Roman „Heimsuchung“: Ausführliche Vorstellung von speziellen Elementen der Erzähltechnik (Mat8630-erz2)

Auf der Seite
https://schnell-durchblicken.de/die-erzaehltechnik-in-dem-roman-heimsuchung-von-jenny-erpenbeck
Haben wir die wichtigsten grundsätzlichen Anmerkungen zur Erzähltechnik zusammengestellt.
Um die Seite nicht zu lang werden zu lassen, haben wir die folgenden Themen hier ausgelagert.

Zwischen verstecktem Erzählerkommentar und „erlebter Rede“

Am besten schaut man sich den Anfang des 11. Kapitels an (EB68ff) mit der Überschrift: „Das Mädchen“.

Wir haben das Folgende aus unserer kurzen Kapitelübersicht herausgelöst, weil es dort zu umfangreich wurde für eine Video-Darstellung:
https://schnell-durchblicken.de/quick-guide-roman-heimsuchung-kapitel-das-maedchen

  • Typisch für den Erzählstil des Romans erfährt man auch hier wieder nicht, um was es eigentlich geht. Zwar wird kurz eingestreut, dass es sich um „Doris Tochter von Ernst und Elisabeth zwölf Jahre alt geboren in Duben“ handelt.
  • Aber man fragt sich natürlich, wer sagt das eigentlich. Das Mädchen wird es wohl kaum denken, denn für sie ist das selbstverständlich.
  • Unsere Hypothese: Die Autorin präsentiert eigentlich die Gedanken, und Gefühle, die sie hat, wenn sie sich in eine geschichtliche Situation hineindenkt.
  • Das Problem dabei ist nur, dass es dabei eine Kombination gibt von Figurenperspektive und Erzählerperspektive. Im Einzelnen hat man nicht immer den Eindruck, dass das Gedanken eines 12jährigen Mädchens sind. Darauf wäre zumindest zu achten.
  • Im Mittelpunkt des Einstiegs in das Kapitel steht die Situation in einem Versteck. Später erfährt man, dass es sich um eine Jüdin handelt, deren Verwandte schon abtransportiert worden sind Richtung Polen – und wir ahnen, es geht in eins der Konzentrationslage.
  • Typisch für die besondere Perspektive, die im Roman immer wieder eingenommen wird, ist zum Beispiel die folgende Passage ziemlich am Anfang (EB68). In Kursivschrift der Originaltext – dazwischen unser Kommentar.

Anregung

      • Anregung: Man könnte mal überlegen, wie die wirklichen Gefühle eines Mädchens sind, das sich in dieser oder einer ähnlichen Situation befindet.
      • Vielleicht wäre die „erlebte Rede“ eine günstigere Erzählform gewesen – denn da ist der Erzähler im Tempus und in der Perspektive sichtbar – aber er bemüht sich um Originalgedanken der Figur.
      • Das könnte etwa so aussehen:
        „Irgendwann reichte es ihr, immer nur anzustoßen und Enge zu spüren. Also beschloss sie, den Ausweg zu nutzen, der ihr immer in schwierigen Situationen des Nicht-handeln-Könnens geblieben war. Sie dachte nach.
      • Ob ihre Mutter wohl schon in Polen angekommen war. Vielleicht stimmte es ja, was man gehört hatte, dass die Juden dort zu Bauarbeiten eingesetzt wurden – vielleicht auch in Munitionsfabriken.
      • An die andere Möglichkeit wollte sie gar nicht denken.“
        usw.
        Man merkt deutlich, dass man die Gedanken hier durchaus auch in der Ich-Perspektive also als inneren Monolog präsentieren könnte. Man beginnt in der erlebten Rede als Überleitung und macht dann im inneren Monolog weiter.
        “ Ob ihre Mutter wohl schon in Polen angekommen war? Vielleicht stimmt es ja, was man gehört hatte, dass die Juden dort zu Bauarbeiten eingesetzt wurden – vielleicht auch in Munitionsfabriken. An die andere Möglichkeit will ich gar nicht denken.“

