Dürrenmatt, „Der Besuch der alten Dame“ – Charakteristik Alfred Ills(Mat7005-cai)

Eine Charakteristik zu schreiben, bedeutet eigentlich eine besondere Art von Analyse zu verfassen. Es geht dabei um eine Figur, ihre Situation, ihr Denken und Fühlen, ihre innere Verfassung und natürlich auch Ihre soziale Situation, mit einer normalen Personenbeschreibung oder gar einem Steckbrief hat das nichts zu tun.

Wir gehen hier in einem ersten Schritt die verschiedene Stationen der dramatischen Entwicklung durch und fassen das Wesentliche dann am Ende zusammen

Lineare Untersuchung der Stationen Alfred Ills

1. Der „beliebteste Bürger“ als Hoffnungsträger

  • Zitat: „Vom Städtchen her der Bürgermeister…“
  • Beschreibung: Ill wird als ein fast 65-jähriger, schäbig gekleideter Mann eingeführt. Er gilt als die einzige Hoffnung der Stadt, weil er die Milliardärin zur Spende bewegen soll.
  • Bedeutung: Seine soziale Situation ist die eines verarmten Krämers in einer bankrotten Stadt. Er ist sich seiner Schuld nicht bewusst und glaubt, er könne Claire durch Charme manipulieren.

2. Die Verklärung der Vergangenheit

  • Zitat: „Wir waren die besten Freunde…“
  • Beschreibung: Ill erinnert sich nostalgisch an die Jugendliebe und beschreibt Klara als „zart“ und „eine verteufelt schöne Hexe“. Später behauptet er sogar, er habe seine Frau Mathilde nur Claire „zuliebe“ geheiratet.
  • Bedeutung: Dies zeigt seine moralische Blindheit und seine Fähigkeit zur Selbstlüge. Er verharmlost den damaligen Verrat als „Leben, wie es eben kommt“.

3. Die erste Konfrontation mit der Wahrheit

  • Zitat: „Die Klara! Goldig! Wunderbar! Zum…“
  • Beschreibung: Zunächst lacht Ill noch über Claires „Witze“ und ihr Angebot einer Milliarde. Als jedoch seine damalige Bestechung der Zeugen ans Licht kommt, flüchtet er sich in die Ausrede, alles sei „verjährt“.
  • Bedeutung: Ill erkennt hier noch nicht den Ernst der Lage. Er verlässt sich auf die Solidarität der Bürger, die das Angebot zunächst ablehnen.

4. Die Entdeckung der „gelben Schuhe“

  • Zitat: „Auch ihr. Neue gelbe Schuhe.“
  • Beschreibung: Ill bemerkt entsetzt, dass seine Kunden Waren auf Kredit kaufen und alle neue, teure gelbe Schuhe tragen.
  • Bedeutung: Dies markiert den Umschlag von Sicherheit in paranoide Angst. Die Schuhe symbolisieren den schleichenden Verrat der Gemeinschaft, die bereits mit seinem Tod rechnet, um die Schulden zu bezahlen.

5. Die vergebliche Suche nach Hilfe

  • Zitat: „Ich verlange die Verhaftung der…“
  • Beschreibung: Ill versucht nacheinander beim Polizisten, beim Bürgermeister und beim Pfarrer Schutz zu finden. Alle weisen ihn ab oder raten ihm zur Flucht, weil sie selbst der Versuchung des Geldes erliegen.
  • Bedeutung: Ill wird zum Außenseiter und Gejagten. Er erkennt, dass die „humanistischen Traditionen“ der Stadt vor der Gier nach Wohlstand kapitulieren.

6. Der gescheiterte Fluchtversuch

  • Zitat: „Ich verreise.“
  • Beschreibung: Ill will mit dem Zug nach Australien fliehen, bricht aber am Bahnhof zusammen, da er sich von den Güllenern umstellt und am Weggehen gehindert fühlt.
  • Bedeutung: Er erkennt seine absolute Isolation. Sein Schrei „Ich bin verloren!“ markiert den Tiefpunkt seiner Existenz.

