Hajo Frerich, „Die Messung“ – Kurzgeschichte über Selbstkundgabe in der Kommunikation (Mat962-kms)

Illustration zur Kurzgeschichte ‚Die Messung‘: Eine Frau greift am Küchentisch voller Bierflaschen nach ihrem Autoschlüssel, der Gastgeber sieht ihr nachdenklich zu – in seiner Gedankenblase ein Fragezeichen, ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen

Worum es geht: Eine Frage – und eine erstaunlich lange Antwort

Manchmal stellt man eine ganz einfache Frage – und bekommt eine Antwort, die viel länger ist als nötig. Genau darum geht es in der Kurzgeschichte „Die Messung“ von Hajo Frerich: Nach einem gemütlichen Abend fragt ein Gastgeber seine Freundin nur, ob sie mit dem Auto fährt. Was dann folgt, ist kein Streit und keine Belehrung, sondern ein Selbstgespräch, das nur so aussieht wie eine Antwort.

Die Geschichte eignet sich besonders gut, um einen Begriff aus dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun lebendig werden zu lassen: die Selbstkundgabe. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass Anja hier vor allem mit sich selbst spricht – und dass der Gastgeber das klug nutzt.

Unser Tipp: Lest die Geschichte erst einmal ganz und überlegt, wie sie wohl weitergeht. Ganz unten auf der Seite warten zwei mögliche Fortsetzungen – eine versöhnliche und eine mit überraschender Wendung.

Vorschau: Die Geschichte auf einen Blick

So sieht die Druckvorlage aus. Die Zeilennummern helfen, die Erklärungen weiter unten genau zuzuordnen.

Druckvorlage der Kurzgeschichte „Die Messung“ von Hajo Frerich mit Zeilennummerierung von 1 bis 27

Zum Video und der zugehörigen Dokumentation

Wer sich das, was auf dieser Seite steht, in kurzer Form anhören möchte bzw. im Video ansehen, der findet es hier auf YouTube.
https://youtu.be/aG9qsTrPsR4

Hier die Sprungmarken zu den einzelnen Kapiteln des Videos.
0:00 Einstieg: drei Fragen zur Geschichte
0:40 Worum es geht: ein schöner Abend – mit Bier
1:21 Selbstkundgabe – das Ergebnis vorweg
1:51 Der Abend und zwei wichtige Details
2:19 Eine ganz harmlose Frage
2:42 Anjas lange Antwort – typische Selbstkundgabe
3:46 Die Schlüsselstelle: „Aber für wen eigentlich?“
4:02 Was er weiß – und bewusst nicht sagt
4:31 Warnen, ohne zu warnen: der rettende Einfall
5:07 Die doppelte Messung
5:32 Das offene Ende: fahren oder bleiben?
6:11 Zwei Fortsetzungen auf der Website



Hier auch die Dokumentation zum Video.

Die Geschichte – Abschnitt für Abschnitt erklärt

Hajo Frerich: Die Messung
Aus: Durchblicke bis auf Widerruf – Online-Zeitschrift für Schule und Studium 9/2026. Die Zeilenangaben entsprechen der Druckvorlage.

1. Ein gelungener Abend – mit leeren Flaschen auf dem Tisch (Z. 1–4)

Der Abend war gut gelaufen. Sie hatten über alles Mögliche geredet, über den Personalmangel auf ihrer Station, über den Stapel Deutschklausuren, der bei ihm noch auf dem Schreibtisch lag, über Gott und die Welt. Auf dem Tisch standen inzwischen einige leere Bierflaschen.

  • Der Einstieg wirkt harmlos: Gespräche „über Gott und die Welt“, eine entspannte Atmosphäre. Gerade deshalb steht später so viel auf dem Spiel – keiner will diesen schönen Abend durch Kritik zerstören.
  • Zwei Details werden fast beiläufig eingeführt: Sie arbeitet auf einer Station, er hat Deutschklausuren auf dem Schreibtisch. Beides wird später noch wichtig.
  • Die „leeren Bierflaschen“ stehen am Ende des Absatzes – unauffällig, aber genau dort, wo man sie sich merkt. Das eigentliche Problem der Geschichte steht damit schon auf dem Tisch.

2. Eine ganz einfache Frage – ohne jeden Unterton (Z. 5–7)

Irgendwann sah Anja auf die Uhr. „Oh, ich muss los. Morgen Frühdienst.“

Sie stand auf und griff nach ihrer Jacke.

