Mdl-Abi-De: Vom Pyramidenzitat Goethes als Miniklausur zum 1. Teil des Prüfungsgesprächs

1. Die Ausgangslage: Ein Brückenschlag zwischen Klassik und Moderne

In der mündlichen Abiturprüfung im Fach Deutsch ist die Vernetzung von Wissen die Königsdisziplin. In diesem Praxisbeispiel zeigen wir, wie ein berühmtes Zitat von Johann Wolfgang von Goethe zur perfekten Steilvorlage für die Analyse von Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ wird.

Wir begleiten dabei die fiktiven Prüflinge Lina und Samir in einer Beratungssitzung bei Prof. Freistein, um die Kombination aus Mini-Klausur (Teil 1) und Prüfungsgespräch (Teil 2) durchzuspielen.

2. Das Fundament: Goethes „Pyramide des Daseyns“ (1780)

 

Das Zitat Goethes zur „Pyramide seines Daseins“ stammt aus einem Brief an seinen Freund Johann Caspar Lavater, den er um den 20. September 1780 verfasste,.

Das genaue Zitat

Goethe schreibt in diesem Brief:

„Diese Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Lufft zu spizzen, überwiegt alles andre und lässt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksaal in der Mitte, und der Babilonische Thurn bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen es war kühn entworfen und wenn ich lebe, sollen wills Gott die Kräffte bis hinauf reichen.“,,

Quelle: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, IV. Abteilung, Bd. 5, S. 1-29.

Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004860381

3. Auswertung des Zitats

  • Organisches Wachstum: Goethe sieht sein Leben nicht als Chaos, sondern als Bauwerk mit einer „gegründeten Basis“ (seine Anlagen, seine Herkunft).
  • Selbstbildung vs. Schicksal: Der Drang, die Pyramide zu „spizzen“, zeigt den titanischen Ehrgeiz des Sturm und Drang, während die Sorge vor dem Schicksal bereits die Reife der Klassik ankündigt.
  • Der Babylonische Turm: Ein Bild für die Gefahr des Scheiterns an der eigenen Unendlichkeit.

4. Die Überleitung: Vom Individuum zur Weltgeschichte

Im Prüfungsgespräch bietet das Zitat eine ideale Brücke zum Roman „Heimsuchung“. Während Goethe die aktive Gestaltung des eigenen Daseins betont, zeigt Erpenbeck, wie das „Schicksal“ – hier in Form der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts – die Lebensentwürfe der Menschen radikal bricht.

Thematische Verknüpfungspunkte:

  • Heimsuchung als Schicksalsschlag: Was bei Goethe eine Vorahnung ist, wird bei Erpenbeck zur grausamen Realität (Flucht, Vertreibung, Enteignung).
  • Die Figur des Gärtners: Er ist das personifizierte „Gegengewicht“. Wie Goethes Pyramide folgt er einer zeitlosen, naturgegebenen Ordnung, die scheinbar außerhalb der historischen Wirren steht.

5. Der „Geniale Schachzug“ für das Prüfungsgespräch

Wer im zweiten Teil der Prüfung glänzen will, nutzt das Thema Natur. Bei Goethe ist die Natur der „Dienstherr“, der die Basis liefert. Bei Erpenbeck agiert der Gärtner fast magisch im Einklang mit der Natur am märkischen Meer.

Profi-Tipp für Lina und Samir: Ein Rückbezug am Ende des Gesprächs auf das „Göttliche in der Natur“ (Spinoza/Goethe) zeigt der Lehrkraft, dass der Prüfling nicht nur reproduziert, sondern philosophische Tiefenstrukturen verstanden hat. Das sichert die Bestnote, da es Souveränität über beide Prüfungsteile hinweg beweist.

6. Fazit: Das „Blumen-Prinzip“

Egal wie massiv die „Bretterwand“ der Prüfungsordnung oder des historischen Schicksals scheint – wer wie die kleine Blume im Video-Cover die Lücken im System nutzt (durch kluge Vorbereitung und Vernetzung), findet seinen Weg zum Erfolg.


Hinweis: Dieses Material dient als Vorbereitung für das mündliche Abitur 2026. Eine detaillierte schrittweise Anleitung zur Anwendung der „3-Blatt-Strategie“ auf dieses Beispiel findest du im begleitenden Video.