Klausur: Roman „Heimsuchung“ Vergleich mit Kafka, „Der Steuermann“ (Mat8630-khs)

Roman „Heimsuchung“ – Vergleich mit Kafka?

Wir zeigen hier, wie man auf so eine Idee kommen kann und was dabei herauskommt.

Die Ausgangsidee

Wer sich bei Kafka auskennt und den Roman „Heimsuchung“ liest – mit diesen ständigen Schicksalsschlägen, der kann schon an einen Vergleich denken.

Beispiel: Die Erzählung „Der Steuermann“ mit einer entsprechenden Aufgabe

Klausur: Analyse einer kurzen Erzählung und Vergleich mit dem Roman „Heimsuchung“

Aufgabe

  1. Analysieren Sie die kurze Erzählung „Der Steuermann“ von Franz Kafka mit besonderer Berücksichtigung der Aussage, wenn man von der These ausgeht, dass Kafka diese Geschichten nutzt, um die Situation des Menschen in der Welt darzustellen.
  2. Inwiefern und inwieweit kann man diese Geschichte auch als „Heimsuchung“ verstehen, wie das Schicksal der Menschen in Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“.

Franz Kafka

Der Steuermann

 

„Bin ich nicht Steuermann?“ rief ich. „du?“ fragte ein dunkler hoch gewachsener Mann und strich sich mit der Hand über die Augen, als verscheuche er einen Traum. Ich war am Steuer gestanden in der dunklen Nacht, die schwachbrennende Laterne über meinem Kopf, und nun war dieser Mann gekommen und wollte mich beiseiteschieben. Und da ich nicht wich, setzte er mir den Fuß auf die Brust und trat mich langsam nieder, während ich noch immer an den Stäben des Steuerrades hing und beim Niederfallen es ganz herumriss. Da aber fasste es der Mann, brachte es in Ordnung, mich aber stieß er weg. Doch ich besann mich bald, lief zu der Luke, die in den Mannschaftsraum führte und rief: „Mannschaft! Kameraden! Kommt schnell! Ein Fremder hat mich vom Steuer vertrieben!“ Langsam kamen sie, stiegen auf aus der Schiffstreppe, schwankende müde mächtige Gestalten. „Bin ich der Steuermann?“ fragte ich. Sie nickten, aber Blicke hatten sie nur für den Fremden, im Halbkreis standen sie um ihn herum und, als er befehlend sagte: „Stört mich nicht“, sammelten sie sich, nickten mir zu und zogen wieder die Schiffstreppe hinab. Was ist das für Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?

 

Der Text ist zum Beispiel hier zu finden:
https://www.textlog.de/kafka/erzaehlungen/nachlass/der-steuermann

Die Frage der Vorgehensweise

Um diese komplexe Klausuraufgabe erfolgreich zu bearbeiten, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen in drei wesentlichen Schritten: die textnahe Analyse, die themenbezogene Interpretation und schließlich der literarische Vergleich.

  1. Die textnahe Analyse von „Der Steuermann“

Zunächst solltest du den Text von Franz Kafka genau untersuchen. Dabei ist es wichtig, die zentralen Handlungselemente herauszuarbeiten:

  • Die Ausgangssituation: Der Ich-Erzähler befindet sich in einer verantwortungsvollen Position am Steuer eines Schiffes bei Nacht.
  • Der Konflikt: Ein fremder, dunkler Mann taucht auf und verdrängt den Erzähler gewaltsam von seinem Posten.
  • Die Reaktion der Mannschaft: Der Erzähler sucht Unterstützung bei seinen Kameraden. Diese bestätigen zwar seine Identität als Steuermann, ordnen sich jedoch widerspruchslos dem Befehl des Fremden unter und lassen den Erzähler allein zurück.
  1. Interpretation: Die Situation des Menschen in der Welt

In diesem Schritt verknüpfst du deine Beobachtungen mit der vorgegebenen These, dass Kafka die existentielle Situation des Menschen darstellt. Achte hierbei auf folgende Aspekte:

  • Identitätsverlust und Machtlosigkeit: Der Erzähler verliert seine Funktion und damit seine Identität („Bin ich nicht Steuermann?“) durch eine anonyme, überlegene Gewalt.
  • Entfremdung: Die Mannschaft bildet keine solidarische Gemeinschaft, sondern reagiert gleichgültig und „sinnlos“. Dies spiegelt die Isolation des Individuums in einer unverständlichen Welt wider.
  • Die dunkle Nacht: Die Szenerie unterstreicht die Unsicherheit und das Ausgeliefertsein gegenüber dem Unbekannten.
  1. Vergleich mit Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“

Der zweite Teil der Aufgabe verlangt, den Begriff der „Heimsuchung“ als Brücke zwischen Kafka und Erpenbeck zu schlagen. Hierbei solltest du untersuchen:

  • Der Begriff „Heimsuchung“: Verstehe ihn sowohl als das Heimsuchen eines Ortes (Besuch/Eindringen) als auch im religiös-biblischen Sinne als eine schwere Prüfung oder ein Verhängnis.
  • Parallelen im Schicksal: Prüfe, inwiefern das gewaltsame Verdrängtwerden des Steuermanns mit dem Schicksal der Figuren in Erpenbecks Roman vergleichbar ist, die ebenfalls durch äußere Mächte oder historische Umstände ihren Platz („Heimat“) verlieren.
  • Das Motiv des Eindringlings: In beiden Werken gibt es Kräfte (der fremde Mann bei Kafka, die Geschichte/Enteignung bei Erpenbeck), die in das Leben der Individuen einbrechen und deren Ordnung zerstören.

Zusammenfassend löst du die Aufgabe am besten, indem du aufzeigst, wie Kafka durch die Parabel des Steuermanns die Fragilität der menschlichen Existenz verdeutlicht, die jederzeit durch eine „Heimsuchung“ – eine unvorhersehbare, äußere Macht – erschüttert werden kann.

Musterlösung

Musterlösung: Analyse und Vergleich von Franz Kafkas „Der Steuermann“

Einleitung Die vorliegende Kurzprosa „Der Steuermann“ von Franz Kafka thematisiert auf parabelhafte Weise den plötzlichen Verlust von Autorität, Identität und sozialem Rückhalt. Im Folgenden wird der Text unter dem Aspekt der menschlichen Existenz analysiert und anschließend mit dem Motiv der „Heimsuchung“ in Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman verglichen.

Hauptteil I: Analyse der Erzählung „Der Steuermann“ Die Erzählung beginnt mit der existenziellen Frage des Ich-Erzählers nach seiner eigenen Funktion: „Bin ich nicht Steuermann?“. Diese Frage deutet bereits auf eine tiefe Verunsicherung hin, die durch das Auftauchen eines „dunklen hoch gewachsenen“ Mannes ausgelöst wird. Der Fremde agiert wie in einem Traumzustand, beansprucht jedoch sofort die Macht am Steuer für sich.

Die körperliche Auseinandersetzung verdeutlicht die Machtlosigkeit des Individuums gegenüber einer anonymen Gewalt: Der Fremde tritt den Erzähler nieder und verdrängt ihn gewaltsam von seinem Posten. Besonders bezeichnend für die „Situation des Menschen in der Welt“ bei Kafka ist die Reaktion der Mitmenschen. Als der Erzähler die Mannschaft um Hilfe ruft und sie als „Kameraden“ anspricht, reagieren diese zwar mit einem Nicken auf seine Identität als Steuermann, ordnen sich aber sofort dem autoritären Befehl des Fremden („Stört mich nicht“) unter.

Diese Szene spiegelt die totale Vereinsamung und Entfremdung wider: Die Gemeinschaft bietet keinen Schutz, sondern zeigt eine erschreckende Gleichgültigkeit. Der Erzähler bleibt mit der bitteren Erkenntnis zurück, dass seine Mitmenschen „sinnlos über die Erde“ schlurfen, ohne eigenständiges Denken oder moralische Integrität zu beweisen.

Hauptteil II: Der Begriff der „Heimsuchung“ im Vergleich Die Erzählung lässt sich im Sinne von Jenny Erpenbecks Roman ebenfalls als eine Form der „Heimsuchung“ interpretieren.

