Worum es hier geht:

  • Dieses Material präsentiert eine umfangreiche und stark gegliederte Analyse-Aufgabe zu einer zentralen Szene des V. Aktes.
    • Aufgabe für eine vierstündige Leistungskursklausur
    • Klärung der Voraussetzungen der Szene
    • Analyse der Szene
    • Klärung der Bedeutung der Szene für die Struktur des gesamten Stücks mit Blick auf die Theatertheorie Gustav Freytags
    • Aufgabe zu Charakter und Rolle des Prinzen
    • Ausführliche Musterlösung mit verschiedenen Varianten bei der letzten Teilaufgabe
  • Dazu gibt es eine umfangreiche Musterlösung.

Vierstündige Klausur, Leistungskurs 12  – Aufgabenstellung:

  1. Analysieren Sie den 5. Auftritt des V. Aktes von Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ (Reclam- Ausgabe, S. 78-83), indem Sie
  2. systematisierend die Voraussetzungen klären (Welche Momente der Entwicklung bis zu diesem Auftritt sind für sein Verständnis von Bedeutung?) (Faktor 2),
  3. den Auftritt in Abschnitte einteilen und diese erläuternd vorstellen, (Faktor 5)
  4. zusammenfassend und mit Bezug zu der Dramentheorie von Gustav Freytag die Bedeutung dieses Auftritts für die Gesamtentwicklung des Trauerspiels beschreiben (Faktor 3)
  5. Entwickeln und begründen Sie, ausgehend von dem gegebenen Auftritt, eine These zur Figur des Prinzen. (Faktor 3)

Hinweise zur Lösung:

1. Systematische Klärung der Voraussetzungen der 5. Szene des V. Aktes

  1. In der 5. Szene des V. Aktes von Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ geht es um die Frage, was nun geschehen soll, nachdem die geplante Hochzeit zwischen der bürgerlichen Emilia Galotti und dem Grafen Appiani durch dessen Ermordung bei einem Überfall verhindert worden ist.
  2. Emilias Vater, Odoardo, weiß seit dem Gespräch mit der Gräfin Orsina (IV,7), dass der Prinz seine Tochter mit seiner Leidenschaft verfolgt hat und alles für eine geplante Entführung spricht. Deshalb plant er (vgl. V,2), seine Tochter aus dem Lustschloss des Prinzen, in die Emilia – scheinbar zu ihrer Rettung – gebracht worden ist, in ein Kloster – aus seiner Sicht ein Ort wirklicher Sicherheit – bringen zu lassen.
  3. Der Prinz wiederum fürchtet genau das und lässt sich von seinem Berater Marinelli einen neuen Plan vortragen, über den der Leser/Zuschauer allerdings vorerst im Unklaren gelassen wird (V,1). Wohl aber deutet Marinelli Odoardo an, dass er die Tochter nicht so einfach werde mitnehmen können (V,3).
  4. Zur unmittelbaren Voraussetzung der zu analysierenden Szene gehört, dass Odoardo sich ärgert, dass er Marinelli durch seine „Hitzigkeit“ (vgl. 77,2) nicht zur vorzeitigen Preisgabe des neuen Plans hat bewegen können, er bereitet sich aber innerlich schon auf jede mögliche Wendung vor (V,4).
  5. Damit sind die Voraussetzungen der Szene klar: Ein zorniger Vater, der sich allerdings nicht direkt am Vernichter seines familiären Glücks rächen will, sondern ihn durch Entfernung des Lustobjekts bestrafen will, ein immer noch für Emilia entflammter Prinz, der seinem Berater Marinelli wiederum freie Hand gegeben hat, um sein Ziel, die Tochter Odoardos als Geliebte zu besitzen, doch noch zu erreichen, und ein Plan, der sich dem Zuschauer erst im Verlauf der Szene offenbart.

2. Vorstellung der inneren Gliederung der Szene

  1. Der erste Abschnitt (78,1 bis 79,5) ist eine Art Vorgeplänkel. Nach einer ironischen Bemerkung des Prinzen über ihr Verhältnis, informiert er Odoardo über seine Absichten, Emilia „im Triumphe“ (78,17) in die Stadt zu bringen, also den Ort, den Odoardo für eine der Moral weniger günstige Umgebung hält als den ländlichen Bereich, in den Appiani sich mit seiner Frau zurückziehen wollte.
  2. Dementsprechend will Odoardo für seine Tochter „die Entfernung aus der Welt“ (78,31/2), einen Aufenthalt in einem Kloster, außerhalb des Machtbereichs des Prinzen.
  3. Der Prinz murrt ein wenig – bezeichnend ist seine Begründung: „So viel Schönheit soll in einem Kloster verblühen?“ (79,1/2). Sie dürfte Odoardo nur noch in seinem Entschluss bestärken. Scheinbar überraschend erfolgt dann doch sofort die Einwilligung des Prinzen: „Bringen Sie Ihre Tochter, Galotti, wohin Sie wollen.“ (79,4/5). Diese muss natürlich im Kontext des neuen Plans Marinellis gesehen werden, der auch sofort eingreift, was zum zweiten Abschnitt der Szene (79,6 bis 80,23) führt.
  4. Marinelli beginnt sehr umständlich, indem er auf seine angebliche Freundschaft mit dem toten Appiani verweist, angeblicher Beleg ist wiederum das letzte Wort des Sterbenden, das der Intrigant nutzt, um für sich eine Rächerrolle zu beanspruchen.
  5. Auf seine dreiste Mordthese, bei der er die eigene Verantwortung auf irgendwelche unbekannten Nebenbuhler schiebt, reagiert Odoardo denn auch zunächst „höhnisch“ (79,36), dann „bitter“ (80,3), weil er die neue Intrige begreift, zumal Marinellis Hinweis, man müsse „die schöne Unglückliche“ (80,18) erst noch vernehmen in Wortwahl und Haltung genau der des Prinzen entspricht.
  6. Der dritte Abschnitt (80,24-81,23) bringt eine Verschärfung des Konflikts, der allerdings nicht offen ausgetragen wird: Marinelli und der Prinz tun so, als wäre es ihnen nur um Sachlichkeit und Gerechtigkeit zu tun, Odoardo spielt scheinbar mit, wenn auch „mit einem bittern Lachen“ (80,33) und mit ironischen Anspielungen („Denn wer weiß […] ob die Gerechtigkeit nicht auch nötig findet, mich zu vernehmen.“ 80,32-35) Hinzu kommt, dass Emilias Vater die Formulierung Marinellis, in der dieser für Emilia eine „besondere Verwahrung“ (81,14) fordert, aufnimmt, allerdings in seinem Sinne, wie sein Griff nach dem Dolch deutlich macht. Er lässt sich dann aber doch noch einmal beruhigen – aber sicher nicht, um auf die Pläne seiner Gegner einzugehen, sondern wohl eher, um für sich selbst und seine Pläne bessere Verwirkungschancen zu schaffen, was er sich in seinem Monolog in V,4 vorgenommen hat.
  7. Im vierten Abschnitt (81,24-82,24) geht es dann um den aus Sicht des Prinzen rechten Ort der Verwahrung Emilias. Scheinbar auf Odoardo zugehend und in Rücknahme weitergehender Vorstellungen Marinellis wird die „alleranständigste“ Verwahrung im Haus des Kanzlers zugestanden. Aber Emilias Vater scheint nicht viel davon zu halten, denn er möchte seine Tochter lieber im tiefsten Kerker verwahrt wissen. Wie schlecht seine Karten sind, zeigt die scheinbar verbindliche, in Wirklichkeit harsche Haltung des Prinzen: „Dabei bleibt es! dabei bleibt es!“ Noch die Wiederholung zeigt die Erregtheit und zugleich auch die Befriedigung des Prinzen, sich kurz vor dem Ziel seiner Wünsche zu sehen. Es muss Odoardo zynisch vorkommen, wenn ihm selbst alle Freiheit gelassen wird.
  8. Im letzten Abschnitt (82,25 bis zum Ende) greift Odoardo zum letzten Mittel, das ihm bleibt: Er akzeptiert scheinbar die Entscheidung des Prinzen, besteht aber darauf, seine Tochter noch einmal sehen zu dürfen, verspricht: „Hier, unter vier Augen, bin ich gleich mit ihr fertig.“ (83,3/4). Der Prinz in seinem Erregungszustand lässt sich darauf ein, gibt sich am Schluss sogar noch der freudigen Perspektive hin, der Vater seines Opfers könne sein „Freund“, sein „Führer“, „sein „Vater“ werden. Ob das nur taktischer Zynismus ist oder echter Wahn, bleibt unklar.

3.            Zusammenfassung der Szene und Klärung der Bedeutung mit Bezug zu der Dramentheorie von Gustav Freytag:

  1. Gustav Freytag sieht einen pyramidenähnlichen Aufbau des klassischen Dramas, wobei die Exposition des I. Aktes und die den Konflikt stärker herausstellende aufsteigende Handlung des II. Aktes die eine Steigungslinie bilden, während nach dem Höhe- und Wendepunkt des III. Aktes die fallende Handlung samt retardierendem Moment des IV. Aktes und schließlich die Katastrophe des V. Aktes die fallende Linie bilden.
  2. Die 5. Szene des V. Aktes gehört formal zum Katastrophenbereich des V. Aktes, kann aber durchaus auch als Übergang zu diesem angesehen werden: denn in dieser Szene werden noch alternative Handlungsmöglichkeiten diskutiert und um sie gestritten. Erst das „Basta“ (so würde man heute die Entscheidung des Prinzen in 82,18 verstehen) leitet die scheinbare Kapitulation Odoardos ein, der sich „in tiefen Gedanken“ auf eine von ihm beherrschbare Entscheidungssituation allein mit seiner Tochter vorbereitet, die der Prinz in seltsamer Ahnungslosigkeit ihm auch gewährt.
  3. Der Monolog Odoardos im sechsten Auftritt macht dann das deutlich, was der Oberst in der Szene vorher noch bei sich behalten musste: „Das Spiel geht zu Ende. So oder so!“ (83,13/14). Er will nur noch wissen, ob seine Tochter das wert ist, was er „für sie tun will“ (83,16). Zwar schreckt er dann doch davor zurück, zum Vollstrecker des Schicksals zu werden: „Wer sie unschuldig in diesen Abgrund gestürzt hat, der ziehe sie wieder heraus. Was braucht er meine Hand dazu?“ (83,20-22), aber das plötzliche Erscheinen Emilias zwingt dann doch die Entscheidungssituation herbei. Da es keine wirkliche Alternative für Odoardo gab, es sich also nur um einen kurzen Moment der Schwäche gehandelt haben kann, bestätigt die sechste Szene den Eindruck, dass sie bereits eindeutig zum Bereich der Katastrophe gehört, auch wenn diese sich dann in mehreren Schritten vollzieht.