„Fährst du mit dem Auto?“, fragte er.

  • Anja muss früh raus – für sie ist der Aufbruch selbstverständlich.
  • Seine Frage ist so knapp und neutral wie möglich: kein „wirklich“, kein „noch“, kein Hinweis auf das Bier. Sie enthält weder einen Vorwurf noch eine Warnung.
  • Genau darauf kommt es an: Nur weil die Frage so harmlos ist, fällt die folgende Antwort so stark auf.

3. Anja antwortet – auf einen Vorwurf, den niemand gemacht hat (Z. 8–15)

Anja hielt inne. Dann lachte sie kurz auf. „Ja, klar. Keine Sorge, ich weiß, was ich mache. Ich hab da so meine Methode. Ich trinke nie schnell, und ich esse immer was dazu, hast du ja gesehen. Und bevor ich losfahre, horche ich in mich rein, wirklich, ganz ehrlich. Wenn ich mich gut fühle, fahre ich. Wenn nicht, lass ich’s. Ich nehme dann auch nicht die Hauptstraße, sondern fahre hinten rum, da ist nachts kein Mensch. Die Strecke kenne ich im Schlaf. Und ich fahre eher langsamer als sonst, eher zu vorsichtig. Ich hab noch nie Probleme gehabt, nicht ein einziges Mal. Man merkt das ja, wenn man zu viel hatte. Ich jedenfalls merke das.“

  • Schon die ersten Worte „Keine Sorge“ verraten: Anja hört in der Frage eine Warnung, die gar nicht ausgesprochen wurde. Mit Schulz von Thun gesagt: Sie hört mit dem „Appell-Ohr“.
  • Dann folgt eine ganze Kette von Begründungen: langsam trinken, etwas essen, in sich hineinhorchen, Nebenstraßen, langsam fahren, noch nie Probleme. Eine davon hätte genügt – die Häufung zeigt, dass sie vor allem sich selbst überzeugen muss.
  • Auf der Sachebene erklärt sie ihre „Methode“. Viel stärker ist aber die Selbstkundgabe: Sie zeigt, wie sehr sie ihr Bild von sich selbst – vernünftig, verantwortungsvoll – verteidigen will.
  • Der Kern ihrer Methode steckt in Z. 11: „Wenn ich mich gut fühle, fahre ich.“ Ihr Messinstrument ist das eigene Gefühl. Darauf spielt auch der Titel „Die Messung“ an.
  • Der letzte Satz „Ich jedenfalls merke das“ (Z. 15) ist der Schlussstein ihrer Selbstberuhigung – und, wie sich zeigen wird, ihr schwächster Punkt.

4. Der entscheidende Hinweis: Für wen redet sie eigentlich? (Z. 16–17)

Sie hatte offensichtlich viel zu erzählen. Aber für wen eigentlich?

Er hatte doch nur gefragt, ob sie mit dem Auto fahre.

  • Hier meldet sich der Erzähler – scheinbar harmlos mit „Sie hatte offensichtlich viel zu erzählen“. Die Frage „Aber für wen eigentlich?“ ist das wichtigste Signal der ganzen Geschichte.
  • Die Antwort, die der Text nahelegt: Anja spricht vor allem mit sich selbst. Sie beruhigt eine innere Stimme, die vielleicht doch Zweifel hat.
  • Ein Blick auf die Zeilen zeigt das Missverhältnis: Seine Frage braucht eine halbe Zeile (Z. 7), ihre Antwort acht Zeilen (Z. 8–15).
  • Für die Interpretation heißt das: Wer diese Stelle findet, hat den Schlüssel zur Geschichte in der Hand.

5. Was er weiß – und bewusst nicht sagt (Z. 18–20)

In seinem Kopf stieg ein Satz auf, den man in jedem Lehrbuch nachlesen kann: Das Erste, was der Alkohol betäubt, ist das Gespür dafür, wie viel man getrunken hat. Ausgerechnet sie müsste das wissen. Aber er sagte es nicht.

  • Der Gastgeber kennt den Haken an Anjas Methode: Alkohol schwächt zuerst genau das Gefühl, mit dem sie sich prüfen will. Das Messinstrument ist also selbst beeinträchtigt.
  • „Ausgerechnet sie müsste das wissen“ – eine stille Ironie, denn als Krankenschwester hat sie mit solchen Fällen beruflich zu tun.
  • Dass er schweigt, ist keine Feigheit, sondern Gesprächsklugheit: Eine Belehrung würde Anja in die Verteidigung treiben und den Abend beschädigen.

