
- Hier zunächst eine kurze Übersicht.
— - Das Besondere bei uns: wir versuchen, bei den Texten immer deutlich zu machen:
—- wie man sie schnell versteht
- Und was man mit ihnen anfangen kann.
- Diesmal außerdem: die Idee für ein Schaubild, das man selbst gestalten kann.
Alles auf einen Blick
- Spannend: Was macht ein älterer Mann, der sich heimlich Sorgen um seine Gesundheit macht – aber mit seiner Frau einfach nicht darüber reden kann?
— - Die Idee der Kurzgeschichte: An einem verregneten Samstag schlägt Gus seiner Frau Ella plötzlich vor, „tanzen zu gehen“ – und am Ende tanzen die beiden im eigenen Wohnzimmer.
— - Anfang: Gus betrachtet im Badezimmer eine frische Narbe auf der Brust – und tarnt das sogar mit der Klospülung, damit Ella nichts merkt.
- Ella liest währenddessen die Anzeigen in der Zeitung und achtet bei den Todesanzeigen vor allem darauf, wie alt die Menschen geworden sind.
- Ein altes Foto zeigt Gus als jungen Mann, und Ella liest eine Anzeige über eine Frau vor, die mit 57 gestorben ist – das scheint den Anstoß zu geben.
- Nach einem holprigen Start tanzen beide ohne Musik einen Walzer – mit Lachen, Schweißperlen und einem Kuss.
— - „Ella?!“ – in diesem Moment will Gus endlich etwas Wichtiges sagen, aber plötzlich weiß er nicht mehr, was.
— - Ende: Ella kocht, Gus steht wieder vor dem Spiegel – fast genau wie am Anfang.
— - Was zeigt die Geschichte: Wo Worte fehlen, kann eine gemeinsame Geste trotzdem Nähe schaffen – auch wenn sie den Alltag nicht dauerhaft verändert.
— - Diskussionsfrage: Was hätte Gus seiner Frau wohl gerne gesagt – und wäre es besser gewesen, er hätte es ausgesprochen?
Nun zu den Details:
Vorgestellt wird eine Kurzgeschichte, die ganz leise daherkommt: Ein älteres Ehepaar verbringt einen verregneten Samstag zu Hause. Aber unter der Oberfläche geht es um große Fragen – um das Älterwerden, um Krankheit und Vergänglichkeit und darum, wie schwer es manchmal ist, gerade mit dem vertrautesten Menschen über das Wichtigste zu sprechen.
Zu finden ist die Geschichte u. a. hier: Die Kurzgeschichte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, erarbeitet von Bettina Greese, hrsg. von Johannes Diekhans = EinFach Deutsch. Unterrichtsmodell, Bildungshaus Schulbuchverlage, Braunschweig/Paderborn 2007.
Die Erzählschritte im Überblick
Wir untersuchen die Geschichte abschnittsweise. Am Anfang jedes Abschnitts steht zum Vergleich mit der eigenen Textausgabe das Beginn-Zitat, danach die Erläuterungen.
Die Geschichte läuft auf zwei Ebenen ab: außen ein ganz normaler Samstag mit Zeitunglesen und Kochen, innen die Sorgen und unausgesprochenen Gedanken von Gus. Genau dieses Nebeneinander lohnt es sich, beim Lesen mitzuverfolgen.
- „Er steht im Badezimmer vor dem Spiegel“
- Direkter Einstieg: Ein Mann betrachtet eine frische Narbe zwischen Schlüsselbein und Brustwarze.
- Dass sie „in ein paar Monaten“ kaum noch zu sehen sein wird, zeigt: Er hatte vor Kurzem einen Eingriff. Die Stelle lässt an eine Herz-Operation denken – ausdrücklich gesagt wird das aber nicht.
- Er erinnert sich an ältere Narben – sein Körper ist „voll von Narben“. Das Leben hat also schon viele Spuren hinterlassen.
- Auffällig: Er betätigt die Klospülung, ohne die Toilette benutzt zu haben – nur damit seine Frau keinen Verdacht schöpft. Seine Sorgen versteckt er also vor ihr.
