Auf der Seite:
https://schnell-durchblicken.de/quick-guide-roman-heimsuchung-kapitel-der-architekt
sind wir ausführlich auf das Kapitel „Der Architekt“ eingegangen.
Dann sind wir noch mal nach der Erzählhaltung gefragt worden – und so ist diese Seite entstanden.
Was sind Erzählhaltungen und welche gibt es?
Wenn im literarischen Sinne erzählt wird, dann ist da eine erzählende Instanz erfunden worden, die gegenüber dem, was sie erzählt, verschiedene Haltungen einnehmen kann.
- Neutral:
Der Erzähler beschränkt sich auf eine rein äußere, objektive Beobachtung ohne jegliche Bewertung oder Kommentierung. Er verhält sich wie ein unsichtbarer Beobachter.- „Um 8:15 Uhr öffnete sich die Tür des Klassenzimmers. Lukas trat ein, die Haare zerzaust, seine Tasche hing locker über der Schulter. Er setzte sich auf den freien Platz in der letzten Reihe und holte einen Stift aus seinem Rucksack. Die Lehrerin sah kurz auf ihre Uhr und markierte einen Namen in der Liste.“
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- „Um 8:15 Uhr öffnete sich die Tür des Klassenzimmers. Lukas trat ein, die Haare zerzaust, seine Tasche hing locker über der Schulter. Er setzte sich auf den freien Platz in der letzten Reihe und holte einen Stift aus seinem Rucksack. Die Lehrerin sah kurz auf ihre Uhr und markierte einen Namen in der Liste.“
- Auktorial (wertend/kommentierend):
Der Erzähler tritt deutlich hervor, kommentiert das Geschehen, spricht den Leser direkt an oder bewertet die Handlungen der Figuren. Er verfügt über Distanz zum Geschehen und kann dieses einordnen.- „Natürlich war es wieder Lukas, der die Stille der Prüfung störte. Hätte er am Abend zuvor weniger Zeit mit Videospielen verbracht, wäre er nun pünktlich gewesen. Er ahnte noch nicht, dass dieser Moment der Unachtsamkeit seine Note entscheidend beeinflussen würde – ein klassisches Beispiel für schlechtes Zeitmanagement.“
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- „Natürlich war es wieder Lukas, der die Stille der Prüfung störte. Hätte er am Abend zuvor weniger Zeit mit Videospielen verbracht, wäre er nun pünktlich gewesen. Er ahnte noch nicht, dass dieser Moment der Unachtsamkeit seine Note entscheidend beeinflussen würde – ein klassisches Beispiel für schlechtes Zeitmanagement.“
- Ironisch:
Der Erzähler distanziert sich durch Ironie von den Figuren oder der Handlung, was oft dazu dient, eine kritische Haltung einzunehmen oder den Leser zum Nachdenken anzuregen.- „Pünktlich wie die Maurer – nur fünfzehn Minuten nach dem Startschuss – beehrte uns Lukas mit seiner Anwesenheit. Ein wahrer Meister der dramatischen Inszenierung! Mit der Gelassenheit eines Urlaubers schlenderte er zu seinem Platz, als wäre die Klassenarbeit lediglich ein optionales Angebot zur Freizeitgestaltung.“
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- „Pünktlich wie die Maurer – nur fünfzehn Minuten nach dem Startschuss – beehrte uns Lukas mit seiner Anwesenheit. Ein wahrer Meister der dramatischen Inszenierung! Mit der Gelassenheit eines Urlaubers schlenderte er zu seinem Platz, als wäre die Klassenarbeit lediglich ein optionales Angebot zur Freizeitgestaltung.“
- Skeptisch/Kritisch:
Die Erzählhaltung ist von Zweifeln oder einer distanzierten Prüfung der dargestellten Welt geprägt.- „Lukas behauptete später, der Bus sei ausgefallen, doch sein Atem ging ruhig, kein Anzeichen von Eile war zu sehen. Es blieb fragwürdig, ob er die Ernsthaftigkeit der Situation überhaupt begriffen hatte. Auch die Lehrerin schien nur pro forma zu nicken, während sie bereits das ‚U‘ für unentschuldigt eintrug.“
