Dürrenmatt, „Die Physiker“: Wie kann man Möbius am besten charakterisieren? (Mat8460)

Worum es hier geht:

Wenn man eine literarische Figur charakterisieren soll, muss man erst mal schauen, dass man einen guten Überblick über die Handlung zum Beispiel des Dramas „Die Physiker“ hat.

Auf der Seite
https://www.schnell-durchblicken2.de/lv-phy-physiker-inhalt-und-zitate
gibt es solch einen Überblick.
Das Schöne daran ist ein übersichtliches und damit einprägsames Schaubild, von dem wir hier ausgehen.

  1. Möbius ist ein genialer Physiker, der nach eigenem Bekenntnis ungeheure Entdeckungen im Bereich der Wissenschaft gemacht hat, die der Menschheit potenziell gefährlich werden können – wenn sie in falsche Hände geraten oder zum Nachteil anderer eingesetzt werden.
    Erstmals erwähnt wird das Problem von Newton auf S. 26.
    Möbius warnt in der gleichen Richtung seine Söhne bei ihrem letzten Besuch auf S. 37.
  2. Er hat sich deshalb freiwillig in eine Heilanstalt einweisen lassen und spielt dort einen von drei verrückten Physikern – in der Hoffnung, so mit seinen Forschungsergebnissen in Ruhe gelassen zu werden.
  3. Auf S. 41 trägt Möbius seinen drei Söhnen, seiner Ex-Frau und deren neuem Mann, einem Missionar, einen „Psalm Salomos“ vor, der das Leben von Weltraumfahrern in den schlimmstmöglichen Farben malt.
    Sie „verreckten“ im Staub des Mondes oder starben auf den Planeten, die Sonne erscheint „radioaktiv“, also lebensfeindlich. Es tauchen auch Wörter auf wie „vollkotzen“ und „unanständige Witze“. Am Ende erreichen sie nichts, sind nur „Mumien in unseren Schiffen / Verkrustet von Unrat [Dreck, Müll].“
  4. Auf S. 44 erklärt Möbius dann nach der Vertreibung seiner Familie sein Verhalten gegenüber Schwester Monika, die für ihn zuständig ist:
    • „Die Vergangenheit löscht man am besten mit einem wahnsinnigen Betragen aus, wenn man sich schon im Irrenhaus befindet: Meine Familie kann mich nun guten Gewissens vergessen.“
  5. Auf S. 49 macht Möbius deutlich, warum er im „Irrenhaus“ ist: „Ich habe mein Geheimnis verraten, ich habe Salomos Erscheinung nicht verschwiegen. Dafür läßt er mich büßen. Lebenslänglich. In Ordnung.“
    •    Salomo steht hier als weiser König für all die Entdeckungen, die Möbius auf dem Feld der Physik gemacht hat – und die er besser für sich behalten sollte. Das meint er aber nur im Irrenhaus zu können.
  6. Auf der gleichen Seite 49 warnt er Schwester Monika, die ihm dann doch ihre Liebe gesteht: „Sie laden nur Unglück auf sich. Verlassen Sie die Anstalt, vergessen sie mich. So ist es am besten für uns beide.“
  7. Monika begreift aber nicht, dass Möbius seine Forschungen vor der Welt verbergen will, weil er ihren Missbrauch fürchtet. Stattdessen erklärt sie auf S. 52: „Du bist auswählt […] die Weisheit des Himmels wurde dir zuteil. Nun hast du den Weg zu gehen […] er führt in die Öffentlichkeit.“ Sie hat sogar schon mit dem ehemaligen Lehrer von Möbius gesprochen, der will seine Manuskripte prüfen, um sie ggf. zu veröffentlichen.
    Das ist ihr Todesurteil – Möbius bringt sie genauso um, wie die beiden anderen Schwestern ermordet wurden, wenn auch unter Tränen.
  8. Auf S. 62 wird es dann zwischen den drei Physikern langsam ernst: Newton leitet das ein mit em Hinweis: „Sie wünschen ja offenbar Ihr ganzes Leben im Irrenhaus zu verbringen. Aber für mich spielt es eine Rolle. Ich will nämlich hinaus.“ Direkt darauf verrät er seine wahre Identitä, er ist genauso Agent wie der Pseudo-Einstein, beide wollen Möbius entführen, um seine Erfindungen und Entdeckungen für ihr Land zu nutzen. Deshalb mussten sie auch morden, weil die anderen Pflegerinnen sie auch durchschaut hatten.
  9. Auf den Seiten 68 und 69 wird dann der Gegensatz zwischen den Agenten und Möbius noch einmal ganz deutlich:
    Newton: „Sie sind ein Genie und als solches Allgemeingut.“
    Möbius dagegen zum Ergebnis seiner Entdeckungen: „Das Resultat ist verheerend“ – nämlich, wenn es missbraucht wird, was er erwartet.
