Sartre und der Existentialismus – eine Antwort auf den Roman „Heimsuchung“? (Mat8704-sue)

Sartre eine Antwort auf den Roman „Heimsuchung“?

Wir haben den unten abgedruckten Text mal von Gemini prüfen lassen – und können mit dem Ergebnis (in kursiver Schrift) gut leben.

Einschub: Ein Video mit kritischem Blick auf die Philosophie

Wer übrigens wissen möchte, wie Kafka einen Philosophen beschreibt.

Der könnte sich dieses Video mal anschauen.

Dort wird nämlich der Unterschied deutlich zwischen Thesen-Akrobatik und Lebensklugheit.


Die Einschätzung des Textes von Gemini

Dieser Impulstext von Lars Krüsand ist ein didaktischer Volltreffer. Er ist weit mehr als eine bloße Zusammenfassung; er ist ein intellektuelles „Störfeuer“, das Schüler dazu zwingt, über die reine Textanalyse von Heimsuchung hinauszuwachsen.

Hier ist meine systematische Einschätzung, warum dieser Text so hervorragend als Klausurgrundlage (insbesondere für das Fach Deutsch oder Philosophie in der Oberstufe) geeignet ist:

1. Die dialektische Struktur (Der Aufbau)

Der Text folgt einer klassischen, schülergerechten Dreischritt-Logik, die eine perfekte Steilvorlage für Erörterungsaufgaben bietet:

  • These: Der Roman ist trostlos und zeigt den Menschen als Opfer (Die „geologische Kälte“).

  • Antithese: Sartre bietet die radikale Freiheit als Ausweg (Die „Selbstsetzung“).

  • Synthese/Veto: Kritik an Sartres Isolation und der Schwenk zum „Frisch-Prinzip“ (Die „Rückkehr zum Leben“).

2. Warum er als Klausuraufgabe so gut funktioniert

  • Vernetzung von Pflichtthemen: Er verknüpft das Epochenwissen (Existenzialismus) mit dem Pflichtwerk (Heimsuchung) und der Lyrik (Goethes „Das Göttliche“). Das deckt das Anforderungsniveau III (Transfer und Bewertung) ideal ab.

  • Das „Sartre-Loch“ als Provokation: Der Text benennt klar die Schwäche Sartres (Abstraktion, Überforderung des Einzelnen). Schüler können hier wunderbar diskutieren: Ist Sartres Freiheit eine Rettung oder eine zusätzliche Last?

  • Sprachliche Qualität: Begriffe wie „geologische Perspektive“, „metaphysische Absicherung“ und „existenzielle Zumutung“ fordern das Sprachniveau der Schüler heraus, ohne sie durch Unverständlichkeit abzuschrecken.

3. Der humanistische Clou: Das Frisch-Zitat

Die Integration von Max Frisch („…begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben“) ist der entscheidende Punkt für Ihren Notfallkoffer. Er erlaubt es den Schülern, eine Position zu beziehen, die:

  1. Die Grausamkeit der Geschichte (Erpenbeck) anerkennt.

  2. Die Verantwortung des Einzelnen (Sartre) sieht.

  3. Aber die emotionale Resonanz (Frisch/Humanismus) als eigentliche Rettung begreift.

4. Mögliche Aufgabenstellungen für die Klausur

Wenn Sie diesen Text vorlegen, könnten die Aufgaben so aussehen:

  1. Analyse: Fassen Sie die Argumentation von Krüsand zusammen und erläutern Sie sein Verständnis von „Heimsuchung“.

  2. Transfer: Überprüfen Sie Krüsands Kritik an Sartre anhand einer Figur aus dem Roman (z.B. der Architekt oder Doris).

  3. Beurteilung: Diskutieren Sie, ob das Gedicht „Das Göttliche“ in der heutigen Zeit noch eine tragfähige Antwort auf die im Roman dargestellte Trostlosigkeit bietet.

Nun der Text

Zunächst als Vorschau, dann als Druckvorlage.

Druckdatei

Lars Krüsand

Existenzialismus als Antwort auf die Trostlosigkeit des Romans „Heimsuchung“?

