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Schlagwort: Abschnitt

Kafka, „Die Verwandlung“ – Abschnitt 4

Übersicht über den Inhalt des 4. Abschnittes

Wir präsentieren hier zunächst eine Hand-Skizze, die den bisherigen Verlauf der Entwicklung des Geschehens verdeutlicht und dann sich dem 4. Abschnitt zuwendet.

Erklärung der Schaubild-Sklizze

  1. Es geht um die Entwicklung Gregors in den ersten drei Abschnitten mit Blick auf den vierten Abschnitt ganz rechts.
  2. Ausgangspunkt ist die Feststellung Gregors, dass er zum Ungeziefer geworden ist.
  3. Das kann man als einen passiven, einen körperlichen Ausbruch aus einer falschen Lebenssituation verstehen.
    1. Ausführlich wird ja dargestellt, wie schlecht die Umstände sind, unter denen er als Reisender arbeiten muss.
    2. Dazu kommt die Zwangssituation der Schulden seiner Eltern, die, wie sich später herausstellt, geringer sind, als er gedacht hat.
  4. Das Bild der Dame an der Wand ist wohl ein Zeichen für die Hoffnung auf ein anderes Leben.
  5. Und Gregor macht ja auch deutlich, dass er für die Zukunft einen aktiven, echten Ausbruch aus dieser Situation plant, wenn er sagt: Dann werde „der Schnitt gemacht“.
  6. Das nächste ist dann die Frage des Umgangs mit der Ungeziefer-Situation.
    Hier gibt es zwei unterschiedliche Ebenen:

    1. Oben angeordnet haben wir den Wahn der Rückkehr in das alte Leben. Da gibt es ja die Stelle, an der Gregor lächelnd jede Hilfe für unnötig oder unmöglich hält. Das könnte deutlich machen, dass er eigentlich aus dieser Situation gar nicht raus will, weil es für sie tiefere Gründe gibt.
    2. Dazu passt auch ein reales Einrichten in der Situation durch Gregor. Und das Schluchzen der Schwester macht möglicherweise deutlich, dass sie erkennt, dass hier etwas unwiederbringlich verloren gegangen ist.
  7. Im vierten Abschnitt geht es dann um das Unverständnis Gregors, was seine Schwester angeht.
    1. Die eine Variante könnte, wie eben schon angedeutet, sein, dass er wirklich glaubt, dass alles nicht so schlimm ist.
    2. Es könnte aber auch die Situation des Lächelns sein, dass er letztlich sich mit der tieferen Veränderung seines Lebens als Notwendigkeit schon arrangiert hat.
  8. Ganz gleich, welche Variante stimmt: Es wird deutlich, dass der Prokurist Druck ausübt. Er verweist ja auf mögliche geschäftliche Probleme von Gregor, die er nicht mehr bereit ist zu decken.
  9. Und so kommt es bei Gregor zu einer Art Flucht nach vorn, er ist bereit, sich jetzt in seiner neuen Erscheinungsform den Leuten zu zeigen.
  10. Dazu kommt es aber nicht: Nachdem er versucht hat, sich zu entschuldigen und zugleich seine Situation zu bagatellisieren, begnügt er sich mit einer Position, bei der er hören kann, was zwischen seiner Familie und dem Prokuristen gesprochen wird.
  11. Die unterhalten sich über seine neue Tierstimme, die Mutter macht sich Sorgen, vermutet Krankheit – und so wird nach einem Schlosser ausgeschickt, der die Tür zu Gregors Zimmer öffnen soll.

 

Hier aber schon mal die Infos und Überlegungen zu diesem Abschnitt.

  1. Der Abschnitt beginnt mit Überlegungen Gregors zum Verhalten der Schwester, die wieder darauf hinauslaufen, dass er alles bagatellisiert.
    1. „Warum ging denn die Schwester nicht zu den anderen? Sie war wohl erst jetzt aus dem Bett aufgestanden und hatte noch gar nicht angefangen sich anzuziehen. Und warum weinte sie denn? Weil er nicht aufstand und den Prokuristen nicht hereinließ, weil er in Gefahr war, den Posten zu verlieren und weil dann der Chef die Eltern mit den alten Forderungen wieder verfolgen würde? Das waren doch vorläufig wohl unnötige Sorgen. „
      Bis hierhin typische „erlebte Rede“.
      Wer sich für diese besondere Darstellungsform in erzählenden Texten interessiert, sollte sich mal das folgende Video anschauen:

