“? Das Gedicht sagt es nicht. Eine reizvolle Möglichkeit: jemand von der „widerrede“, also von der anderen Seite des Streits. Dann wäre die Hand unter dem Tisch eine kleine Versöhnung, die oben noch nicht möglich ist.
  • Der letzte Vers klingt wie ein Zirkelschluss: singen, um zu singen. Man erwartet einen Zweck (um zu trösten, um zu protestieren …) und bekommt keinen. Genau das ist der Punkt: Das Mitsingen ist kein Mittel, um etwas zu erreichen, sondern selbst das Ziel – einfach mit dem anderen da sein.
  • „mit dir“ steht zweimal im letzten Vers. Nicht der Inhalt des Liedes ist wichtig („verstossen“), sondern das Mit-dir.

➜ Deutungsfortschritt: Gegen das Verstoßensein durch ein anonymes „man“ setzt das Gedicht keine politische Antwort, sondern eine persönliche: Jemand nimmt dich an der Hand. Endstand der Deutung: Wer seine Heimat verloren hat, findet Halt nicht im Streit über Schuld, sondern in einer stillen, zweckfreien Geste der Nähe.

Die Aussagen des Gedichts – und wie die Sprache sie stützt

Aussage 1: Wer vor dem Krieg flieht, ist kein „Auswanderer“, sondern ein Vertriebener.

  • Spannung zwischen Titel und V. 12: „Emigranten“ gegen „verstossen hat man uns“
  • Umstellung der Wortfolge: „verstossen“ an erster Stelle (V. 12)
  • Unbestimmtes Pronomen „man“: Die Täter bleiben namenlos

Aussage 2: Im Exil ist man an keinem Ort ganz da.

  • Gegensatz „dort“ – „hier“ (Antithese, V. 4)
  • Ungewöhnliche Wortstellung „dort und hier nie sind“: Die beiden Orte rücken zusammen, der Satz endet mit „nie sind“
  • „immer wieder“ gegen „nie“: das Pendeln der Gedanken gegen das Nicht-Ankommen

Aussage 3: Die Erinnerung an die Heimat führt vom Allgemeinen zum Schmerz im eigenen Körper.

  • Anapher „von … war die rede“ (V. 1–4): litaneiartiges Aufzählen
  • Zweigeteilte Verse: vorn das Stichwort, nach „und“ der wunde Punkt
  • Steigerung der Stichwörter: „zeit“ – „menschen“ – „meer“ – „fleisch“
  • Umschreibung „kindern welche nicht mehr da sind“ (V. 2): Der Tod wird nicht ausgesprochen
  • „gerüchen des windes“ (V. 3): Heimat als Sinneseindruck

Aussage 4: Ein gemeinsames Schicksal schützt nicht vor Streit – und der Streit wiederholt die Vertreibung im Kleinen.

  • Wortspiel „rede“ – „widerrede“ (V. 5–6)
  • Zeilenbruch nach „auf“: Der Aufprall der Widerrede wird spürbar
  • Wortecho „stoss“ (V. 6) – „verstossen“ (V. 12)
  • Zeitlicher Einschnitt „nach mitternacht“ (V. 7)

Aussage 5: Wo Worte nur noch Streit bringen, gibt das Lied dem Schmerz eine Form.

  • Körperbilder mit Ellipsen: „köpfe rot / hälse trocken / lungen voll von schmerz“ (V. 8–10), ohne Verb
  • Auswahl der Organe: Hals und Lunge als Organe des Singens bereiten das Lied vor
  • Sehr kurze Verse (V. 5–11): Atemlosigkeit
  • Metapher „sich in ein Lied gossen“ (V. 11): Gießen in eine feste Form; Subjekt sind die Körperteile, nicht die Menschen
  • „Lied“ als einziges großgeschriebenes Nomen
  • „sangen die stimmen“ und Klammer (V. 12): Die Einzelnen verschwinden im Chor, das Lied als Refrain im Hintergrund

Aussage 6: Halt gibt am Ende nicht das Reden, sondern eine stille, zweckfreie Geste zwischen zwei Menschen.

