E.T.A. Hoffmann, „Die Bergwerke zu Falun“ – eine Novelle als „Schwester des Dramas“ (Mat4964-bzf)

Worum es hier geht:

Wir prüfen an einer Novelle, ob diese Textgattung wirklich die „kleine Schwester“ des Dramas ist, wie Theodor Storm es formuliert hat.

Der Text ist u.a. hier zu finden.
https://www.projekt-gutenberg.org/etahoff/serapion/serap231.html

Die Geschichte zeigt eindeutig einen dramatischen Aufbau, obwohl es sich um eine Novelle handelt. Diese Struktur folgt im Wesentlichen den klassischen Schritten der Dramenanalyse, wobei der Konflikt zwischen der Oberwelt (menschliche Liebe, Heimat, Tag) und der Unterwelt (metallische Anziehung, Verhängnis, Nacht) im Zentrum steht.

Hier sind die Schritte, in denen sich der dramatische Aufbau vollzieht:

  1. Exposition (Einleitung)

Die Exposition dient der Vorstellung der Ausgangssituation, des Protagonisten und des ursprünglichen Konflikts:

  • Setting und Atmosphäre: Die Erzählung beginnt in Göthaborg an einem heiteren, sonnenhellen Juliustag. Die Szene ist geprägt vom Jubel der heimkehrenden Seeleute beim Hönsning.
  • Vorstellung des Protagonisten: Elis Fröbom wird als schlanker, hübscher, aber melancholischer junger Seemann eingeführt, der sich von der wilden Feier seiner Kameraden fernhält.
  • Äußerer Anlass des Schmerzes: Elis berichtet von seinem tiefen Leid: dem Tod seiner Mutter, die er mit seinem Sold versorgt hatte. Er fühlt sich von aller Welt verlassen, ihm ekelt das Seemannsleben an.
  • Erste Vorahnung/Versuchung: Eine Dirne spricht Elis an, aber er weist ihren Trost und ihr Angebot ab; sie hinterlässt die Dukaten und nimmt nur das Tuch zum Andenken.
  1. Steigende Handlung und Erregendes Moment

Dieser Abschnitt leitet den Hauptkonflikt ein und treibt die Handlung auf den Höhepunkt zu:

  • Das erregende Moment: Ein alter Bergmann (Torbern) tritt auf, der Elis‘ Traurigkeit und seine Abneigung gegen das unstete Seemannsleben erkennt. Er rät Elis, Bergmann in Falun zu werden und beschreibt die unterirdische Welt nicht als „Höllentiefe“, sondern als Ort tiefer Wissenschaft und geheimer Schatzkammern.
  • Die innere Verzauberung: Der Alte zieht Elis in seinen Bann, und Elis fühlt sich bereits von einem „mächtigen Zauber“ in die Tiefe gezogen.
  • Der verhängnisvolle Traum: Elis träumt von einem unterirdischen Kristallgewölbe, metallischen Pflanzen und der Königin (der Elementarkraft der Erde), die ihn an sich zieht. Eine sanfte Stimme (seiner Mutter/Ulla) ruft ihn von oben, aber der Alte, nun eine Riesengestalt aus glühendem Erz, warnt ihn: „sei treu der Königin“.
  • Die unabwendbare Reise: Eine unbekannte Stimme mahnt Elis unaufhörlich: „fort, fort nach Falun!“. Er folgt dem alten Bergmann, der ihm den Weg weist.
  • Hemmung und neue Bestimmung: Bei der Ankunft in Falun erschrickt Elis zutiefst über die „ungeheueren Höllenschlunde“ der Pinge und ist von tiefem Entsetzen ergriffen. Er beschließt, umzukehren. Doch dann sieht er die ehrbaren Bergleute und trifft Ulla Dahlsjö, die Tochter des Altermanns Pehrson Dahlsjö.
  • Entscheidung und Verpflichtung: Ulla ist das „holde junge Weib“ aus seinem Traum. Ihre Erscheinung löst in ihm Liebe und Wonne aus. Er entschließt sich spontan, Bergknappe bei Pehrson Dahlsjö zu werden, um in Ullas Nähe zu sein, und vergisst den alten Bergmann. Dahlsjö warnt ihn jedoch, dass die Elemente den Bergmann vernichten, wenn er seine Kraft nicht ungeteilt der Arbeit widmet.
  1. Höhepunkt (Klimax)

Der Höhepunkt markiert die Verschärfung des Konflikts, die den tragischen Ausgang einleitet:

  • Die Probe der Treue: In der tiefsten Teufe wird Elis von Torbern (dem alten Bergmann, der als mythische Figur und Ursache des großen Bergsturzes gilt) konfrontiert. Torbern klagt ihn an, nur „ohne Lieb’ und Gedanken“ für Ulla zu arbeiten, und verhöhnt ihn.
  • Der Test der Oberwelt: Pehrson Dahlsjö stellt Elis auf die Probe, indem er ihm vortäuscht, Ulla dem reichen Handelsherrn Eric Olawsen zur Frau zu geben.
  • Die fatale Hinwendung: In wilder Verzweiflung über Ullas vermeintlichen Verlust wählt Elis die Unterwelt. Er rennt zur Pinge, ruft Torbern und fordert ihn auf, ihm die Trappgänge zu zeigen, da er das Licht des Tages nicht mehr sehen wolle.
  • Die vollständige Hingabe: Elis steigt in den Schacht hinab und erlebt erneut die Vision der Königin. Sie „zog ihn hinab, drückte ihn an ihre Brust“, und sein Bewusstsein zerfließt im Gefühl, in den Wogen eines Nebels zu schwimmen. Dies besiegelt seine innere Bindung an die Elementarkräfte.
  1. Fallende Handlung und Retardierendes Moment

Die Katastrophe scheint abgewendet, doch die innere Zerrissenheit des Protagonisten bleibt bestehen:

  • Rettung und Freisprechung: Elis wird von Pehrson Dahlsjö und dem Steiger gerettet. Dahlsjö offenbart, dass die Verlobung nur ein „Märchen“ und ein Test war, und gibt Elis Ulla zur Frau.
  • Innere Zerrissenheit: Trotz der Wonne der Liebe ist Elis verstört. Ihn peinigt der Gedanke, dass der Besitz Ullas nicht sein Höchstes ist, da er das Antlitz der Königin geschaut hat. Er kann Ulla nicht von seiner Vision erzählen, da er fürchtet, alles um ihn her würde sich „versteinen“.
  • Wahn und Vorbereitung des Unheils: Elis beginnt, wahnhaft von den Reichtümern und „herrlichen Trappgängen“ in der Tiefe zu sprechen, die andere nicht sehen können. Er fühlt sich in zwei Hälften geteilt: sein „eigentliches Ich“ ruhe in den Armen der Königin, während er in Falun sein düsteres Lager suche. Pehrson Dahlsjö interpretiert dies fälschlich als Verliebtheit.
  1. Katastrophe und Dénouement (Auflösung)

Die Handlung mündet in die unausweichliche Tragödie und ihre späte Auflösung:

  • Die letzte Forderung des Schicksals: Am Hochzeitstag (dem Johannistag), dem Jahrestag des großen Bergsturzes in Falun, ist Elis totenbleich. Er erklärt Ulla, er müsse einen bestimmten Stein, den Almandin (der ihre „Lebenstafel“ trägt), als Hochzeitsgabe aus der Tiefe holen. Ohne ihn könne er keine ruhige Stunde haben.
  • Der tragische Tod: Trotz Ullas Flehen steigt Elis in den Schacht. Schon zur Mittagszeit stürzen Bergleute herbei und melden, dass ein fürchterlicher Bergfall die Grube verschüttet hat. Elis ist tot, im Gestein begraben.
  • Das späte Dénouement (Auflösung): Fünfzig Jahre später wird Elis‘ Leichnam, perfekt im Vitriolwasser konserviert, gefunden. Die steinalte Ulla, die seit Jahren am Johannistag an der Pinge trauert (das „Johannismütterchen“), erscheint. Beim Anblick ihres „süßen Bräutigams“ sinkt sie nieder und stirbt. Der Körper Elis‘ zerfällt daraufhin zu Staub. Das Paar wird gemeinsam in der Kirche beigesetzt, wo es getraut werden sollte.

Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der dramatische Aufbau in der Geschichte von Elis Fröbom ist stark durch die Polarisierung zwischen den Welten und die übernatürliche Einwirkung des Schicksals (Torbern, die Königin) geprägt. Der innere Konflikt Elis’—die Wahl zwischen Ulla (menschliche Liebe/Oberwelt) und der Königin (elementare Anziehung/Unterwelt)—treibt die Handlung von der Exposition (Göthaborg) über das erregende Moment (Torberns Verführung) zum Höhepunkt (Elis’ Verzweiflung und freiwillige Hingabe an die Tiefe) und zur unvermeidlichen Katastrophe am Hochzeitstag, deren endgültige, tragisch-romantische Auflösung erst fünfzig Jahre später erfolgt. Die Geschichte folgt dabei nicht nur einem linearen Handlungsstrang, sondern spiegelt das Verhängnis von Beginn an in Elis‘ melancholischer Natur und dem Symbolismus seines Traumes wider.

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