- „Er weiß an diesem Samstag wenig mit sich anzufangen“
- Gartenarbeit fällt wegen des Nieselregens aus, für die Steuererklärung fehlt die Konzentration.
- Gus ist „mit den Gedanken irgendwie gerade woanders“ – und landet im Wohnzimmer bei seiner Frau.
- „Ob er wieder vor dem Spiegel gestanden habe?“
- Diese Frage erwartet Gus von Ella – das kleine Wort „wieder“ zeigt, dass er das öfter tut. Aber Ella reicht ihm nur den Sportteil.
- Sie selbst studiert die Anzeigen: Hochzeiten, Geburten, Todesfälle – eigentlich der ganze Lebenslauf eines Menschen in drei Rubriken.
- Gus versteht nicht, was sie daran findet. Er setzt sich zu ihr, liest aber nicht, sondern beobachtet sie.
- „Gus räuspert sich.“
- Endlich fragt er, warum sie sich das immer anschaut. Ella schaut vor allem, wie alt die Leute geworden sind und ob man jemanden gekannt hat.
- Als sie zurückfragt, warum er das wissen will, weicht Gus aus: „Schon gut, nicht so wichtig“.
- Auch der nächste Satz über den Garten bleibt unvollendet – typisch für dieses Gespräch, in dem das Eigentliche nie ausgesprochen wird.
- „Gus erhebt sich vom Sessel.“
- Im Regal entdeckt er ein Foto, das ihn mit knapp dreißig Jahren zeigt.
- Er versucht, sein Spiegelbild im Glas des Rahmens mit dem jungen Gesicht auf dem Foto zur Deckung zu bringen – ein Vergleich zwischen damals und heute, der nicht mehr aufgeht.
- Gleichzeitig liest Ella eine Todesanzeige vor: eine Frau, die mit 57 bei einem Unfall gestorben ist, nach „27 wunderbaren Ehejahren“. Ella findet den Text schön.
- „Lass uns tanzen gehen.“
- Genau jetzt kommt Gus mit seinem überraschenden Vorschlag – man kann ihn als Antwort auf das Gefühl verstehen, dass das Leben schnell vorbei sein kann.
- Dabei wirkt er unsicher: Hände in den Hosentaschen, Blick auf den Teppich. In Ellas Augen meint er Traurigkeit oder Mitleid zu sehen.
- Ellas praktische Rückfrage – „Vor oder nach dem Essen?“ – versteht er als Abfuhr und zieht sich schroff zurück: „Ach, vergiss es“.
- Ella lenkt ein: „Aber die Idee ist schön, Gus.“ Gus nennt sie trotzdem „albern“.
- „Du könntest Musik auflegen“
- Gus haucht gegen die Fensterscheibe und sieht zu, wie der Fleck wieder verschwindet – ein kleines Bild dafür, wie schnell etwas vergeht.
- Ella macht einen neuen Anfang möglich. Gus antwortet erst mit einem Witz („Kartoffelschälmusik?“), versteht sie aber genau.
- Dann gibt er sich einen Ruck: „Komm her.“
- „So stehen sie da, in Tanzhaltung“
- Die beiden tanzen Walzer – ohne Musik und ohne ein Wort.
- Als sie die Stehlampe streifen, kippelt die bedenklich, fällt aber nicht um – und beide lachen.
- Außer Atem, mit Schweißperlen und Herzklopfen, küsst Gus seine Frau auf die Stirn, sie streichelt seine Wange.
- „Gus hat in diesem Moment das Gefühl“
- Jetzt will Gus etwas Wichtiges loswerden und setzt an: „Ella?!“
- Doch die Worte sind plötzlich weg – statt zu reden, küsst er sie noch einmal, diesmal auf die Lippen.
- Erst als Ella längst in der Küche ist, fällt ihm ein, was er hätte sagen wollen – „nichts Großartiges“. Jetzt ist es zu spät.
- „Er steht im Flur vor dem Garderobenspiegel“
- Aus der Küche hört er den Wasserhahn – der Alltag hat wieder begonnen.
- Gus berührt die Stelle mit der Narbe und schaut sich im Spiegel in die Augen.
- Der letzte Satz über seine Pupillen wiederholt fast wörtlich eine Stelle vom Anfang: Die Geschichte endet dort, wo sie begonnen hat.
