Profi Freistein fragt nach: Wie sehr muss/sollte man als Mensch „funktionieren“? (Mat5033-wsf)

Wir werten hier ein Video aus für die Schule, das auf YouTube hier zu finden ist.
https://youtu.be/5gqInEYlL5Y?is=t4G3Kc-X90Q_IoYU

Zum Video

  • Das Video stammt vom YouTube-Kanal Wahre Worte und trägt den Titel „Du funktionierst dein Leben lang – aber wofür? | Max Horkheimer“ [01:10].
  • Es befasst sich intensiv mit der Gesellschaftskritik des deutschen Philosophen Max Horkheimer, dem Mitbegründer der Frankfurter Schule, und der Aktualität seiner Gedanken für die heutige Zeit.

1. Die zentrale Sinnfrage

  • Das Video stellt die grundlegende Frage: „Wofür das alles?“ – nicht im Sinne von kurzfristigen Zielen (Arbeit, Sparen), sondern bezogen auf den tieferen Zweck des modernen Lebens aus ununterbrochener Aktivität, Produktion und Konsum [00:37].
  • Eine Gesellschaft, die diese Frage nicht mehr beantworten kann, verliert laut Horkheimer ihren inneren Kompass. Übrig bleiben nur noch rein funktionale Maßstäbe wie Effizienz, Nützlichkeit und Geld [01:41].
  • MIA: Kommentar:
    Hier taucht die Frage auf, welche gesellschaftlichen Ebenen sich diesen Zwängen entziehen können und welche nicht.
    Wer nicht mehr bereit ist, sich weiteren Herausforderungen zu stellen, macht sich damit möglicherweise auch angreifbar.
    Er wird dann ersetzt durch andere, die noch bereit sind, mehr von sich zu opfern.
    Man denke etwa an einen erfolgreichen Autor: der Verlag will weiteren Erfolg und damit auch einen neuen Roman. Daraus ergibt sich eine Zwickmühle, bei dem der große Rahmen über das persönliche Glück verfügt.
    Je weiter unten man beruflich steht, desto weniger Ansprüche werden an einen gestellt. Aber das bedeutet natürlich Einkommens- und Ansehensverlust.

2. Zwei Arten der Vernunft nach Horkheimer

  • Horkheimer unterscheidet zwischen zwei historischen Formen des menschlichen Denkens [03:53]:
    • Objektive Vernunft: Diese Form fragt zuerst, ob ein Ziel überhaupt gut, richtig und sinnvoll im größeren menschlichen Miteinander ist [04:12]. Sie setzt Ziele nicht voraus, sondern beurteilt sie (wie in der Philosophie der Antike oder der klassischen Aufklärung) [04:32].
    • Mia:
      Hier sollte man vielleicht lieber von menschlicher Vernunft sprechen – oder von organischer Vernunft oder auch von lebendiger Vernunft
    • Instrumentelle Vernunft: Sie stellt die Frage nach dem „Wozu“ nicht mehr, sondern fragt nur noch nach dem „Wie“ [05:20]. Sie nimmt die vorgegebenen Ziele von Wirtschaft oder Politik einfach an und arbeitet rein technisch daran, diese möglichst effizient zu erreichen [05:31]. Sie ist wertneutral und wird dadurch als reines Werkzeug gefährlich, weil sie die Produktion von Medikamenten genauso optimieren kann wie die von Waffen [05:50].

3. Der Alltag der „Verdinglichung“

  • Über Jahrhunderte hinweg hat sich in der westlichen Gesellschaft ein Übergang zur totalen instrumentellen Vernunft vollzogen [06:38].
  • Dies führt zur Verdinglichung (ein Begriff von Georg Lukács): Beziehungen, Arbeit und der Mensch selbst werden wie Dinge mit einem Marktwert behandelt [07:32].
  • Im Alltag zeigt sich dies darin, dass Arbeit nicht mehr nach Sinn oder Würde bewertet wird, sondern nach Ertrag; Entscheidungen werden danach gefällt, ob sie sich rentieren [08:01]. Das Denken in Alternativen (was ist richtig oder wertvoll?) gilt in diesem System oft als naiv oder weltfremd [08:48]. Es ist der Triumph der Mittel über die Zwecke [09:16].
  • Mia:
    In diesem Zusammenhang ist sicherlich auch die (frühere?) Geringschätzung der Arbeit als Hausfrau und Mutter oder moderner auch: als Hausmann und Vater zu sehen.

