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Schlagwort: Lars

Eine Satire zum Thema „Werbung“ schreiben

Satire zum Thema „Werbung“ – was ist zu beachten?

  • Es soll eine Satire werden, also ein Text, in dem bestimmte Dinge „aufgespießt“ werden, indem man übertreibt.
  • Außerdem soll es um das Thema „Werbung“ gehen.
  • Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann eine Anzeige entwerfen – oder aber eben einfach einen Text schreiben, wie man ihn zum Beispiel in den „Kolumnen“, also den Randspalten von Zeitungen und Zeitschriften findet.
  • Man braucht eine Idee: Wir nehmen zum Beispiel ein Display für Smartphones, die einem die Daten auf dem Ärmel zum Beispiel des Hemdes ausgeben.

Beispiel für eine Satire

Lars Krüsand

Wo Wunder ist, wächst das Gefährliche auch (frei nach Hölderlin)

  1. Alle Welt spricht von Digitalisierung – wir finden die auch gut. Allerdings macht uns etwas Sorge, dass man inzwischen Leuchtstreifen in Zebrastreifen eingebaut hat, damit die Leute beim Aufs-Handy-Schauen überhaupt noch mitbekommen, dass die Ampel grün wird – oder noch schlimmer: dass sie rot wird.
  2. Aber es gibt eben ständigen Fortschritt. Gestern habe ich neben den Vor-sich-auf-den-Boden-Guckern zum ersten Mal jemanden gesehen, der auf sein Smartphone schaute und doch auch die Ampel im Auge behalten konnte – wohl gemerkt: die „traffic lights“, nicht die Leuchtstreifen auf dem Boden.
  3. Mir war der junge Mann gleich aufgefallen – dunkler Anzug, sonnengebräunt – das kannte ich schon aus den Smartphone-Läden, wo einen gleich der Duft der großen weiten Welt empfängt.
  4. Als ich dann aber neben ihm stand, war ich hin und weg. Er hielt den Arm nämlich halb von sich weggestreckt und schaute auf ein ziemlich helles Display, das um den den Unterarm gewickelt war und offensichtlich mit dem Smartphone verbunden war.
  5. Das Heißeste aber war die starre Unterlage des Arms, die dafür sorgte, dass man sich beim Halbhochhalten des Armes nicht anstrengen musste.
  6. Aber es kam noch heißer: Der Mann drehte sich plötzlich zu mir hin und fragte: „Kann ich Ihnen helfen?“ Als ich nicht gleich antwortete, fügte er hinzu: Ja, zu dem System gehören noch drei Kameras, die in die Halskrause eingearbeitet sind. Damit wird mir auf dem Display auch angezeigt, was um mich herum vorgeht.
  7. Mehr konnten wir nicht klären, die Ampel wurde grün und wir überquerten die Straße. Mein Interesse war aber so geweckt, dass ich dem Mann in einen Laden in der Nachbarschaft folgte. Er war dort Angestellter und mir wurde schnell klar, dass da echt der Fortschritt am Werk war. Es gab ganz verschiedene Varianten dieses Armsystems und auch bei der Halskrause mit Rundblick-Kameras gab es verschiedene Varianten, eine für den Sommer, eine für den Winter und eine fürs Baden. Die war aber etwas komplizierter, aber immerhin wurde man jetzt nicht mehr beim Baden im See von einem Surfer über“glitten“, ohne es vorher gesehen zu haben.
  8. Als ich rausging, konnte ich kaum die Tür öffnen – ich hatte mir nämlich gleich noch eine Links-Variante für meine Freundin mitgeben lassen. Die ist nämlich Linkshänderin.
  9. Glücklicherweise sah ich in der Rückkamera, dass der Angestellte mein Dilemma gesehen hatte und herbeieilte.
  10. Auf dem Weg nach Hause brauchte ich noch häufig Hilfe, konnte aber auch einem anderen Mann Hoffnung machen. Der war nämlich so unglücklich gestürzt, dass beide Arme eingegipst waren. Er strahlte, als ich ihm von meinen neuen Erfahrungen erzählte, und machte sich gleich auf den Weg, den ich ihm zeigte. Allerdings hatte ich mich dabei umgedreht und dabei zwei andere Passanten unglücklich getroffen, so dass ich noch einige Zeit mit Entschuldigungen beschäftigt war und nicht sehen konnte, ob er glücklich sein Ziel erreichte.