7. Die moralische Wende: Annahme der Schuld

  • Zitat: „Ich kämpfe nicht mehr.“
  • Beschreibung: Im Gespräch mit dem Lehrer gesteht Ill ein: „Ich sah ein, daß ich kein Recht mehr habe“. Er übernimmt die volle Verantwortung für sein vergangenes Handeln und die aktuelle Situation der Stadt.
  • Bedeutung: Ill durchläuft eine innere Wandlung. Während die Stadt moralisch verfällt, findet er zu einer neuen Würde. Er entscheidet sich gegen den Suizid, um der Stadt die Verantwortung für ihr Urteil nicht abzunehmen.

8. Das Ende: Vollzug der „Gerechtigkeit“

  • Zitat: „Ich nehme ihn an.“
  • Beschreibung: Ill akzeptiert den Urteilsspruch der Gemeindeversammlung. Er geht gefasst in die „Gasse“ der Männer, wo er schließlich stirbt.
  • Bedeutung: Ill stirbt als Opfer eines kollektiven Mordes, den die Stadt als „Gerechtigkeit“ kaschiert. Sein Tod ermöglicht den materiellen Aufstieg Güllens.

Systematische Zusammenfassung für eine Charakteristik

Alfred Ill ist die einzige Figur des Stücks, die eine echte charakterliche Entwicklung durchmacht. Man kann seine Charakteristik in drei Phasen unterteilen:

  1. Der opportunistische Mitläufer (Akt 1):
    • Zu Beginn ist Ill ein typischer Vertreter des verfallenden Güllens: schäbig, materiell orientiert und moralisch gleichgültig.
    • Er glaubt, seine einstige Tat (Verrat an Klara durch Bestechung und Meineid) sei eine „Jugendsünde“, die durch Zeit und Armut getilgt wurde.
    • Er ist egozentrisch und hofft, durch Claire seine eigene soziale Stellung (als künftiger Bürgermeister) zu verbessern.
  2. Das Opfer der kollektiven Gier (Akt 2):
    • Mit der Erkenntnis, dass die Mitbürger seinen Tod bereits fest eingeplant haben (Symbol: gelbe Schuhe), wandelt sich sein Verhalten zu panischer Angst.
    • Er erkennt die Verlogenheit der Güllener Institutionen (Polizei, Kirche, Politik), die den Mord hinter humanistischen Phrasen verstecken.
    • In dieser Phase ist er ein „gehetztes Tier“, dessen Fluchtversuch nicht an physischer Gewalt, sondern an seiner eigenen psychischen Lähmung scheitert.
  3. Der geläuterte Mensch (Akt 3):
    • Ill erreicht eine moralische Überlegenheit, indem er seine Schuld akzeptiert: „Ich habe Klara zu dem gemacht, was sie ist“.
    • Er weigert sich, sich selbst zu töten. Damit zwingt er die Güllener dazu, die Tat selbst auszuführen und die moralische Last des Mordes zu tragen.
    • Sein Tod ist kein bloßes Unglück, sondern eine bewusste Unterwerfung unter eine (wenn auch käufliche) Gerechtigkeit. Er stirbt mit einer Würde, die keiner der anderen Stadtbewohner besitzt.

Fazit: Alfred Ill entwickelt sich vom schuldigen Kleinstädter zum tragischen Helden, der durch die Annahme seiner persönlichen Schuld die kollektive Verlogenheit einer ganzen Gesellschaft demaskiert.

Zusatzfrage: ist Alfred Ill eine „schöne Seele“?

Wenn man sich ein bisschen in der Literaturgeschichte auskennt, kann man auf den Gedanken kommen, dass dieser Alfred Ill durchaus etwas mit einer Idee Schillers zu tun hat. Zu dessen Vorstellung von Idealismus und Bühnenwirkung gehörte nämlich, dass er an eine eine Entwicklung hin zu einer „schönen Seele“ glaubte. Dabei geht es nicht um körperliche oder irgend eine ähnliche Schönheit, sondern um eine innere Harmonie, die man unter schwierigsten Bedingungen finden kann. Und so etwas scheint es ja auch bei Alfred Ill zu geben.