4. Die Folgen für das Individuum

  • Wenn die Fähigkeit zur Reflexion gesellschaftlich nicht mehr gebraucht wird, verkümmert sie und wird ins Private abgedrängt [10:33].
  • Das Resultat ist ein Mensch, der ununterbrochen funktioniert, viel weiß, aber wenig versteht und eine tiefe, oft schwer benennbare Unzufriedenheit in sich trägt [11:22].
  • Zudem richtet sich die instrumentelle Vernunft auch nach innen: Der Mensch unterdrückt Gefühle, Impulse und Bedürfnisse, die nicht nützlich oder produktivitätssteigernd sind, und entfremdet sich vollständig von sich selbst [12:42].
  • MIA:
    Hier taucht natürlich die Frage auf, ob das hier nicht zu pauschal gesehen wird.
    Das müsste im Einzelfall überprüft werden.
    Interessant auch der Vergleich mit früheren Zeiten, wo die einfachen Menschen möglicherweise aus anderen Gründen kaum zum Ausbau ihrer Fähigkeit zur Reflexion kamen.

5. Horkheimers Lösungsansatz: Die Kritische Theorie

  • Horkheimer fordert keine romantische Rückkehr in die Natur oder die Abschaffung des technischen Fortschritts [15:03]. Das Problem ist nicht die Technik selbst, sondern ihre Totalität – dass sie alle Lebensbereiche beherrscht [15:44].
  • Er fordert die Begrenzung der instrumentellen Vernunft und die Schaffung von Räumen für das Urteilsvermögen – die Fähigkeit zu hinterfragen, ob etwas getan werden sollte, nicht nur wie [16:12].
  • MIA:
    Hier fragt man sich natürlich, wie das praktisch umgesetzt werden soll.
    Zu dem Zweck müsste man natürlich die Entwicklung in den späten 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts sorgfältig anschauen.
    Da sind ja viele den Gedanken Horkheimers gefolgt. Sie waren dann auch zum Teil erfolgreich beim sogenannten Marsch durch die Institutionen.
    Und dann taucht die Frage auf: Was bleibt von Horkheimers Gedanken am Ende lebendig. Oder setzt sich dann doch auch bei diesen Menschen die instrumentelle Vernunft durch?

6. Persönliche Praxis des Widerstands

  • Als Einzelner kann man dieser Logik durch konkrete Gewohnheiten entgegentreten [18:03]:
  • Ziele hinterfragen: Prüfen, ob die eigenen Ziele wirklich inneren Wünschen entsprechen oder nur vom System übernommen wurden [18:11].
  • Mittel und Zwecke trennen: Erkennen, wo man Mittel (wie Geld oder Anerkennung) fälschlicherweise zu Lebenszwecken erhoben hat [18:41].
  • Innehalten: Bewusste Entschleunigung als aktiven Widerstand nutzen. Nur wer innehält, kann die Sinnfrage überhaupt erst stellen [19:07].
  • Das Video schließt mit dem Gedanken, dass die Frage „Wofür das alles?“ kein Zeichen von Naivität ist, sondern die einzige Frage, die für eine gelebte menschliche Freiheit wirklich zählt [22:00].
  • MIA:
    Das ist hier sicherlich der wertvollste Teil des Videos.
    Aber man muss natürlich auch berücksichtigen, dass jeder Mensch sich in einem ganz bestimmten Kontext bewegt. So ist zum Beispiel die Frage zu stellen, ob gegebenenfalls der Ehepartner oder die Kinder bereit sind, auf Geld und Anerkennung zu verzichten. Sie sind ja mit betroffen von entsprechenden Änderungen.

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