Dürrenmatt, „Der Besuch der alten Dame“ – Charakteristik der Milliardärin (Mat7005-cad)

Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Claire Zachanassian betritt die Handlung mit einem Akt der Willkür: Sie lässt den Zug außerplanmäßig halten, nur weil sie es kann.
  2. Schon bei der Begrüßung zeigt sie sich kühl und unsentimental – Höflichkeitsfloskeln interessieren sie nicht, sie sagt direkt, was sie denkt.
  3. Ihre künstlichen Körperteile (Folgen früherer Unfälle) machen sie fast unverwundbar und wirken wie ein Symbol für ihre Unnahbarkeit.
  4. Mit gezielten, teils zynischen Fragen an Polizist, Pfarrer und Arzt testet sie die moralische Widerstandskraft der Stadt, noch bevor sie ihr Angebot macht.
  5. Ihr eigentliches Angebot – eine Milliarde gegen den Tod Alfred Ills – entlarvt ihr Prinzip: „Man kann alles kaufen.“
  6. Sie handelt nicht aus Impulsivität, sondern mit langem Atem: Sie weiß, dass die wirtschaftliche Not der Stadt die Menschen mit der Zeit gefügig machen wird.
  7. Vom Hotelbalkon aus beobachtet sie das Geschehen distanziert, fast wie eine Zuschauerin ihres eigenen Plans.
  8. Ihre häufigen Ehen und Scheidungen zeigen, dass sie Menschen wie austauschbare Objekte behandelt.
  9. In der Scheune enthüllt sich das ganze Ausmaß ihrer Planung: Sie hat Güllen wirtschaftlich längst in der Hand, lange bevor die Stadt es merkt.
  10. Diskussionsfrage: Ist Claire am Ende eine kalte Rächerin – oder zeigt gerade ihr Umgang mit Ills Tod, dass in ihr auch eine tief verletzte, liebende Seite steckt?

Was eine gute Charakteristik ausmacht

  • Zunächst eine wichtige Unterscheidung
    Eine Charakteristik ist keine Personenbeschreibung und deshalb auch nicht so etwas wie ein Steckbrief.
    Vielmehr ist es eine spezielle Variante der Analyse, bei der es eben um eine Figur geht, was sie denkt, wie sie sich verhält.
  • Wichtig ist aber auch: ein Theaterstück wie „Der Besuch der alten Dame“ Hat natürlich auch eine fortlaufende Entwicklung. Deshalb legen wir unsere Charakteristik zweistufig an.
    • Zunächst schauen wir uns nacheinander an, wie die alte Dame sich im Verlaufe des Stückes verhält..
    • Anschließend versuchen wir, es systematisch zu beschreiben.
  • Wir beginnen also im ersten Teil mit dem ersten Auftreten der Figur und verfolgen dann Schritt für Schritt, wie sich das Bild von ihr präzisiert, erweitert und schließlich verstärkt.
  • So entsteht kein starres Porträt, sondern ein Entwicklungsbild – man sieht, wie neue Szenen das erste Bild bestätigen, ergänzen oder in ein neues Licht rücken.

Genau diesem Prinzip folgt die folgende Analyse der Figur Claire Zachanassian aus Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame: acht Stationen, chronologisch geordnet, jede mit einer kurzen Textstelle als Beleg.

Claire Zachanassians Entwicklung: Acht Stationen

Zu jeder Station präsentieren wir zunächst die Fundstelle mit den Anfangsworten des Originalzitats.
Wir verwenden die Kindle-Ausgabe des Dramas und kürze die Seitenzahlen immer ab mit EB für EBook.
Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3257600575

1. Die Ankunft: Notbremse und Macht des Geldes

Fundstelle: „Bin ich in Güllen?“ (EB22)

Claire betritt die Bühne, nachdem sie im Schnellzug eigenmächtig die Notbremse gezogen hat, um in ihrem verarmten Heimatort auszusteigen. Das Bahnpersonal besänftigt sie mühelos mit großzügigen Geldsummen.

Charakteristik: Schon der erste Auftritt zeigt ihre absolute Macht und Regel-Arroganz. Ihr Geld setzt für sie sogar Naturgesetze wie den Fahrplan außer Kraft – sie ist es gewohnt, dass sich die Welt nach ihr richtet.

