Gedichte der Barockzeit sind für heutige Schüler und Schülerinnen natürlich eine große Herausforderung. Zum einen wegen der Sprache, zum anderen aber auch wegen der kulturellen bzw. religiösen Grundlage, die heute nicht mehr so selbstverständlich ist.

Man muss nicht die gleichen Gedanken haben wie dieser Mensch aus der Barockzeit, den wir uns von Manus haben zeichnen lassen.
Aber man bekommt eine Vorstellung, wie jemand sich einem Detail der Natur mit großer Sorgfalt zuwendet.
Und Manus hat hier auch durch die Lichtstrahlen deutlich gemacht, welche Bedeutung diese Blume für Menschen seiner Zeit haben konnte.
Auf dieser Seite versuchen wir hier eine Brücke für uns heute zu bauen.
Was dieses Gedicht interessant macht
- Natur als Spiegel: Stell dir vor, du gehst durch den Wald und siehst nicht nur Bäume, sondern eine Botschaft, die dich persönlich meint. Genau das macht Brockes hier mit einem einfachen Vergissmeinnicht.
— - Der „Glaubens-Filter“: Das Gedicht ist ein perfektes Beispiel dafür, wie wir oft nur das wahrnehmen, was wir glauben wollen. Brockes blendet alles Negative der Natur (wie Gefahren oder Fressen und Gefressenwerden) komplett aus, um seine Vision einer perfekten Schöpfung zu retten.
— - Vom Barock zur Aufklärung: Du erlebst hier den Moment um das Jahr 1721, in dem die Menschen anfingen, die Welt wie ein „Buch“ zu lesen, das man sowohl religiös als auch wissenschaftlich entziffern kann.
— - Wenn man möchte, kann man natürlich auch sich Gedanken machen, was bei diesem Gottesbeweis alles übersehen wird.
— - Transfer ins Heute:
Wenn man die christliche Deutung mal weglässt, kann das Gedicht durchaus auch für uns heute noch Gültigkeit haben: Die Frage, welche Bedeutung wir der Natur heute geben – zum Beispiel beim Naturschutz –, ist aktueller denn je. - —
- Das Gedicht ist u.a. hier zu finden.
Strophe 1 mit Zusammenfassung in heutiger Sprache
- An einem wallenden, kristallengleichen Bach,
- Der allgemach
- Die glatte Flut durch tausend Blumen lenkte
- Und schlanke Binsen, Klee und Gras
- mit silberreinen Tropfen tränkte,
- Saß ich an einem kleinen Hügel,
- Bewunderte bald in der blauen Flut
- Des Luftsaphirs saphirnen Spiegel,
- Bald den smaragdnen Rahm‘ des Grases, dessen Grün,
- Der güldne Sonnenstrahl beschien,
- Und fand von Kräutern, Gras und Klee
- In so viel tausend schönen Blättern
- Aus dieses Weltbuchs ABC
- So viel, so schön gemalt, so rein gezogne Lettern,
- Daß ich, dadurch gerührt, den Inhalt dieser Schrift
- Begierig wünschte zu verstehn.
- Ich konnte es überhaupt auch alsbald sehn
- Und, daß er von des großen Schöpfers Wesen
- Ganz deutlich handelte, ganz deutlich lesen.
- 1ff: Ich saß an einem kleinen Hügel neben einem klaren Bach. Das Wasser floss ganz ruhig durch tausend Blumen und gab den Gräsern und dem Klee frische Wassertropfen.
- 7ff: Ich bewunderte zwei Dinge:
- 1. Das Wasser war so blau und sauber, dass es den Himmel wie ein Spiegel zeigte.
- 2. Die Sonne schien auf das Gras, das so grün wie Edelsteine (Smaragde) leuchtete.
- 11ff: Als ich mir die vielen Kräuter und Blätter genau ansah, fühlte es sich für mich so an, als wären sie Buchstaben in einem großen Buch – dem „Buch der Welt“.
- 15ff: Ich wollte diese „Schrift“ der Natur unbedingt verstehen.
- 17ff: Und tatsächlich konnte ich es sofort erkennen: Die Natur ist wie ein Text, der uns ganz deutlich etwas über Gott, den Schöpfer, erzählt.