Tatsächlich lässt sich Ills Entwicklung in der Phase seiner Läuterung als ein Weg hin zu dieser moralischen Harmonie deuten, wobei er streng genommen eher die Kriterien des „Erhabenen“ erfüllt.

Hier ist die Analyse unter Bezugnahme auf die Quellen und Schillers Ästhetik:

1. Der Ausgangspunkt: Die Abwesenheit der „schönen Seele“

Zu Beginn des Stücks ist Ill weit von Schillers Ideal entfernt. Eine „schöne Seele“ zeichnet sich nach Schiller dadurch aus, dass Pflicht und Neigung in Harmonie stehen.

  • Die Textstelle: „Wir waren die besten Freunde…“
  • Analyse: Ill verdrängt seine Schuld und versucht, Claire aus reinem Eigennutz zu manipulieren. Seine „Neigung“ ist die Gier nach dem Bürgermeisteramt und dem Geld; seine „Pflicht“ (die Verantwortung für sein Verbrechen) ignoriert er völlig.

2. Die Phase der „Würde“ (Das Überwinden der Angst)

In der Mitte des Stücks dominiert bei Ill der reine Selbsterhaltungstrieb (die „Sinnlichkeit“). Schiller definiert „Würde“ als die Beherrschung der Triebe durch die Vernunft.

  • Die Textstelle: „Ich bin verloren!“
  • Analyse: Nach seinem gescheiterten Fluchtversuch erkennt Ill, dass er sich der Situation stellen muss. Er beginnt, seine instinktive Todesangst durch die Einsicht in die Notwendigkeit der Sühne zu überwinden. Dies entspricht Schillers Konzept des Erhabenen: Der Mensch ist physisch unterlegen, aber moralisch frei, indem er sein Schicksal akzeptiert.

3. Ill als „schöne Seele“ im dritten Akt?

Schiller beschreibt die „schöne Seele“ als einen Zustand, in dem der Mensch seine Pflicht mit einer Leichtigkeit erfüllt, als sei es seine Natur. In Ills letztem Gespräch mit dem Bürgermeister und Claire wird deutlich, dass er diesen inneren Frieden gefunden hat.

  • Die Textstelle: „Ich kämpfe nicht mehr.“
  • Analyse: Ill erkennt an, dass er „kein Recht mehr“ hat. Er hat die Kluft zwischen dem, was er tun will (überleben), und dem, was er tun muss (die Verantwortung tragen), geschlossen.
  • Die Textstelle: „Für mich ist es die Gerechtigkeit…“
  • Bedeutung: Indem er das Urteil der Gemeinde bedingungslos annimmt und sogar das Angebot zum Selbstmord ablehnt, um der Stadt die moralische Entscheidung nicht abzunehmen, handelt er aus einer inneren Übereinstimmung heraus. Sein „Wollen“ ist nun identisch mit seinem „Sollen“.

Zusammenfassung und Einordnung

Ill entspricht am Ende des Stücks insofern der „schönen Seele“, als er die Harmonie zwischen seinem Gewissen und seinem Handeln wiederhergestellt hat.

Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied zu Schillers klassischem Ideal:

  • Bei Schiller ist die „schöne Seele“ oft ein Zustand natürlicher Unschuld.
  • Ill hingegen muss sich diese Stufe durch Schuld, Angst und schmerzhafte Selbsterkenntnis erst erarbeiten.

Man könnte sagen: Er ist eine „moderne schöne Seele“. Er findet seine moralische Freiheit nicht in der Unschuld, sondern in der Annahme der eigenen Unmoral. Während die Güllener Bürger in die moralische Verwahrlosung gleiten, während sie materiell aufsteigen, vollzieht Ill einen moralischen Aufstieg durch seinen physischen Untergang. In seinen letzten Momenten strahlt er eine Ruhe und Gefasstheit aus („Nicht mehr sehr [Angst]“), die man durchaus als die ästhetische Anmut einer „schönen Seele“ bezeichnen kann.

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