2. Das Wiedersehen mit Ill

Fundstelle: „Ich danke, Herr Bürgermeister, für…“ (EB25)

Sie begrüßt Alfred Ill. Während er nostalgisch und charmant wirken will, reagiert sie nüchtern und direkt: Sie stellt fest, dass er „fett geworden“ und „versoffen“ sei.

Charakteristik: Claire zeigt eine unbestechliche, fast kalte Wahrnehmung. Zugleich enthüllt sie, dass sie durch frühere Unfälle teils aus Prothesen besteht – was sie „nicht umzubringen“ und beinahe übermenschlich erscheinen lässt.

3. Die makabren Fragen an die Honoratioren

Fundstelle: „Schießen Sie los, Lehrer, mit…“ (EB28)

Claire lässt sich die Begrüßungslieder anhören und befragt anschließend Polizist, Pfarrer und Arzt: Ob sie „ein Auge zudrücken“, Sterbende trösten oder Totenscheine ausstellen würden – am liebsten mit der Diagnose Herzschlag.

Charakteristik: Ihr zynischer Humor ist kein Zufall: Mit diesen Fragen prüft sie gezielt die moralische Standfestigkeit der Güllener und bereitet den Boden für ihr späteres Angebot. Sie wirkt dabei wie eine schicksalshafte Richterin.

4. Das Angebot der Milliarde

Fundstelle: „Bürgermeister, Güllener. Eure selbstlose Freude…“ (EB44)

Beim Festessen korrigiert sie die beschönigten Erinnerungen des Bürgermeisters an ihre Jugend und bietet der Stadt eine Milliarde – unter der Bedingung, dass jemand Alfred Ill tötet.

Charakteristik: Hier zeigt sich Claire als Rachegöttin, für die Gerechtigkeit käuflich ist – „Man kann alles kaufen“. Sie handelt geduldig: Sie weiß, dass die wirtschaftliche Not der Stadt die Menschen früher oder später zu Mördern machen wird.

5. Die Beobachtung vom Balkon (2. Akt)

Fundstelle: „Ich bin wieder montiert. Die…“ (EB54)

Claire sitzt auf dem Hotelbalkon, raucht Zigarren, betrachtet die Stadt durch ihr Lorgnon und wechselt ihre Ehemänner (Gatte VII bis IX).

Charakteristik: Sie nimmt die Rolle einer distanzierten Beobachterin ein. Während die Güllener auf Kredit leben und Ill in Panik gerät, bleibt sie völlig ungerührt. Ihre schnellen Hochzeiten und Scheidungen zeigen, dass Menschen für sie austauschbare Objekte sind.

6. Die Enthüllung in der Scheune (3. Akt)

Fundstelle: „Nur nicht auszuführen. Ich kann…“ (EB89)

In der Peterschen Scheune erklärt sie Lehrer und Arzt, dass ihr längst alle Fabriken und Grundstücke in Güllen gehören – und dass sie diese absichtlich stillgelegt hat, um die Stadt gezielt zu ruinieren.

Charakteristik: Diese Station zeigt ihre langfristige Planung und unerbittliche Konsequenz. Ihr Plan gegen Ill begann nicht erst mit ihrer Ankunft – sie hat die wirtschaftliche Existenz der Stadt schon vorher untergraben, um die Bewohner moralisch gefügig zu machen.

7. Das letzte Gespräch im Wald

Fundstelle: „Der Konradsweilerwald, Roby und Toby,…“ (EB113)

Kurz vor Ills Tod trifft sie ihn ein letztes Mal im Wald. Sie sprechen über ihr gemeinsames Kind, und sie kündigt an, seine Leiche in einem Mausoleum auf Capri beisetzen zu lassen.

Charakteristik: Hier zeigt sich eine tiefe, fast besessene Verbundenheit. Ihre frühere Liebe zu Ill hat sich in den Wunsch nach totalem Besitz verwandelt, der über den Tod hinausreicht – sie will ihn zurück, „wie er war, vor langer Zeit“.

8. Der Abzug

Fundstelle: „Der Check. Sie überreicht ihm…“ (EB131)

Nach Ills Tod betrachtet sie seinen Leichnam, lässt ihn in den mitgebrachten Sarg legen und übergibt dem Bürgermeister den Scheck.