Auswertung der 1. Strophe
- Ausführlich und mit viel Bewunderung wird eine Situation in der Natur beschrieben.
- Die erscheint dem lyrischen Ich als des “Weltbuchs ABC” – d.h. es sieht darin zum einen etwas, das etwas Sinnvolles aussagt und glaubt zum anderen, es auch zu verstehen.
- Und zwar als Information über “des großen Schöpfers Wesen”.
Strophe 2 mit Zusammenfassung in heutiger Sprache
- Ein jedes Gräschen war mit Linien geziert,
- ein jedes Blatt war vollgeschrieben;
- Denn jedes Äderchen, durch Licht illuminiert,
- Stellt‘ einen Buchstab vor. Allein,
- Was eigentlich die Worte sein,
- Blieb mir noch unbekannt,
- Bis der Vergißmeinnicht fast himmelblauer Schein,
- Der in dem holden Grüne strahlte
- Und in dem Mittelpunkt viel güldne Striche malte,
- Mir einen klaren Unterricht
- von dreien Worten gab, indem mich ihre Pracht
- Auf die Gedanken bracht:
- 1ff: Jeder einzelne kleine Grashalm war mit feinen Linien geschmückt, und jedes Blatt wirkte so, als wäre es komplett vollgeschrieben. Die kleinen Adern in den Blättern wurden vom Licht hell beleuchtet und sahen für mich wie einzelne Buchstaben aus.
- 5ff: die damit verbundenen Wörter konnte ich aber nicht erkennen.
- 7ff: erst die Blume Vergissmeinnicht machte mir dann klar, in drei Wörtern, was hier ausgedrückt werden sollte.
- 12: und das war folgendes:
(Interessant, dass hier so eine Art Cliffhanger verwendet wird, nämlich die Unterbrechung dessen, was gesagt werden soll, um Spannung zu erzeugen.)
Auswertung der 2. Strophe
- Das lyrische Ich glaubt, in der Natur Zeichen aus diesem großen Buch zu sehen.
- Kann es anfangs aber nicht verstehen.
- Das ändert sich, als ein “Vergissmeinnicht” ihm “klaren Unterricht” gibt.
- Angedeutet wird schon, dass das Geheimnis in drei Wörtern besteht.
Strophe 3 mit Zusammenfassung in heutiger Sprache
- Da Gott in allem, was wir sehen,
- Uns sein‘ Allgegenwart und wie er alles liebet
- So wunderbarlich zu verstehen,
- So deutlich zu erkennen gibet;
- So deucht mir, hör ich durchs Gesicht,
- Daß in dem saubern Blümchen hier
- Sowohl zu dir als mir
- Der Schöpfer der Vergißmeinnicht selbst spricht:
- Vergiß mein nicht!
- 1ff: Gott zeigt uns in allem, was wir sehen, dass er überall ist und dass er alles liebt.
- 3ff: Er macht das so wunderbar und deutlich, dass man es einfach erkennen muss.
- 5: Ich habe das Gefühl, dass ich mit meinen Augen „hören“ kann.
- 6ff: Es ist so, als ob der Schöpfer durch diese kleine, saubere Blume direkt zu dir und zu mir spricht.
- 9: Und was Gott uns sagt, ist genau der Name der Blume: „Vergiss mein nicht!“ (Das bedeutet: Vergiss mich nicht!).
Auswertung der 3. Strophe
- Hier wird deutlich, dass das lyrische Ich eine klare Vorstellung hat, von dem, was die Natur bedeutet – sie zeigt nämlich die “Allgegenwart” des Schöpfers und auch, “wie er alles liebet”.
- Anmerkung: Spätestens hier kommt der aufmerksame Leser auf kritische Gedanken, wenn er daran denkt, was alles in der Natur abgeht:
- Da sterben Menschen durch Vulkanausbrüche oder Flutwellen.
- Viele Tiere sind Bestandteil einer Nahrungskette.
- All das wird in dieser naiv-einseitigen Sicht der Schöpfung ausgeblendet.
- Letztlich besteht das ganze Gedicht aus dem kleinen Scherz, den Namen einer Pflanze als Bitte Gottes zu verstehen, ihn nicht zu vergessen.
