Mark Zwollich, Die Entscheidung (Mat398)

Wichtig: Bei Entscheidungen auf die Umstände achten 

Die Kurzgeschichte macht deutlich, dass es nicht darauf ankommt, wieviel Angst man vor einer Aufgabe hat.

Wichtig ist, dass man jemanden findet, der einem hilft, den richtigen Blick für die eigenen Fähigkeiten zu bekommen.

Gezeigt wird das am Beispiel eines Referendars, der sich den Anforderungen der Lehrerausbildung nicht gewachsen fühlt, aber eigentlich schon alles richtig macht und kann.

Hier ein paar Vorab-Infos

Worum geht es in der Geschichte?
Ein stark verunsicherter Lehreranwärter, Mark Zwollich, zweifelt aufgrund des hohen Leistungsdrucks und der strengen Aufsicht durch seinen Fachleiter an seiner Eignung für den Lehrberuf, bis ihm durch seine Schwester seine eigenen Stärken und Erfolge bewusst gemacht werden.

Inhaltsangabe mit Handlungsstationen:

  • Ausgangssituation:
    Der Lehreranwärter Mark Zwollich leidet unter starkem Stress und Schlafentzug, da er intensiv an der Vorbereitung einer Unterrichtsstunde für die Klasse 8a gearbeitet hat. Er fühlt sich von seinem kritischen Fachleiter unter Druck gesetzt und hadert mit der Entscheidung, ob er den Beruf aufgeben soll, was er humorvoll mit einer Anspielung auf Peter Bichsel verbindet.
  • Auslösendes Ereignis:
    Auf dem Weg zur Schule und im Schulalltag erhält Mark positive Bestätigung: Er wird freundlich von Schülern begrüßt, da er ihnen klargemacht hat, dass Lehrer auch Menschen sind, und der Klassensprecher Tim äußert, dass sie ihn Dr. Harkort vorziehen. Zudem bedankt sich der Fachvorsitzende Guido Bockhorst bei Mark dafür, dass er spontan ein Referat übernommen hat.
  • Zuspitzung:
    Marks Anspannung verstärkt sich, als sein Fachleiter die Besprechung der „Besuchsstunde“ und die Verkündung der Zwischennote kurzfristig verschieben muss, was die Ungewissheit verlängert. Später gerät er in einen Konflikt, da er das Wochenende für die Unterrichtsvorbereitung benötigt, aber sein Fußballteam ihn dringend für ein Spiel braucht, weil er die beste Spielübersicht hat. Er sagt schließlich zu.
  • Konsequenz / Ausgang:
    Zu Hause angekommen, schildert Mark seiner psychologiekundigen Lieblingsschwester Nadja seinen Frust. Anstatt seine Ängste zu bestätigen, notiert Nadja die positiven Aspekte seines Tages („Mag Literatur“, „Ist beliebt“, „springt ein“, „hat Plan“) und konfrontiert ihn damit, dass er sich nur auf seine Schwächen konzentriert hatte. Mark erkennt, dass er sich die Antwort auf seine Berufsfrage selbst gegeben hat, bedankt sich erleichtert und schlägt einen gemeinsamen Kinobesuch vor.

Was zeigt die Geschichte?
Die Geschichte zeigt die zentrale Erfahrung, dass Selbstzweifel und die Fixierung auf wahrgenommene Schwächen die positiven Rückmeldungen, die im Alltag durch eigenes Engagement und Erfolg gesammelt werden, überlagern können.

Was kann man mit der Geschichte anfangen?
Der Text eignet sich hervorragend als Diskussions- oder Reflexionsanlass über Themen wie Berufseinstieg, Selbstwahrnehmung vs. Fremdwahrnehmung, Stressbewältigung oder die Rolle des Referendariats. Er kann als Kontrast zu Texten dienen, die nur negative Erfahrungen im Schulalltag darstellen, da die Geschichte einen positiven Ausweg durch Perspektivwechsel bietet.

Markante Textstelle:
„Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er war den ganzen Tag auf seine angeblichen Schwächen und Ängste konzentriert gewesen und hatte gar nicht seine Stärken mitbekommen.“

Schaubild

Anmerkungen zum Schaubild:
Das Schaubild zeigt zunächst die große Spannung zwischen den Selbstzweifeln und dem großen Ziel. Die Besuchsstunde als Bestandteil der offiziellen Ausbildung ist hier nur zum Teil eine Hilfe, weil der Referendar doch ziemlich allein gelassen wird und das Ergebnis zu lange offen bleibt.
Umso wichtiger sind die Dinge, auf die die Schwester aufmerksam macht: die Liebe zur Literatur (für einen Deutschlehrer sicher sehr wichtig), ein gutes Verhältnis zu Schülern, Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung bzw. Engagement und schließlich ein Überblick, der auch Führungsqualitäten mit einschließt.
So führen also die realen Erlebnisse des Tages zum Ziel – weniger die Formalität der Ausbildung.

Der Text der Kurzgeschichte mit Aufgaben
Wir präsentieren die Kurzgeschichte zunächst als Vorschaubild, dann zum Ausdrucken als Download.

Vorschaubild

Und hier der Text für die schnelle Lektüre

Mark Zwollich

Die Entscheidung

Es war wieder einer dieser fürchterlichen Tage. Er hatte noch bis in die Nacht hinein an der Planung der Unterrichtsstunde in der 8a gesessen. Wieso musste er auch gerade diesen Fachleiter als Ausbilder bekommen, der einfach keinen Fehler übersah. Wenn man ihn dann erschrocken oder gar verzweifelt ansah, hieß es nur: „Da müssen Sie durch. Später sind Sie als Lehrer ganz auf sich allein gestellt. Also lieber jetzt leiden als später!“.

