Roman „Heimsuchung“: mit dem Igel-Schaubild optimal vorbereitet (Mat8630-igl)

Das „Igel-Konzept“ zu Erpenbecks Roman „Heimsuchung“

Unter einem Igel-Schaubild verstehen wir ein Modell, das dich fit für alle denkbaren Klausurfragen zum Roman macht. Hier findest du die zentralen Bausteine für dein Verständnis.

1. Das Thema des Romans (Die Problemstellung)

  • Was passiert mit Menschen, wenn sie aus ihrem vertrauten Umfeld herausgerissen werden und von äußeren Einflüssen regelrecht heimgesucht werden
  • Wie ist die Stellung des Menschen und seines Schicksals im Zusammenhang mit den Wechselfällen der Geschichte und dem großen Rahmen der Entwicklung der Natur.

2. Zentrale Aussagen

  • Der Roman zeigt die Brüchigkeit menschlicher Existenz angesichts historischer und geologischen Entwicklungen.
  • Bemühungen, der Natur ein eigenes Haus als Schutzraum und gewissermaßen „dritte Haut“ entgegenzustellen, sind nur kurzzeitig erfolgreich.
  • Am Ende siegen die großen Entwicklungen der Natur.
  • Dem so etwas wie Menschlichkeit entgegenzusetzen, wird fast nicht sichtbar, sieht man einmal von dem diskreten Ratschlag eines DDR-Beamten ab, der einem übereifrigen Architekten die Flucht ermöglichst,.

3. Die Figuren und ihre Bedeutung für die Aussagen des Romans

  • Der Großbauer erlebt mit seinen Töchtern das Zerbrechen einer jahrhundertelang gepflegten Tradition und steht dann vor den Trümmern seiner Familie.
    (rein fiktive Gestalten)
  • Der Architekt versucht für sich und seine Geliebte und dann zweite Frau einen Zufluchtsort als „dritte“ Haut aufzubauen. Das scheitert an der politischen Entwicklung, bei der selbst vergeblich versucht, sich anzupassen.
    (Es gibt laut der Verfasserin wohl ein reales Vorbild, was aber weiter keine Rolle spielt.)
  • Die zweite Frau des Architekten muss all ihre kindlichen Zukunftsträume aufgeben und dann ein recht langweiliges Leben an der Seite ihres Mannes verbringen. Am Ende lebt sie einsam in einem Altenheim.
    (Rein fiktive Figur)
  • Am Beispiel der Familie eines jüdischen Tuchhändlers werden die Themen Emigration (auch ein Verlust von Heimat) und rassistische Vernichtungspolitik in Nazi-Deutschland veranschaulicht.
    (Es gibt eine Familie, deren Schicksal hier literarisch verarbeitet wird. Die Autorin hat das sorgfältig recherchiert.)
  • Am bewegendsten ist das Schicksal des Mädchens (Doris), das vergeblich versucht, der Verfolgung zu entkommen und deren gewaltsamer Tod geschildert wird als Vernichtung all dessen, was sie gelernt und damit in sich herangebildet hat.
    (Dieses Mädchen spielt auch insofern eine besondere Rolle, als ihr der Roman gewidmet ist.)
  • Am Beispiel der kommunistischen Schriftstellerin wird zum einen gezeigt, dass die Emigration in die Sowjetunion Stalins auch Verfolgung bis hin zur Ermordung bedeuten konnte. Zurückgekehrt nach Deutschland erlebt sie in der DDR, dass es auch in einer sich kommunistisch gebenden Gesellschaft menschliche Schwächen und Ungerechtigkeit gibt.
    (Die Schriftstellerin trägt Züge der Großmutter väterlicherseits der Autorin. Ihr Mann spielte real in der DDR eine besondere Rolle. Beide stehen für die Grenzen und letztlich das Scheitern des sozialistischen Modells der DDR.)
  • Ihr Sohn wird Opfer einer ideologisch motivierten Heimerziehung und muss auf diese Weise auf eine ganz normale Kindheit verzichten.
    In den Ferien allerdings nähert er sich in der Zusammenarbeit mit dem Gärtner der Welt der Natur an.
    (Dieser Sohn hat den Vater der Autorin als Vorlage).
  • Die Enkelin der Schriftstellerin muss nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ihr vertrautes Haus verlassen, was einen schmerzhaften Ablösungsprozess bedeutet.
    (Hier hat die Autorin ihre eigene schmerzhafte Abnabelung von ihrem geliebten Haus verarbeitet.)
  • Eine Sonderrolle hat der Gärtner, eine fast mystische Figur, die auf der einen Seite im Dienst der Natur sich um alles kümmert, andererseits aber auch beteiligt ist an ihrer Umwandlung in menschlich geprägte Zivilisation.

4. Sprache und Darstellung

  • Ein besonderer Kunstgriff ist der Rahmen von der geologischen Vorgeschichte bis zum Epilog, in der die Natur wieder zu sich selbst kommt.
  • Die Darstellung trägt sehr fragmentarische Züge. Der historische Rahmen wird einfach vorausgesetzt (man denke an die Schraubengeschichte). Man hat den Eindruck, dass die Erzählerin vorwiegend für sich selbst alles vergegenwärtigt. Das zeigt sich auch in einer zum Teil ausgeprägt auktorialen Erzählhaltung, was besonders bei der Schilderung der Gedanken und Gefühle des Mädchens deutlich wird, etwa wenn diese trotz all dem als „versteinert“ bezeichnet wird.
  • Das entspricht auch der sehr distanzierten Haltung gegenüber dem Geschehen, was auf den Versuch von Verarbeitung hindeutet..

Wir setzen das noch mit weiteren Aspekten des Werkes fort.

  • Bitte etwas Geduld 😉

5. Der literarische Vergleich: Heimsuchung bei Kafka

Um die existenzielle Wucht des Romans zu verstehen, hilft ein Blick auf Franz Kafka. Während Erpenbeck realistisch-historisch erzählt, nutzt Kafka traumartige Parabeln für ähnliche Situationen:

  • „Der Steuermann“: Analogie zur Verdrängung des Tuchfabrikanten oder des jüdischen Mädchens. Jemand übernimmt einfach das Steuer deines Lebens.
  • „Der Schlag ans Hoftor“: Analogie zur Unverhältnismäßigkeit der Macht (Enteignung wegen „Schraubenkaufs im Westen“). Eine kleine Ursache löst die totale Vernichtung aus.

Tipp für die Klausur: Wer die „Heimsuchung“ bei Kafka versteht, kann die Radikalität bei Erpenbeck viel tiefer begründen.