Kleists „Der zerbrochene Krug“ – Komödie – gegen Gerechtigkeit

Baustein 1: „Lineare Systematik“

  • Problematische Ausgangssituation
    Schon am Anfang wird deutlich, dass das Gerichtswesen nicht in Ordnung ist.Ein verletzter Richter – eine fehlende Perücke – jede Menge Ausreden.
  • Klärung von außen? Der Aufsichts-„Besuch“
    Dann ein Prozess unter Aufsicht eines Gerichtsrats: Besuch = KontrolleÄußerer Anlass ist ein zerbrochener Krug.
  • Fehlverhalten 1: Zeugenbeeinflussung
    Das Verhalten des Dorfrichters wird aber immer verdächtiger, so dass der Gerichtsrat sogar Zeugenbeeinflussung unterbringen muss.
  • Fehlverhalten 2: Versuch der Vor-Verurteilung Rupprechts
    Am schlimmsten, dass der Richter unbedingt Eves Verlobten als Täter verurteilen will, statt die Sache wirklich aufzuklären.
  • Fehlverhalten 3 = die angebliche Gefahr für den Verlobten
    Problem: Er hat Eve, die Verlobte erpresst und die meint jetzt schweigen zu müssen.
  • Verdachtsmomente durch zwei Zeugen
    Der Strick um den Richter zieht sich zu, als sein Sekretär und Frau Brigitte, ihre Beobachtungen schildern.
  • Problematische Lösung des Gerichtsrats
    Dann die entscheidende Stelle: Der Gerichtsrat erreicht Eves Klärung der Schuld des Richters mit persönlichem Geldeinsatz – und die glaubt dem Hinweis auf das Bild des Königs auf den Münzen. spricht sogar von „Gottes leuchtend Antlitz drauf“.
  • Problematischer Teil-Sieg der Gerechtigkeit
    Dann ein scheinbarer Sieg der Gerechtigkeit: Der Dorfrichter Adam wird suspendiert, aber nicht bestraft, sondern nur versetzt.
  • Verlagerung von der Frage der Gerechtigkeit hin zum versöhnlichen Happy End
    Stattdessen steht das Happy End der Versöhnung zwischen Eve und ihrem Verlobten im Vordergrund – und der Gerichtsrat bekommt sogar einen Kuss und will an der Hochzeit teilnehmen.
  • Zusammenfassung der Gerechtigkeitsprobleme:
    • Das Krug-Problem kommt vor ein höheres Gericht –
    • Niemand interessiert sich dafür, dass der ehemalige Dorfrichter an anderer Stelle neue Straftaten begehen kann.
    • Kleist-Forscher Fülleborn:
      Kleist wollte einfach nur mal was Entspannendes schreiben, darum ausnahmsweise mal Freude an Komik und Happy End.
    • Nicht behobene „Gebrechlichkeit der Welt“
      der Welt wird nicht im Stück kuriert – diese Aufgabe muss außerhalb des Stücks angegangen werden.
      Eigentlich werden nur Eve und ihr Verlobter rehabilitiert.
    • Kleist schafft mit der Münz-Episode einen textinternen Hinweis
      Privater Geldeinsatz hat nichts mit juristischer Aufarbeitung zu tun – Trick-Charakter
      Der spanische König auf den Münzen ist unhistorisch und ein Negativbild für alle Niederländer
      Eve hat das sogar kurz vorher angedeutet.
      Sogar mit „Gottes Antlitz“ verglichen = grenzt an „Parodie“ des Wahrheitsbeweises
    • Also: Kein Gerechtigkeitsdrama, sondern eben ein Lustspiel:
      Im Text nur Signale der „Gebrechlichkeit“ – und eine halbe und problematische Auflösung.
      Dafür Schwerpunktsetzung auf Harmonie – bis hin zum problematischen Kuss des Gerichtsrates
      Rupprecht unterstützt das – Eve = nimmt es wohl nur hin.
      Ansatzweise Fortsetzung der sexuellen Übergriffigkeit

Zusatzpunkte

  • Interessant ist ein Streit zwischen Forschern. Der eine (Fülleborn) sieht im Gerichtsrat sogar eine Art überirdische Gerechtigkeitsinstanz. Dafür übersieht er alles, was dagegen spricht.
    Hintergrund ist wahrscheinlich seine spezielle Gattungstheorie, die ihn dazu bringt, in dieser Komödie etwas zu sehen, was für seine Theorie gut passt, aber nicht so ganz dem Text entspricht.
  • Die anderen gehen von Kleists grundsätzlicher Auffassung im Hinblick auf die Welt aus und betonen den Schwerpunktwechsel am Ende in Richtung Komödie statt Herstellung von Gerechtigkeit.

  • Wer von Brecht „Der gute Mensch von Sezuan“ kennt,findet dort etwas ähnliches:
    Auch da ist die Welt nicht in Ordnung. Aber Brecht erklärt am Ende ganz eindeutig, das Publikum müsse sich selbst einen besseren Schluss ausdenken. Bei Kleist wird das dem Zuschauer und seiner Intelligenz überlassen.
  • In der Novelle „Michael Kohlhaas“ wird ein hoch anständiger Mensch zum Terroristen, weil die korrupte Adelswelt ihm nicht sein Recht gönnt. Auch hier lässt Kleist sich einen Trick einfallen, so dass der zum Tode verurteilte wenigstens noch am Ende die Genugtuung hat, seine missbrauchten Pferde wieder in einem guten Zustand zu sehen. Außerdem hat er einen geheimnisvollen Zettel bekommen, auf dem steht etwas sehr Wichtiges für den Landesfürsten steht, der ihn verurteilt hat. Kohlhaas kann sich an ihm rächen, indem er ihm von weitem diesen Zettel zeigt, ihn liest und ihn dann verschlingt, bevor er hingerichtet wird.