  • Satzbau: Erst V. 13 liefert den Hauptsatz zu den „als“-Nebensätzen ab V. 5 – die Geste ist die Auflösung
  • Wechsel vom unpersönlichen „die rede“ und „uns“ zu „Ich“ und „dir“
  • Ortsangabe „unter dem tisch“: unten die Geste, oben der Streit
  • Wechsel im Schriftbild: Großschreibung am Versanfang, Komma und Punkt
  • Scheinbarer Zirkelschluss (Tautologie) „sang mit dir, um mit dir zu singen“: kein Zweck außer dem Zusammensein
  • Doppeltes „mit dir“ im letzten Vers
  • Rhythmus: Der letzte Vers ist auffällig gleichmäßig, das Gedicht beginnt selbst zu „singen“ (siehe Form)

Das Thema – rückwärts aus den Aussagen erschlossen

  • Aussagen 1 bis 3 beschreiben die Lage: vertrieben, entwurzelt, mit schmerzhaften Erinnerungen an das Verlorene.
  • Aussagen 4 und 5 zeigen, wie die Gruppe damit umgeht: Reden führt zum Streit, Singen hält zusammen.
  • Aussage 6 gibt die Antwort des Gedichts: persönliche Nähe statt Debatte.
  • Liest man die Aussagen als Antworten, ergibt sich die Frage, die hinter dem Gedicht steht:
    —
    Was hilft Menschen, denen der Krieg die Heimat genommen hat – das Reden über Schuld oder das einfache Dasein für den anderen?

Thema in einem Satz: Das Gedicht zeigt Kriegsflüchtlinge, die zwischen „dort“ und „hier“ ihren Halt verloren haben und über Erinnerung und Schuld in Streit geraten – und setzt dagegen eine stille, zweckfreie Geste menschlicher Nähe.

Die äußere Form: freie Verse, ein Satz ohne Hauptsatz, Stolperstellen

Ein Etikett wie „freie Verse“ allein bringt in der Klausur wenig. Spannend wird es dort, wo die Form sich plötzlich ändert – und wo die Sprache scheinbar „falsch“ ist.

Die Form auf einen Blick:

  • Aufbau: 14 Verse in drei Teilen – vier lange, gleich gebaute Verse (V. 1–4), sieben sehr kurze Verse (V. 5–11), dann Klammer und Schluss (V. 12–14).
  • Reim und Metrum: keine – freie Verse. Rhythmus entsteht durch Wiederholung („von … war die rede“) und durch den Wechsel von langen zu kurzen Versen.
  • Schriftbild: V. 1–12 klein geschrieben und ohne Satzzeichen – mit einer Ausnahme: „Lied“ (V. 11). V. 13–14 mit großem Versanfang, Komma und Punkt.
  • Satzbau: V. 5–11 bestehen nur aus Nebensätzen mit „als“; der zugehörige Hauptsatz folgt erst nach der Klammer in V. 13.
  • Typografie: V. 12 in Klammern, als Einschub mitten im großen Satz.

Stolperstellen in der Sprache: Fehler oder Kunst?

Dragica Rajčić hat Deutsch nicht in der Schule gelernt, sondern im Alltag in der Schweiz. In ihren Texten bricht sie die Regeln der Rechtschreibung und Grammatik bewusst. Für die Klausur heißt das: Nie „korrigieren“, sondern fragen, was die Abweichung bewirkt.