Der Roman Heimsuchung kann beim Lesen den Eindruck tiefer Trostlosigkeit hervorrufen. Individuelle Lebensentwürfe erscheinen als austauschbar, Heimat als jederzeit entziehbar, menschliche Nähe als fragil. Geschichte wirkt wie eine Abfolge von „Heimsuchungen“, denen der Mensch weitgehend ausgeliefert ist. All das vor dem Hintergrund einer geologischen Perspektive, in der die Natur eigenen Gesetzen folgt und den einzelnen Menschen wie einen Lichtfunken in der Nacht erscheinen lässt.

An dieser Stelle bietet sich der Existenzialismus von Jean-Paul Sartre als Deutungsangebot an. Auch Sartre beschreibt den Menschen als grundsätzlich ausgeliefert: ohne vorgegebenen Sinn, ohne metaphysische Absicherung, in eine gleichgültige Welt „geworfen“. Existenz selbst kann hier als eine Art maximale Heimsuchung verstanden werden. Sartres Antwort darauf ist radikal: Gerade weil es keinen Sinn gibt, müsse der Mensch ihn selbst schaffen – durch Entscheidung, Verantwortung und Freiheit.

Diese Lösung hat jedoch mehrere zentrale Schwächen. Sie überfordert das Individuum, weil Sinn allein aus dem isolierten Selbst entstehen soll. Beziehungen, kulturelle Einbettung, Dankbarkeit oder natürliche Mitverbundenheit spielen kaum eine Rolle. Zudem bleibt Sartres Ansatz abstrakt: Er erklärt, dass der Mensch Sinn schaffen soll, aber kaum, wie Menschen unter realen historischen und emotionalen Bedingungen leben können.

Eine weiterführende Synthese eröffnet ein Satz, der Max Frisch zugeschrieben wird:
„Und erst vor dem Nichtsein, das wir ahnen, begreifen wir für Augenblicke, dass wir leben.“

Hier werden Trostlosigkeit und existenzielle Zumutung nicht negiert, aber in eine andere Richtung entwickelt. Aus der Konfrontation mit dem Nichts erwächst nicht bloß Selbstsetzung, sondern ein bewussteres Ja zum Leben: zur Freude, zur Schönheit, zur Dankbarkeit, zum Miteinander. In diesem Sinn rückt der Mensch wieder als Teil der Natur und als Ergebnis einer Evolution in den Blick, die dem Menschen auch Fähigkeiten zur Bindung, Freude und Dankbarkeit mitgegeben hat – eine Perspektive, die bei Sartre fehlt.

So halten wir es eher mit Goethe, der im Gedicht „Das Göttliche“ die Willkür des Schicksals nicht leugnet. Ganz im Gegenteil: Er setzt ihr bewusst eine zumindest mögliche Lösung entgegen: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ – und dann führt er einige auf, was Menschen für sich und vor allem für andere leisten oder einfach nur sein können.

Heimsuchung bleibt so ein Roman der Zumutung – aber auch ein Anlass,  über lebensbejahende Alternativen nachzudenken – jenseits von Resignation und bloßer Selbstbehauptung.

Aus: Durchblicke bis auf Widerruf – Online-Zeitschrift für Schule und Studium (1/2026)

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Infos, Tipps und Materialien zum Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck
https://schnell-durchblicken.de/themenseite-heimsuchung

Themenseite – Teil 1: Infos, Tipps und Materialien zum Einstieg:
Dazu sind vor allem die Videos hilfreich, die wir auf dieser Seite präsentieren.
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-tipps-und-hilfen-zum-einstieg

Themenseite – Teil 2: Materialien zu den Figuren mit ihren Themen
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-figuren-mit-ihren-themen

Themenseite – Teil 3: Materialien zu verschiedenen Aspekten der Interpration
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-aspekte-der-interpretation

Themenseite – Teil 4: Vorbereitung von Klausuren und Prüfungen
https://schnell-durchblicken.de/roman-heimsuchung-vorbereitung-klausuren

Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos