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Peter Bichsel, „Der Milchmann“ – kreativer Umgang mit einer Kurzgeschichte

Worum es in Bichsels Kurzgeschichte „Der Milchmann“ geht

In Peter Bichsels Kurzgeschichte „Der Milchmann“ geht es um zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zueinanderfinden.

Da ist der Mann aus dem Titel, der jeden Morgen einer Frau Blum die Milch vor die Tür stellt, sich mit ihr aber nur schriftlich und nur über das Nötigste austauscht. Besonders am Schluss wird deutlich, wie wenig er darüber hinaus von ihr wissen will.

Auf der anderen Seite ist da diese Frau Blum, die sich schon für diesen Mann interessiert, nicht von vornherein positiv, sondern einfach nur, weil sie ihn kennenlernen will.

Die Kurzgeschichte belässt es bei diesen völlig gegensätzlichen Positionen – ein guter Grund zu überlegen, wie diese beiden Menschen doch zueinanderkommen könnten. Oder wie es Frau Blum gelingen könnte, diesen Mann zumindest kennenzulernen. Auch wenn das nicht weit über das hinausreicht, was der Leser vom Erzähler schon erfährt – und das verheißt erst mal nichts Gutes.

Kreative Ideen

  1. Das Nächstliegende wäre sicher, dass Frau Blum sich in einer Art Tagebuch einiges von der Seele schreibt.
  2. Darüber hinaus könnte sie auch einen Brief schreiben – am besten an eine Freundin, die weit weg wohnt und mit der sie von daher keinen engen Kontakt haben kann. Es kann auch nur ein Brief sein – denn nur das passt in die Zeit, in der die Geschichte spielt.
  3. Natürlich könnte sie auch dem Milchmann einen Zettel hinlegen, vielleicht in einem unverdächtigen Umschlag.
  4. Genauer prüfen sollte man in der Geschichte, was für die These spricht, dass der Milchmann vielleicht nur seinen Job machen will. Da ist es sehr hinderlich, wenn eine möglicherweise gelangweilte oder sonstwie nicht ausgelastete Kundin ihm die Zeit stiehlt.

Worauf muss man achten, wenn man Frau Blum schreiben lässt

Grundsätzlich muss man wie ein „Trendsetter“ arbeiten. Dazu haben wir auch schon mal ein Video gemacht.

Gemeint ist damit, dass man nicht einfach herumfantasieren sollte, sondern sich erst mal den „Trend“ anschaut, der sich aus der Geschichte selbst schon ergibt.

Also sucht man die Stellen zusammen, in denen wir etwas über diese Frau Blum erfahren:

  1. „Frau Blum las den Zettel und rechnete zusammen, schüttelte den Kopf und rechnete noch einmal, dann schrieb sie: ‚Zwei Liter, 100 Gramm Butter, Sie hatten gestern keine Butter und berechneten sie mir gleichwohl.'“
    Hier wird deutlich, dass sie ihre Angelegenheiten ganz gut im Griff hat.
  2. „Frau Blum kennt ihn nicht, man sollte ihn kennen, denkt sie oft, man sollte einmal um vier aufstehen, um ihn kennenzulernen.“
    Hier merkt man, dass diese Frau nachdenkt, auch Wünsche entwickelt, einfach neugierig ist und dafür auch etwas zu tun bereit ist.
  3. „Frau Blum fürchtet, der Milchmann könnte ihr böse sein, der Milchmann könnte schlecht denken von ihr, ihr Topf ist verbeult.“
    Diese Stelle macht deutlich, dass Frau Blum positiv gesehen werden will.
  4. „Milchmänner haben unappetitlich saubere Hände, rosig, plump und verwaschen. Frau Blum denkt daran, wenn sie seine Zettel sieht. Hoffentlich hat er die 10 Rappen gefunden. Frau Blum möchte nicht, dass der Milchmann schlecht von ihr denkt, auch möchte sie nicht, dass er mit der Nachbarin ins Gespräch käme. “
    1. Hier wird deutlich, dass diese Frau nicht gleich verliebt ist in diesen Mann, von dem sie wenig weiß, aber ein negatives Vorurteil hat sie schon. Das heißt: Ihre Neugier geht nicht gleich in Richtung Partnerwahl.
    2. Noch einmal wird betont, wie wichtig es dieser Frau ist, dass nicht schlecht von ihr gedacht wird.
    3. Interessant ist dann aber doch, dass sie der Nachbarin nicht mehr Kontakt zu diesem Mann gönnt, als sie selbst hat. Warum, bleibt offen.
  5. „Aber niemand kennt den Milchmann, in unserm Quartier niemand. Bei uns kommt er morgens um vier. Der Milchmann ist einer von denen, die ihre Pflicht tun. Wer morgens um vier die Milch bringt, tut seine Pflicht, täglich, sonntags und werktags. Wahrscheinlich sind Milchmänner nicht gut bezahlt und wahrscheinlich fehlt ihnen oft Geld bei der Abrechnung. Die Milchmänner haben keine Schuld daran, dass die Milch teurer wird.“
    Diese Stelle ist nicht ganz klar, weil man nicht weiß, wer hinter dem „unserm Quartier“ steckt. Es könnte der Erzähler sein – aber vom Inhalt ist es wohl sinnvoller, wenn man von einer Art Innerem Monolog ausgeht. Rein erzähltechnisch ist es aber in einen Erzählerbericht eingearbeitet. Dann würde der Erzähler einfach deutlich macht, dass er in derselben Gegend wohnt wie diese Frau.

