(In freier Abwandlung von Bertolt Brecht)
Die Pyramiden sind ein bewundernswertes Bauwerk. Dennoch bleibt Brechts Frage berechtigt: Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Diese Frage müssen wir heute an die Geistesgeschichte richten. Wir bewundern die monumentalen Gedankengebäude von Platon über Immanuel Kant bis zu Michel Foucault. Aber wer hinterfragt die Fundamente, auf denen sie stehen?
Setzen wir die großen Denker dem dreifachen Check des kritischen Betrachters aus:
1. Die Frage nach der persönlichen Wunde (Der biografische Filter)
Jedes philosophische Lehrgebäude hat ein Fundament aus Fleisch und Blut. In der Wissenschaftstheorie nennt man das den anekdotischen Hintergrund.
- Platon floh vor der Instabilität der athenischen Demokratie in die absolute, unbewegliche Welt seiner „Ideen“.
- Foucault litt unter den starren bürgerlichen Normen seiner Zeit und suchte die Lücken im System.
Die Frage des Betrachters:
Was im Inneren oder im spezifischen Umfeld eines einzelnen, oft leidenden Menschen für richtig und notwendig gehalten wird – mit welchem Recht wird das eigentlich zu einer allgemeingültigen Lehre für die ganze Welt erhoben? Ist das System eine universelle Wahrheit oder nur die Rationalisierung einer ganz persönlichen Wunde?
2. Die Frage nach dem Marktplatz (Der Realitätscheck)
Immanuel Kant saß in seinem Arbeitszimmer in Königsberg und entwarf den kategorischen Imperativ: Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte. Ein monumentales Prinzip der reinen Vernunft.
Die Frage des Betrachters:
Hat der große Denker dieses Prinzip jemals mit der realen, chaotischen, nuancenreichen Wirklichkeit des Königsberger Marktplatzes abgeglichen? Hält die reine Vernunft stand, wenn sie auf die realen Nöte, die Hektik und das Überlebensdrängen der Händler, Bettler und Arbeiter prallt? Oder funktioniert die Philosophie nur, solange die Zimmertür geschlossen bleibt?
3. Die Frage nach dem Verfallsdatum (Der evolutionäre Horizont)
Niemand bestreitet, dass Kant einen Dichter wie Heinrich von Kleist regelrecht erschüttern konnte. Kleist begriff durch Kant verzweifelt, dass unsere Sinne uns keine objektive Wahrheit liefern, sondern das Gehirn die Realität filtert und umwandelt.
Doch Kant glaubte fest an die unbegrenzte Möglichkeit der menschlichen Rationalität. Er konnte nicht wissen, was die Evolutionstheorie, Sigmund Freud und die moderne Gehirnforschung Jahrhunderte später beweisen sollten: dass wir Menschen zu vielleicht 10 % rational gesteuert sind und der ganze Rest aus tiefen, evolutionären Schichten unseres Gehirns und aktuellen Gefühlsbefindlichkeiten stammt.
Die Frage des Betrachters:
Große Philosophen können immer nur genial und fortschrittlich im Rahmen ihrer eigenen Zeit sein. Was danach an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen kommt, können sie nicht vorausdenken. Die Weiterentwicklung der Wissenschaft geht unaufhaltsam über sie hinweg.
Warum also tun Schule und Universitäten so, als seien diese historischen Denker zeitlose Instanzen? Das einzige, was ihnen bleibt, ist, dass sie vom Wissenschaftsbetrieb immer wieder künstlich zu Referenzpunkten für neue Ideen gemacht werden. Doch am Ende sind sie alle demselben Gesetz der evolutionären Erkenntniserweiterung unterworfen wie ihre Vorläufer.
Das Ausgangsbeispiel: Michel Foucault
Nutzen wir diesen Dreifach-Check an dem Mann, mit dem wir begonnen haben:
- Biografie: Seine Analysen der totalen Überwachung entsprangen seiner persönlichen Erfahrung der Ausgrenzung.
— - Marktplatz: Sein Modell des Panopticons beschreibt die totale, lückenlose Disziplinierung – in der Realität scheitert diese Macht jeden Tag an der Schlamperei und dem Eigensinn der Menschen.
— - Das produktive Fazit: Aber gerade hier liegt der unschätzbare Nutzwert. Man muss Foucaults extreme Theorien nicht als unumstößliche Realität schlucken. Erst durch seine bewussten, fast schon genialen Übertreibungen erzeugt er jene seismographische Anschaulichkeit, die uns die Augen öffnet. Er zeigt das Extrem, damit wir im Alltag die Realität erkennen. Und genau das bringt uns selbst auf die praktikablen Ideen, wie wir die realen Spielräume und Lücken im System für unsere eigene Freiheit nutzen können.
Wir setzen das hier noch fort, indem wir weitere Philosophen diesem dreifachen Scheck aussetzen.