Worum geht es?

Im Folgenden zeigen wir, wie man an einem Gedicht zeigen kann, mit welchen „literarischen Mitteln“ die Autorin versucht hat, die inhaltliche Aussagen zu unterstützen.

Das Gedicht ist u.a. hier zu finden.

Wir haben dazu auch ein Video erstellt, indem wir unser Vorgehen in etwa 12 Minuten vorstellen.

Videolink

Und hier kann man die Dokumentation anschauen bzw. herunterladen:
Mat4613 pcf Last-Minute Erfolg Gedichtanalyse Schritt 5 Sprachliche Mittel

Klärung der Aussagen des Gedichtes (Intention)

Das Gedicht zeigt,

  1. dass in der Großstadt eine Liebe eher zufällig und flüchtig sich ergibt
  2. und dann schwer aufrecht zu erhalten ist,
  3. vor allem, wenn es viele Einschränkungen und Hindernisse gibt.
  4. Das führt dann zu einer Schwächung der Liebe,
  5. die am Schluss zu einer kürzestmöglichen Beendigung führt, was die Kommunikation darüber angeht.

Was wir unter „literarischen“ Mitteln verstehen

  • Normalerweise wird im Deutschunterricht nur von „sprachlichen Mitteln“ gesprochen – und die Schülerinnen und Schüler arbeiten dann irgendwelche Checklisten mit Fachbegriffen ab – immer froh, wenn sie einige Metaphern, eine Alliteration, eine Hyperbel und dann auch noch eine Antithese oder sogar ein Zeugma gefunden haben.
  • Solche Listen sind sicher interessant, aber viel wichtiger ist, dass man sich erst mal klarmacht, um was es sich überhaupt handelt:
  • Wir verwenden den Begriff „literarische Mittel“ und damit meinen wir alles, was der Autor oder die Autorin sich haben einfallen lassen, um die Wirkung der Darstellung des Inhalts zu erhöhen.
  • Man wird dann schnell feststellen, dass die Verengung auf den Begriff „sprachliche Mittel“ nicht sinnvoll ist, nicht von ungefähr heißt es „rhetorische Frage“, d.h. der Redezusammenhang ist entscheidend, sprachlich ist das nichts Besonderes, wenn jemand feststellt: „Wer denkt daran, an später noch zu denken?“ (Zitat aus dem Gedicht „Großstadtliebe“ von Mascha Kaleko.
  • Auch die „Ironie“ ist natürlich kein rein sprachliches Mittel, sondern das Verständnis ergibt sich erst aus dem Kontext – etwa wenn man zu einem noch unter dem Einfluss einer langen Nacht stehenden Freund zuflüstert „Du siehste aber heute auch wieder gut aus.“
  • Wenn man also von einem umfassenden Begriff der Mittel ausgeht, dann schaut man sich ein Gedicht ganz anders an, als wenn man eine dieser Listen abarbeitet.
  • Letztlich kommt es in der Schule beim Umgang mit Poesie nicht darauf an, wissenschaftliche Begriffe anzuwenden, sondern zu begreifen, was da im Text gemacht worden ist und über die Wirkung nachzudenken.
  • Das heißt nicht, dass man auf Fachbegriffe verzichten soll – sie sollten in der Schule nur nicht im Vordergrund stehen.

Wie wir vorgehen:

Als erstes suchen wir nach Textstellen, die einfach „gut gemacht“ sind, also Wirkung entfalten.

Dann überlegen wir uns, wie das jeweilige Mittel funktioniert – mit Blick auf den Inhalt.

Die Reihenfolge der Betrachtung der literarischen Mittel entspricht also dem inhaltlichen Aufbau der Aussagen des Gedichtes.

Hier zunächst ein Schaubild, das die Textstellen enthält, die besonders Wirkung entfalten – es ist erstaunlich, wieviel man findet, wenn man offen an einen Text herangeht.

Die Farben haben folgende Bedeutung.

  • Orange – Welt der Stadt
  • Blau – Welt der Liebe
  • Rot – Gefährdungen der Liebe

Was wir herausgefunden haben:

Mascha Kaléko

Großstadtliebe

(1)
Man            irgendwo      flüchtig

Irgendwann

Irgendwas

Verführt            gar nicht mehr zu trennen.

zweiten Himbeereis               ›du‹.

