Goethe, „Faust“ – welche Bedeutung haben die „zwei Seelen in der Brust“

Im wesentlichen geht es um die Zerrissenheit des modernen Menschen: Fausts Weg zwischen Gelehrsamkeit und Tat.

  • In Goethes Weltdrama steht die Figur des Heinrich Faust exemplarisch für den Menschen im Spannungsfeld zwischen intellektueller Begrenzung und dem grenzenlosen Drang nach Erkenntnis. Besonders deutlich wird diese Zerrissenheit in der Szene „Vor dem Tor“, in der Faust seinem Famulus Wagner gegenüber sein inneres Leiden offenbart.

Inzwischen gibt es dazu auch ein Video

Den Link fügen wir noch ein. Hier ist er:
https://youtu.be/bDrzy6wNVBo

Und hier die Kapitel-Einteilung mit den Sprungstellen.
Direkt an die richtige Stelle im Video.
0:00 Einleitung: Was hat es mit den zwei Seelen auf sich? 1:08 Überblick: Alles auf einen Blick 1:34 1. Ausgangspunkt: Das Zitat (Vers 1112) 2:02 2. Warum man die Szene „Nacht“ kennen muss 2:10 3. Der Ausgangsmonolog: Erkenntnishunger 3:06 4. Erste Erfahrung: Das Makrokosmoszeichen 3:49 5. Der Erdgeist: Die hammerharte Zurückweisung 4:48 6. Der Selbstmordversuch: Trotz, nicht Lebensüberdruss 5:29 7. Gerettet durch Osterglocken: Das Vor-Rationale 6:26 8. Vor dem Tor: Drei Signale der Veränderung 7:49 9. Die zwei Seelen: Die Kernstelle 10:09 10. Warum macht das Faust empfänglich für Mephisto? 11:10 Die Ironie der Konstruktion: Mephistos Monolog 12:25 11. Was wurde draus? Von Auerbachs Keller bis Faust II 15:13 12. Was hat das heute mit uns zu tun? 16:43 Messner, Free-Climber, Apnoe-Taucher — ohne Sauerstoffflasche 18:34 Schluss und Hinweis auf die Webseite

Hier schon mal die Dokumentation

Die zwei Seelen und der Zaubermantel

  • Während Wagner die stille Freude genießt, sich „von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt“ zu bewegen, fühlt Faust die zerstörerische Kraft seiner dualistischen Natur. Er spricht die berühmten Zeilen:
  • „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dunst Zu den Gefilden hoher Ahnen.“
  • Dieses Verlangen nach Entgrenzung gipfelt in dem Wunsch nach übernatürlicher Hilfe, um die Fesseln der herkömmlichen Wissenschaft zu sprengen:
  • „Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein Und trüg’ er mich in fremde Länder! Mir sollt’ er um die köstlichsten Gewänder, Nicht feil um einen Königsmantel sein.“

Die Abkehr von der Magie in Faust II

  • Erst am Ende seines langen Weges, in der Szene „Mitternacht“ im zweiten Teil der Tragödie, erkennt der erblindende Faust, dass die Magie ihn nicht befreit, sondern von der eigentlichen menschlichen Würde entfremdet hat. Er äußert die späte Einsicht:
  • „Könnt’ ich Magie von meinem Pfad entfernen, Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen, Stünd’ ich, Natur, vor dir ein Mann allein, Da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.“

Zwei Extreme: Buch-Weisheit vs. Welterkenntnis

  • Das Gespräch mit Wagner macht deutlich, dass Faust vor zwei Extremen steht: Einerseits die von ihm verachtete „Bücher-Erkenntnis“, die Wagner verkörpert – ein totes Wissen, das sich im „Mauerloch“ der Studierzimmer verliert. Andererseits steht Fausts Risikobereitschaft, für die unendliche Erkenntnis dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, alles – auch sein Seelenheil – aufs Spiel zu setzen.
  • Dieses Streben führt ihn zwangsläufig zu Mephisto. Der Teufel täuscht ihn jedoch von Beginn an; sein Ziel ist es, den nach dem Absoluten Gierenden durch das „flache Leben“ zu schleppen, um dessen Tätigkeit zu lähmen.