Charakteristik: Sie schließt das „Geschäft“ sachlich ab. Die Verwandlung Güllens in einen Ort, an dem sie mit Geld die Regeln bestimmt, ist vollendet. Sie verlässt die Stadt als triumphierende, fast steinerne Figur – kalt bis zum Schluss, aber (siehe Station 7) nicht ohne einen letzten Rest menschlicher Regung.

Systematische Charakterisierung nach Aspekten

Hier verlassen wir jetzt die Abfolge der Ereignisse und charakterisieren die alte Dame zusammenfassend nach bestimmten Gesichtspunkten.

In der obersten Zeile findet man die bekannten acht Entwicklungsschritte.
Die Markierungen in den einzelnen Zellen der Zeilen machen dann deutlich, wo sich bestimmte Aspekte erkennbar machen.
Unter der Tabelle zeigen wir dann, wie man die Charakteristik auch ausformulieren könnte.
Dabei verwenden wir Zwischenüberschriften, was wir grundsätzlich auch für Klassenarbeiten und Klausuren empfehlen.

Wie immer teilen wir die Textblöcke in Bullet Points auf, weil das die Übersichtlichkeit erhöht.

  1. Berechnung & Weitsicht
  • Das wichtigste Kennzeichen der alten Dame enthüllt sich erst im Verlaufe des Dramas, ist aber die Basis für alles andere und macht deutlich, wie überlegen diese Frau allen anderen ist..
  • Am Anfang steht nämlich eine lange, kalte Vorbereitung der Rache, die sich die alte Dame vorgenommen hat.
  • Im Verlauf des Stückes sind es dann vor allen Dingen die makabren Fragen an Polizist, Pfarrer und Arzt- Mit ihnen testet Claire gezielt die moralische Widerstandskraft der Stadt – noch bevor sie ihr Angebot überhaupt ausspricht.
  • Die volle Tragweite ihrer Planung wird erst in der Scheune sichtbar: Sie hat die Fabriken Güllens absichtlich stillgelegt und die Stadt bewusst verarmen lassen, lange bevor sie überhaupt zurückkehrte.
  • Diese wirtschaftliche Not war kein Zufall, sondern Teil ihres Plans – sie wusste, dass Armut die Menschen mit der Zeit gefügig machen würde. Ihre Rache war also nicht spontan, sondern über Jahre hinweg gezielt vorbereitet.

2. Macht & Kontrolle

  • Vor diesem Hintergrund spielt dann die Machtdemonstration, die von Anfang an sichtbar wird.
  • Schon bei ihrer Ankunft lässt Claire eigenmächtig den Zug anhalten, weil ihr Geld selbst den Fahrplan außer Kraft setzt.
  • Auch ihr Angebot an die Stadt – eine Milliarde gegen Ills Tod – ist Ausdruck dieser Kontrolle: „Man kann alles kaufen“, macht sie unmissverständlich klar.
  • Wie tief diese Kontrolle bereits reicht, zeigt sich in der Scheune, wo sie offenbart, dass ihr längst alle Fabriken und Grundstücke Güllens gehören.

3. Kälte & Distanz

  • Diese Macht geht einher mit auffälliger emotionaler Distanz.
  • Bei ihrem Wiedersehen mit Ill äußert sie sich nüchtern über sein Äußeres, ohne jede Sentimentalität.
  • Vom Hotelbalkon aus beobachtet sie später das Geschehen wie eine Zuschauerin ihres eigenen Plans, während sie beiläufig ihre Ehemänner wechselt (Gatte VII bis IX) – ein Zeichen dafür, wie austauschbar Menschen für sie sind.
  • Auch am Ende, bei der Übergabe des Schecks, bleibt sie sachlich – fast wie beim Abschluss eines gewöhnlichen Geschäfts.

4. Gebrochene Menschlichkeit

  • Erst ganz am Ende zeigt sich ein Riss in dieser kalten Fassade.
  • Im letzten Gespräch mit Ill im Wald spricht Claire über ihr gemeinsames Kind und kündigt an, seine Leiche auf Capri beisetzen zu lassen – sie will ihn zurück, „wie er war, vor langer Zeit“.
  • Das zeigt: Ihre frühere Liebe wurde nicht ausgelöscht, sondern in einen Wunsch nach Besitz über den Tod hinaus verwandelt.

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