  • Gleich zu Beginn wird durch die Wiederholung von Wörtern, die „irgend“ enthalten, deutlich, etwas nicht nur „flüchtig“ geschieht, sondern eigentlich auch ohne Belang, fast schon egal ist im Hinblick auf die Einzelheiten.
  • Man sieht hier, dass auch die Wortwahl („flüchtig“) ein Mittel ist, das etwas deutlich macht.
  • Wer auch nur ein bisschen Ahnung hat von echter Liebe, weiß, welche Bedeutung die Erinnerung an wichtige Stationen ihrer Entstehung hat.
  • Interessant ist dann der Gegensatz zwischen der Welt dieses Eigentlich-nichts-Besonderes-Kennenlernens und dem anschließenden „verführt“. Auch hier wieder eine wichtige Wortwahl. Sie macht deutlich, dass hier etwas passiert, was einen aus der Normalität des Großstadtlebens rausbringt.
  • Die Wendung „sich gar nicht mehr zu trennen“ kann als Anspielung auf eine Hochzeitsperspektive verstanden werden.
  • Die letzte Zeile macht dann wieder das Beiläufige dieser Entwicklung deutlich, wenn ein kleines Element einer Begegnung verwiesen wird („Beim zweiten Himbeereis“), das zum „du“ führt. Hier muss man wissen, dass vor mehr als zwei Generationen, als dieses Gedicht geschrieben wurde, mit dem Duzen nicht so leicht umgegangen wurde wie heute.
  • Inhaltlich interessant und zugleich ein Mittel ist auch, dass das lyrische Ich sich jetzt entfernt hat von der beliebigen „Irgend“-Welt. Jetzt ist man bei den Stationen angekommen, die später für die Erinnerung an eine glückliche und lang dauernde Beziehung wichtig ist.

 

(2)
lieb     ahnt im Grau der Tage

Das Leuchten froher Abendstunden

Man teilt     Alltagssorgen

Man teilt     Freuden der Gehaltszulage,

…     übrige besorgt     Telephon.

  • Die zweite Strophe macht die Beziehung ganz klar, es liegt eine Steigerung vor von „du“ zum „lieb“.
  • Das wird dann konkretisiert am Gegensatz vom „Grau der Tage“ (eine Metapher, also eine Übertragung aus der Farbwelt hin zur Welt menschlicher Empfindungen) hin zum „Leuchten froher Abendstunden“. Interessant das Attribut „froher“, das hier auf Abendstunden bezogen wird, eine Personifikation, denn Stunden können nicht froh sein, wohl aber die Menschen, die sie erleben. Viel wichtiger ist aber der Gegensatz, ein eindeutig inhaltliches Element, das zugleich rhetorisch seine Kraft entfaltet.
  • Dann ein Parallelismus, was einen weiteren Gegensatz angeht: Der bezieht sich aber nicht auf Zeitsituationen, sondern auf Erlebnisse. Auch hier wieder eine Anspielung auf die „guten wie auch die schlechten Zeiten“, wie sie im Hochzeitsversprechen auftauchen.
  • Gegenüber diesem Parallelismus, der die Gemeinsamkeit betont, ist die Anapher, also die Wortwiederholung zu Beginn der beiden Zeilen wohl von geringerer Bedeutung. Beides zu erwähnen schwächt eher das Bewusstsein für die Bedeutung der Textstelle.
  • Am Ende der Strophe dann eine Stelle, die nicht ganz klar ist: Den Hinweis auf das Telefon kann man positiv verstehen: Die beiden Partner sind jetzt so mit ihrem gemeinsamen Leben beschäftigt, dass sie alles nicht so Wichtige möglichst auf diese Weise erledigen – man hat dann mehr Zeit für die Partnerschaft.
  • Man kann aber auch einen leichten negativen Ton heraushören: „Das übrige“ könnte sich ja auch auf Bereiche der Partnerschaft beziehen. Da ruft der Mann abends aus dem Büro an: „Du, Schatz, ich muss noch arbeiten, das wird heute nichts mehr mit dem Essen, geh ruhig schon schlafen. Ciao“ „Rot“ wird man dabei bestimmt nicht mehr – ein vielleicht anzügliches Kompliment kann sich besser bei einer Umarmung sagen.

 

(3)
trifft sich    Gewühl     Großstadtstraßen.

wohnt möbliert.

–           Gewirr von Lärm und Autorasen,

–           Klatsch der Tanten und der Basen

zu zweien still und unberührt.

  • In dieser Strophe spielen wieder zwei Begriffe eine Rolle, die wohl Gefährdungen für die Welt der Liebe darstellen: „Gewühl“ und „Gewirr“. Kaum jemand wird in dieser Großstadtwelt Möglichkeiten für Romantik sehen.
  • Dazu kommt eine weitere Einschränkung, die nur angedeutet wird, nämlich „wohnt möbliert“. Gemeint ist damit, dass viele Leute nicht einfach eine eigene Wohnung beziehen konnten – meist aus Kostengründen, sondern gewissermaßen zur Untermiete mit fremden Möbeln leben mussten. Für das Thema der „Großstadtliebe“ wird das interessant, wenn man man weiß, dass bei solchen Wohnverhältnissen meist auch eine entsprechende soziale Kontrolle mit gegeben war. Und bei den damaligen Moralvorstellungen, konnte kein Mann seine Freundin über Nacht in seine so „möblierte“ Wohnsituation aufnehmen.
  • Zu den Gefährdungen einer Zweierbeziehung damals kommt noch der „Klatsch“ der Verwandten – auch dabei spielten wohl Moralvorstellungen eine Rolle, vielleicht auch familiäre Überlegungen, ob der mögliche Partner oder die Partnerin in das Familiengefüge hineinpasst.
  • Vor diesem Hintergrund wird erst die letzte Zeile richtig in ihrer Bedeutung deutlich, nämlich dieses Pärchen hält das alles „zu zweien“ aus und reagiert „still“ darauf, also elastisch, vor allem aber „unberührt“. Das heißt, trotz all dieser Belastungen und Gefährdungen kann es mit dieser Beziehung gut weitergehen.