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- „Lukas behauptete später, der Bus sei ausgefallen, doch sein Atem ging ruhig, kein Anzeichen von Eile war zu sehen. Es blieb fragwürdig, ob er die Ernsthaftigkeit der Situation überhaupt begriffen hatte. Auch die Lehrerin schien nur pro forma zu nicken, während sie bereits das ‚U‘ für unentschuldigt eintrug.“
- Empathisch/Mitfühlend:
Der Erzähler nimmt eine wohlwollende Perspektive ein und zeigt Verständnis für die Gefühlswelt und Beweggründe der Charaktere.- „Das Herz klopfte Lukas bis zum Hals, als er die schwere Klinke herunterdrückte. Die entsetzten Blicke der Mitschüler brannten auf seiner Haut. Er fühlte sich unendlich klein und hilflos, wissend, dass jede verlorene Minute seine Chancen auf eine gute Note zunichtemachte. In diesem Moment wollte er am liebsten im Boden versinken.“
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- „Das Herz klopfte Lukas bis zum Hals, als er die schwere Klinke herunterdrückte. Die entsetzten Blicke der Mitschüler brannten auf seiner Haut. Er fühlte sich unendlich klein und hilflos, wissend, dass jede verlorene Minute seine Chancen auf eine gute Note zunichtemachte. In diesem Moment wollte er am liebsten im Boden versinken.“
Was kennzeichnet „personale“ Erzählhaltung?
- In diesem Kapitel des Romans handelt es sich um eine personale Erzählhaltung.
- Das bedeutet, dass die Erzählung gewissermaßen den Augen und Gedanken der handelnden Person, in diesem Fall des Architekten, folgt.
- Durch diese Perspektive gewinnt der Leser einen tiefen Einblick in die subjektive Wahrnehmung und die inneren Reflexionen der Figur.
Beispiele für diese Erzählhaltung
- Ein Beispiel hierfür ist die Darstellung, wie der Architekt über die Dimensionen seines Berufs nachdenkt und dabei die Zeit als neues, problematisches Element wahrnimmt.
- Die Zeit als problematische vierte Dimension Kontext:
Während der Architekt im Jahr 1951 sein Haus in der DDR fluchtartig verlassen muss und die Türen ein letztes Mal abschließt, reflektiert er über die Veränderung seiner beruflichen Grundlagen durch die politische Verfolgung. Textstelle:
„Drei Dimensionen waren bisher sein Beruf, Höhe, Breite und Tiefe, hoch, breit und tief wollte er bauen, aber die vierte hat ihn jetzt eingeholt, die Zeit, und die jagt ihn jetzt aus seinem Gehäuse.“
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- Die Zeit als problematische vierte Dimension Kontext:
- Auch seine Erinnerungen, etwa an das knappe Überleben im Ersten Weltkrieg, werden durch diese Erzählweise unmittelbar vermittelt.
- 2. Erinnerungen an das Überleben im Ersten Weltkrieg Kontext: Beim Rundgang um sein Haus betrachtet der Architekt die Kellerfenstergitter mit der Aufschrift „Mannesmann Luftschutz“. Dies löst eine Rückblende an seine Zeit als Soldat aus, in der er nach dem Absturz eines Luftschiffs in einem belgischen Dorf nur durch Glück überlebte. Textstelle: „Aus purem Zufall also wurden sie nicht erschossen, sondern durften auf einer belgischen Leiter wieder herniedersteigen ins Leben. […] So knapp dürfte es nie wieder ausgehen, hatte er damals gelernt.“
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- 2. Erinnerungen an das Überleben im Ersten Weltkrieg Kontext: Beim Rundgang um sein Haus betrachtet der Architekt die Kellerfenstergitter mit der Aufschrift „Mannesmann Luftschutz“. Dies löst eine Rückblende an seine Zeit als Soldat aus, in der er nach dem Absturz eines Luftschiffs in einem belgischen Dorf nur durch Glück überlebte. Textstelle: „Aus purem Zufall also wurden sie nicht erschossen, sondern durften auf einer belgischen Leiter wieder herniedersteigen ins Leben. […] So knapp dürfte es nie wieder ausgehen, hatte er damals gelernt.“
- Besonders deutlich wird die personale Haltung bei der Schilderung seiner inneren Rechtfertigungsstrategien bezüglich der NS-Vergangenheit.