6. Statt Kritik: ein Blick auf die anderen (Z. 21–24)

Stattdessen drehte er seine Flasche zwischen den Fingern. „Weißt du, woran ich bei so was immer denke?“, sagte er. „Gar nicht an mich. An die anderen. Da kommt dir einer entgegen, der nicht so gut auf sich achtet wie du, und plötzlich kracht’s. Dann müssen beide pusten. Und hinterher fragt keiner mehr, wer wem reingefahren ist.“

  • Auch seine Antwort ist eine Selbstkundgabe: „woran ich bei so was immer denke“. Er spricht von sich, nicht über Anja.
  • Er greift ihr Selbstbild nicht an, er bestätigt es sogar: Der andere Fahrer achtet „nicht so gut auf sich“ wie sie.
  • Trotzdem bringt er ein Risiko ins Spiel, das ihre Methode nicht abdeckt: Bei einem Unfall, den sie gar nicht verschuldet hat, wird bei beiden gemessen – und dann zählt nicht mehr ihr Gefühl, sondern das Ergebnis.
  • Damit wird der Titel doppeldeutig: Neben die innere „Messung“ nach Gefühl tritt die äußere, objektive Messung durch die Polizei.

7. Stille, ein Schlüsselbund – und ein offenes Ende (Z. 25–27)

Für einen Moment war es still in der Küche. Nur der Kühlschrank summte.

Anja blickte auf den Schlüsselbund in ihrer Hand. Das Metall glänzte im warmen Licht der Küchenlampe.

  • Die Stille zeigt: Seine Worte wirken. Zum ersten Mal hat Anja nichts mehr zu erzählen.
  • Der Schlüsselbund in ihrer Hand steht für die Entscheidung, die noch aussteht: fahren oder bleiben.
  • Das Ende bleibt offen. Der Erzähler verrät nicht, was Anja denkt – das müssen die Leserinnen und Leser selbst erschließen.

Wie könnte es weitergehen? Zwei mögliche Fortsetzungen

Bevor ihr die Fortsetzungen aufklappt: Überlegt selbst, wie Anja reagiert. Schreibt ein eigenes Ende von etwa fünf bis zehn Zeilen und vergleicht es danach mit den beiden Vorschlägen.

Fortsetzung A: Die versöhnliche Lösung (zum Aufklappen)

Sie legte den Schlüssel leise auf die Tischkante. „Hast du noch einen Tee?“, fragte sie. „Und vielleicht eine Decke für die Couch?“

  • Anja zieht selbst die Konsequenz – niemand hat sie dazu gedrängt. So verliert sie nicht ihr Gesicht.
  • Die Bitte um Tee und Decke macht die Entscheidung zu einer freundlichen Geste statt zu einer Niederlage.
Fortsetzung B: Die Wendung mit dem Deutschlehrer (zum Aufklappen)

Dann verzog sich ihr Mund zu einem schiefen Grinsen. „Ach, schau an“, sagte sie. „Da kommt wieder der Deutschlehrer durch. Wenn man jemandem nicht offen sagen will, was man für falsch hält, versucht man’s halt auf einem Umweg.“

Sie schob den Schlüssel in die Jackentasche. „Aber keine Sorge. Du siehst ja: Das hab ich noch gemerkt. Also bin ich noch gut in Schuss.“

Sie nickte ihm kurz zu und verließ die Wohnung.

  • Anja durchschaut die Umweg-Strategie – das Detail mit den Deutschklausuren (Z. 2) war also kein Zufall.
  • Das Entscheidende: Sie zieht daraus genau denselben Schluss wie vorher. „Das hab ich noch gemerkt“ wiederholt ihr „Ich jedenfalls merke das“ (Z. 15). Wieder dient ihr ein Gefühl als Beweis.
  • Dass man ein Gespräch durchschaut, sagt aber nichts darüber, ob man noch sicher Auto fahren kann. Anja tappt also ein zweites Mal in dieselbe Falle – diesmal sogar triumphierend.
  • Zum Diskutieren: Hat der Gastgeber trotzdem etwas erreicht? Oder hätte er offener sprechen müssen?

Druckvorlage zum Herunterladen

Hier gibt es die Geschichte mit Zeilennummerierung als PDF – praktisch für den Unterricht, weil die Zeilenangaben auf dieser Seite genau dazu passen.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

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