 

(4)
küßt      dann und wann auf stillen Bänken,

–                         Paddelboot.

Erotik         Sonntag sich beschränken.

… Wer denkt daran, an später noch zu denken?

konkret     wird nur selten rot.

  • Diese Strophe zeigt die Konsequenzen der Umstände für eine solche Beziehung.
  • Wenn man „möbliert“ wohnt und den „Klatsch“ der Verwandten fürchten muss, dann bleibt nur das Ausweichen, wenn man in Ruhe Zärtlichkeiten austauschen will.
  • Vor diesem Hintergrund wird auch klar, was für eine schöne Idee es war, diese „still“ ihre Partnerschaft eben auf „stillen Bänken“ ausleben müssen und können. Man kann vielleicht sogar sagen, dass sie nur in der Welt des Unbelebten für ihre Beziehung Raum und Frieden finden.
  • Sehr gelungen erscheint auch die Personifikation der „Erotik“, die sich „auf Sonntag beschränken“ muss. Übrigens eine schöne Alltagsmetapher, die auf Schranken verweist, die man beachten muss.
  • Es folgt eine rhetorische Frage, die wohl Verständnis zeigen soll, dass bei solcher Konzentration auf das gemeinsame Alltagsleben Fragen der Zukunft zurückstehen.
  • Das „konkret“ sich auf das Unmittelbare zu konzentrieren ist bei diesem Pärchen angesagt. Bedauerlicherweise geht dabei auch alles verloren, was einen „rot“ werden lässt, also im innersten Gefühlsleben trifft.

(5)
keine Rosen und Narzissen,

keinen Pagen sich ins Haus.

–         genug von Weekendfahrt und Küssen,

durch die Reichspost wissen

Per Stenographenschrift ein Wörtchen: ›aus‹!

  • Am Ende wieder ein Parallelismus, der den Niedergang der Beziehung deutlich macht: Es gibt keine kleinen Gesten der Aufmerksamkeit mehr, wie sie für die Phase der Verliebtheit, aber im Idealfall auch darüber hinaus typisch sind.
  • Und dann der brutale Schluss, wo diese Beziehung nur noch durch ihre Beschränktheit bestimmt erscheint.
  • So flüchtig und nebeibei, wie die Gemeinsamkeit entstand, so endet sie auch: Keine Aussprache, kein Bemühen um gemeinsame Verarbeitung der Situation, sondern die kürzestmögliche Mitteilung mit Hilfe berufsmäßiger Kommunikationsdienstleister und dann auch noch in der typischen Schreibschrift, wenn es schnell gehen muss und man eigentlich dazu auch keine eigene Beziehung hat.

Zusammenfassung:

  • Es hat sich gezeigt, wie sehr die inhaltliche Entwicklung durch literarische Ideen und Mittel in diesem Gedicht unterstützt wird.
  • Mascha Kaléko hat ja in manchen Kreisen nicht immer die Anerkennung bekommen, die sie verdient. Einfach, weil sie nicht künstlich die Dinge verrätselt, sondern sie verständlich darstellt und trotzdem Tiefe erreicht und Nachdenklichkeit erzeugt.
  • Dieses Gedicht passt gut in Epoche der „Neuen Sachlichkeit“, weil scheinbar nur einfach so berichtet wird. Dennoch hat man den Eindruck von Mitgefühl mit einer solchen „Großstadtliebe“ und von Verständnis für eine gewisse Zwangsläufigkeit einer Entwicklung bei ungünstigen Rahmenbedingungen.
  • Man kann das Gedicht gut mit dem Text einem Text von Erich Kästner vergleichen. In seinem Gedicht „Sachliche Romanze“ geht es allerdings nur um den Schlusspunkt einer Beziehung. Aber auch dort hat man eine Sachlichkeit, die durchaus Mitgefühl zulässt.

Rückblick auf die angewandte Methode

Wir hoffen, dass wir zeigen konnten,

dass es sich lohnt, die Fachbegriffe etwas zurückzustellen

und dafür die Funktion von Sprache und Rhetorik für die Unterstützung der Aussage(n) ins Zentrum zu stellen.

Wir waren jedenfalls erstaunt, wieviel man an aus diesem Gedicht „herausholen“ konnte.

Weitere Infos, Tipps und Materialien 

https://textaussage.de/weitere-infos