Schnell durchblicken: Barthold Hinrich Brockes, „Das Blümlein Vergissmeinnicht“ – eine Blume wird zur Predigt (Mat 4990)

Worum es hier geht:

Das Gedicht „Das Blümlein Vergissmeinnicht“ von Barthold Hinrich Brockes – wohl aus dem Jahr 1721 ist ein schönes Beispiel, wie aus einem Naturerlebnis ein Glaubensbekenntnis oder gar eine christliche Predigt wird, bei der alles ausgeblendet wird, was die naive Sicht stören könnte.

Das Gedicht ist u.a. hier zu finden.

Anmerkungen zu Strophe 1

  1. An einem wallenden, kristallengleichen Bach,
  2. Der allgemach
  3. Die glatte Flut durch tausend Blumen lenkte
  4. Und schlanke Binsen, Klee und Gras
  5. mit silberreinen Tropfen tränkte,
  6. Saß ich an einem kleinen Hügel,
  7. Bewunderte bald in der blauen Flut
  8. Des Luftsaphirs saphirnen Spiegel,
  9. Bald den smaragdnen Rahm‘ des Grases, dessen Grün,
  10. Der güldne Sonnenstrahl beschien,
  11. Und fand von Kräutern, Gras und Klee
  12. In so viel tausend schönen Blättern
  13. Aus dieses Weltbuchs ABC
  14. So viel, so schön gemalt, so rein gezogne Lettern,
  15. Daß ich, dadurch gerührt, den Inhalt dieser Schrift
  16. Begierig wünschte zu verstehn.
  17. Ich konnte es überhaupt auch alsbald sehn
  18. Und, daß er von des großen Schöpfers Wesen
  19. Ganz deutlich handelte, ganz deutlich lesen.
  • Ausführlich und mit viel Bewunderung wird eine Situation in der Natur beschrieben.
  • Die erscheint dem lyrischen Ich als  des “Weltbuchs ABC” – d.h. es sieht darin zum einen etwas, das etwas Sinnvolles aussagt und glaubt zum anderen, es auch zu verstehen.
  • Und zwar als Information über “des großen Schöpfers Wesen”.

Anmerkungen zu Strophe 2

  1. Ein jedes Gräschen war mit Linien geziert,
  2. ein jedes Blatt war vollgeschrieben;
  3. Denn jedes Äderchen, durch Licht illuminiert,
  4. Stellt‘ einen Buchstab vor. Allein,
  5. Was eigentlich die Worte sein,
  6. Blieb mir noch unbekannt,
  7. Bis der Vergißmeinnicht fast himmelblauer Schein,
  8. Der in dem holden Grüne strahlte
  9. Und in dem Mittelpunkt viel güldne Striche malte,
  10. Mir einen klaren Unterricht
  11. von dreien Worten gab, indem mich ihre Pracht
  12. Auf die Gedanken bracht:
  • Das lyrische Ich glaubt, in der Natur Zeichen aus diesem großen Buch zu sehen.
  • Kann es anfangs aber nicht verstehen.
  • Das ändert sich, als ein “Vergissmeinnicht” ihm “klaren Unterricht” gibt.
  • Angedeutet wird schon, dass das Geheimnis in drei Wörtern besteht.

Anmerkungen zu Strophe 3

  1. Da Gott in allem, was wir sehen,
  2. Uns sein‘ Allgegenwart und wie er alles liebet
  3. So wunderbarlich zu verstehen,
  4. So deutlich zu erkennen gibet;
  5. So deucht mir, hör ich durchs Gesicht,
  6. Daß in dem saubern Blümchen hier
  7. Sowohl zu dir als mir
  8. Der Schöpfer der Vergißmeinnicht selbst spricht:
  9. Vergiß mein nicht!
  • Hier wird deutlich, dass das lyrische Ich eine klare Vorstellung hat, von dem, was die Natur bedeutet – sie zeigt nämlich die “Allgegenwart” des Schöpfers und auch, “wie er alles liebet”.
  • Anmerkung: Spätestens hier kommt der aufmerksame Leser auf kritische Gedanken, wenn er daran denkt, was alles in der Natur abgeht:
    • Da sterben Menschen durch Vulkanausbrüche oder Flutwellen.
    • Viele Tiere sind Bestandteil einer Nahrungskette.
    • All das wird in dieser naiv-einseitigen Sicht der Schöpfung ausgeblendet.
    • Letztlich besteht das ganze Gedicht aus dem kleinen Scherz, den Namen einer Pflanze als Bitte Gottes zu verstehen, ihn nicht zu vergessen.
    • In der Wikipedia findet man übrigens eine Erklärung, die genau andersherum funktioniert:
      “Der volkstümliche Name entstammt vermutlich einer deutschen Sage aus dem Mittelalter, wonach die kleine Pflanze Gott bat, sie nicht zu vergessen.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Vergissmeinnicht

Zusammenfassung

  • Insgesamt also ein Zeugnis eines bestimmten Glaubens, der hier als Bekenntnis und wohl auch missionarisch weitergegeben wird.
  • Man fragt sich ernsthaft, was ein solches Gedicht in der Schule zu suchen hat – außer im Religionsunterricht. Dort kann man sicher davon ausgehend gut über die Natur als Gottesbeweis nachdenken.
  • Was den Epochenbezug angeht, so stammt dieses Gedicht wohl aus dem Jahr 1721 und gehört damit in den Übergangsbereich von der sehr christlich orientierten Barockzeit in die Aufklärung. Dort lohnt es sich sicher auch, die theologische Frage zu klären, ob die im Gedicht vertretene Position noch einer Offenbarungsreligion zuzurechnen ist oder eher dem Deismus:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Deismus

Weitere Infos, Tipps und Materialien 

https://textaussage.de/weitere-infos