Opfer und Kollateralschäden

  • Auf diesem Weg der rücksichtslosen Selbstverwirklichung hinterlässt Faust eine Spur der Zerstörung. Die „Kollateralschäden“ seines Erkenntnisdrangs sind vor allem in der Gretchen-Tragödie sichtbar: Margarete wird verführt und endet im Kerker, ihr Bruder Valentin wird von Faust heimtückisch ermordet. Selbst im Alter schreckt Faust nicht davor zurück, für seine Vision das unschuldige Ehepaar Baucis und Philemon zu opfern.
  • Das Urteil des Himmels: Erlösung durch Streben
  • Trotz dieser moralischen Verfehlungen spricht das Drama kein klassisches moralisches Urteil über Faust. Bereits im „Prolog im Himmel“ wird der Maßstab gesetzt: Gott sieht in Fausts irrendem Streben eine notwendige menschliche Eigenschaft. Mephisto dient hierbei nur als „Schalk“, der den Menschen anstacheln muss, damit seine Tätigkeit nicht erschlafft.

Das endgültige Urteil des Himmels findet sich im Schlusschor:

  • „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“
  • Es ist nicht moralische Perfektion, die Faust rettet, sondern sein unermüdliches Bemühen. In Faust II zeigt sich eine positive Entwicklung: Sein Streben wandelt sich von der individuellen Gier zur gesellschaftlichen Vision. Er will Land gewinnen und der Menschheit einen „freien Grund“ schaffen. Obwohl er auch hier von Mephisto betrogen wird – er glaubt, Arbeiter hörten auf sein Kommando, während in Wahrheit Lemuren sein Grab schaufeln –, erreicht er eine entscheidende philosophische Einsicht. Die höchste Form des Seins liegt nicht in einer unerreichbaren metaphysischen Letzterkenntnis, sondern im produktiven Tätigsein im Hier und Jetzt. Damit nähert sich Faust dem Ideal des „Wilhelm Meister“ an, für den das tätige Leben und das Aufgehen in einer nützlichen Bestimmung den Kern der menschlichen Entwicklung bilden.

Belege für die Bedeutung des Tätigseins bei Goethe

Stelle 1 – Lehrjahre, 8. Buch, 3. Kapitel (Natalie über den Abbé):

„Er behauptete: das Erste und Letzte am Menschen sei Tätigkeit, und man könne nichts tun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibe.“

Diese Aussage des Abbés ist besonders stark, weil sie programmatisch formuliert ist: Tätigkeit wird nicht als Mittel, sondern als das eigentliche Wesen des Menschen bestimmt. Hier ist der Quelle-Link: Lehrjahre, 8. Buch, 3. Kapitel – Zeno.org


Stelle 2 – ebd., Natalies Selbstauskunft (im selben Kapitel):

Natalie beschreibt, wie sie von Kindheit an überall die Bedürfnisse der Menschen wahrnahm und einen unbezwingbaren Drang empfand, diese auszugleichen – von hilfsbedürftigen Kindern bis zu armen Familien. Der Abbé habe sie mit sich selbst bekanntgemacht und gelehrt, diese Neigungen „zweckmäßig zu befriedigen.“ Zeno.org


Ergänzend aus den Wanderjahren, 2. Buch, 11. Kapitel, ebenfalls auf Zeno:

Dort heißt es: „Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankerott. In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert.“ Zeno.org

Das ist die Kehrseite derselben Idee: nicht blindes Tätigsein, sondern zielgerichtetes, nützliches Handeln im Dienst der Gemeinschaft. Diese Stelle eignet sich gut als Kontrast zu Fausts anfangs unkontrolliertem Streben.


Weitere Infos, Tipps und Materialien