Aussagen der Geschichte
Die Geschichte zeigt:
- wie Älterwerden und Krankheit einem Menschen die eigene Vergänglichkeit bewusst machen – und wie einsam man damit sein kann, wenn man nicht darüber spricht,
- dass man selbst nach vielen Ehejahren sprachlos nebeneinander leben kann: Das Wichtigste wird angedeutet, aber nicht ausgesprochen,
- dass beide auf ihre Weise mit dem Thema Vergänglichkeit beschäftigt sind – Ella mit den Anzeigen, Gus mit Narbe, Spiegel und Foto,
- dass ein spontaner Moment ohne Worte – hier der Tanz – Nähe, Lebendigkeit und Liebe zurückbringen kann; möglich wird er vor allem, weil Ella aufmerksamer ist, als Gus glaubt, und ihm den Weg dahin öffnet,
- dass solche Momente den Alltag zwar nicht grundlegend verändern, aber trotzdem wertvoll sind: Die beiden haben zumindest kurzzeitig gemeinsam etwas Schönes erlebt.
Sprachliche Mittel
Am besten versteht man die sprachlichen Mittel, wenn man sie direkt den Aussagen zuordnet, zu denen sie gehören – dann zeigt sich, was sie eigentlich bewirken.
- Dingsymbole Narbe, Spiegel und Foto (zu Aussage 1 und 3): Die Narbe steht für die Verletzlichkeit des Körpers, Spiegel und Jugendfoto für den Vergleich zwischen dem, was man war, und dem, was man ist.
- Der verschwindende Hauchfleck an der Fensterscheibe (zu Aussage 1): ein unauffälliges, aber starkes Bild für Vergänglichkeit – etwas ist kurz da und löst sich gleich wieder auf.
- Kurze Sätze, abgebrochene Sätze und Pausen im Dialog (zu Aussage 2): Sätze wie der über den Garten bleiben unvollendet, Fragen werden mit „Schon gut“ abgewürgt. So wird die Sprachlosigkeit direkt hörbar.
- Erzählperspektive (zu Aussage 2): Erzählt wird in der Er-Form ganz nah an Gus. Wir kennen seine Gedanken, aber nicht die von Ella – genau wie Gus selbst nur raten kann, was in ihr vorgeht („Traurigkeit oder vielleicht auch Mitleid“).
- Die kippelnde Stehlampe (zu Aussage 4): Sie wackelt bedenklich, fällt aber nicht. Man kann das als Bild für die beiden sehen – manches ist wackelig geworden, aber es hält.
- Wiederholung am Anfang und am Ende (zu Aussage 5): Der Satz über die Pupillen, die sich weiten und wieder zusammenziehen, steht zweimal. Die Geschichte schließt sich wie ein Kreis – der Alltag geht weiter.
Thema der Geschichte
Das Thema kann man am besten als eine Frage formulieren, die den Aussagen der Geschichte zugrunde liegt. Die Aussagen sind nämlich eigentlich Antworten auf eine Frage, die im Text selbst nicht direkt ausgesprochen wird.
- Man könnte das Thema zum Beispiel so formulieren: Die Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, wie ein älteres Ehepaar mit Alter und Vergänglichkeit umgeht.
- Genauer ist aber: Die Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, was zwei Menschen tun können, wenn sie die Angst vor der Vergänglichkeit spüren, aber nicht darüber sprechen können.
- Der Unterschied: Die zweite Formulierung nimmt die Sprachlosigkeit mit auf – und die Antwort der Geschichte ist ja gerade kein Gespräch, sondern ein Tanz.
Ein Schaubild zur Geschichte – zum Selbstgestalten
Ursprünglich gab es an dieser Stelle ein Schaubild zur Geschichte. Das ist bei einer Umstellung unserer Website leider verloren gegangen. Die Beschreibung dazu ist aber noch da – und so kann man sie als Anregung verstehen, selbst ein Schaubild zu zeichnen. Das hat sogar einen Vorteil: Wer die Geschichte selbst in ein Bild übersetzt, versteht sie meistens besser als jemand, der nur ein fertiges Schaubild anschaut. Eine Hilfe für den Aufbau: Die Geschichte spielt an drei Orten – Badezimmer, Wohnzimmer, Flur. Die können die Grundstruktur des Schaubilds bilden.