- In der Wikipedia findet man übrigens eine Erklärung, die genau andersherum funktioniert:
“Der volkstümliche Name entstammt vermutlich einer deutschen Sage aus dem Mittelalter, wonach die kleine Pflanze Gott bat, sie nicht zu vergessen.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Vergissmeinnicht
Zusammenfassung
- Insgesamt also ein Zeugnis eines bestimmten Glaubens, der hier als Bekenntnis und wohl auch missionarisch weitergegeben wird.
— - Man fragt sich ernsthaft, was ein solches Gedicht in der Schule zu suchen hat – außer im Religionsunterricht. Dort kann man sicher davon ausgehend gut über die Natur als Gottesbeweis nachdenken.
— - Was den Epochenbezug angeht, so stammt dieses Gedicht wohl aus dem Jahr 1721 und gehört damit in den Übergangsbereich von der sehr christlich orientierten Barockzeit in die Aufklärung. Dort lohnt es sich sicher auch, die theologische Frage zu klären, ob die im Gedicht vertretene Position noch einer Offenbarungsreligion zuzurechnen ist oder eher dem Deismus. Die folgende Erklärung könnte dir helfen, den Unterschied zu verstehen.
Ein paar kurze Infos zum „Deismus“
- Im Deismus wird Gott als ein Schöpfer verstanden, der die Welt wie ein perfektes Uhrwerk einmalig konstruiert und in Gang gesetzt hat, sich danach aber nicht mehr aktiv in das Geschehen einmischt.
— - Natur als Beweis: Anstatt auf Wunder oder heilige Schriften zu warten, finden Deisten Gott direkt in der Logik und Schönheit der Natur.
— - Gott als Uhrmacher: In Brockes’ Gedicht wird die Welt zum „Weltbuch“, dessen „Lettern“ (Buchstaben) man nur genau lesen muss, um den Schöpfer zu verstehen.
— - Vernunft statt Offenbarung: Der Deismus markiert den Übergang vom Barock zur Aufklärung: Der Glaube stützt sich hier nicht mehr nur auf kirchliche Lehren, sondern auf die eigene Beobachtung und Vernunft des Menschen.
— - Fazit: Man sieht, dass diese Auffassungen sich schon sehr stark von früheren Vorstellungen des Christentums entfernen.
Kritiker könnten sagen, die Menschen der Aufklärung verstanden sich noch als Christen, hatten aber nicht mehr die gleichen Glaubensüberzeugungen wie in früheren Zeiten.
Kreatives Potenzial
- Man muss natürlich die Glaubensüberzeugungen der Barockzeit nicht übernehmen.
- Aber es lohnt sich vielleicht darüber nachzudenken, in welchen Situationen wir heute auch der Natur um uns herum vielleicht eine Botschaft entnehmen.
— - Das kennt zum Beispiel jeder Naturschützer: er sieht eine schöne Landschaft und möchte alles dafür tun, dass die nicht in seinen Augen verschandelt wird – zum Beispiel durch eine Umgehungsstraße oder ein Neubaugebiet.
— - Um den Kreis auf dieser Seite zu schließen: man kann natürlich die künstliche Intelligenz jetzt auch mal ein Bild aus der heutigen Zeit malen lassen, wo junge Menschen vielleicht gegen eine heranrückende Baukolonne demonstrieren.
— - Daraus lässt sich sogar ein kleiner Wettbewerb machen. Welche Gruppe schafft es, durch geeignete Prompt-Beeinflussung der KI das überzeugendste Bild erstellen zu lassen?
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Barock, bsd. Lyrik
https://textaussage.de/lyrik-der-epoche-des-barock-themenseite
— - Barock – die wichtigsten Gedichte
https://textaussage.de/barock-die-wichtigsten-gedichte
— - Barock – Klausur – wer Gruppen kennt – Dichter und Themen – hat Vorteile
https://schnell-durchblicken.de/barock-klausur-wer-gruppen-kennt-dichter-und-themen-hat-vorteile
— - Unsere Videos zum Thema „Barock“
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv0jypMQjcVUsJPsINg5eHAh
— - Infos, Tipps und Materialien zur deutschen Literaturgeschichte
https://textaussage.de/deutsche-literaturgeschichte-themenseite
— - Übersicht über unsere Themenseiten auf textaussage.de
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— - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
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