Wie könnte ein Brief von Frau Blum aussehen?

  1. Liebe Luise,
  2. es wurde mal wieder Zeit, dir zu schreiben. Wir haben so lange nichts voneinander gehört.
  3. Ich hoffe, es geht dir und deine Familie gut.
  4. Bei mir hat sich auch noch nicht viel verändert,
  5. außer dass ich mir in der letzten Zeit doch recht viel Gedanken mache über den Milchmann, der mir morgens schon um 4 Uhr die Milch vor die Tür stellt.
  6. Ich habe ihn überhaupt noch nicht gesehen, denn wer steht schon freiwillig um diese Zeit auf.
  7. Wir haben nur Zettel ausgetauscht, wenn man was fehlte oder geklärt werden musste.
  8. Aber irgendwie geht er mir jetzt nicht mehr aus dem Kopf.
  9. Komisch – da ist jemand, der einmal am Tag ganz nah ist und den man vielleicht nie zu sehen bekommt.
  10. Was meinst du, ist das normal, so zu denken?
  11. Ich habe schon dran gedacht, ihn morgens mal abzupassen, wenn er um 4 Uhr kommt, wie mir die Nachbarin sagte.
  12. Aber ich habe Angst, dass ich hier auffalle, wenn ich ihn um die Zeit abpasse. Hier wird ja schnell viel geredet.
  13. Und stelle dir mal vor, ich erscheine da – und dann ist meine Nachbarin gerade im Gespräch mit ihm. Der wäre das zuzutrauen.
  14. Also schreib mir doch einfach, wie es euch geht und was ich mit meinem Milchmann machen soll.
  15. Viele Grüße

Wer noch mehr möchte … 

 

Peter Bichsel, „San Salvador“ – Wiedergabe von Gedanken in der erlebten Rede

In der erlebten Rede werden die originalen Gedanken einer Figur wiedergegeben, allerdings in der Perspektive des Erzählers. Das zeigt sich vor allem in den Personalformen und in der Form der Prädikate.

  1. „Nun würde also Hildegard heimkommen, um halb zehn.“
    • Statt des Originalgedankens: „Nun wird also Hildegard heimkommen, um halb zehn.“
  2. „Es war jetzt neun Uhr.“
    • Es ist jetzt neun Uhr.
  3. „Sie läse seine Mitteilung, erschräke dabei, glaubte wohl das mit Südamerika nicht, würde den­noch die Hemden im Kasten zählen, etwas müsste ja ge­schehen sein.“
    • Statt des Originalgedankens: Sie liest seine Mitteilung, erschrickt dabei, glaubt wohl das mit Südamerika nicht, wird den­noch die Hemden im Kasten zählen, etwas muss ja ge­schehen sein.
  4. „Sie würde in den „Löwen“ telefonieren.“
    • Statt des Originalgedankens: Sie wird in den „Löwen“ telefonieren.
  5. „Der „Löwen“ ist mittwochs geschlossen.“
    Hier ändert sich nichts, weil das als allgemein feststehende Tatsache präsentiert wird.
  6. „Sie würde lächeln und verzweifeln und sich damit abfin­den, vielleicht.“
    • Statt des Originalgedankens: Sie wird lächeln und verzweifeln und sich damit abfin­den, vielleicht.
  7. „Sie würde sich mehrmals die Haare aus dem Gesicht strei­chen, mit dem Ringfinger der linken Hand beidseitig der Schläfe entlangfahren, dann den Mantel aufknöpfen.“
    • Statt des Originalgedankens: Sie wird sich mehrmals die Haare aus dem Gesicht strei­chen, mit dem Ringfinger der linken Hand beidseitig der Schläfe entlangfahren, dann den Mantel aufknöpfen.