Weiterführende Hinweise

  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.

Lars Krüsand, „Finden nicht suchen“ – oder: Wie man an ein Thema für ein Gedicht kommt

Entstehung eines Gedichtes

Das folgende Gedicht ist witzigerweise genauso entstanden, wie es selbst den Werdegang eines solchen Textes beschreibt.

Da sitzt man zusammen – und es entsteht ein Streit darüber, wie Gedichte entstehen, wie die Autoren zu ihren Themen kommen.

Und einer beteiligt sich nicht, an der Diskussion, sondern nimmt einen Stift und füllt langsam ein Blatt, streicht, stellt um, ergänzt und schließlich fragt er, ob er nicht sein Gedicht vorlesen sollte, das genauso entstanden sei, wie er sich das vorstelle:

Da „schreit“ eine Situation einen an – man hält an, denkt nach – und langsam formen sich erst die Gedanken und dann auch passenden Worte.

Der Text des Gedichtes

Lars Krüsand

Finden statt suchen

 

Viele wollen auch mal

ein Gedicht schreiben.

Und dann – so heißt es –

scheitert es am Thema.

Aber so etwas wird nicht gesucht,

sondern man stößt drauf.

 

Darum: erst mit offenen

Augen durch eine Welt

laufen, die geradezu darauf

wartet, ent-deckt zu werden.

 

Wir sind umgeben

von Geheimnissen,

aus denen wir nur

Fragen machen müssen.

 

Und wenn wir glauben,

eine Antwort zu haben,

dann gibt es nur eins:

schleifen, drücken, formen,

bis sie sich

in Verszeilen

fassen lässt.

 

Also dann:

Hört auf mit dem Suchen!

Streift durch die Welt

Und wenn ihr auf etwas stoßt

das euch bittend anschaut,

von euch ent-deckt

werden will,

dann

geht nicht vorbei,

nehmt euch die Zeit,

sucht nach den

richtigen Worten,

die das

Gesehene

und

Verstandene

zum treffenden Bild

machen.

Anmerkungen zu diesem spontanen Gedicht

Natürlich war es dann wie immer: Kaum stand das Gedicht im Raum, da ging es auch schon los. Jetzt aber nicht mehr um die Frage und die Antwort, sondern um ihre Form.

  1. Das Gedicht sei zu wenig konzentriert, zu sehr erinnere es noch an normale Texte.
  2. Das wurde aber zurückgewiesen, denn es sei ja ganz eindeutig eine Versform vorhanden.
  3. Auch sei durchaus ein gewisser Rhythmus vorhanden – allerdings stellte der sich erst ein, als der Autor das Gedicht im entsprechenden Singsang vortrug.
  4. Gut fand man das Spiel mit dem Wort „finden“, das ja sowohl das Ende eines quälenden Such-Prozesses beschreibt wie auch das spontane Stoßen auf etwas.
  5. Auf Anklang stieß auch die Vorstellung, dass da bestimmte Dinge einfach darauf warten, wahrgenommen zu werden.
  6. Ein ganz Kluger verwies auch gleich auf Eichendorffs „Wünschelrute“.
  7. Positiv gesehen wurde auch der Dreiklang von „schleifen, drücken, formen“.
  8. Womit man wieder beim Anfang war: Ob hier nicht noch mehr hätte gedrückt werden können.
  9. Darauf der Autor ganz cool: „Kein Problem, probiert es doch einfach aus!“
  10. Ein anderer fand das sehr gut und verwies auf das alte Indien. Dort sei es üblich gewesen, dass kluge Sprüche einfach auf eine große Wand geschrieben wurden – ohne Angabe des Namens. Es gab also keinen Autor, der Anspruch genau auf diese Formulierung hatte. Vielmehr konnten andere daran weiterarbeiten und auch Neues bauen. Und das mache eigentlich am meisten Mut, es auch selbst mal zu probieren. Jede Kritik wird einfach als Vorschlag verstanden und geht zurück an den Absender: Denn ein Verbesserungsvorschlag ist nur einer, wenn tatsächlich so auch verbessert wird. Und das kann doch am besten der, der die Idee hatte.