- 3. Rechtfertigungsstrategien bezüglich der NS-Vergangenheit Kontext: Kurz vor seiner Flucht erinnert sich der Architekt an die Übernahme des Badehauses von den jüdischen Vorbesitzern und seine Aufnahme in die Reichskulturkammer. Er versucht, den Kauf des Grundstücks in seinem eigenen moralischen Urteil als Akt der Unterstützung darzustellen. Textstelle: „Immerhin die Hälfte des Verkehrswerts hatte er den Juden gezahlt. Und das war schon nicht wenig gewesen. […] Mit dem Kauf des Grundstücks hatte er den Juden geholfen, ihre Ausreise zu finanzieren.“
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- 3. Rechtfertigungsstrategien bezüglich der NS-Vergangenheit Kontext: Kurz vor seiner Flucht erinnert sich der Architekt an die Übernahme des Badehauses von den jüdischen Vorbesitzern und seine Aufnahme in die Reichskulturkammer. Er versucht, den Kauf des Grundstücks in seinem eigenen moralischen Urteil als Akt der Unterstützung darzustellen. Textstelle: „Immerhin die Hälfte des Verkehrswerts hatte er den Juden gezahlt. Und das war schon nicht wenig gewesen. […] Mit dem Kauf des Grundstücks hatte er den Juden geholfen, ihre Ausreise zu finanzieren.“
- Der Leser erfährt so direkt von seinen Versuchen, den Kauf jüdischen Eigentums als eine Form der Hilfe umzudeuten.
Was man damit anfangen könnte
- Es lohnt sich, diese Erzählform genauer unter die Lupe zu nehmen, da sie die moralischen Grauzonen und die Selbstverleugnung der Figur greifbar macht.
— - Methodisch bietet diese Haltung zudem den Impuls für Lernende, die Erzählperspektive selbst auszuprobieren, um ein tieferes Verständnis für die Figur zu entwickeln.
— - Insgesamt ermöglicht die personale Erzählweise eine intensive Auseinandersetzung mit dem Konzept von Heimat als „dritter Haut“ aus der ganz persönlichen Sicht des Protagonisten.
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Und so könnte etwas heutzutage aussehen:
Stolz blickte Niko Ben an, der mitten im Zimmer stand. Er wartete auf diesen einen Moment, dieses kurze Aufleuchten der Begeisterung, doch Ben reagierte nicht wie gewünscht. Sein Blick wanderte die Wände entlang, blieb an den Regalen hängen, aber er wirkte dabei völlig distanziert, fast schon unterkühlt.
Sofort kamen Niko die alten Bedenken wieder hoch. War es wirklich vernünftig gewesen? War es ein Fehler, ausgerechnet diesen Typen zu sich nach Hause einzuladen? Er wusste doch genau, dass Ben ständig an allem etwas auszusetzen hatte. In der Schule erzählte er oft genug schlechte Dinge über andere Leute, zerriss ihre Ideen und machte sich über ihre Hobbys lustig. Und jetzt stand er hier, mitten in Nikos Rückzugsort. Wahrscheinlich machte er im Geist schon alles kaputt, was Niko sich hier über Monate mühsam aufgebaut hatte. Jedes Detail, jede Entscheidung bei der Einrichtung fühlte sich unter Bens prüfendem Blick plötzlich fragwürdig und naiv an.
Niko spürte, wie sich in ihm alles zusammenzog, während das Schweigen zwischen ihnen immer schwerer wurde. Er bereitete sich innerlich schon auf einen hämischen Kommentar vor. Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Bens abweisende Miene entspannte sich und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
„Eins muss man dir lassen: Du bist ganz schön einfallsreich“, sagte er und nickte anerkennend. „Ich musste mich ehrlich gesagt erst ein bisschen an das gewöhnen, was du den Leuten mit deinem Zimmer sagen willst. Aber jetzt weiß ich Bescheid. Und ich finde es echt spannend.“