4.             Thesen zum Prinzen mit Begründung:

  1. Schaut man sich die gegebene Szene an, so drängen sich im Hinblick auf Charakter und Verhalten des Prinzen verschiedene Aspekte auf, zu denen Thesen formuliert werden können:
  2. Geht man von den ersten Zeilen der Szene aus, so könnte man zum Beispiel die These prüfen: „In V,5 präsentiert sich der Prinz als seiner Macht bewusster Fürst!“
  • Schon gleich am Anfang der Szene macht der Prinz deutlich, wie er sich die weitere Entwicklung vorgestellt hat. Odoardos wenn auch leicht ironische Reaktion „Zuviel der Gnade“ und „Erlauben Sie, Prinz…“ (78,21) macht die in dieser Hinsicht asymmetrische Kommunikation ganz klar.
  • Höhepunkt des Herrschaftsanspruchs ist natürlich das „Dabei bleibt es! dabei bleibt es!“ in 82,18/19, das ganz klar deutlich macht, wer hier letztlich das Sagen hat, auch wenn keine Wachen o.ä. Instrumente der Macht erwähnt werden.
  • Am Ende könnte man noch erwähnen, dass sich der Prinz seiner Macht so sicher ist, dass er am Ende Odoardo sogar ein unbeaufsichtigtes Gespräch unter vier Augen mit seiner Tochter gestattet.
  1. Eine andere These könnte sich auf die Beziehung zwischen dem Prinzen und Emilia beziehen und etwa lauten: „In V,5 dominiert die kühle Begierde im Hinblick auf Emilia!“
  • Zunächst müsste hier geklärt werden, wie sich der Prinz im Hinblick auf Emilia in den ersten Akten präsentiert hat: Schon die ersten Szene des Trauerspiels zeigen ja geradezu Besessenheit. Der Prinz ist kaum noch Herr seiner Sinne. Zumindest von Leidenschaft kann gesprochen werden, wenn man schon den Begriff der Liebe sicherheitshalber vermeidet, denn die setzt natürlich auch Rücksichtnahme voraus – und die gibt es im Denken und Handeln des Prinzen nur verbal, aber nicht real.
  • Eine Schlüsselstelle in der gegebenen Szene ist sicher 78,32/3: Dort taucht ja der vom Prinzen befürchtete Alptraum, nämlich die Entfernung Emilias aus seinem Machtbereich auf – aber statt einer erregten Reaktion nur der sein Objekt der Begierde stark reduzierende Hinweis auf zu viel „Schönheit“, die unter diesen Umständen ungenutzt verblühen würde (vgl. 79,1/2). Ohne große Überlegung geht der Prinz dann aber auf diesen Plan Odoardos ein – wohl wissend, dass daraus nichts werden wird, da Marienelli ja schon eine weitere Intrige vorbereitet hat.
  • Auch im weiteren Verlauf verfolgt der Prinz den mit Marinelli abgesprochenen Plan sehr souverän. Ihm geht es darum, Emilia zu einem Gegenstand des Hoflebens zu machen, der nach dessen Gesetzen funktioniert. An keiner Stelle ist in dieser Szene etwas von Gefühlsaufwallung o.ä. sichtbar, ganz anders als in V,1, wo seine Sorge, Emilia zu verlieren, sehr deutlich wird – bis sie ihm von Marinelli genommen wird.
  • Natürlich wäre es im Zusammenhang dieser These sehr reizvoll, einmal zu überprüfen, ob es überhaupt irgendwo im Stück auch nur den Ansatz dessen gibt, was wir heute unter Liebe verstehen, ein durchaus heftiges Interesse, das aber doch zumindest auch ein wenig die Persönlichkeit des anderen einbezieht und achtet. Am wichtigsten ist in diesem Zusammenhang natürlich III,5, wo der Prinz im übertragenen Sinne fast von Emilia niederkniet (49,13ff), was allerdings im schreienden Kontrast zum Kontext steht – von der Lüge hinsichtlich des Grundes des Zusammentreffens ((„Zufall“ als „Wink eines günstigen Glückes“ (49,9/10) über die fortdauernde Anwesenheit Marinellis bei diesem dadurch nicht mehr sehr intimen Gespräch bis hin zu der zwar freundlich formulierten, aber auch als Drohung zu verstehenden Warnung, ja bei keinem anderen Schutz zu suchen (49,17ff) und der halb gewaltsamen Wegführung Emilias. Der abschließende Kommentar Marinellis ist denn dann auch recht eindeutig.
  1. Wiederum ein anderer Bereich wäre der der höfischen Rhetorik. Hier könnte die These lauten: „In V,5 wird deutlich, in welchem Ausmaß der Prinz die Sprech- und Kommunikationsweise der höfischen Welt verkörpert!“
  • Gleich der Anfang der Szene zeigt von seiten des Prinzen höfische Floskeln in Reinkultur. Auch im weiteren Verlauf wahrt der Prinz weitestgehend die Form, nimmt immer wieder Zuflucht zu scheinbar beruhigenden Wendungen, die vor dem Hintergrund des mit Marinelli geschmiedeten Plans nur ironisch, wenn nicht gar zynisch klingen können.
  • Der Gipfel ist sicher der Schluss, wenn der Prinz sogar die Dreistigkeit besitzt, den Vater der Entführten als „Freund“ und „Führer“ zu bezeichnen (83,5/6). Weder kann Odoardo unter diesen Umständen sein Freund werden (vorher war er es ja nicht), noch ist er derjenige, der nach der Vorstellung des Prinzen die Richtung bestimmt – und das abschließende „Vater“ kann nur als höflich vorgebrachter Zynismus verstanden werden, denn hier ist ja alles drauf angelegt, gerade nicht zum Schwiegersohn zu werden, sondern Emilia für kurze Zeit als Geliebte aus dem Kreis ihrer Familie zu entfernen, bis sie nicht mehr gebraucht und durch eine neue Leidenschaft ersetzt wieder freigesetzt wird. Im Unterschied zur Gräfin Orsina hat sie dann aber all ihre Wurzeln verloren, ist in ihrer Standeswelt ein Nichts.
  • Um es noch einmal zusammenzufassen: Sprechweise und Realität können in dieser Szene beim Prinzen kaum weiter auseinanderfallen. Dementsprechend erregt äußert sich Odoardo auch im Monolog der nachfolgenden Szene.

 

Fünfter Auftritt (Odoardo Galotti, Prinz, Marinelli)

Der Prinz. Marinelli. Odoardo Galotti.

Der Prinz. Ah, mein lieber, rechtschaffner Galotti – so etwas muß auch geschehen, wenn ich Sie bei mir sehen soll. Um ein Geringeres tun Sie es nicht. Doch keine Vorwürfe!

Odoardo. Gnädiger Herr, ich halte es in allen Fällen für unanständig, sich zu seinem Fürsten zu drängen. Wen er kennt, den wird er fodern lassen, wenn er seiner bedarf. Selbst itzt bitte ich um Verzeihung –

Der Prinz. Wie manchem andern wollte ich diese stolze Bescheidenheit wünschen! – Doch zur Sache. Sie werden begierig sein, Ihre Tochter zu sehen. Sie ist in neuer Unruhe wegen der plötzlichen Entfernung einer so zärtlichen Mutter. – Wozu auch diese Entfernung? Ich wartete nur, daß die liebenswürdige Emilie sich völlig erholet hätte, um beide im Triumphe nach der Stadt zu bringen. Sie haben mir diesen Triumph um die Hälfte verkümmert, aber ganz werde ich mir ihn nicht nehmen lassen.

Odoardo. Zu viel Gnade! – Erlauben Sie, Prinz, daß ich meinem unglücklichen Kinde alle die mannigfaltigen Kränkungen erspare, die Freund und Feind, Mitleid und Schadenfreude in Guastalla für sie bereit halten.

Der Prinz. Um die süßen Kränkungen des Freundes und des Mitleids, würde es Grausamkeit sein, sie zu bringen. Daß aber die Kränkungen des Feindes und der Schadenfreude sie nicht erreichen sollen, dafür, lieber Galotti, lassen Sie mich sorgen.

Odoardo. Prinz, die väterliche Liebe teilet ihre Sorgen nicht gern. – Ich enke, ich weiß es, was meiner Tochter in ihren itzigen Umständen einzig ziemet – Entfernung aus der Welt – ein Kloster – sobald als möglich.

Der Prinz. Ein Kloster?

Odoardo. Bis dahin weine sie unter den Augen ihres Vaters.

Der Prinz. So viel Schönheit soll in einem Kloster verblühen? – Darf eine einzige fehlgeschlagene Hoffnung uns gegen die Welt so unversöhnlich machen? – Doch allerdings: dem Vater hat niemand einzureden. Bringen Sie Ihre Tochter, Galotti, wohin Sie wollen.

Odoardo (gegen Marinelli). Nun, mein Herr?

Marinelli. Wenn Sie mich sogar auffodern!

Odoardo. O mitnichten, mitnichten.

Der Prinz. Was haben Sie beide?

Odoardo. Nichts, gnädiger Herr, nichts. – Wir erwägen bloß, welcher von uns sich in Ihnen geirret hat.

Der Prinz. Wieso? – Reden Sie, Marinelli.