Am Ende entstand dann noch ein Ratschlag:

„Nicht ein Gedicht schreiben wollen, sondern die Augen aufmachen, die Welt wahrnehmen, ein entsprechendes Gefühl oder einen Gedanken in sich aufbauen und dann überlegen, wie man das so kurz und treffend wie möglich ausdrücken kann.“

Ein schönes Beispiel ist das Gedicht von Bertolt Brecht mit dem Titel Radwechsel.

Lars Krüsand, „Späte Erkenntnis“

Was macht die Kurzgeschichte „Späte Erkenntnis“ interessant?

In der Kurzgeschichte geht es um jemanden, der ein Leben lang mehr oder weniger heimlich Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben hat. Dann bekommt er plötzlich das Angebot eines Verlages, das alles auch zu veröffentlichen.

Zugleich hat er aber eine Begegnung, die die Schattenseiten deutlich macht, die mit erfolgreichem Schreiben in der Öffentlichkeit verbunden sind.

Hier also jetzt die Geschichte, weiter unten gibt es eine Möglichkeit, sie mit Arbeitsanregungen herunterzuladen.

Hier zunächst eine Vorschau – weiter unten dann die PDF-Datei

Lars Krüsand, „Späte Erkenntnis“

Er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Da wollte er zu seinem Morgenspaziergang raus – als Pensionär konnte man sich das ja leisten – und dann steht die Tochter da vor ihm – mit einem Brief in der Hand. Er wollte es erst gar nicht glauben. Da wollte ein Verlag seine Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlichen. Ja, er hatte eigentlich immer gerne geschrieben. So nebenbei. Denn als Lehrer war er eigentlich ganz gut beschäftigt gewesen. Aber es hatte einfach Spaß gemacht, das mal selbst auszuprobieren, was im Deutschunterricht immer nur auseinandergenommen wurde. Und so hatte er gelernt, wie so ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte auch zusammengesetzt wird. Manchmal hatte er sogar etwas für seine Schüler geschrieben, aber natürlich unter einem Pseudonym. Denn er war ja kein Schriftsteller. Dazu musste man wohl geboren worden sein.

Und jetzt also dieser Brief. Er nahm ihn, schaute seine Tochter groß an und sagte nur: „Tja, jetzt haben wir ein Problem!“ Er war nicht so der Typ, der gleich aufbrauste – und seine Tochter hatte es ja auch gut gemeint, als sie heimlich einige seiner Texte auf Youtube präsentiert hatte, wie sie nach einigem Zögern zugab. Sie wollte ihm später Näheres erzählen, jetzt musste sie erst mal ins Büro – und er begann seinen täglichen Gang. Wie immer am Fluss lang. Das fand er gut, wenn man sehen konnte, wie sich so ein Holzstück oder manchmal auch eine Flasche auf dem Wasser bewegte, einem unbekannten Ziel zu. Schließlich kam er bei seiner Bank an, ein bisschen Ruhe zwischendurch tat ihm gut.

Als er den Brief gelesen hatte, der tatsächlich auf einige seiner Sachen einging und sie lobte, wurde ihm ganz anders. Er war jetzt fast 70 – was wäre gewesen, wenn er früher schon einen Verlag gefunden hätte. Berühmt werden war nicht sein Ding – aber es wäre schön gewesen, offen über sein Hobby, so empfand er das, sprechen zu können. Einem Freund hatte er mal was vorgelesen und ihm erklärt, dass er einfach Geschichten und Gedichte vor sich sehen wollte, die seine Gedanken und Empfindungen ausdrückten. Wenn man etwas nicht fertig vorfand, musste man sich eben behelfen. Der Freund hatte gelacht: So bist du halt ein „Behelfsschriftsteller“. Das fand er gut. Am liebsten hätte er es in seinen Ausweis als Beruf eintragen lassen.