Was aber war, wenn man vielleicht doch für einen solchen Beruf nicht geschaffen war. Manchmal hatte er Lust, alles hinzuschmeißen und einfach in der Schule anzurufen und zu sagen: Er sei auf dem Weg nach Panama. Sie müssten schon ohne ihn klarkommen. Diese kleine Anspielung auf eine Kurzgeschichte von Peter Bichsel fand er witzig – er hatte nun mal viel Spaß an Literatur, konnte sich richtig in sie versenken. Musste man dann aber gleich Deutschlehrer werden? Nun – in zwei Stunden würde er es wissen. Heute sollte nach der Besuchsstunde – so wurde dieser Stresstest beschönigend ge-nannt – die Zwischennote verkündet werden.

Als er ziemlich verschwitzt und mit immer noch leicht schmerzendem Magen in der Schule ankam, war er ganz überrascht, dass einige Schüler aus der 8a ihn sogar im Vorbeigehen freundlich begrüßten. Dann hatte es wohl doch etwas bewirkt, dass er ihnen letztens mal klargemacht hatte, Lehrer seien auch Menschen und so könne man ihnen gegenüber doch auch ein bisschen nett sein. Tim, der Klassensprecher hatte dann großzügig gesagt: “Ist schon okay, sonst hören Sie nachher noch vorzeitig auf und wir haben wieder nur Dr. Harkort. Das war der eigentlich zuständige Deutschlehrer der Klasse. Glücklicherweise war er in der Stunde nicht mit dabei – und so gab es keine peinliche Situation.

Auf dem Weg ins Lehrerzimmer traf er dann noch Guido Bockhorst, den Fachvorsitzenden: “Danke noch mal, dass Sie in der letzten Fachsitzung spontan eingesprungen sind und das Referat über die neuen Leistungsstandards übernommen ha-ben.” Er selbst fand das gar nicht so großartig. So was machte er eigentlich gerne, auch wenn ihn das einen Tag bei der Vorbereitung dieser Besuchsstunde gekostet hatte.

Dann sah er auch schon seinen Fachleiter, der ihn freundlich begrüßte. In der Stunde selbst saß er dann aber wieder wie eine Statue in der letzten Reihe. Sein Prinzip war: “Ich möchte mich möglichst unsichtbar machen. Es soll ja Ihre Stunde sein.“ Ansonsten klappte alles recht gut – seine Nervosität sah man ihm glücklicherweise meistens nicht an. Dann die Enttäuschung: “Die Besprechung der Stunde müssen wir leider verschieben. Ich muss noch schnell zu einer anderen Schule.“ Die Ungewissheit und die damit verbundene Anspannung würde also noch einige Zeit anhalten.

Mittags hätte er gerne ein bisschen Nachtschlaf nachgeholt, aber erst mal wartete Tim auf ihn. Der war zwar als Klassensprecher wirklich toll – mit der Analyse von Texten tat er sich aber schwer. Also ging er das nach Schulschluss noch einmal mit ihm durch – und tatsächlich, am Ende schien er es verstanden zu haben.

Die Schule völlig vergessen konnte er dann beim abendlichen Training. Er spielte seit einiger Zeit in einem Fußballverein mit. Mit den Jungs verstand er sich echt gut. Aber heute waren sie doch etwas geschockt, als er sagte, am Samstag könne er nicht spielen. “Ich brauche das Wochenende unbedingt für die Vorbereitung der nächsten Unterrichtsreihe.” Als ihr Trainer dann aber erklärte, sie müssten gar nicht 100 km fahren, das Spiel finde auf dem eigenen Platz statt, wurde er doch schwankend. Den Ausschlag gab dann die Bemerkung von Mirko: “Jan, wir brauchen dich dringend in diesem Spiel, du bist derjenige, der die beste Spielübersicht hat. Ohne dich laufen wir doch nur die Hühner auf dem Rasen rum.” Das war natürlich deutlich übertrieben und auch nicht fair gegenüber den Hühnern, aber die Entscheidung war damit gefallen. Er sagte zu.

Als er nach Hause kam, hatten ihn die Schulprobleme wieder eingeholt. Glücklicherweise war seine Lieblingsschwester Nadja gekommen. Sie studierte nicht nur Psychologie, sondern beeindruckte ihn auch immer mit ihrer Gelassenheit und ihrem schnellen Durchblick.

Als er den ersten Frust losgeworden war, sagte sie zunächst mal gar nichts, dann nahm sie einen Zettel und sagte: “Erzähl mal genau, wie heute dein Tag abgelaufen ist.” Als er damit fertig war, drehte sie das Blatt einfach um und malte auf die Rückseite ein großes Ausrufezeichen.

Als er fragte, was das denn sollte, meinte sie nur: “Du hast dir die Antwort, ob du Lehrer werden solltest, selbst gegeben!” Als er sie fragend anblickte, drehte sie das Blatt wieder um, bat ihn um einen Textmarker und strich einige Stellen an.

Erst jetzt merkte er, dass sie gar nicht das notiert hatte, was er ihr erzählt hatte, sondern dort standen Wörter wie: “Mag Literatur“, Ist beliebt”, “springt ein”, „hat Plan“ und so weiter.

Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er war den ganzen Tag auf seine angeblichen Schwächen und Ängste konzentriert gewesen und hatte gar nicht seine Stärken mitbekommen. Er guckte seiner Schwester in die Augen, sagte nur “Danke”, nahm den Zettel an sich und schlug vor, dass sie jetzt noch gemeinsam in die Stadt fahren sollten, um sich irgendeinen schönen Film im Kino anzugucken.

 

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