  • „vom krieg und entgegenhalten“ (V. 1)
    —
    Ein Verb als Hauptwort, aber klein geschrieben und ohne Artikel. Gemeint sein kann der Widerstand gegen den Krieg oder das, was man sich im Gespräch entgegenhält.
    —
    Wirkung: Die Unklarheit passt zur Lage. Was man dem Krieg entgegenhalten könnte, weiß niemand am Tisch.
  • „von fleisch war die rede“ (V. 4)
    —
    Ungewöhnlich hartes Wort für ein Gespräch. Es lässt an verwundete Körper denken, aber auch an „Fleisch und Blut“, die Familie.
    —
    Wirkung: Das Gespräch ist beim Körper angekommen – Vorbereitung auf die Körperbilder in V. 8–10.
  • „dass wir immer wieder dort und hier nie sind“ (V. 4)
    —
    Korrekt wäre etwa: „dass wir immer wieder dort sind und nie hier“.
    —
    Wirkung: „dort und hier“ stehen eng beieinander, als ließen sich die beiden Orte nicht mehr trennen. Und der Satz endet mit „nie sind“ – das Sein selbst wird verneint.
  • „als die rede auf / widerrede stoss“ (V. 5–6)
    —
    Korrekt wäre „stieß“. Die Form „stoss“ klingt wie ein Präsens und schafft ein Echo zu „verstossen“ in V. 12.
    —
    Wirkung: Der Zusammenstoß im Gespräch und das Verstoßenwerden hängen sprachlich zusammen.
  • „verstossen“ mit ss (V. 12)
    —
    Kein Fehler: In der Schweiz wird kein ß geschrieben. Die Schreibung verrät, wo das Gedicht entstanden ist – im Land des „hier“.
  • Der Satz ohne Hauptsatz (V. 5–11)
    —
    Zwei „als“-Nebensätze, dazwischen Satzfetzen ohne Verb („köpfe rot / hälse trocken“).
    —
    Wirkung: Der Satz verliert den Atem wie die Menschen am Tisch. Aufgelöst wird er erst durch das Ich in V. 13.
  • Kleinschreibung – bis auf „Lied“
    —
    Alles fließt ineinander, nichts ist hervorgehoben, wie ein Gespräch spät in der Nacht. Nur „Lied“ steht groß, dann „Ich“ und „Und“ am Schluss: Erst das Lied, dann das Ich treten aus dem Strom hervor.
  • „um mit dir zu singen“ (V. 14)
    —
    Wer hier einen Logikfehler sieht, hat schon die richtige Spur: Die fehlende Zweckangabe ist die Aussage.

Kein Metrum – und trotzdem Rhythmus: die letzten beiden Verse

Bei freien Versen sucht man in der Klausur kein festes Versmaß, sondern Stellen, an denen der Rhythmus auffällt. Betonte Silben sind fett. Gelb markiert eine kleine Unregelmäßigkeit.

13   Ich gab dir mei-ne hand un-ter dem tisch.

  • Der Anfang läuft gleichmäßig (unbetont – betont), dann stoßen bei „hand unter“ zwei betonte Silben zusammen, danach folgen zwei unbetonte.
  • Form und Aussage: Genau an der Stelle, an der die Geste unter den Tisch wandert, gerät der Rhythmus aus dem Takt (siehe Aussage 6).

14   Und sang mit dir, um mit dir zu sin-gen.

  • Fast ein gleichmäßiger Wechsel von unbetont und betont, nur bei „um mit“ eine doppelte Senkung. Beim lauten Lesen klingt der Vers wie eine Liedzeile.
  • Form und Aussage: Das Gedicht, das vom Singen erzählt, beginnt am Ende selbst zu singen.

Ergebnis: Das Gedicht verzichtet auf Reim und Metrum. Auf vier lange, gleich gebaute Erinnerungsverse folgt ein atemloser Satz in kurzen Versen, der keinen Hauptsatz findet. Erst am Schluss ändern sich Schriftbild, Satzbau und Rhythmus gleichzeitig: Der Hauptsatz kommt, Großschreibung und Punkt setzen ein, der letzte Vers wird liedhaft. Die Form macht die Wende von der zerstrittenen Gruppe zum Ich-Du sichtbar und hörbar.

So kann man es in der Klausur formulieren

Das Gedicht ist in freien Versen ohne Reim verfasst; bis Vers 12 dominieren Kleinschreibung und fehlende Satzzeichen, was den Eindruck eines nächtlichen, ineinanderfließenden Gesprächs erzeugt. Die Normabweichungen sind dabei nicht als Fehler, sondern als Gestaltungsmittel zu verstehen: So schafft die ungewöhnliche Form „stoss“ (V. 6) ein Echo zu „verstossen“ (V. 12) und verbindet den Streit am Tisch mit der Erfahrung der Vertreibung. Die Verse 5 bis 11 bestehen nur aus Nebensätzen und verblosen Satzfetzen; der zugehörige Hauptsatz folgt erst in Vers 13 mit „Ich gab dir meine hand unter dem tisch“. Damit wird die stille Geste syntaktisch zur Auflösung des gesamten Geschehens, was zusätzlich durch das Einsetzen von Großschreibung und Satzzeichen sowie den nahezu liedhaften Rhythmus des letzten Verses hervorgehoben wird.