Wer genauer wissen will, wie die erlebte Rede funktioniert, kann dieses Video nutzen:

Peter Bichsel, „Die Löwen“ – Versuch, eine schwierige Geschichte zu verstehen

Wie „knackt“ man eine schwierige Geschichte?

Im Folgenden zeigen wir, wie man eine ziemlich „sperrige“ Geschichte „knacken“ kann. Dazu zerlegen wir den Text in einzelne Erzählelemente und zeigen dann, wie sich Signale herauslösen und schließlich zu einer Aussage bündeln lassen.

  1. Die Kurzgeschichte beginnt mit einem direkten Einstieg. Man hat den Eindruck, dass hier ein Auszug aus einer größeren Beschreibung einer Familie o.ä. präsentiert wird. Von Anfang an stehen drei Dinge im Vordergrund: Anderen etwas beweisen, darüber aber nicht reden und eine Vorgehensweise, bei der man entweder klein anfängt oder sich im Vergleich zum Titel mit Kleinem begnügt.
  2. Der zweite Absatz ist ähnlich konzentriert: Er beschreibt den traurigen Ausgang aus der Wunschwelt dieses Großvaters.
  3. Im dritten Abschnitt gibt es verschiedene Richtungen: Einmal wohl Erfolg in der Liebe, dann aber auch Beschränkung auf Alltagskleinigkeiten, schließlich den Hinweis auf das Erbe und den Umgang damit.
  4. Etwas überraschend geht es im 4. Absatz zunächst um einen anderen Menschen, dann aber wieder um die Frage, ob man in einem bestimmten Alter noch Ziele haben kann. Offen bleibt, es sich bei dem Mustermenschen um den Großvater handelt. Die genannten Eigenschaften sprechen aber dafür.
  5. Im 5. Absatz geht es um den Abbau der Lebendigkeit im Alter – bis hin dazu, dass dieser Mann nicht aus dem Leben gerissen wird durch den Tod, sondern „tot geworden“ ist. Es ist also ein natürlicher Ablauf, allerdings im völligen Kontrast zu den früheren Wünschen und auch einer wohl damit verbundenen Hartnäckigkeit.
  6. Im 6. Absatz geht es um die Schlussphase des Lebens, in der sich dieser Mann schon auf den Tod eingestellt hat.
  7. Im 7. Absatz geht es noch einmal um den Abbau an Lebendigkeit im Alter.
  8. Der 8. Absatz geht dann noch einmal auf den Titelwunsch dieses Mannes ein und stellt fest, dass die Träume im Laufe der Zeit verschwunden sind.
  9. Der 9. Absatz konzentriert sich dann noch einmal auf den Abbau an Durchblick und Entschlusskraft im Alter.
  10. Der 10. Absatz wendet sich wieder den Erben zu und betont, dass sie dem Großvater möglicherweise seine Löwenträume genommen haben und unter ihren Betten versteckt halten. Das kann heißen, dass sie sie dort vor ihm verborgen haben. Es kann aber auch sein, dass sie selbst so etwas scheuen. Am Ende dann ein Kommentar des Ich-Erzählers, der behauptet, dass diese Vorgehensweise für beide Seiten gut gewesen sei.
  11. Der 11. Absatz
      1. bringt dann noch eine Art Zusammenfassung, die zunächst einmal betont, dass man den Großvater nicht für sich genutzt hat, d.h. seine Lebensweisheit.
      2. Was den Hinweis angeht, er sei „nicht weise geworden“, kann man das auch so verstehen, dass es keine Anregungen dafür in seinem Leben gab, weil er eben nicht gefragt worden ist.
      3. Interessant der Hinweis auf die Wichtigkeit des Alt-Werdens – vielleicht soll das deutlich machen, dass man dann zumindest die Chance hat, weise zu werden.
      4. Es folgt ein Konjunktiv, der sich erstaunlicherweise auf die Zukunft richtet und damit wohl die Perspektive des Erzählers wiedergibt. Offensichtlich hätte er auch gerne Löwenträume oder hat Angst davor, sie aufgeben zu müssen.
      5. Am Schluss blickt er noch einmal auf den Großvater und dessen Träume zurück und stellt bedauernd fest, dass er das Verschwinden nicht einmal gemerkt hat.
      6. Der Schluss mit dem Trinken ist zunächst wieder rätselhaft, könnte aber auch ein Hinweis darauf sein, dass es ein Versuch war, den Verlust der Träume und das damit wohl zusammenhängende ungute Verhältnis zu den Enkeln irgendwie zu verarbeiten bzw. damit klarzukommen.