Marinelli. Es geht mir nahe, der Gnade meines Fürsten in den Weg zu treten. Doch wenn die Freundschaft gebietet, vor allem in ihm den Richter aufzufodern –

Der Prinz. Welche Freundschaft? –

Marinelli. Sie wissen, gnädiger Herr, wie sehr ich den Grafen Appiani liebte, wie sehr unser beider Seelen ineinander verwebt schienen –

Odoardo. Das wissen Sie, Prinz? So wissen Sie es wahrlich allein.

Marinelli. Von ihm selbst zu seinem Rächer bestellet –

Odoardo. Sie?

Marinelli. Fragen Sie nur Ihre Gemahlin. Marinelli, der Name Marinelli war das letzte Wort des sterbenden Grafen, und in einem Tone! in einem Tone! – Daß er mir nie aus dem Gehöre komme, dieser schreckliche Ton, wenn ich nicht alles anwende, daß seine Mörder entdeckt und bestraft werden!

Der Prinz. Rechnen Sie auf meine kräftigste Mitwirkung.

Odoardo. Und meine heißesten Wünsche! – Gut, gut! – Aber was weiter?

Der Prinz. Das frag ich, Marinelli.

Marinelli. Man hat Verdacht, daß es nicht Räuber gewesen, welche den Grafen angefallen.

Odoardo (höhnisch). Nicht? Wirklich nicht?

Marinelli. Daß ein Nebenbuhler ihn aus dem Wege räumen lassen.

Odoardo (bitter). Ei! Ein Nebenbuhler?

Marinelli. Nicht anders.

Odoardo. Nun dann – Gott verdamm‘ ihn, den meuchelmörderischen Buben!

Marinelli. Ein Nebenbuhler, und ein begünstigter Nebenbuhler –

Odoardo. Was? ein begünstigter? – Was sagen Sie?

Marinelli. Nichts, als was das Gerüchte verbreitet.

Odoardo. Ein begünstigter? von meiner Tochter begünstiget?

Marinelli. Das ist gewiß nicht. Das kann nicht sein. Dem widersprech ich, trotz Ihnen. – Aber bei dem allen, gnädiger Herr – denn das gegründetste Vorurteil wieget auf der Waage der Gerechtigkeit soviel als nichts – bei dem allen wird man doch nicht umhin können, die schöne Unglückliche darüber zu vernehmen.

Der Prinz. Jawohl, allerdings.

Marinelli. Und wo anders? wo kann das anders geschehen als in Guastalla?

Der Prinz. Da haben Sie recht, Marinelli, da haben Sie recht. – Ja so, das verändert die Sache, lieber Galotti. Nicht wahr? Sie sehen selbst –

Odoardo. O ja, ich sehe – Ich sehe, was ich sehe. – Gott! Gott!

Der Prinz. Was ist Ihnen? was haben Sie mit sich?

Odoardo. Daß ich es nicht vorausgesehen, was ich da sehe. Das ärgert mich, weiter nichts. – Nun ja, sie soll wieder nach Guastalla. Ich will sie wieder zu ihrer Mutter bringen, und bis die strengste Untersuchung sie freigesprochen, will ich selbst aus Guastalla nicht weichen. Denn wer weiß – (mit einem bittern Lachen) wer weiß, ob die Gerechtigkeit nicht auch nötig findet, mich zu vernehmen.

Marinelli. Sehr möglich! In solchen Fällen tut die Gerechtigkeit lieber zuviel als zuwenig. – Daher fürchte ich sogar –

Der Prinz. Was? was fürchten Sie?

Marinelli. Man werde vor der Hand nicht verstatten können, daß Mutter und Tochter sich sprechen.

Odoardo. Sich nicht sprechen?

Marinelli. Man werde genötiget sein, Mutter und Tochter zu trennen.

Odoardo. Mutter und Tochter zu trennen?

Marinelli. Mutter und Tochter und Vater. Die Form des Verhörs erfodert diese Vorsichtigkeit schlechterdings. Und es tut mir leid, gnädiger Herr, daß ich mich gezwungen sehe, ausdrücklich darauf anzutragen, wenigstens Emilien in eine besondere Verwahrung zu bringen.

Odoardo. Besondere Verwahrung? – Prinz! Prinz! – Doch ja, freilich, freilich! Ganz recht: in eine besondere Verwahrung! Nicht, Prinz? nicht? – O wie fein die Gerechtigkeit ist! Vortrefflich! (Fährt schnell nach dem Schubsacke, in welchem er den Dolch hat.)

Der Prinz (schmeichelhaft auf ihn zutretend). Fassen Sie sich, lieber Galotti –

Odoardo (beiseite, indem er die Hand leer wieder herauszieht). Das sprach sein Engel!

Der Prinz. Sie sind irrig, Sie verstehen ihn nicht. Sie denken bei dem Worte Verwahrung wohl gar an Gefängnis und Kerker.

Odoardo. Lassen Sie mich daran denken: und ich bin ruhig!

Der Prinz. Kein Wort von Gefängnis, Marinelli! Hier ist die Strenge der Gesetze mit der Achtung gegen unbescholtene Tugend leicht zu vereinigen. Wenn Emilia in besondere Verwahrung gebracht werden muß, so weiß ich schon – die alleranständigste. Das Haus meines Kanzlers – Keinen Widerspruch, Marinelli! – Da will ich sie selbst hinbringen, da will ich sie der Aufsicht einer der würdigsten Damen übergeben. Die soll mir für sie bürgen, haften. – Sie gehen zu weit, Marinelli, wirklich zu weit, wenn Sie mehr verlangen. – Sie kennen doch, Galotti, meinen Kanzler Grimaldi und seine Gemahlin?

Odoardo. Was sollt‘ ich nicht? Sogar die liebenswürdigen Töchter dieses edeln Paares kenn ich. Wer kennt sie nicht? – (Zu Marinelli.) Nein, mein Herr, geben Sie das nicht zu. Wenn Emilia verwahrt werden muß, so müsse sie in dem tiefsten Kerker verwahret werden. Dringen Sie darauf, ich bitte Sie. – Ich Tor, mit meiner Bitte! ich alter Geck! – Jawohl hat sie recht die gute Sibylle: »Wer über gewisse Dinge seinen Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren!«

Der Prinz. Ich verstehe Sie nicht. – Lieber Galotti, was kann ich mehr tun? – Lassen Sie es dabei, ich bitte Sie. – Ja, ja, in das Haus meines Kanzlers! da soll sie hin; da bring ich sie selbst hin; und wenn ihr da nicht mit der äußersten Achtung begegnet wird, so hat mein Wort nichts gegolten. Aber sorgen Sie nicht. – Dabei bleibt es! dabei bleibt es! – Sie selbst, Galotti, mit sich, können es halten, wie Sie wollen. – Sie können uns nach Guastalla folgen, Sie können nach Sabionetta zurückkehren: wie Sie wollen. Es wäre lächerlich, Ihnen vorzuschreiben. – Und nun, auf Wiedersehen, lieber Galotti! – Kommen Sie, Marinelli, es wird spät.

Odoardo (der in tiefen Gedanken gestanden). Wie? so soll ich sie gar nicht sprechen, meine Tochter? Auch hier nicht? – Ich lasse mir ja alles gefallen, ich finde ja alles ganz vortrefflich. Das Haus eines Kanzlers ist natürlicherweise eine Freistatt der Tugend. Oh, gnädiger Herr, bringen Sie ja meine Tochter dahin, nirgends anders als dahin. – Aber sprechen wollt‘ ich sie doch gerne vorher. Der Tod des Grafen ist ihr noch unbekannt. Sie wird nicht begreifen können, warum man sie von ihren Eltern trennet. Ihr jenen auf gute Art beizubringen, sie dieser Trennung wegen zu beruhigen – muß ich sie sprechen, gnädiger Herr, muß ich sie sprechen.

Der Prinz. So kommen Sie denn –

Odoardo. Oh, die Tochter kann auch wohl zu dem Vater kommen. – Hier, unter vier Augen, bin ich gleich mit ihr fertig. Senden Sie mir sie nur, gnädiger Herr.

Der Prinz. Auch das! – O Galotti, wenn Sie mein Freund, mein Führer, mein Vater sein wollten! (Der Prinz und Marinelli geben ab.)