  • Verlust des rechtmäßigen Platzes: Wie die Figuren in Erpenbecks Roman, die durch politische Umbrüche oder Enteignungen ihren Lebensraum verlieren, wird der Steuermann abrupt von seinem Platz am Ruder vertrieben. Die „Heimsuchung“ ist hier das plötzliche Einbrechen einer fremden Macht in die geordnete Existenz.
  • Existenzielle Prüfung: Der Begriff „Heimsuchung“ impliziert auch eine schwere Prüfung oder ein Verhängnis. Für den Steuermann besteht dieses Verhängnis darin, dass seine bisherige Gewissheit über seine Rolle in der Welt innerhalb eines Augenblicks durch eine dunkle, traumartige Gestalt zerstört wird.
  • Passivität und Schicksal: In beiden Werken sind die Betroffenen oft Spielball größerer Mächte oder der Geschichte. Während bei Erpenbeck oft die historische Zeit die Menschen heimsucht, ist es bei Kafka eine metaphysische Fremdheit, die den Menschen aus seiner Bahn wirft und ihn heimatlos macht.

Schlussbetrachtung Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kafka in „Der Steuermann“ das Bild eines Menschen zeichnet, dessen Identität nur so lange Bestand hat, wie sie von anderen anerkannt wird. Sobald eine stärkere Macht auftritt, zerbricht die soziale Solidarität, und das Individuum bleibt isoliert zurück. Diese Erfahrung der Vertreibung und der existenziellen Erschütterung verbindet Kafkas Erzählung eng mit dem Konzept der „Heimsuchung“, wie es Jenny Erpenbeck für die menschlichen Schicksale in ihrem Roman verwendet.

Die Frage der Parabel

Wir haben hier einfach mal so getan, als wären wir ein Schüler.

Da bekamen wir eine hilfreiche Antwort.

Das ist eine wirklich ausgezeichnete Frage! Es stimmt, dass viele von Kafkas Texten wie Albträume wirken, aber es gibt einen sicheren, methodischen Weg, wie man beweist, dass es sich um eine Parabel handelt.

Hier sind die drei wichtigsten Merkmale, an denen du das erkennst:

  1. Das Fehlen von Details (Die Unbestimmtheit)

In einer normalen Geschichte oder einem realistischen Albtraum erfährst du meistens, wer die Leute sind oder wo sie sich befinden. Bei Kafka fehlen diese Informationen komplett:

  • Der Erzähler hat keinen Namen, er ist einfach nur „ich“.
  • Das Schiff hat keinen Namenund kein Ziel.
  • Die Zeit ist unbestimmt: Es ist einfach nur „dunkle Nacht“.

Methodischer Check: Wenn eine Geschichte so „nackt“ ist, will sie nicht von einem Einzelschicksal erzählen, sondern steht stellvertretend für etwas Allgemeines. Die Figuren sind keine echten Menschen, sondern Typen (der Herrscher, der Untergebene, die Masse).

  1. Die Trennung von Bildebene und Sachebene

Eine Parabel funktioniert wie eine Gleichung. Man muss sie „übersetzen“:

  • Die Bildebene (Was passiert im Text?):Ein Steuermann wird von einem Fremden weggestoßen, und seine Mannschaft hilft ihm nicht.
  • Die Sachebene (Was ist die tiefere Bedeutung?):Es geht um die „Situation des Menschen in der Welt“. Das Schiff steht für das Leben oder die Gesellschaft. Das Steuerrad symbolisiert die Kontrolle oder die eigene Identität. Die Verdrängung durch den Fremden zeigt, wie zerbrechlich unsere Macht und unser Platz in der Welt sind.

Methodischer Check: Wenn du merkst, dass du fast jedes Element des Textes symbolisch deuten kannst (z. B. Steuerrad = Verantwortung), dann hast du es mit einer Parabel zu tun.

  1. Die „Logik des Absurden“ als Gesellschaftskritik

In einem bloßen Albtraum ist alles einfach nur wirr. In einer Parabel hat das Absurde System. Schau dir die Mannschaft an:

  • Sie erkennen den Erzähler als Steuermann an („Sie nickten“), aber sie handeln nicht danach.
  • Sie ordnen sich dem Fremden unter, nur weil er autoritär auftritt („Stört mich nicht“).

Das ist kein bloßes Traumgespinst, sondern eine scharfe Beobachtung darüber, wie Menschen sich in Gruppen verhalten: Sie folgen oft dem Stärkeren, auch wenn es unlogisch oder unfair ist. Kafka stellt hier die Frage: „Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?“. Das ist eine philosophische Frage, die über einen einfachen Traum weit hinausgeht.