Was sagt die Geschichte aus? (Intention)

Die Geschichte zeigt,

  1. wie es einem Menschen geht, der sich ein großes Ziel vornimmt, es aber nicht erreicht.
  2. Eigentlich gibt es gute Voraussetzungen, um zumindest ein bisschen Dompteur zu werden (Enten), wahrscheinlich verfügt er auch über „Ausdauer, Liebe, Geduld“.
  3. Man kann annehmen, dass der Großvater wohl der Mann ist, der zumindest noch mit 64 Jahren das Flötenspiel gelernt hat. Das unterstreicht, dass er auch über Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit verfügt.
  4. Bleibt die Frage, woran der Mann letztlich gescheitert ist. Deutlich ist der Hinweis auf den Alkohol.
  5. Den kann man wohl mit Kummer verbinden. Der wiederum hängt wohl mit der mangelnden Empathie seiner Enkel zusammen, die ihn gewissermaßen verkümmern lassen, indem sie seine mögliche Weisheit nicht nutzen.

Wer noch mehr möchte … 

 

Peter Bichsel, „Die Tochter“ – gestörte Kommunikation herausfinden

Wie findet man Kommunikationsstörungen in einer Kurzgeschichte?

Am Beispiel der Kurzgeschichte „Die Tochter“ von Peter Bichsel

  1. Man macht sich erst mal klar, was eine gute Kommunikation ist. Dabei gehen wir von dem Ziel des guten Austausches und des Überzeugens aus. Hier geht es nicht um Verkaufsgespräche oder Machtdurchsetzungen.
    1. Man nimmt Rücksicht auf die andere Seite, d.h. beginnt möglichst so, dass eher eine gute Stimmung entsteht.
    2. h. vor allem ist man möglichst offen – ein verbissenes Schweigen, das dem anderen die Möglichkeit zu negativen Missverständnissen gibt, muss unbedingt vermieden werden.
    3. Man ist selbst klar in der Sache, aber übertreibt nicht.
    4. Man hört auf das, was der andere sagt.
    5. Man versucht, gemeinsam zu einem guten Ende zu gelangen.
    6. Wenn sich ein Konflikt nicht außen vor lassen lässt, dann bemüht man sich darum, dass der andere es nachvollziehen kann und es möglichst zu einem Kompromiss kommt.
  2. Schauen wir uns jetzt mal Beispiele aus der Kurzgeschichte an:
    1. „Jetzt warteten sie täglich eine Stunde am gedeckten Tisch, an ihren Plätzen, der Vater oben, die Mutter auf dem Stuhl nahe der Küchentür, sie warteten vor dem leeren Platz Monikas.“ Hier sieht man, dass die Eltern gar nicht miteinander reden.
    2. „Sie war größer gewachsen als sie, sie war auch blonder und hatte die Haut, die feine Haut der Tante Maria. „Sie war immer ein liebes Kind“, sagte die Mutter, während sie warteten. In ihrem Zimmer hatte sie einen Plattenspieler, und sie brachte oft Platten mit aus der Stadt, und sie wusste, wer darauf sang. Sie hatte einen Spiegel und verschiedene Fläschchen und Döschen, einen Hocker aus marokkanischem Leder, eine Schachtel Zigaretten.“
      Hier sieht man ein Missverhältnis zwischen einer kurzen Bemerkung der Mutter und dem ganzen Rest, der wohl nur aus Gedanken besteht.
    3. „Oft fragten sie sie, was sie alles getan habe in der Stadt, im Büro. Sie wusste aber nichts zu sagen.“
      Auch hier hat man eine gestörte Kommunikation, weil die Eltern zwar fragen, aber der Tochter keine Hilfestellung geben. Sie könnten zum Beispiel gezielter nachfragen.

Und genauso kann man jetzt weitermachen.

Wer noch mehr möchte … 

 

 

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