- Links sieht man die Ausgangssituation des Ehepaars: Der Mann steht vor dem Spiegel und betrachtet skeptisch, vielleicht auch ängstlich eine Narbe, die wohl Herzprobleme andeuten soll.
- Ella, die Ehefrau, interessiert sich vor allem für Todesanzeigen und die Frage, wie alt die Menschen geworden sind.
- Ihre heimliche Sehnsucht wird deutlich an ihrer Bewunderung für „Arbeit, Freude und Erfüllung in 27 wunderbaren Ehejahren“.
- Gus, ihr Mann, ist noch mehr mit der Diskrepanz zwischen einem alten Jugendbild und seinem jetzigen Zustand beschäftigt.
- Beide schaffen zwar kein offenes Gespräch über ihre Gefühle, wohl aber gelingt ihnen ein spontaner gemeinsamer Tanz im Wohnzimmer, der ihnen zwar die Schweißperlen ins Gesicht treibt, aber auch in einem Kuss als Ausdruck von Liebe endet.
- Am Ende ist Gus zwar wieder vor dem Spiegel, während Ella sich mit Koch-Vorbereitungen beschäftigt, aber man kann doch wohl davon ausgehen, dass sie zumindest kurzzeitig gemeinsam etwas Schönes erlebt haben. Darum waren im ursprünglichen Schaubild die beiden Elemente rechts etwas höher angeordnet.
- Offen bleibt die Frage, was Gus seiner Frau gerne gesagt hätte. Man könnte überlegen, ob und wie auch so etwas in deinem Schaubild untergebracht werden könnte.
Kreative Anregung
- Innerer Monolog: Man kann aufschreiben, was Gus in dem Moment durch den Kopf geht, als er „Ella?!“ sagt – oder später im Flur, als ihm die Worte wieder einfallen. Die Geschichte verrät ja nur, dass es „nichts Großartiges“ war.
- Perspektivwechsel: Interessant ist auch die Sicht von Ella. Was denkt sie, als Gus plötzlich tanzen gehen will – und warum fragt sie „Vor oder nach dem Essen?“? Ahnt sie vielleicht mehr von seinen Sorgen, als er glaubt?
Kurzgeschichten-Eigenschaften
- Direkter Einstieg: „Er steht im Badezimmer …“ – wer „er“ ist, erfahren wir erst später.
- Ausschnitt aus dem Alltag: ein ganz gewöhnlicher Samstag in einer Wohnung, erzählt an nur drei Orten – Badezimmer, Wohnzimmer, Flur. Anfang und Ende spielen jeweils vor einem Spiegel.
- Alltagssprache in kurzen Sätzen und knappen Dialogen.
- Ein Wendepunkt ist da – der Tanz durchbricht das Schweigen. Er hat aber nur begrenzte Wirkung: Am Ende sind beide wieder in ihren gewohnten Rollen.
- Offener Schluss: Wir erfahren nicht, was Gus sagen wollte, und auch nicht, ob er es Ella später noch sagt. Man kann sogar darüber streiten, ob Gus am Ende genauso dasteht wie am Anfang – oder ob der Tanz doch etwas in ihm verändert hat.
Vergleichsmöglichkeit
- Pea Fröhlich, „Der Busfahrer“ – auch hier durchbricht eine überraschende, spontane Aktion das Schweigen zwischen Menschen.
- Kai Fischer, „Erinnerungsangebote“ – ebenfalls eine Geschichte, in der äußerer Alltag und innere Gedanken an eine Beziehung nebeneinander herlaufen.
Wer noch tiefer einsteigen möchte – etwa mit Hintergrundwissen zum Autor und zum Text, weiteren Deutungsansätzen und Ideen für den Unterricht –, findet das auf der vertiefenden Insider-Tipps-Seite zu „Tanzen gehen“.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Kurzgeschichte interpretieren – die entscheidende Hilfe
Für alle, die endlich verstehen und sich leicht einprägen möchten, wie man eine Kurzgeschichte interpretiert. - Kurzgeschichten – alphabetisch nach Autoren geordnet
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