Jetzt wurde er irgendwie traurig. Der Verlag interessierte ihn gar nicht mehr so sehr. Was ihn beschäftigte, war die vertane Chance. Was hätte alles werden können, wenn so ein Brief – einfach nur als Anerkennung – früher gekommen wäre. Er merkte, wie es wieder aus ihm herausdrang – so hatte er das seinem Freund damals beschrieben. Er nahm sein Notizbuch raus und fing an zu schreiben. Immer wieder las er sich das laut vor, um zu prüfen, ob die Musik der Worte auch „funktionierte“ – ach nein, das war zu technisch. Ob der Klang der Wörter einfach zu einer Melodie wurde.

Plötzlich hörte er fast direkt vor sich eine Stimme – er hatte den Mann gar nicht bemerkt. Er stand einfach so da – etwas gebückt. Was gleich auffiel, war die eine Hand, die zitterte. „Entschuldigung, darf ich fragen, was Sie da machen. Das klang gut, was Sie da sagten. Schreiben Sie etwa Gedichte – hier draußen am Fluss?“ Tja, das kam davon, wenn man ganz in sich und seine Notizbuch versunken war und dann laut vor sich hinsprach. Und dann brach es einfach aus ihm heraus. Der Mann machte einen sympathischen Eindruck, er war auch bereit, sich zu ihm zu setzen. Man kannte sich nicht, das war noch besser als beim Friseur, wenn man einfach was loswerden wollte. Alles kam raus: Seine Freude am Schreiben – und die Heimlichkeit, mit der das nur getan werden konnte. Denn er hätte sich ja lächerlich gemacht, wenn er gesagt hätte: So, jetzt haben wir ein Gedicht von Rilke oder Bachmann gelesen – und jetzt kommt eins von mir. Das ging höchstens unter einem fremden Namen. Als er sich alles von der Seele geredet hatte, meinte er nur noch, schon etwas erschöpft: „Wissen Sie, was ich am traurigsten finde?“ Auch jetzt noch hörte der Mann einfach nur zu. Das hatte ihn wohl überhaupt dazu gebracht, so viel von sich zu erzählen. „Am traurigsten finde ich, dass ich all die Jahre nur so  heimlich geschrieben habe. Wie schön wäre es gewesen, wenn ich über meine Texte mit anderen hätte reden können. Denn das sind doch nie Meteoriten, die vom Himmel fallen, sie sind doch eher etwas, das wie eine Pflanze langsam wächst. Nein, keine Pflanze, bei der weiß man schon, wohin sie sich entwickelt. Texte sind was anderes, sie werden zu etwas, was es noch nicht gegeben hat. Einfach wunderbar.“ Er verstummte und blickte einfach nur auf den Fluss, während die Gedanken langsam verebbten. Da hörte er den anderen plötzlich sagen: „Wissen Sie, warum ich Ihnen so fasziniert zugehört habe? So hätte es bei mir auch laufen können. Aber ich habe früh einen Verlag gefunden – und dann war ich im Betrieb. Erster Roman fertig, ab auf Lesereise durch die Buchhandlungen. Das ging wochenlang – abends immer im Hotel einer fremden Stadt. Schön waren manchmal die Gespräche, die sich nach der Lesung ergaben. Aber dann war man wieder allein. Schließlich der Druck, einen zweiten Roman schreiben zu müssen. Zur Buchmesse musste der fertig sein. Ich habe vier Wochen fast nicht geschlafen. Dann der Zusammenbruch – Krankenhaus – und mein Arzt meinte, das Zittern komme von der Überanstrengung und ich sollte mich schonen. Seitdem habe ich nichts mehr geschrieben. Und jetzt treffe ich Sie und sehe, dass es auch anders hätte kommen können.“

Es fing an, leicht zu regnen. Das war ein Grund mehr, die Bank zu verlassen. Es gab ein schönes Café in der Nähe.

Was man mit der Geschichte anfangen könnte

Anregungen:

Anregungen:

  1. Worum geht es in dieser Geschichte? Kann man das als Problem oder als Frage formulieren? Denk dran, dass es mehrere Möglichkeiten gibt.
    • Vorschlag 1: In der Geschichte geht es um die Frage, welche Bedeutung das Schreiben von Gedichten und Kurzgeschichten hat.
    • Vorschlag 2: In der Geschicht geht es um Frage der Vor- und Nachteile, wenn man die Texte, die man schreibt, veröffentlicht werden.
  2. Die Themafrage 1 könnte man dann mit Hilfe des Textes beantworten: „Was sagt die Geschichte aus über die Bedeutung des Schreibens von zum Beispiel Kurzgeschichten und Gedichten?“
  3. Kann man das als Schüler oder Schülerin auch schon ausprobieren? Gibt es da Erfahrungen?
  4. Auch die Themafrage 2 könnte man aus dem Text heraus klären: „Welche Vor- und Nachteile hat es, wenn man selbstgeschriebene Gedichte oder Kurzgeschichten veröffentlicht?
  5. Was ist der große Vorteil einer Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten im Internet (auf Youtube)?
  6. Inwiefern handelt es sich um eine Kurzgeschichte?
    • Es gibt einen direkten Einstieg. Die Vorgeschichte erscheint nur zum Teil in der Geschichte selbst.
    • Es ist Ausschnitt aus dem Leben von zwei Menschen, eine Alltagsgeschichte, aber eine, die auf einen möglichen Wendepunkt hinsteuert.
    • Der Schluss ist offen: Man weiß nicht, was die beiden Männer im Café bereden und was draus wird.
  7. Wie könnte die Geschichte weitergehen?
    • Auf jeden Fall wird es zu einem Gespräch zwischen den beiden Männern kommen.
    • Zum einen könnte der „Behelfsschriftsteller“ doch die Chance der Veröffentlichung nutzen, um da eigene Erfahrungen zu machen und seine Texte auch weiter zu verbreiten.
    • Zum anderen könnte er sich aber auch von seinem Gesprächspartner überzeugen lassen, dass er besser weiter für sich schreibt, vielleicht mit seine Tochter zusammenarbeitet und so auch ein Feedback bekommt.
    • Es könnte sich auch ergeben, dass der Gesprächspartner selbst wieder mit dem Schreiben beginnt – und seine Texte vielleicht auch auf Youtube veröffentlicht werden.
    • Es könnte am Ende zu einer wunderbaren Schriftsteller-Freundschaft kommen.

Download der Kurzgeschichte mit Anregungen

Fassung nur mit Aufgaben – zum Selbst-mal-Ausprobieren
Mat1839-SF-Lars Krüsand, Späte Erkentnis

Fassung mit Lösungen
Mat1839-LF-Lars Krüsand, Späte Erkentnis

 

Lars Krüsand, „Bester Film meines Lebens“ – ein Versuch, Wolfdietrich Schnurre nachzuahmen

Von Wolfdietrich Schnurre gibt es einen Text mit dem Titel „Beste Geschichte meines Lebens“, in dem er einen ungeheuerlichen Fall auf eine äußerst seltsame Weise präsentiert.

Dem Blogger, der auf seiner Seite
https://icewolf.blogger.de/stories/1373044/
sagt, dass er so „fasziniert“ sei, dass er den Text „nicht oft genug lesen kann“, kann man nur zustimmen.

Das Besondere ist der telegrammartige Stil des Textes, bei dem man nicht weiß, ob es ein Tagebucheintrag ist oder eine Fiktion über eine Fiktion.

Wir versuchen hier einfach mal, diese Textform auf etwas anderes zu übertragen – und hoffen natürlich, dass wir Nachahmer finden:

Das Schaubild macht schon mal deutlich, dass es in dieser Film-Geschichte um ein In-einander-Übergreifen von Realität und Literatur geht.

  1. Eine Frau wird für einen Verleger-Autor zum Stoff eines Romans.
  2. Der wird ein Erfolg.
  3. Die Frau interessiert sich für den Autor.
  4. Sie verlieben sich.
  5. Dann denkt sie, sie sei nur benutzt worden.
  6. Der Verleger-Autor zeigt seine wahre Liebe, indem er seine Wünsche für ein gemeinsames Happy End dem Roman als neuen Schluss anhängt.

Nun aber etwas ausführlicher und nachdenklicher.

Lars Krüsand,

Bester Film meines Lebens

Immer wenn ich über das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit nachdenke, fällt mir ein Film ein, dessen Titel ich vergessen habe und auf dessen Handlung es in allen Einzelheiten gar nicht ankommt. Vielmehr ist es die Idee, die mich faszinierte. Da ist der Lektor eines Verlags, der einen Roman schreiben möchte – und beim Abendspaziergang durch Paris sieht er, wie eine junge Frau in einem Restaurant mit großer Eleganz und einem wunderbaren Lächeln Speisen aufträgt. Damit hat er den Stoff für den Roman. Er fängt an, diesen fast auf ein Foto reduzierten Kurzfilm zu einer richtigen Handlung auszubauen. Als er mit dem Schreiben fertig ist und sein Boss dringend von ihm als Lektor will, dass er endlich mal einen neuen Autor ranschleppt, erfindet er einen, der angeblich seinen Roman geschrieben hat. Der wird ein großer Erfolg – dadurch aber erfährt auch die junge Frau im Restaurant, dessen Name im Roman genannt wird, wie sie zu einer Titelfigur geworden ist. Beide erkennen dann, dass nicht nur er sich auf wundersame Weise in ihre wirkliche Persönlichkeit hineinversetzt hat, sondern sie merkt auch, dass dieser Mann sie versteht. Jetzt aber wird der Roman zum Problem für die Wirklichkeit. Sie empfindet seine Annäherung im nachhinein nur als Instrumentalisierung und will nichts mehr von ihm wissen. Jetzt aber sorgt die Fiktion für ein Happy End in der Realität. Die Frau findet eine Fortsetzung des Romans, die sich der Lektor in der Zeit des nachträglichen Durcheinanders von der Seele geschrieben hat und in der seine wirkliche Liebe und Hoffnung auch auf ihre Zuneigung deutlich wird. So kann er erlöst werden und alles wird gut.

Man denkt selbst aber noch lange darüber nach, ob die kurze Wahrnehmung einer Person und ihres Lächelns in einer ganz besonderen Situation es einem tatsächlich ermöglichen kann, sich dem Objekt der Faszination in einem Roman so sehr anzunähern, dass dieses sich später erkannt und verstanden fühlt.

Jetzt am Ende verlassen wir aber unseren kleinen Versuch, die „Beste Geschichte meines Lebens“ von Wolfdietrich Schnurre und lüften doch das Geheimnis, um welchen Film es sich gehandelt hat. Wir können ja behaupten, dass wir nach dem Schreiben des letzten Absatzes den Film zufällig noch einmal gesehen haben und deshalb wissen, dass es sich um „Das Lächeln der Frauen“ von Nicolas Barreau handelt, den man sich in unseren glücklichen digitalen Zeiten leicht selbst mal anschauen kann.

Vielleicht regt es dann ja den nächsten Behelfsschriftsteller (als solchen verstehen wir uns) dazu an, nun noch einen Schritt weiter zu gehen. So ziemlich jeder hat mal das Glück, kurz einen anderen Menschen als Quelle der Faszination zu erleben. Und wenn sich das nur literarisch lösen lässt, dann kann man das ja einfach tun.

Für uns ist immer der tragischste Moment, wenn sich so etwas auf einem Bahnhof abspielt, wo man die mögliche zweite Hälfte seines Lebens nur kurz im Gegenzug verschwinden sieht, während man selbst bereits anrollt und sich wahrscheinlich nie wieder sieht.

 

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