Parallelmontage

  • EB75/76: Das ist natürlich ein sehr gutes literarisches Mittel, hier zwei Vorgänge parallel darzustellen, die auf eine entsetzliche Art und Weise gegensätzlich sind.
  • Während die Verfolgten versuchen, noch etwas für sich zu bekommen (Geld, Buchlektüre), wird alles das, was sie für die Ausreise zusammengestellt hatten, von den Vertretern des Nazi-Systems versteigert, ohne dass sie von dem Geld sicher jemals etwas sehen würden. Dahinter steht sogar die Perspektive endgültiger Vernichtung.
  • „Tatsächlich wurde schon Wochen zuvor,
    • genau an dem Tag im Juni, an dem ihre Mutter zur Gesia gegangen war, um auf dem Schwarzmarkt die Armbanduhr zu verkaufen,
    • und sie selbst auf der Karmelickastraße bei einem Händler das Buch entdeckte, dessen Lektüre ihr die Mutter so lange verwehrt hatte, einen Roman mit dem Titel »Sankt Gunther oder Heimat-los«,
    • wurde an genau diesem Tag, an dem sie, auf der Karmelicka stehend und im Gedränge nur schwer ihren Platz behauptend, in dem Buch blätterte und las und froh war, daß der Besitzer des fliegenden Standes nicht genug Kraft hatte, ihr das Lesen ohne Bezahlung zu verwehren, wurde an ebendiesem Tag

Beispiele für die Erzählperspektive bei der Darstellung des Mädchens
 

  • Die These, dass die Gedanken von Doris oft nicht wie die eines zwölfjährigen Mädchens wirken, lässt sich an den Quellen sehr gut belegen. In dem Kapitel über „Das Mädchen“ verschmelzen die kindliche Wahrnehmung und die reflektierte, hochgradig abstrakte Sprache des Erzählers zu einer Einheit, die über das realistische psychologische Profil eines Kindes hinausgeht.
  • Ein besonders prägnantes Beispiel für diesen Bruch in der Perspektive ist die musikalisch-philosophische Reflexion über den Tod:

Das Beispiel der Quintenzirkel-Metaphorik

  • In ihrer Isolation im Versteck denkt Doris über den Übergang vom Leben zum Tod nach und nutzt dabei eine komplexe musiktheoretische Analogie:
  • „Von C-Dur entfernt man sich über G-Dur, D-Dur, A-Dur, E-Dur, H-Dur bis hin zu Fis-Dur Kreuz für Kreuz immer weiter. Aber von Fis wieder hin zu C ist es nur ein ganz kleiner Schritt. […] unmittelbare bevor man wieder die kinderleichte Tonart C-Dur erreicht, wimmelt es nur so von Kreuzen“.
  • Kritische Hinterfragung:
  • Abstrakte Logik: Zwar wird erwähnt, dass ihr Onkel Ludwig ihr dies erklärt hat, doch die Art und Weise, wie eine Zwölfjährige in einer extremen Todesangst den Quintenzirkel als Modell für das Sterben („der allerkürzeste Weg“) heranzieht, wirkt eher wie eine literarische Konstruktion des Erzählers.
  • Existenzielle Tiefe: Doris reflektiert darüber, dass sie am Anfang ihres Weges „um ein genauso Geringes vom Leben entfernt gewesen sein [muss], wie sie es jetzt vom Tod ist“. Diese mathematisch-philosophische Symmetrie des Lebenslaufs entspricht eher dem ordnenden Blick eines erwachsenen Erzählers, der das Schicksal der Figur bereits von seinem Ende her begreift.

Die „Verpackung“ des Lebens

  • Ein weiteres Beispiel ist die Reflexion über den Umzugskarton: Das Mädchen erkennt (oder der Erzähler lässt sie erkennen), dass die „Verpackung ihres Gubener Alltags ins Dunkle in Wahrheit eine Vorwegnahme ihrer eigenen Verpackung und beides zusammengenommen etwas Endgültiges war“.
  • Zitat: Beim „Tod des Vaters hatte sich erwiesen, daß die Verpackung ihres Gubener Alltags ins Dunkle in Wahrheit eine Vorwegnahme ihrer eigenen Verpackung und beides zusammengenommen etwas Endgültiges war.“
  • Die Verwendung des Begriffs „Vorwegnahme“ und die metaphorische Verknüpfung von Umzugskartons, dem Versteck im Schrank und der späteren Vernichtung ist eine hochgradig intellektualisierte Deutung, die die Unmittelbarkeit kindlichen Erlebens überspringt.
  • Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Autorin nutzt hier die Technik der erlebten Rede, bei der die Grenze zwischen der kindlichen Figur und dem allwissenden Erzähler bewusst fließend gehalten wird. Dies verleiht der Figur Doris eine fast „alterslose“ Würde und macht ihr Einzelschicksal zu einer universellen Klage, distanziert sie aber gleichzeitig von einer realistischen Darstellung kindlicher Gedankenwelt.

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