Meliora van Spes, Philosophie für mich? – Kurzgeschichte zur entscheidenden Frage des Lebens (Mat1062-pfm)

Kann eine Kurzgeschichte das Leben verändern?

Wir zeigen, wie es gehen kann.

Zunächst hier als Vorschau

Dann als Druckvorlage

Mat1062-pfm Meliora van Spes, Philosophie für mich

Und hier der Text

Meliora van Spes

Philosophie für mich?

 

Nach der sechsten Stunde gingen sie nebeneinander her Richtung Stadt.

Es war einer dieser Tage, an denen man eigentlich nur noch nach Hause wollte.

Mia blieb plötzlich stehen.

„Was war das denn eben?“

Anna sah sie an. „Wie meinst du?“

„Na, die Stunde. Philosophie.“

Anna zuckte mit den Schultern. „War doch ganz interessant.“

Mia drehte sich zu ihr. „Interessant? Das war unglaublich.“

„Jetzt übertreib nicht.“

„Nein, wirklich“, sagte Mia. „Normalerweise ist die sechste doch eine Katastrophe. Alle sind durch, die Lehrer auch. Dann heißt es: Buch raus, Seite soundsoviel, lesen, abhaken. Und heute?“

Anna dachte kurz nach. „Er hat das Buch gar nicht benutzt.“

„Eben!“, sagte Mia. „Und trotzdem haben alle zugehört.“

Sie gingen weiter. Vor ihnen lag die Eisdiele.

„Vielleicht, weil er gut erzählt hat“, meinte Anna. „Mehr war das doch nicht.“

Mia schüttelte den Kopf. „Nein. Es war mehr. Er hat uns dazu gebracht, über unser Leben nachzudenken.“

Anna blieb stehen. „Jetzt wird’s aber groß.“

„Ich mein das ernst“, sagte Mia. „Er hat gesagt, wir leben in einer Welt, in der so vieles einfach festgelegt ist. Dinge, über die wir gar nicht mehr nachdenken. Und Philosophie heißt nicht, Antworten zu lernen. Sondern mal kurz einen anderen Blick zu wagen.“

„Einen anderen Blick worauf?“, fragte Anna.

„Auf uns“, sagte Mia. „Auf das, was wir tun. Und warum.“

Sie setzten sich an einen Tisch draußen. Anna bestellte Eis.

„Und was soll ich jetzt anders machen?“, fragte sie. „Statt hier zu sitzen und Eis zu essen?“

Mia lachte. „Nein, darum geht’s doch gar nicht. Er meinte ja nicht, man soll plötzlich alles ändern.“

„Sondern?“

„Nur kurz anhalten“, sagte Mia. „Wie ein inneres Stoppzeichen. Und sich fragen: Was mache ich gerade? Passt das zu dem, was ich eigentlich will?“

Anna verzog das Gesicht. „Und woher soll ich wissen, was ich will?“

„Genau das“, sagte Mia. „Das ist die Frage.“

Sie schwieg einen Moment, dann fuhr sie fort: „Er hat auch von Goethe erzählt. Dass man man sein Leben als Pyramide sehen kann. Man damit einen Zielpunkt – und an dem arbeitet man, so weit man eben kommt. Nicht perfekt. Aber ehrlich.“

Anna schob ihren Becher hin und her. „Und morgen? Kommst du dann völlig übermüdet in die Schule, weil du die ganze Nacht über dein Leben nachgedacht hast?“

Mia grinste. „Nein. Vielleicht nur ein paar Sekunden am Tag. Mehr nicht.“

„Klingt anstrengend.“

„Vielleicht“, sagte Mia. „Aber auch irgendwie … fair. Sich selbst gegenüber.“

Anna sah sie an. „Gut. Ich denk heute drüber nach. Aber nur unter einer Bedingung.“

„Welche?“

„Du schickst mir heute Abend, was bei dir dabei rausgekommen ist. Sonst mach ich da nicht mit.“

Mia nickte.

Sie hatte das Gefühl, mehr würde sie heute nicht erreichen.

Aber sie war nicht mehr allein mit dem Gedanken.

Sie standen auf und gingen ein Stück gemeinsam Richtung Bushaltestelle.

Dann blieben sie stehen.

Mia sah Anna an. Ihre Augen leuchteten.

„Du“, sagte sie, „ist dir eigentlich aufgefallen …?“

„Was denn?“

„Ich glaube, wir haben gerade die erste Stufe dieser Pyramide genommen.“

Anna runzelte kurz die Stirn, überlegte.

Dann lächelte sie.

„Kann sein“, sagte sie. „Das seh ich, wenn du mir später eine entsprechende Nachricht schickst.“

Sie verabschiedeten sich.

Und während Anna weiterging, wusste Mia:

Die Idee war da.

Aber ob sie trug, würde sich erst zeigen.

aus: Durchblicke bis auf Widerruf – Online-Zeitschrift für Schule und Studium – 12/2025