      Videolink

  2. Im folgenden verschärft sich die Haltung des Prokuristen.
    1. Er verweist auf Nachlässigkeiten Gregors geschäftlichen Bereich, was die These unterstreicht, dass Gregors Verwandlung schon vor dem Beginn der Erzählung eingesetzt hat.
      • „Ich staune, ich staune. Ich glaubte Sie als einen ruhigen, vernünftigen Menschen zu kennen, und nun scheinen Sie plötzlich anfangen zu wollen, mit sonderbaren Launen zu paradieren.“
    2. Interessant vielleicht noch die subtile Herangehensweise, wenn der Prokurist zunächst einmal behauptet, Gregor in Schutz genommen zu haben gegen Überlegungen des Chefs im Hinblick auf eine mögliche Unterschlagung von Geldern.
    3. Dann aber präsentiert er seine Kritik an den Leistungen Gregors und gefährdet damit dessen Existenz.
      • „Nun aber sehe ich hier Ihren unbegreiflichen Starrsinn und verliere ganz und gar jede Lust, mich auch nur im geringsten für Sie einzusetzen. Und Ihre Stellung ist durchaus nicht die festeste. „
  3. Gregor ist jetzt offensichtlich gefordert und hält aus dem Zimmer heraus, am Boden liegend, eine längere Rede, bei der er die folgenden Strategien verfolgt:
    1. Zum einen bagatellisiert er weiter seine Situation,
    2. kündigt auch bereits eine Besserung seines Zustandes an
    3. und verspricht, bereits mit dem 8:00 Uhr-Zug unterwegs zu sein.
    4. Das ist natürlich angesichts einer realen Situation völlig illusorisch und eine reine Schutzbehauptung.
  4. Gregor entscheidet sich dann, die Tür zu öffnen und sich den anderen zu zeigen. Damit verbindet er interessante Hoffnungen, die alle auf das Loswerden von Verantwortung hinauslaufen. Auch das dürfte typisch für seine Gesamtsituation sein unabhängig von seiner konkreten Lage.
    • “ Er wollte tatsächlich die Tür aufmachen, tatsächlich sich sehen lassen und mit dem Prokuristen sprechen; er war begierig zu erfahren, was die anderen, die jetzt so nach ihm verlangten, bei seinem Anblick sagen würden. Würden sie erschrecken, dann hatte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er keinen Grund sich aufzuregen, und konnte, wenn er sich beeilte, um acht Uhr tatsächlich auf dem Bahnhof sein.“
  5. Im Schlussteil dieses Abschnitts
    1. gelingt es Gregor, sich aufzurichten.
    2. Er bekommt dann mit, dass seine lange Rede dazu geführt hat, dass der Prokurist den Eindruck einer Tierstimme hat.
    3. Das wiederum führt bei der Mutter zu großer Aufregung, weil sie Gregor möglicherweise für schwer krank hält.
    4. Anschließend wird ausgeschickt, einen Arzt und einen Schlosser zu holen, um die Tür aufzumachen.

Weiterführende Hinweise

Kafka, „Die Verwandlung“ – Abschnitt 3: Verzicht auf Hilfe – wachsender Druck

Abschnitt 2: Gregors Verzicht auf Hilfe trotz wachsenden Drucks

Zum Inhalt:

  • Gregor will jetzt unbedingt aus dem Bett, bevor jemand aus dem Geschäft vorbeikommt und nach ihm fragt.
  • Während er sich anstrengt, kommt ihm in den Sinn, dass er sich ja Hilfe holen könnte. Abgesehen von der verschlossenen Tür kommt ihm das aber auf eine erstaunliche Art und Weise lächerlich vor.
    • „Als Gregor schon zur Hälfte aus dem Bette ragte – die neue Methode war mehr ein Spiel als eine Anstrengung, er brauchte immer nur ruckweise zu schaukeln – , fiel ihm ein, wie einfach alles wäre, wenn man ihm zu Hilfe käme. Zwei starke Leute – er dachte an seinen Vater und das Dienstmädchen – hätten vollständig genügt; sie hätten ihre Arme nur unter seinen gewölbten Rücken schieben, ihn so aus dem Bett schälen, sich mit der Last niederbeugen und dann bloß vorsichtig dulden müssen, daß er den Überschwung auf dem Fußboden vollzog, wo dann die Beinchen hoffentlich einen Sinn bekommen würden.
    • Nun, ganz abgesehen davon, daß die Türen versperrt waren, hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen? Trotz aller Not konnte er bei diesem Gedanken ein Lächeln nicht unterdrücken.“
  • Gregor beschleunigt dann seine Bemühungen, als er mitbekommt, dass tatsächlich ein Besucher aus dem Geschäft nach ihm fragt. Zu seinem Schrecken stellte fest, dass es auch noch der Prokurist ist, also einer der wichtigsten Mitarbeiter des Chefs. Das löst bei ihm interessante Überlegungen aus, die zeigen, dass er sich seiner realen Situation nicht stellt, sondern immer noch versucht irgendwie alles im Bereich der Normalität zu halten.
    • „Gregor brauchte nur das erste Grußwort des Besuchers zu hören und wusste schon, wer es war – der Prokurist selbst. Warum war nur Gregor dazu verurteilt, bei einer Firma zu dienen, wo man bei der kleinsten Versäumnis gleich den größten Verdacht fasste?
    • Waren denn alle Angestellten samt und sonders Lumpen, gab es denn unter ihnen keinen treuen ergebenen Menschen, der, wenn er auch nur ein paar Morgenstunden für das Geschäft nicht ausgenutzt hatte, vor Gewissensbissen närrisch wurde und geradezu nicht imstande war, das Bett zu verlassen?
    • Genügte es wirklich nicht, einen Lehrjungen nachfragen zu lassen – wenn überhaupt diese Fragerei nötig war – , musste da der Prokurist selbst kommen, und musste dadurch der ganzen unschuldigen Familie gezeigt werden, dass die Untersuchung dieser verdächtigen Angelegenheit nur dem Verstand des Prokuristen anvertraut werden konnte?“
  • Am Ende fällt er geradezu aus dem Bett und verletzt sich dabei wohl auch ein wenig und spürt einen ziemlichen Schmerz.
  • Im weiteren Verlauf macht ihr Familie Druck, dass Gregor nun sich endlich dem Besucher stellt und Klarheit schafft. Nur die Mutter entschuldigt ihn mit seinem normalerweise ganz auf das Geschäft konzentrierten Verhalten.
    • „»Ihm ist nicht wohl«, sagte die Mutter zum Prokuristen, während der Vater noch an der Tür redete, »ihm ist nicht wohl, glauben Sie mir, Herr Prokurist.
    • Wie würde denn Gregor sonst einen Zug versäumen! Der Junge hat ja nichts im Kopf als das Geschäft. Ich ärgere mich schon fast, dass er abends niemals ausgeht; jetzt war er doch acht Tage in der Stadt, aber jeden Abend war er zu Hause.
    • Da sitzt er bei uns am Tisch und liest still die Zeitung oder studiert Fahrpläne.
    • Es ist schon eine Zerstreuung für ihn, wenn er sich mit Laubsägearbeiten beschäftigt. Da hat er zum Beispiel im Laufe von zwei, drei Abenden einen kleinen Rahmen geschnitzt; Sie werden staunen, wie hübsch er ist; er hängt drin im Zimmer; Sie werden ihn gleich sehen, bis Gregor aufmacht.
    • Ich bin übrigens glücklich, dass Sie da sind, Herr Prokurist; wir allein hätten Gregor nicht dazu gebracht, die Tür zu öffnen; er ist so hartnäckig; und bestimmt ist ihm nicht wohl, trotzdem er es am Morgen geleugnet hat.«“
  • Wichtig ist offensichtlich der Rahmen des Bildes, das am Anfang schon eine Rolle gespielt hat („Dame“) und wohl ein Zeichen ist für das bisschen Zerstreuung, das dieser Mensch sich überhaupt gönnt.
  • Im Schlussteil dieses Abschnittes stimmt der Prokurist den Ausführungen der Mutter zu, verweist aber andererseits auch auf die besondere Situation von Geschäftsleuten, die eben gewisse gesundheitliche Einschränkungen auch einfach hinnehmen müssen, ohne die Arbeit zu vernachlässigen.
  • Am Ende verschärft sich dann die Situation, weil Gregor ziemlich ultimativ aufgefordert wird, nun endlich die Tür zu öffnen, was er am Ende ziemlich harsch und kurz angebunden ablehnt.
  • Den Schluss bildet das Schluchzen der Schwester, die wohl begriffen hat, dass sich hier etwas gefährlich zuspitzt.
  • Weiterführende Hinweise

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