Was man in der Schule damit anfangen kann: Einordnung und Vergleiche

Einordnung: Verfasserin und Zeit

  • Dragica Rajčić, geboren 1959 bei Split (Kroatien, damals Jugoslawien), kam mit knapp 20 Jahren in die deutschsprachige Schweiz und arbeitete dort u. a. als Putzfrau und Serviererin.
  • 1988 kehrte sie nach Jugoslawien zurück, 1991 floh sie wegen des Krieges mit ihren Kindern erneut in die Schweiz – im Entstehungsjahr des Gedichts.
  • Ihre Gedichte gehören zur sogenannten interkulturellen bzw. Migrationsliteratur; 1994 erhielt sie den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis, einen Preis für deutschsprachige Autoren mit einer anderen Herkunftssprache.
  • Ihre bewusst „unkorrekte“ Sprache ist Programm: Sie zwingt deutschsprachige Leser, ihre eigene Sprache wie etwas Fremdes zu erleben – also genau die Erfahrung, die Migranten täglich machen.

Gute Vergleichsmöglichkeiten

  • Bertolt Brecht, „Über die Bezeichnung Emigranten“ (1937)
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    Der ideale Partnertext: Brecht lehnt das Wort „Emigranten“ ausdrücklich ab, weil es nach freiwilliger Auswanderung klingt („Vertriebene sind wir, Verbannte“). Rajčić macht dasselbe, nur ohne Erklärung – der Titel wird in Vers 12 still korrigiert.
  • Mascha Kaléko, „Emigranten-Monolog“
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    Ebenfalls Heimatverlust im Exil, aber mit ironischer Distanz statt nächtlicher Szene.
  • Franco Biondi, „Ode an die Fremde“
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    Ein weiterer Text der Migrationsliteratur; Vergleich der Frage, wie man in der Fremde ankommt – oder nicht.
  • Hilde Domin, „Mit leichtem Gepäck“
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    Exil als Lebenshaltung: Was trägt man mit sich, wenn man nichts mehr festhalten kann?

Ein Blick hinter die Kulissen: Warum endet das Gedicht so leise?

  • Ein Gedicht über den Krieg könnte anklagen und Schuldige benennen. Rajčić tut das bewusst nicht: Es bleibt bei „man“. Das Gedicht bleibt dadurch für Leser aller Seiten offen, auch für die, die am Tisch gestritten hätten.
  • Die sperrige Sprache wirkt zugleich authentisch: Hier spricht jemand, der die Erfahrung selbst gemacht hat, nicht ein Beobachter von außen. Bei Lesern und Kritikern schafft das Glaubwürdigkeit.
  • Die kleine Geste am Schluss vermeidet großes Pathos. Gerade deshalb bleibt sie im Gedächtnis.

Kurze Bewertung

  • Sachurteil: Das Gedicht trifft die Erfahrung des Exils genau – vor allem die doppelte Nicht-Zugehörigkeit und die Spaltung innerhalb der Vertriebenen selbst, die in vielen Exil-Texten fehlt.
  • Werturteil: Man kann fragen, ob die private Geste als Antwort auf Krieg und Vertreibung genügt. Das Gedicht behauptet allerdings nicht, das Problem zu lösen, sondern zeigt, was im Kleinen möglich bleibt.

Und ohne Lehrkraft gefragt: Was hat dieses Gedicht mit uns zu tun?

  • „Dort und hier nie“ kennen viele: Wer umgezogen ist oder Mitschüler mit Fluchtgeschichte hat (etwa aus der Ukraine oder Syrien), weiß, wie es ist, im Kopf noch woanders zu sein.
  • Der Familienabend, der kippt: Erst erzählt man sich schöne alte Geschichten, nach Mitternacht kommt die Politik auf den Tisch – und plötzlich ist Streit. Das Gedicht beschreibt eine ziemlich normale Situation, nur unter viel härteren Bedingungen.
  • Beistand ohne Diskussion: Wenn ein Freund in einen Konflikt gerät, muss man nicht immer Partei ergreifen oder die richtigen Argumente haben. Manchmal reicht es, da zu sein – die Hand unter dem Tisch.
  • Gemeinsam singen verbindet: Ob im Stadion, auf dem Konzert oder beim Karaoke – beim Mitsingen geht es selten um den Text, sondern darum, dass man es zusammen tut.

Zum Weiterdenken: Kann man einem Menschen wirklich beistehen, ohne seine Meinung zu teilen – oder ist die Hand unter dem Tisch auch eine Art, dem Streit auszuweichen?

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