Zusammenfassend: Dass es eine Parabel ist, erkennst du daran, dass die Geschichte zwar wie ein Traum erzählt wird, aber eine allgemeingültige Wahrheit über Macht, Einsamkeit und die menschliche Existenz vermittelt. Du kannst sie auf viele Situationen im echten Leben übertragen – zum Beispiel auf das Thema „Heimsuchung“, bei dem Menschen plötzlich und unverschuldet ihre Heimat oder ihre Position verlieren.

Parabelthese = Interpretation

Auch hier haben wir unsere These NotebookLM vorgelegt.

Das ist eine sehr treffende Beobachtung, die genau den Kern literaturwissenschaftlichen Arbeitens trifft. Du hast vollkommen recht: Die Einordnung als „Parabel“ ist ein interpretativer Zugriff, also ein Werkzeug, das wir als Leser an den Text herantragen, um seine Bedeutung zu erschließen.

Man kann das den Schülern tatsächlich so erklären:

  1. Die Parabel als „Lese-Modell“

Eine Geschichte wie „Der Steuermann“ ist erst einmal nur eine Schilderung eines seltsamen, fast traumhaften Vorgangs: Ein Mann wird an einem Steuerrad von einem Fremden abgelöst und seine Mannschaft lässt ihn im Stich. Wenn wir aber die Aufgabe erhalten, dies als Darstellung der „Situation des Menschen in der Welt“ zu analysieren, nutzen wir das Modell der Parabel als Brücke. Wir gehen davon aus, dass die Bildebene (das Schiff, der Kampf ums Steuer) auf eine Sachebene (den Kampf um Identität und Macht im Leben) verweist.

  1. Kafkas Intention vs. Wirkung des Modells

Ob Kafka beim Schreiben im Kopf hatte: „Ich schreibe jetzt eine Parabel nach Lehrbuchdefinition“, ist tatsächlich zweifelhaft und für die Analyse auch zweitrangig. Entscheidend ist, dass der Text eine Struktur aufweist, die dieses Modell zulässt:

  • Die Figuren sind so unbestimmt und „nackt“ gezeichnet, dass sie wie Platzhalter wirken.
  • Das Geschehen ist so modellhaft verkürzt, dass es den Leser förmlich dazu drängt, nach einer tieferen Bedeutung zu suchen.

Das Modell hilft den Schülern also, die Sinnlosigkeit, die der Erzähler am Ende beklagt („schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?“), nicht nur als schlechte Laune einer Romanfigur zu sehen, sondern als grundsätzliche Kritik an menschlicher Passivität und Entfremdung.

  1. Interpretation als Brückenschlag

Die Klausuraufgabe fordert sogar einen weiteren Akt der Interpretation: den Vergleich mit dem Begriff der „Heimsuchung“. Hier wird das literarische Modell der Parabel noch erweitert. Die Schüler sollen prüfen, inwieweit das Schicksal des Steuermanns als „Heimsuchung“ – also als ein unvorhersehbares, existentielles Verhängnis – verstanden werden kann.

Fazit für die Schüler: Das Modell der Parabel ist wie eine Brille. Ohne die Brille sehen wir nur eine wirre Geschichte über ein Schiff. Mit der Brille erkennen wir plötzlich ein Muster, das uns hilft, über das Leben, über Macht und über das menschliche Miteinander nachzudenken. Es ist ein Angebot zum Verstehen, keine starre Schublade, in die man den Text hineinzwängt.

 

 

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Infos, Tipps und Materialien zum Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck
https://schnell-durchblicken.de/themenseite-heimsuchung

Themenseite – Teil 1: Infos, Tipps und Materialien zum Einstieg:
Dazu sind vor allem die Videos hilfreich, die wir auf dieser Seite präsentieren.
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-tipps-und-hilfen-zum-einstieg

Themenseite – Teil 2: Materialien zu den Figuren mit ihren Themen
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-figuren-mit-ihren-themen

Themenseite – Teil 3: Materialien zu verschiedenen Aspekten der Interpration
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-aspekte-der-interpretation

Themenseite – Teil 4: Vorbereitung von Klausuren und Prüfungen
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-vorbereitung-klausuren

Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos