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Schlagwort: Berg

Sibylle Berg, „Und in Arizona geht die Sonne auf“ – oder: Wenn Männer von früheren Zeiten träume

  • In der Geschichte wird die Situation eines Mannes geschildert, der sich in der modernen Welt als Mann nicht mehr anerkannt fühlt.
  • und deshalb nur glücklich ist, wenn er sich in seinem PS-starken Auto in eine Art Wilden Westen hinein träumen kann.
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  • Die Geschichte beginnt mit der Situation am Frühstückstisch, in der der Mann sich sehr unwohl fühlt. Vorher ist bereits klargemacht worden: „Nur im Auto ist der Mann noch ein Mann.“
  • Erschreckend ist, wie groß der Abstand des offensichtlichen Familienvaters zu seiner Frau und seiner Tochter ist. Mit ihren Gesprächsthemen kann er gar nichts anfangen.
  • „Sie geben ihm das Gefühl, etwas Störendes zu sein, zu laut, zu derb, nicht schön.“
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  • Im zweiten Abschnitt wird dann von dieser Situation aus auf das gesamte Leben der Familie eingegangen: „Er stört. Überall.“
  • Fazit: „Scheißleben.“
  • Am Ende: „Endlich ist das Frühstück zu Ende, ein flüchtiger Kuss, Vater geht in u die Welt, vielleicht kommt er nie zurück.
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  • Im dritten Abschnitt dann wird er endlich er selbst: „Und endlich trägt er auch außen die Kleidung, die er innerlich immer anhat: speckige Jeans, Stiefel, Lederweste, Cowboyhut. “
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  • Der 4. Abschnitt macht den Mann dann zum Herrn seiner Auto-Maschine mit all ihren Pferden (Pferdestärken). Hier taucht dann auch der Titel der Erzählung auf: „… und in Arizona so geht die Sonne auf“.
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  • Im 5. Abschnitt dann schon eine fast erotische Männer-Vorstellung: “ … das Auto stöhnt dankbar.“ – Weit weg liegt jetzt eine Welt, die nur in Vorurteilen begriffen wird: Für diesen Mann ist es eine „Welt voller … „.
  • Diese Welt erscheint ihm „falsch“, „weil keiner Respekt hat vor der Arbeit eines Mannes“.
  • Deutlich wird auch, dass sich sein Blick auf seine Frau geändert hat. Auch sie erscheint ihm falsch: „die mal so blond war, ihn bewundert hat. Lacht ihn aus inzwischen. War auch gar nicht blond. Gefärbt, betrogen“.
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  • Am Ende hebt er innerlich ab:
    „Das Auto umschließt ihn, ist ein Himmel für ihn allein, gibt ihm Halt in einer gottverdammten Welt, die aus den Fugen geraten ist [… ] und dann beginnt er zu fliegen. Über die Straße, die anderen Wagen klein, die Straßen, die Luft unter dem Auspuff, fliegen, eine Runde drehen, da ist sein Haus, winzig klein, darin zwei Frauen, die er nicht versteht, in einem Leben, das er nicht verdient, in einer Welt, die nicht mehr gemacht ist für einen wie ihn.“
  • Am Ende dreht er ab – was immer das heißt mag „und er lächelt. Zum ersten Mal an diesem Morgen.“
  • Interessant an dem Text ist die Prüfung, inwieweit es sich überhaupt um eine Kurzgeschichte handelt. Geht es hier wirklich um eine besondere Situation – oder nur einen beliebigen Tag, der immer gleich abläuft. Zumindest wird angedeutet: „Vater geht in die Welt, vielleicht kommt er nie zurück.“ Und er „dreht ab“ am Ende. Unklar bleibt aber, ob das nicht nur die tägliche kleine Flucht ist, die nicht wirklich wegführt. Man weiß auch gar nicht, wohin dieser Mann gehen könnte, der nur in Träumen liegt.
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  • Auch wäre zu prüfen, inwieweit hier überhaupt Dramatik vorliegt. Auf jeden Fall gibt es eine große innere Spannung, die durchaus das Zeug hat zu einem Ausbruch.
  • Dann ist die Frage, wessen Gedanken und Gefühle geschildert werden.  Dass ist um die Gefühle des Mannes geht, ist klar. Die Frage ist nur, wie die Gefühle und Gedanken der anderen einbezogen werden, ob gewissermaßen als Erinnerung an reale Äußerungen oder eben an empfundene Einstellungen der anderen.
  • Dann ist die Frage interessant, inwieweit hier doch sehr undifferenziert Vorurteile präsentiert werden. Die Figuren wirken doch sehr schwarz-weiß gezeichnet. Das gilt natürlich vor allem für den Mann, aber auch für Frau und Tochter, die anscheinend nur über Kleider reden, immerhin taucht das Wort dreimal in drei Zeilen auf.
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  • Die Frage ist wirklich, ob es schon im Jahre 2000, als die Geschichte erschien, wirklich noch viele solche Männer gab. Zumindest in Deutschland dürfte das eher unwahrscheinlich sein – aber vielleicht kann man sich hier spezielle Varianten ausdenken. Immerhin soll es ja Männer geben, die erst im Fußballstadion richtig aufleben – aber sind dort nicht auch Frauen zu sehen? Gibt es nicht seit Jahren schon den Girls Day, den Tag, an dem besonders dafür geworben wird, dass auch junge Frauen in frühere vermeintliche Männerberufe einsteigen können.
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  • Vielleicht lohnt es sich, eine Gegengeschichte zu schreiben oder eine kurze Rezension, in der die Vorurteile dieser Geschichte kritisch angesprochen werden.
  • Vielleicht könnte man beginnen mit:
    • Wo lebt Sibylle Berg? Gibt es wirklich in unserer Zeit noch Orte, an denen Männer nur in und mit ihrem Auto leben und Frauen sich vorwiegend für Kleider interessieren? Ist das nicht eine Welt der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Kinderwagen nur von Frauen geschoben werden konnten?
    • Hat sich das nicht grundsätzlich geändert? Sieht man nicht heute ganz selbstverständlich auch Männer auf Kinderspielplätzen, während ihre Frauen den Lebensunterhalt der Familie verdienen?
    • Am besten fragen Schüler ihre Eltern oder auch Großeltern, damit die Veränderungen jenseits solcher Klischees ins Bewusstsein treten.
    • Aber vielleicht soll es ja eine Satire sein.
    • Aber befördert sie dann nicht gerade alte Vorurteile, reißt Wunden wieder auf?
    • Wir sind doch heute froh, dass Männer und Frauen nicht mehr so festgelegt sind wie früher.
    • Aber gibt es nicht noch Restbestände alter Festlegungen, wie Mann oder Frau zu sein hat? Man schaue sich nur mal die Bilder vom letzten Abiball an. Wieviele junge Frauen, die gerade die Reifeprüfung bestanden haben, versuchen da, doch recht traditionellen Vorstellungen zu entsprechen, wie Männer und Frauen sich auf einem solchen Fest zu präsentieren haben. Und führt der Mann nicht immer noch bei manchen Tänzen?
    • Aber vielleicht ist das alles auch gar nicht „schlimm“, kann man heute ganz spielerisch mit solchen Dingen umgehen.
    • Auf jeden Fall lohnt es sich, diesen Genderfragen genauer nachzugehen. Es gibt ja inzwischen genügend Experten und Literatur für differenzierte Betrachtungsweisen.
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  • Spannend wird es auch, wenn eine Frau offen erklärt, sie wünsche sich einen „starken“ Mann, und dann diskutiert werden kann, was das heute genau bedeutet – im Vergleich zu früher.
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Zu finden ist die Geschichte u.a. in:

Wer noch mehr möchte … 

Sybille Berg, „Alles wie immer“

Das Kernthema der Kurzgeschichte: Veränderung

In der Kurzgeschichte „Alles wie immer“ geht es um die Kernfrage des Lebens überhaupt, nämlich die Veränderung. Erst wenn nicht mehr alles so eintritt, wie man es erwartet und wie es vorausberechnet wurde, lohnt es sich, an diesem Leben teilzunehmen.

Zu finden ist die Geschichte u.a. auf einer Seite von Zeit online:
https://www.zeit.de/online/2007/48/sibylle-berg-aufwachen
  1. Die Kurzgeschichte beginnt mit einer Situation, die die meisten Menschen kennen, nämlich, dass sie aufwachen und noch nicht aufstehen mögen. Der Grund dafür ist aber nicht Müdigkeit, sondern das Gefühl, dass alles so ist wie immer.
  2. Im zweiten Abschnitt wird dann auch genannt, worunter die Hauptfigur leidet, nämlich unter Langeweile. Alles, was an einem normalen Tag folgt, hat sie morgens schon hinter „dem geschlossenen Auge“.
  3. Anschließend wird der weitere Ablauf schon mal vorausgeschaut: „Die Frau folgt dem Weg wie auf dem Gefängnishof…“
  4. Dann ein besonders hübscher Einfall: Am liebsten wäre sie in einem Café und würde anderen Leuten zuschauen, „die an ihrer Stelle in ihr Leben gehen.“
  5. Die Realität ist dann ein ganz normaler Berufsalltag, dessen Tätigkeiten nicht als sinnvoll empfunden werden – allerdings aus einer sehr egoistischen Perspektive. Diese Frau denkt nur daran, „dass der Chef reich wird“ – dass er sie von seinem Reichtum zumindest auch mitbezahlt, spielt keine Rolle. Hier verliert die Geschichte etwas an Niveau – echtes Problembewusstsein zeigt sie nicht, stattdessen reines Ressentiment.
  6. Die Mittagspause bringt dann Abwechslung – zumindest ein bisschen Fantasie bringt Erholung.
  7. Dann die Rückkehr nach Hause und die Rückkehr in die Aufwach-Realität. Nur die Angst treibt die Frau dann wirklich aus dem Haus – interessanterweise nicht vor dem Rauswurf aus der Firma, sondern die Angst vor dem Sterben – aus Langeweile.
  8. Dann wird es spannend: Auf dem wirklichen Weg stellt die Frau plötzlich im Bereich des Cafés fest, dass sie keine Schuhe an den Füßen hat. Die werden damit zum Symbol der Unnatürlichkeit eines solchen modernen Arbeitslebens. Jetzt kann diese Frau endlich wieder Mensch sein – sogar eine Königin, indem sie den roten Stuhl besteigt: „der ist wie ein Thron“. Dazu kommt: „sie dreht das Gesicht der Sonne zu“, der Instanz, die allem Leben auf der Erde Energie gibt und damit die Möglichkeit der Veränderung.
  9. Dementsprechend endet die Geschichte mit einem Gefühl der Wärme und einem Lächeln.
  10. Dazu kommt der entscheidende Schlusspunkt: „und wenn ich weiß, wie es wird, wie jede Minute meines Lebens aussieht, denkt sie, dann muss ich doch nicht dabei sein.“

Zusammenfassung

  1.  Eine schöne Geschichte mit einer Wendung ins Romantische, d.h. die Vorstellung von der heilen Welt ohne moderne Arbeitszwänge – allerdings auch ohne jeden Realitätsbezug, denn wenn diese Frau im Lokal bleibt, nur weil sie sonst immer das Gleiche erlebt, wird sie bald kein Geld für den Kaffee mehr haben, ihre Wohnung verlassen und irgendwo verhungern.
  2. Das ist aber auch gar nicht die Aussage der Geschichte: Sie soll eigentlich zeigen, wohin es führt, wenn man zu sehr die auf den ersten Blick empfundene Wirklichkeit an sich heranlässt, statt sie zu gestalten oder zumindest an ihrer Gestaltung mitzuwirken. Vielleicht sollte diese Frau ihren Job aufgeben und in die Krankenpflege gehen, dann würde sie zumindest sehen, dass sie neben dem Ausleben ihrer Langeweile noch andere Menschen glücklich macht. Oder sie würde versuchen, selbst Chefin zu werden – und damit zumindest in einem größeren Maße Herrin ihres Schicksals – allerdings auch Empfängerin möglicher Schicksalsschläge, wenn plötzlich die Konkurrenz übermächtig wird oder man krank wird – ohne dass der Betrieb einfach von selbst weiterläuft.
  3. Insgesamt ist es eine sehr ungewöhnliche Kurzgeschichte, die nicht von ungefähr von Zeit online im Bereich der „Paar-Psychologie“ wie ein Sachtext präsentiert wird: „Sibylle Berg denkt über das Aufstehen am Morgen nach.“
  4. Dennoch hat der Text alles, was zu einer Kurzgeschichte gehört, einen direkten Einstieg, dann ein Ausriss aus dem ganz normalen Leben, der zumindest im Bewusstsein eine Wende bringt. Was daraus wird, wird nicht mehr erzählt. Nachdenklich macht die Geschichte auf jeden Fall – und das ist schon mal ein sehr guter Grund, um sich mit Literatur zu beschäftigen.

Wer noch mehr möchte …

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