  10. Auf S. 71 schockt Möbius die beiden Agenten: „Meine Manuskripte? Ich habe sie verbrannt.“ Die beiden „stecken ihre Revolver ein und setzen sich vernichtet aufs Sofa.“
  11. Auf den Seiten 72 und 73 gibt Möbius den beiden Agenten noch einmal die Gelegenheit, ihm eine mögliche Zukunft in ihrem Land zu beschreiben. Am Ende stellt er fest: „Jeder preist mir eine andere Theorie an, doch die Realität, die man mir bietet, ist dieselbe: ein Gefängnis. Da ziehe ich mein Irrenhaus vor. Es gibt mir wenigstens die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenützt zu werden.“
  12. Auf  S. 74 macht Möbius den beiden anderen Physikern noch einmal das Dilemma der Physik deutlich: „Wir haben das Ende unseres Weges erreicht. Aber die Menschheit ist noch nicht soweit […] Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, und ich habe es zurückgenommen. Es gibt keine andere Lösung, auch für euch nicht.“
  13. Zum Wendepunkte in der Haltung der anderen beiden Physiker wird der Kurzdialog auf S. 75:
    Möbius: „Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. […] In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“
    Newton: „Wir sind doch schließlich nicht verrückt.“
    Möbius: „Aber Mörder.“
    Da wird ihnen klar, dass sie eine rote Linie überschritten haben, hinter die sie nicht mehr zurück können.
    Auf S. 76 bringt es Möbius auf die drastische Formel: „Wir sind wilde Tiere. Man darf uns nicht auf die Menschheit loslassen.“
  14. Daraufhin erklären sich die anderen beiden auch bereit, mit Möbius im Irrenhaus zu bleiben: Newton: „Verrückt, aber weise.
    Einstein: „Gefangen, aber frei.“
    Möbius: „ Physiker, aber unschuldig
  15. Auf S. 82 wird dann deutlich, dass die wirklich verrückte Ärztin Möbius durchschaut und seine Entdeckungen längst in einem Wirtschaftsimperium nutzt.
  16. Möbius bleibt nichts anderes übrig, als mit den beiden anderen Physikern zu resignieren und sich in sein Schicksal zu fügen – mit einer schlimmen Perspektive für die Menschheit.
    „Ich bin der arme König Salomo. Einst war ich unermeßlich reich, weise und gottesfürchtig. […] Aber meine Weisheit zerstörte meine Gottesfurcht, und als ich Gott nicht mehr fürchtete, zerstörte meine Weisheit meinen Reichtum. Nun sind die Städte tot […] und irgendwo um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern kreist, sinnlos, immerzu, die radioaktive Erde.“ (86/7)
  17. Insgesamt ist Möbius von Dürrenmatt als tragischer Held gestaltet worden, um so mit seinem Stück auf Gefahren hinzuweisen, die sich aus der Wissenschaft ergeben.
  18. In Wirklichkeit zeigt Möbius eine maßlose Selbstüberschätzung, die sich am Ende rächt und den Helden zu einem brutalen Mörder macht. Es ist einfach nicht nachzuvollziehen und widerspricht jeder Erfahrung, dass ein einzelner Mensch alles weiß, durchschaut und meint, regeln zu können. Im Vergleich zum „Besuch der alten Dame“ erscheint das Stück „Die Physiker“ sehr künstlich konstruiert und in vielem nicht zu Ende gedacht. Gerade auch die komischen Momente sind eher Ausdruck der sehr speziellen Geisteshaltung Dürrenmatts, die man durchaus mögen und unterhaltsam finden kann. Aber sie passen in keiner Weise zu den angedeuteten Abgründen.
  19. Auch in seinen nachgeschobenen 21 Punkten zu dem Drama entwickelt der Autor Gedanken, die nur isoliert präsentiert werden und insgesamt nicht überzeugen können, wie auf dieser Seite ausführlich erklärt wird:
    https://textaussage.de/anmerkungen-zu-duerrenmatt-21-punkte-zu-den-physikern
  20. Im Vergleich dazu lohnt es sich sicher mehr, sich mit Oppenheimer zu beschäftigen, der maßgeblich dazu beigetragen hat, die Atombomben für den Einsatz in Japan zu konstruieren und später wirklich Einsicht und Reue gezeigt wird – wofür er sehr viel realistischer mit Ausgrenzung bestraft wurde als es das Schicksal des fiktiven Möbius zeigt.
    An dieser Stelle sei hingewiesen auf das Dokumentarstück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ von Heinar Kipphardt.
    Siehe dazu:
    https://de.wikipedia.org/wiki/In_der_Sache_J._Robert_Oppenheimer

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